Mitternachtsmette 1962 — Dokument von Blüte und Niedergang

Ushaw College, von 1808-2011 das größte Priesterseminar Nordenglands
Ushaw Col­le­ge, von 1808–2011 das größ­te Prie­ster­se­mi­nar Nord­eng­lands

(Washing­ton) Das New Lit­ur­gi­cal Move­ment ver­öf­fent­lich­te ein “inter­es­san­tes und bewe­gen­des“ Video­do­ku­ment, so Mes­sa in Lati­no über die fei­er­li­che Mit­ter­nachts­met­te, die 1962 in von Prie­stern und Semi­na­ri­sten gefüll­ten Kir­che des Ushaw Col­le­ge in Eng­land zele­briert wur­de. Seit 1808 war das Col­le­ge die größ­te Prie­ster­aus­bil­dungs­stät­te Nord­eng­lands. 2011 wur­de Ushaw Col­le­ge aus Man­gel an Beru­fun­gen geschlos­sen. Die Gebäu­de wer­den heu­te von der Busi­ness School der Uni­ver­si­tät Dur­ham genützt. Ein bewe­gen­des Zeug­nis und die Geschich­te von Blü­te und Nie­der­gang.

Das Ushaw Col­le­ge war 1808 in Ushaw Moor im nord­eng­li­schen Dur­ham gegrün­det wor­den. Die Ein­rich­tung spie­gelt die Ver­fol­gun­gen wider, denen der katho­li­sche Glau­ben in bestimm­ten Gegen­den und Epo­chen in Euro­pa aus­ge­setzt war.

Geschichte einer Verfolgung: Von England auf den Kontinent und wieder zurück

Englisches Kolleg in Douai
Eng­li­sches Kol­leg in Douai (18. Jhdt.)

Es ent­stand, um die Stu­den­ten des Eng­lish Col­le­ge an der katho­li­schen Uni­ver­si­tät im fran­zö­si­schen Douai auf­zu­neh­men, die 1793 vor der Ver­fol­gung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on flie­hen muß­ten. Das Eng­lish Col­le­ge war 1568 von König Phil­ipp II. von Spa­ni­en im fran­zö­sisch­spra­chi­gen, damals aber flan­dri­schen Douai (nie­der­län­disch Dowaai) gegrün­det wor­den. In den zum römisch-deut­schen Reich gehö­ren­den habs­bur­gi­schen Nie­der­lan­den fan­den katho­li­sche Stu­den­ten aus Eng­land Auf­nah­me, die unter Eli­sa­beth I. und ihren Nach­fol­gern ver­folgt wur­den. Für sie grün­de­te der Habs­bur­ger Phil­ipp die Uni­ver­si­tät von Douai als Toch­ter­grün­dung der katho­li­schen Uni­ver­si­tät Löwen. In Douai ent­stan­den neben dem eng­li­schen auch ein schot­ti­sches und ein iri­sches Col­le­ge sowie ver­schie­de­ner Orden, um deren Kle­rus von den bri­ti­schen Inseln aus­zu­bil­den.

Aus der Uni­ver­si­tät Douai ging in der Fol­ge­zeit ein maß­geb­li­cher Teil des eng­li­schen katho­li­schen Kle­rus her­vor. Eng­li­sche Kol­le­ge wie in Douai ent­stan­den in der Fol­ge­zeit auch in Rom, Sevil­la, Lis­sa­bon und Val­la­do­lid und bil­de­ten ein her­vor­ra­gen­des Bil­dungs­netz­werk im Exil. Douai brach­te eine gro­ße Zahl von Mär­ty­rern her­vor. Von mehr als 300 in Douai aus­ge­bil­de­ten katho­li­schen Prie­stern, die nach Eng­land zurück­kehr­ten, um den katho­lisch geblie­be­nen Teil des Vol­kes seel­sorg­lich zu betreu­en, wur­den zwi­schen 1577 und 1680 mehr als 160 hin­ge­rich­tet. Vie­le der ande­ren wur­den ver­haf­tet, gefol­tert und des Lan­des ver­wie­sen. 1929 wur­den die Douai Mär­ty­rer von Papst Pius XI. selig­ge­spro­chen.

Flucht vor der Revolution und neue Heimstatt in Ushaw Moor

1667 wur­de Douai von fran­zö­si­schen Trup­pen besetzt und 1713 von Frank­reich annek­tiert. Als die fran­zö­si­schen Revo­lu­tio­nä­re die katho­li­sche Uni­ver­si­tät unter­drück­ten, fan­den die eng­li­schen Semi­na­ri­sten Zuflucht in Eng­land. Unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen konn­te der Stu­di­en­be­trieb an wech­seln­den Orten auf­recht­erhal­ten wer­den, bis Bischof Wil­liam Gib­son sie auf­nahm und 1804 mit dem Bau des Ushaw Col­le­ge begon­nen wer­den konn­te. Nach­dem die katho­li­schen Bischofs­sit­ze von der angli­ka­ni­schen Staats­kir­che usur­piert wur­den und die katho­li­sche Hier­ar­chie unter Köni­gin Eli­sa­beth I. völ­lig zer­schla­gen wor­den war, ent­stand erst 1623 wie­der ein Apo­sto­li­sches Vika­ri­at, das ganz Eng­land umfaß­te. Im Lau­fe der Zeit ent­stan­den dar­aus wei­te­re von Titu­lar­bi­schö­fen gelei­te­te Vika­ria­te und konn­te lang­sam wie­der eine katho­li­sche Hier­ar­chie auf­ge­baut wer­den. Bischof Gib­son war 1790–1821 Apo­sto­li­scher Vikar des 1688 errich­te­ten Nord­di­strikts.

Eine neue Blüte in England

Mitternachtsmette 1962 am Ushaw College
Mit­ter­nachts­met­te 1962 am Ushaw Col­le­ge

Das 1808 ein­ge­weih­te St. Cuth­bert Col­le­ge bil­de­te den Grund­stein des neu­en katho­li­schen Bil­dungs­zen­trums, an dem Semi­na­ri­sten und Lai­en stu­dier­ten. In den fol­gen­den 150 Jah­ren erleb­te das Col­le­ge eine gro­ße Expan­si­on. 1847 wur­de die St. Cuth­bert-Kapel­le als Col­le­ge-Kir­che geweiht, 1851 wur­de die gro­ße Biblio­thek fer­tig­ge­stellt. Dem Prie­ster­se­mi­nar wur­de ein Klei­nes Semi­nar ange­schlos­sen. 1884 muß­te die Col­le­ge-Kir­che erheb­lich erwei­tert wer­den, um der immer grö­ßer wer­den­den Zahl von Semi­na­ri­sten Platz zu bie­ten. Das Col­le­ge war zur wich­tig­sten Prie­ster­aus­bil­dungs­stät­te in Nord­eng­land gewor­den und form­te den Kle­rus und die Hier­ar­chie der Katho­li­schen Kir­che, die schritt­wei­se aus dem Unter­grund her­vor­kom­men und sich neu ent­fal­ten konn­te. Aus dem Ushaw Col­le­ge gin­gen zahl­rei­che bekann­te katho­li­sche Lai­en, Prie­ster, Bischö­fe und Kar­di­nä­le her­vor, dar­un­ter auch der spä­te­re Kar­di­nal Mer­ry del Val, der unter Papst Pius X. als Kar­di­nal­staats­se­kre­tär an der Römi­schen Kurie wirk­te. Papst Pius XII. eröff­ne­te 1953 für den eng­li­schen Kar­di­nal den Selig­spre­chungs­pro­zeß.

Der rapide Niedergang

Noch 1960 wur­de ein neu­er Flü­gel eröff­net, um zusätz­li­chen 75 Stu­den­ten und Vor­le­sungs­sä­len Raum zu bie­ten. Dann kam die gro­ße Wen­de. 1968 wur­de das Col­le­ge zur Stu­di­en­ti­tel­ver­lei­hung an die Uni­ver­si­tät von Dur­ham gekop­pelt, doch der Nach­wuchs begann zu ver­sie­gen. 1972 schloß das Juni­or Hou­se. 2011 wur­de das Ushaw Col­le­ge aus Man­gel an Prie­ster­be­ru­fun­gen geschlos­sen. Die Gebäu­de des Col­le­ges wer­den der­zeit wäh­rend Umbau­ar­bei­ten von der Dur­ham Busi­ness School genützt.

Das Video, die Mit­ter­nachts­met­te beginnt bei Minu­te acht. Es doku­men­tiert eine Moment­auf­nah­me der Kir­chen­ge­schich­te und bie­tet einen Ver­gleich zwi­schen einem 1962 gefüll­ten Prie­ster­se­mi­nar und des­sen Auf­las­sung 2011. Es ist auch ein Anstoß, eini­ge Über­le­gun­gen anzu­stel­len.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Video (screenshot)/Wikicommons

1 Kommentar

  1. Herz­li­chen Dank an katholisches.info für die­sen sehr gut recher­chier­ten und in der jet­zi­gen Situa­ti­on sehr schmerz­haf­ten Arti­kel.
    Hier zeigt sich ein­mal mehr die her­vor­ra­gen­de Qua­li­tät die­ser Web­site.
    Es ist äusserst wich­tig daß die Erin­ne­rung an jene groß­ar­ti­ge Zei­ten, an den gro­ßen lit­ur­gi­schen und tra­di­tio­nal-kirch­li­chen Schatz auf­be­wahrt und doku­men­tiert und immer wie­der ange­schaut wird;
    Von moder­ni­sti­scher Sei­te wur­de soviel kaputt geschla­gen, zer­sägt und ver­tram­pelt;
    Und sehr typisch für die jet­zi­ge Moder­ni­sten: wo jetzt ihr Desa­ster erbar­mungs­los vor Augen liegt, wird über die Fak­ten und Ereig­nis­sen des Nie­der­gangs total geschwie­gen.

    Ein fast iden­ti­sches Schick­sal erlitt in Nord­bel­gi­en das S.-Jozef-Seminar in St.-Katelijne-Waver (Bis­tum Brüs­sel-Mecheln):
    Ein rie­si­ger neo-roma­ni­scher Bau mit Ele­men­ten von Art-déco, 1935 gebaut, ab 1955 leer­lau­fend, ab 1962 geschlos­sen durch Sue­n­ens, unter gro­ßem Schwei­gen erst der Ver­rot­tung preis­ge­ge­ben und 1974 ver­kauft an eine Pfle­ge­hol­ding (Bor­ger­stein, bis vor kur­zem auf der Home­page des Pfle­ge­heims u.A. die Opti­on der Eutha­na­sie posi­tiv bespre­chend)
    http://kavlaanderen.blogspot.be/2013/het-vormalige-sint-jozef-seminarie
    (www.kavlaanderen.blogspot.be von Mitt­woch 18/09/2013)

    Genau­so greu­lich das Schick­schal des St. Peter’s Semi­na­ry in Cardross (Schott­land):
    1962 fer­tig gestellt (100 Plät­ze vor­ge­se­hen) als super­mo­der­ne Bau im Sti­le des le Cor­bu­si­er, sehr schnell leer­lau­fend, dann Heim für Dro­gen­süch­ti­gen und Land­strei­cher, inzwi­schen eine tota­le Beton­rui­ne;
    ein Antrag auf Total­ab­bruch, Rena­tu­rie­rung und Rekul­ti­vie­rung zu gutem Gar­ten- und Acker­land lauft.
    http://en.wikipedia.org/wiki/ St_Peter’s_Seminary,_Cardross

    Es ist wohl auch kein Zufall daß die dor­ti­ge Bischö­fe bzw. Kar­di­nä­le (Sue­n­ens, Dan­neels und sei­ne schot­ti­scher Freun­de) sehr moder­ni­stisch waren, die alte Lit­ur­gie ver­folg­ten wo mög­lich und bei den Miß­brauch­skan­da­len nicht sel­ten gro­ße chro­nisch-per­si­stie­ren­de „Ein­schät­zungs­feh­ler“ mach­ten (sofern nicht per­sön­lich invol­viert)

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