Pius X. — Ein Bauernbub wird Papst

Papst Pius X.
Papst Pius X.

Im „Drei-Päp­ste-Jahr“ 2014 – neben der Hei­lig­spre­chung von Johan­nes Paul II. und Johan­nes XXIII. im Früh­jahr soll im Herbst die Selig­spre­chung von Paul VI. vor­ge­nom­men wer­den – scheint ein Papst in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Am 20. August 1914, weni­ge Wochen nach dem Beginn des Ersten Welt­kriegs starb der hei­li­ge Papst Pius X. im Alter von 79 Jah­ren. Glück­li­cher­wei­se gibt es den „Sar­to Ver­lag“ – benannt nach Giu­sep­pe Sar­to, der sich spä­ter eben den Namen „Pius X.“ gab. Dort sind pünkt­lich zum Jubi­lä­um zwei Bio­gra­fien des gro­ßen Pap­stes wie­der auf­ge­legt wor­den. Zunächst das Buch „Der hei­li­ge Papst Pius X.“, das von Hie­ro­ny­mus Dal-Gal ver­fasst wur­de und Mit­te der 1950er-Jah­re nach der Hei­lig­spre­chung des Sar­to-Pap­stes in deut­scher Spra­che erschien, bevor es nun der „Sar­to Ver­lag“ als unver­än­der­ten Nach­druck ver­öf­fent­lich­te.

Rund 500 Sei­ten ste­hen Dal-Gal zur Ver­fü­gung, auf denen er ein sehr flüs­sig zu lesen­des, dabei jedoch kei­nes­wegs ober­fläch­li­ches Por­trät von Pius X. ent­wirft. Lobens­wert ist der umfang­rei­che Fuß­no­ten­ap­pa­rat, der sich aus­schließ­lich auf respek­ta­ble Quel­len beruft und kaum Anek­do­ten berich­tet, die nicht bezeugt sind oder deren Ursprung unklar ist. Zu den wich­tig­sten Quel­len gehö­ren also etwa die päpst­li­chen Akten in Rom, die Unter­la­gen zu den Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­sen aus Tre­vi­so, Man­tua, Vene­dig und Rom, die Auf­zeich­nun­gen von Msgr. Bres­san und Msgr. Pesci­ni, den bei­den Pri­vat­se­kre­tä­ren des Hei­li­gen Vaters, sowie etwa die per­sön­li­chen Erin­ne­run­gen von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Mer­ry del Val. Dem Buch vor­an­ge­stellt ist eine chro­no­lo­gi­sche Dar­stel­lung des Lebens­lau­fes von Giu­sep­pe Sar­to.

Kaplan, Pfarrer und Domherr

Gebo­ren am 2. Juni 1835 in Rie­se (heu­te Rie­se Pio X genannt), wuchs Sar­to in einer recht armen Fami­lie auf. Der Ein­tritt des jun­gen Man­nes ins Prie­ster­se­mi­nar von Padua ist daher auch einem Gön­ner zu ver­dan­ken, näm­lich Jaco­po Kar­di­nal Moni­co von Vene­dig, der eben­falls aus Rie­se stamm­te. Zum Prie­ster geweiht wur­de der Hei­li­ge am 18. Sep­tem­ber 1858 mit gera­de 23 Jah­ren. Sei­ne erste Stel­le war als Kaplan in Tom­bo­lo, wo er gut neun Jah­re segens­reich wirk­te, bevor sein Bischof ihn zum Pfar­rer von Salza­no berief. Als jun­ger Kaplan trug Sar­to sei­ne Pre­dig­ten zunächst sei­nem Pfar­rer vor, damit ihm die­ser Ver­bes­se­rungs­hin­wei­se geben konn­te: „Und Don Giu­sep­pe wider­sprach nicht; mit demü­ti­ger Füg­sam­keit änder­te er, strich da etwas und füg­te dort etwas hin­zu nach den Bemer­kun­gen und Anre­gun­gen sei­nes Pfar­rers, der etwas vom Pre­di­gen ver­stand.“ Wie im Lau­fe des Buches deut­lich wird, war der Hei­li­ge zeit sei­nes Lebens ein begei­stern­der und somit auch sehr geschätz­ter Pre­di­ger.

1875 wur­de der Pfar­rer von Salza­no nach Tre­vi­so beru­fen, um dort als bischöf­li­cher Kanz­ler und Spi­ri­tu­al im Prie­ster­se­mi­nar zu wir­ken, wobei er gleich­zei­tig zum Dom­herr gemacht wur­de. Wie wich­tig Sar­to die Aus­bil­dung der zukünf­ti­gen Prie­ster war, wird von Hie­ro­ny­mus Dal-Gal anschau­lich dar­ge­stellt. „Die Hei­lig­keit des Prie­ster­tums, Ehr­furcht vor den geist­li­chen Wür­den­trä­gern, wil­li­ger Gehor­sam gegen­über den Obe­ren, Los­lö­sung vom Irdi­schen, Eifer für das Heil der See­len und die spe­zi­fisch prie­ster­li­chen Tugen­den waren die Gegen­stän­de, auf die er immer wie­der zurück­kam. Mit größ­ter Ein­dring­lich­keit, aber ganz schlicht lei­te­te er zu wah­rer Fröm­mig­keit an, zu Eifer im Stu­di­um, zu Dis­zi­plin, Lau­ter­keit der Lebens­füh­rung, zu Ord­nung und Sau­ber­keit.“

Bischof und Kardinal

Aus­führ­lich wird das Wir­ken von Giu­sep­pe Sar­to als Bischof von Man­tua von 1884 bis 1893 sowie als Kar­di­nal und Patri­arch von Vene­dig von 1893 bis 1903 beschrie­ben. Dal-Gal begrün­det dies wie folgt: „Das Pon­ti­fi­kat Pius’ X. kann nicht rich­tig bewer­tet wer­den, wenn man die Kund­ge­bun­gen sei­ner Gei­stes­hal­tung vor sei­ner Erhe­bung auf den Thron Petri unbe­rück­sich­tigt läßt. Denn sein Wir­ken als Bischof fand im Pon­ti­fi­kat nur sei­ne Fort­set­zung und Voll­endung, und das in einem Maße, das in der Geschich­te der Päp­ste wohl ein­zig dasteht.“

Was etwa die Reform der Kir­chen­mu­sik angeht, so hat­te er sich bereits „als Kaplan in Tom­bo­lo und als Pfar­rer von Salza­no […] bemüht, den Kir­chen­ge­sang und die Kir­chen­mu­sik wie­der ihrer eigent­li­chen Bestim­mung zuzu­füh­ren: lit­ur­gi­sches Gebet zu sein. In Man­tua setz­te er sich mit siche­rem reli­giö­sen und künst­le­ri­schen Emp­fin­den nach­drück­lich dafür ein, daß in den Got­tes­häu­sern sei­ner Diö­ze­se kei­ne musi­ka­li­schen Dar­bie­tun­gen mehr zuge­las­sen wur­den, die nicht dem Gei­ste der Lit­ur­gie ent­spra­chen. Sei­ner Auf­fas­sung nach gehör­te sol­che Musik eher auf Dorf­plät­ze und ins Thea­ter als in die Kir­che. Er sah dar­in eine Ent­wei­hung des Got­tes­dien­stes, des­sen Zere­mo­nien doch den Geist erhe­ben und zum Gebet anre­gen sol­len.“ Als Kar­di­nal in Vene­dig hat­te Sar­to natür­lich noch viel bes­se­re Mög­lich­kei­ten, sei­ne Reform zu ver­wirk­li­chen, war doch die Musik­ka­pel­le des Mar­kus­doms eine der besten zumin­dest in Ita­li­en. Ein Brief, den der Kar­di­nal am 1. Mai 1895 ver­öf­fent­lich­te, bil­de­te sodann die Grund­la­ge für das berühm­te Motu­pro­prio „Tra le soll­e­ci­tu­di­ni“ über die Reform der Kir­chen­mu­sik vom 22. Novem­ber 1903 – eine der ersten Amts­hand­lun­gen von Papst Pius X.

Papst

Die dra­ma­ti­schen Vor­gän­ge im Kon­kla­ve Anfang August 1903, das Giu­sep­pe Kar­di­nal Sar­to zum Nach­fol­ger von Papst Leo XIII. bestimm­te, wer­den von Hie­ro­ny­mus Dal-Gal mit­rei­ßend beschrie­ben. Nach dem ersten Wahl­gang, bei dem fünf Stim­men auf Sar­to ent­fie­len, war der Patri­arch von Vene­dig noch vol­ler Humor: „Die Kar­di­nä­le amü­sie­ren sich auf mei­ne Kosten!“ Doch als es immer deut­li­cher danach aus­sah, als woll­ten die Kar­di­nä­le ihn zum Stell­ver­tre­ter Chri­sti auf Erden machen, wur­de er von Schrecken ergrif­fen: „‚Ich füh­le mich im Gewis­sen ver­pflich­tet‘, sag­te er mit trä­nen­er­stick­ter Stim­me, ‚Ihnen zu sagen, daß ich nicht die Fähig­kei­ten habe, die für das Papst­tum erfor­der­lich sind. Sie haben die Pflicht, jemand andern ins Auge zu fas­sen und ihm Ihre Stim­me zu geben. Ich bin unwür­dig … Ich bin unfä­hig … Ver­ges­sen Sie mich!‘“ Am 4. August war es schließ­lich so weit: Als Papst Pius X. trat Giu­sep­pe Sar­to im Peters­dom erst­mals vor die römi­sche Bevöl­ke­rung – damals war der Papst noch ein Gefan­ge­ner im Vati­kan und spen­de­te den Segen „Urbi et Orbi“ nicht von der äuße­ren Log­gia am Peters­platz.

Unter dem Mot­to „Instaur­a­re omnia in Chri­sto“ („Alles in Chri­stus erneu­ern“) begann Pius X. mit einer Rei­he von Refor­men auf so ver­schie­den Gebie­ten wie dem Kampf gegen den Moder­nis­mus, der Kodi­fi­zie­rung des kano­ni­schen Rech­tes oder dem häu­fi­gen Kom­mu­nion­emp­fang, auch für Kin­der. Hier sieht man übri­gens wie­der­um die Kon­ti­nui­tät im Leben des Hei­li­gen, hat­te er doch schon als Pfar­rer jün­ge­re Kin­der zum Emp­fang der hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuge­las­sen, obwohl dies damals noch nicht üblich war. Inter­es­sant sind gera­de auch die weni­ger bekann­ten Epi­so­den aus dem Leben von Papst Pius X., so etwa die Grün­dung des Bibel­in­sti­tuts in Rom, „in dem die Hei­li­ge Schrift unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der neue­sten Errun­gen­schaf­ten auf sprach­wis­sen­schaft­li­chem und histo­risch-archäo­lo­gi­schem Gebiet erforscht wer­den soll­te“. Dass Pius X. alle moder­nen Ent­wick­lun­gen ablehn­te, ist also ein völ­li­ges Miss­ver­ständ­nis (ob absicht­lich oder nicht) sei­ner Ver­ur­tei­lung des Moder­nis­mus.

Hie­ro­ny­mus Dal-Gal schließt mit zwei Kapi­teln, die außer­halb der Chro­no­lo­gie ste­hen und sich spe­zi­ell mit den durch den Papst gewirk­ten Wun­dern beschäf­ti­gen – sei es auf Erden oder, nach sei­nem Tod, vom Him­mel aus. Immer blieb der hei­li­ge Papst vol­ler Demut und berief sich auf die „Macht der Schlüs­sel­ge­walt“. Auch ein scher­zen­der Papst ist in die­sem Zusam­men­hang über­lie­fert: „Jetzt erzäh­len und drucken sie, daß ich ange­fan­gen habe, Wun­der zu wir­ken, als ob ich nichts ande­res zu tun hät­te.“

Ein Bauernbub wird Papst

Im „Sar­to Ver­lag“ ist, wie zu Beginn ange­kün­digt, noch ein wei­te­res Büch­lein über Papst Pius X. erschie­nen, das sich jedoch von der Bio­gra­fie Dal-Gals inso­fern unter­schei­det, dass es sich an Kin­der rich­tet. Walt­her Diethelm ver­faß­te das Werk mit dem Titel „Ein Bau­ern­bub wird Papst. Das Leben Papst Pius’ X. für Kin­der erzählt“ 1963, wobei der „Sar­to Ver­lag“ wie­der­um für den unver­än­der­ten Nach­druck ver­ant­wort­lich ist. Kurz­wei­lig, mit vie­len weni­ge Sei­ten umfas­sen­den Kapi­teln eig­net sich das Buch opti­mal zum Vor­le­sen, etwa abends vor dem Ein­schla­fen. Übri­gens dürf­ten nicht nur Kin­der von der Lek­tü­re pro­fi­tie­ren, die zahl­rei­che bezau­bern­de Epi­so­den umfaßt, son­dern auch Erwach­se­ne. Die besten Hei­li­gen­ge­schich­ten sind oft jene für Kin­der, da sie ihre Leser wer­den las­sen „wie die Kin­der“, wie es Chri­stus von uns for­dert.

Pius XII. anlässlich der Heiligsprechung von Pius X.

Schlie­ßen wir mit einem Zitat aus der Anspra­che von Papst Pius XII. anläß­lich der Hei­lig­spre­chung sei­nes Vor­gän­gers Pius X., das uns die Grö­ße des „beschei­de­nen Land­pfar­rers“ aus der ärm­li­chen Fami­lie vor Augen stellt: „Schüt­zer des Glau­bens, Herold der ewi­gen Wahr­heit, Hüter der hei­lig­sten Tra­di­tio­nen, offen­bar­te Pius X. ein außer­or­dent­lich fei­nes Ver­ständ­nis für die Bedürf­nis­se, Bestre­bun­gen und Kräf­te sei­ner Zeit. Des­halb gehört er zu den glor­reich­sten Päp­sten, die auf Erden die treu­en Sach­wal­ter der Schlüs­sel des Him­mel­reichs sind und denen die Mensch­heit jedes Vor­an­schrei­ten auf dem rech­ten Wege und jeden wah­ren Fort­schritt ver­dankt …“

Text: M. Bene­dikt Bue­r­ger
Bild: Pius X./Verlag

3 Kommentare

  1. Der Sar­to-Ver­lag wür­de ein wei­te­res gutes Werk tun, wenn er das „Kom­pen­di­um der christ­li­chen Leh­re“ des Hl. Pius X. neu her­aus­ge­ben wür­de.
    Bewusst heißt es nicht „Kom­pen­di­um der katho­li­schen Leh­re“, weil Giu­sep­pe Sar­to den Anspruch ver­trat, dass es nur die katho­li­sche Kir­che ist, die den christ­li­chen Glau­ben voll­um­fäng­lich lehrt. Er sprach den pro­te­stan­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten damit die Fähig­keit ab, authen­tisch das Chri­sten­tum leh­ren zu kön­nen.
    Er war nicht einen Augen­blick bereit, in ande­ren Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten Wege zum Heil zu erken­nen, wie es wäh­rend des 2. Vati­ka­ni­schen Kon­zils üblich wur­de.
    Doch damit ver­trat er die Leh­re der katho­li­schen Kir­che, die bis Pius XII. von allen Päp­sten ver­tre­ten wur­de. Dass es in ande­ren Reli­gio­nen natür­li­che Weis­hei­ten gibt, hat die katho­li­sche Kir­che nie bestrit­ten. Die aber nicht aus sich her­aus zum Heil füh­ren kön­nen.

    Danach kam der Bruch. Der nie und nim­mer mit einer Her­me­neu­tik zu kit­ten war. Die „Her­me­neu­tik der Reform in der Kon­ti­nui­tät“ , die mit dem Aus­schei­den Bene­dikt XVI. aus dem Amt kei­ne Rol­le mehr spielt, war immer in sich unlo­gisch. Es sei denn, man beruft sich auf Hegel: The­se — Anti­the­se = Syn­the­se.
    Doch der sich offen­ba­ren­de Gott hat sich des deut­schen Phi­lo­so­phen nicht bedient, füge ich nicht ohne Sar­kas­mus hin­zu.

    Der hl. Pius X. mit sei­nem kla­ren Wis­sen, dass der katho­li­sche Glau­be und die neu­zeit­li­che Phi­lo­so­phie nicht mit­ein­an­der zu ver­bin­den sind, scheint ver­lo­ren zu haben. Das 2. Vati­ka­ni­sche Kon­zil hat ihn besiegt. Wir ern­ten die bit­te­ren, gif­ti­gen Früch­te, wir leben im kirch­li­chen Elend. Herr Ber­go­glio reprä­sen­tiert es.

    • Dan­ke, für den Hin­weis. Ich besit­ze das Buch bereits, es war anti­qua­risch noch zu haben. Ich kann es nur emp­feh­len. In dem Syn­kre­tis­mus, in dem wir ver­ur­teilt sind zu leben, ist es von fast unschätz­ba­rem Wert.

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