Alois, der Pfarrer aus dem Allgäu — eine Erzählung

Schafherde„Alo­is, der Pfar­rer aus dem All­gäu“ ist eine Erzäh­lung von Moni­ka Win­ter. Das Bild der Scha­fe zieht sich als roter Faden durch die Bibel. Es hat durch zahl­rei­che Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus neue Aktua­li­tät gewon­nen.

eine Erzäh­lung von Moni­ka Win­ter *

Es war ein­mal ein Prie­ster, der sich für sein per­sön­li­ches Glück ein schö­nes Fleck­chen im All­gäu suchen woll­te. Es soll­te eine klei­ne Gemein­de sein, mit wenig Stress und sehr offe­nen Ansich­ten. Nach lan­ger Suche fand er end­lich die­ses ersehn­te Fleck­chen und trat sei­ne letz­te Rei­se an. Nach­dem er sich dort gut ein­ge­lebt hat­te, schau­te er sich alle Men­schen in sei­ner neu­en Gemein­de an. Dann fing er lang­sam an sich sei­ne Gemein­de nach sei­nen Wün­schen zu for­men. Sie soll­te ein­fach sein, und sich sei­nen Ideen und Ansich­ten anpas­sen.
Nach­dem dies gesche­hen war, sah er sich sei­ne Gemein­de vol­ler Glück und Zufrie­den­heit an. Nun, es waren nicht vie­le Gläu­bi­ge in der Kir­che, aber das stör­te ihn nicht, denn so wie es war, so war es für ihn gut.

Vie­le Gläu­bi­ge sehn­ten sich nach Füh­rung auf den Weg zu Gott. Lei­der spür­te er die­se Sehn­sucht nicht, da er zu beschäf­tigt war sein Reich auf­zu­bau­en. Eine Käl­te zog in die Gemein­de ein, Lieb­lo­sig­keit und gro­ßes Gel­tungs­be­dürf­nis mach­ten sich breit. Aber all dies sah der Prie­ster nicht, denn so wie es war, so war es gut.

Eines Tages hör­te er die Stim­me Got­tes: „Alo­is, wei­dest Du mei­ne Scha­fe?“ Alo­is ant­wor­te­te: „Sicher Gott, schau doch nur die dicken, fet­ten Scha­fe an, die auf mei­ner Wei­de ste­hen.“ Gott sah die dicken, fet­ten Scha­fe, die sich zufrie­den neben Alo­is leg­ten und ihm schmei­chelnd die Füße leck­ten.

Etwas spä­ter hör­te er zum zwei­ten Mal die Stim­me Got­tes: „Alo­is, wei­dest Du mei­ne Scha­fe?“ Alo­is wand­te sich um und sag­te erschrocken: „Sicher Gott, schau doch nur welch tol­le Feste wir fei­ern und alle fröh­lich sind.“ Gott sah die Feste in der Kir­che und wur­de immer trau­ri­ger. Sie prie­sen nicht Gott, son­dern sie prie­sen Ihr eige­nes Werk.

Zum drit­ten Mal hör­te Alo­is die Stim­me Got­tes: „Alo­is, wei­dest Du mei­ne Scha­fe?“ Alo­is wur­de lang­sam ärger­lich, denn er tat ja alles um ein schö­nes Reich für den Herrn auf­zu­bau­en: „Gott, war­um fragst Du mich dies? Siehst du nicht, wie alle Leu­te mich lie­ben?“

Da nahm der Herr Alo­is ein Stück in die Höhe und zeig­te ihm die Wahr­heit, die sich hin­ter den dicken, fet­ten Scha­fen und hin­ter den fröh­li­chen Festen ver­barg. Dort lag ein dür­res und kar­ges Land mit dün­nen, aus­ge­mer­gel­ten Scha­fen. Sie lie­fen ziel­los umher und such­ten den Weg zum Herrn. Sie kamen nicht vor­bei an all den Festen, den dicken, fet­ten Scha­fen und ver­küm­mer­ten lang­sam. Sie hat­ten Durst nach dem leben­di­gen Was­ser, der Quel­le des Lebens. Die Wor­te des Heils dran­gen nicht mehr zu Ihnen durch. Sie beka­men nicht mehr das hei­li­ge Brot und durf­ten auch all den Dreck, der sich über die Jah­re ange­sam­melt hat­te, nicht im Stall der Rei­ni­gung abla­den.

Alo­is erschrak über die­se Wahr­heit. Er fiel zu Boden und begann bit­ter­lich zu wei­nen. „Gott, ver­zeih mir mei­ne Blind­heit, mei­nen Ego­is­mus. Ich woll­te mir mein eige­nes Reich der Selbst­zu­frie­den­heit, der Gemüt­lich­keit, des eige­nen Glückes und der Selbst­be­herr­schung errich­ten. Dies woll­te ich mir erbau­en und ver­gaß dabei ganz mei­ne Beru­fung, näm­lich Dir zu die­nen und all die ver­irr­ten und suchen­den Scha­fe zu Dir zu füh­ren!“

Gott rühr­te es, dass Alo­is sich für all sei­ne Taten von Her­zen schäm­te und er sprach vol­ler Mit­leid und Barm­her­zig­keit: „Alo­is, du bist mei­ne Hand, du bist mein Mund, du bist mein Herz. Ich brau­che dich in die­ser Welt der Käl­te. Du sollst die Men­schen zu mir füh­ren, damit sie sich für die Lie­be, die ich bin, ent­schei­den kön­nen. Wenn du nur an dich denkst und nicht auf mich schaust, dann ver­lierst du dich schnell in der Ver­su­chung und du wirst den Weg des Ver­der­bens gehen. Ich schen­ke Dir die Gna­de der Ver­ge­bung und die Gna­de der Umkehr. Aller­dings sollst du wis­sen, dass jeder Tag ein neu­er Kampf der Ent­schei­dung ist. Eine Ent­schei­dung aus Lie­be zu mir und zu mei­nen Kin­dern, die ich Dir anver­traut habe.“

Alo­is ging in sei­ne Gemein­de zurück. Er sprach zu den dicken, fet­ten Scha­fen und erklär­te Ihnen, dass es so nicht mehr wei­ter gehen kön­ne. Die Scha­fe fin­gen an zu tre­ten, zu schrei­en und Alo­is zu bei­ßen. Alo­is stand ruhig da und ließ es gesche­hen, denn er woll­te für sei­ne Taten büßen. Man­che der dicken, fet­ten Scha­fe berühr­te die­se Wand­lung der Lie­be und sie folg­ten ihrem Herrn auf dem schma­len Weg. Ande­re gin­gen davon und such­ten sich einen neu­en Herrn, der genau so war wie sie.
Auch die Feste wur­den geän­dert und sie wur­den zu Festen der Anbe­tung, der Hin­ga­be und der Hin­wen­dung zu Gott. Die mage­ren Scha­fe kamen und tran­ken aus der Quel­le des Lebens, stärk­ten sich vom hei­li­gen Brot und rei­nig­ten sich, indem sie ihren Dreck und Schmutz end­lich abla­den konn­ten.

Alo­is sah sich nach eini­ger Zeit sei­ne Gemein­de an. Er war end­lich ange­kom­men und hat­te sein Glück gefun­den. Er erkann­te, dass er dazu beru­fen sei, die Scha­fe die ihm anver­traut sind, zum Herrn zu füh­ren und Ihnen den Weg des Ewi­gen Lebens zu wei­sen.

2 Timo­theus 4, 2–3: Ver­kün­de das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; wei­se zurecht, tad­le, ermah­ne, in uner­müd­li­cher und gedul­di­ger Beleh­rung. Denn es wird eine Zeit kom­men, in der man die gesun­de Leh­re nicht erträgt, son­dern sich nach eige­nen Wün­schen immer neue Leh­rer sucht, die den Ohren schmei­cheln.

* Moni­ka Win­ter ver­öf­fent­lich­te Mei­ne Bekeh­rung; Spi­ra­le der Angst — Weg ins Licht; War­um ver­steht mich denn kei­ner? Die Welt eines Jugend­li­chen und Hand­kom­mu­ni­on oder Mund­kom­mu­ni­on: Ein Denk­an­stoß zum Emp­fang der hei­li­gen Eucha­ri­stie! Im Som­mer 2013 erschien ihr jüng­stes Buch End­lich eine glück­li­che Frau.

Text: Moni­ka Win­ter
Bild: tonynetone/flickr.com