Barmherzigkeit – aber wie?

von Pfar­rer Hend­rick Jolie

Der Umgang der Kir­che mit soge­nann­ten „wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen“ ist wie­der ein­mal in aller Mun­de. Jüng­stes Bei­spiel ist der Auf­ruf von Prie­stern und Dia­ko­nen aus dem Erz­bis­tum Frei­burg „Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne“ vom Mai 2012. Die unter­zeich­nen­den Geist­li­chen behaup­ten, sie wür­den sich in ihrem „pasto­ra­len Han­deln gegen­über wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen von der Barm­her­zig­keit lei­ten las­sen“ (ebd.). Gleich­zei­tig bekun­den sie das Vor­ha­ben, in Wider­spruch zu Leh­re und Ord­nung der Kir­che die genann­ten Per­so­nen zu den Sakra­men­ten zuzu­las­sen – gemeint sind die Sakra­men­te der Kran­ken­sal­bung, der Ver­söh­nung und der Hei­li­gen Kom­mu­ni­on.

Die Frei­bur­ger Geist­li­chen erin­nern hier­bei an das ober­ste Prin­zip des kirch­li­chen Rechts, „salus ani­ma­rum supre­ma lex“ (das Heil der See­len ist das ober­ste Gebot). Man gibt also vor, das Heil der See­len wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner im Auge zu haben, wenn man sie – unab­hän­gig vom Gna­den­stand – zu den Sakra­men­ten zuläßt. Ziel sei es – so der im Inter­net publi­zier­te Auf­ruf, „die­sen Men­schen offi­zi­ell und ohne Dis­kri­mi­nie­rung einen evan­ge­li­ums­ge­mä­ßen Platz in unse­rer Kir­che“ (ebd.) zu geben.

An die­sem Auf­ruf sind aus Sicht der prak­ti­schen Seel­sor­ge gleich meh­re­re Aspek­te aus­ge­spro­chen ärger­lich. Zunächst stört das unre­flek­tier­te Pathos, mit dem die Initia­to­ren die Deu­tungs­ho­heit über den Umgang der Kir­che mit wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen bean­spru­chen: Nur eine gene­rel­le Zulas­sung zu den Sakra­men­ten – und im Grun­de geht es wohl in 99 % der Fäl­le um den Kom­mu­nion­emp­fang und nicht um Kran­ken­sal­bung und Beich­te – ist offen­bar „barm­her­zi­ges“ und dis­kri­mi­nie­rungs­frei­es Han­deln. Leicht anma­ßend klingt außer­dem der Anspruch der Initia­to­ren, sie wür­den bei die­ser Pra­xis das „Heil der See­len“ im Blick haben. Im Umkehr­schluß heißt das dann wohl, daß einer lehr­amts­kon­for­men Pra­xis – für die u.a. Papst Bene­dikt ein­steht – das „Heil der See­len“ gleich­gül­tig ist. Beschei­den­heit scheint bei den Unter­zeich­nern kei­ne her­vor­ste­chen­de Cha­rak­ter­ei­gen­schaft zu sein.

Es mutet bei­na­he gro­tesk an, wenn eine klei­ne Grup­pe von Prie­stern, die dazu noch offen zugibt, gegen die gel­ten­de Ord­nung der Kir­che zu ver­sto­ßen, das Wort von der „Barm­her­zig­keit“ für sich allein bean­sprucht. Die­ser mit gehö­ri­gem Pathos vor­ge­tra­ge­ne Allein­ver­tre­tungs­an­spruch ver­leiht dem „Frei­bur­ger Auf­ruf“ ideo­lo­gi­sche und gera­de­zu tota­li­tä­re Züge. Hier wird mit apo­ka­lyp­ti­scher Atti­tü­de eine Pro­pa­gan­da betrie­ben, die einen nüch­ter­nen und sach­li­chen Blick auf den All­tag wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner und den All­tag einer Pfarr­ge­mein­de ver­hin­dert.

Lehr­amts­treue Prie­ster soll­ten ange­sichts die­ser und ähn­li­cher For­de­rung auf­ste­hen und sich dage­gen weh­ren, wenn ihnen nicht nur das barm­her­zi­ge Han­deln, son­dern auch der Rea­li­täts­be­zug abge­spro­chen wird. Dabei kennt doch jeder Seel­sor­ger die Pro­ble­ma­tik der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen aus eige­ner Anschau­ung. Nie­mand wird an den Lei­den die­ser Gläu­bi­gen gleich­gül­tig vor­bei­ge­hen. Es gibt aber sehr wohl Wege und Mit­tel, die­sen Men­schen in Ein­klang mit der kirch­li­chen Leh­re bei­zu­ste­hen. Lei­der ist es nicht sel­ten der Fall, daß lehr­amts­kon­for­me Prie­ster die Öffent­lich­keit scheu­en und das Feld jenen über­las­sen, die sich öffent­lich­keits­wirk­sam als lebens­nah und „zeit­ge­mäß“ prä­sen­tie­ren – wohl wis­send, daß die Mehr­heit der „Tauf­schein­ka­tho­li­ken“ ihre Posi­ti­on teilt.

Barm­her­zi­ges Han­deln und Treue zu den Wei­sun­gen Chri­sti und sei­ner Kir­che kön­nen kein Wider­spruch sein. Papst Bene­dikt hat allen Prie­stern in sei­nem Eröff­nungs­schrei­ben zum Prie­ster­jahr den Hei­li­gen Pfar­rer von Ars als Vor­bild vor Augen gestellt, der ein­mal sag­te: „Ein guter Hir­te, ein Hir­te nach dem Her­zen Got­tes, ist der größ­te Schatz, den der lie­be Gott einer Pfar­rei gewäh­ren kann, und eines der wert­voll­sten Geschen­ke der gött­li­chen Barm­her­zig­keit.“ Es kann also kein Zwei­fel bestehen, daß der Prie­ster sich stets von der Barm­her­zig­keit lei­ten las­se muß. Gera­de im Hin­blick auf den Pfar­rer von Ars hat der Papst deut­lich gemacht, daß sich die prie­ster­li­che „Barm­her­zig­keit“ im Gehor­sam gegen Gott und sei­ne Gebo­te voll­endet. Kon­kret: „Der Pfar­rer von Ars hat in sei­ner Zeit das Herz und das Leben so vie­ler Men­schen zu ver­wan­deln ver­mocht, weil es ihm gelun­gen ist, sie die barm­her­zi­ge Lie­be des Herrn wahr­neh­men zu las­sen.“ Auf das Schick­sal der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen ange­wen­det bedeu­tet dies, daß mit der blo­ßen Zulas­sung zu den Sakra­men­ten der Buße und des Altars nichts gewon­nen ist, sofern damit nicht eine ech­te Sehn­sucht nach tie­fer Umkehr ver­bun­den ist – eine Umkehr, die frei­lich von jedem erwar­tet wird, der sich auf den Emp­fang der Sakra­men­te vor­be­rei­tet.

Hier wird ein Grund­pro­blem der moder­nen Sakra­men­ten­pa­sto­ral deut­lich: Nach­dem die Wor­te „schwe­re Sün­de“ bzw. „Stand der Gna­de“ aus der Pasto­ral eli­mi­niert wur­den, ist vie­len Gläu­bi­gen schon lan­ge nicht mehr bewußt, daß ein Emp­fang der Sakra­men­te ohne ent­spre­chen­de Dis­po­si­ti­on ver­häng­nis­vol­le Fol­gen hat, wie wir aus den Wor­ten des Völ­ker­apo­stels Pau­lus wis­sen: „Wer also unwür­dig von dem Brot ißt und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schul­dig am Leib und am Blut des Herrn“ (1 Kor 11, 27). Die Tat­sa­che, daß über die­sen Sach­ver­halt nicht mehr gespro­chen wird, heißt nicht, daß die­se War­nung heut­zu­ta­ge unnö­tig gewor­den wäre. Käme – um einen Ver­gleich aus dem nor­ma­len Leben her­an­zu­zie­hen – ein Arzt auf die Idee, eine Krank­heit dadurch zu bekämp­fen, daß er die Gefahr der Ansteckung ver­schweigt? Wür­de man ein sol­ches Ver­hal­ten „barm­her­zig“ oder nicht eher fahr­läs­sig nen­nen?

Wir sehen: Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne und ihre per­sön­li­che Not wer­den zum Kri­sen­in­di­ka­tor für eine sträf­li­che Ver­nach­läs­si­gung in Ver­kün­di­gung und Pasto­ral – eine Ver­nach­läs­si­gung, die zu einem gedan­ken­lo­sen Kom­mu­nion­emp­fang geführt hat, der jeder Beschrei­bung spot­tet. Mitt­ler­wei­le sind in den Pfar­rei­en meh­re­re Genera­tio­nen von Gläu­bi­gen her­an­ge­wach­sen, die nicht ein­mal mehr eine Ahnung davon haben, daß es einen not­wen­di­gen Zusam­men­hang zwi­schen dem Buß­sa­kra­ment und dem Kom­mu­nion­emp­fang gibt. Nicht nur außer­ehe­li­che Geschlechts­be­zie­hun­gen schlie­ßen bekannt­lich vom Kom­mu­nion­emp­fang aus: Zu den schwe­ren Ver­feh­lun­gen gegen Gott und die Kir­che gehört z.B: auch das leicht­fer­ti­ge Ver­säu­men der Sonn­tags­mes­se u.v.a.m. In wel­cher Kir­che wird – wenn auch lie­be­voll, so aber auch deut­lich – auf die­se Din­ge hin­ge­wie­sen, um die Gläu­bi­gen vor einem unwür­di­gen Kom­mu­nion­emp­fang zu war­nen? Wür­de man es barm­her­zig nen­nen, wenn Eltern ihre Kin­der nicht auf die Gefah­ren ihres Schul­we­ges hin­wei­sen?

In Sachen „wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne“ geht es – neben­bei bemerkt — um den gesam­ten The­men­kom­plex außer­ehe­lich geleb­ter Sexua­li­tät. Auch wenn kaum jemand dar­über spricht: Jede Form von prak­ti­zier­ter Geschlecht­lich­keit außer­halb des sakra­men­ta­len Schut­zes der Ehe schließt bekannt­lich vom Kom­mu­nion­emp­fang aus: Also auch alle Paa­re, die ohne Trau­schein oder Segen der Kir­che zusam­men­le­ben, sei­en sie homo- oder hete­ro­se­xu­ell. Es darf auch nicht uner­wähnt blei­ben, daß es nicht weni­ge Paa­re gibt, die zwar in einer sakra­men­ta­len Ehe zusam­men­le­ben, gleich­zei­tig aber For­men der Emp­fäng­nis­ver­hü­tung prak­ti­zie­ren, die aus Sicht der Kir­che nicht erlaubt sind und somit auch von den Sakra­men­ten aus­schlie­ßen – ganz abge­se­hen von den For­men auto­ero­ti­scher Sexua­li­tät, die auch inner­halb vie­ler Ehen vor­kom­men wie z.B. Inter­net-Por­no­gra­phie oder Mastur­ba­ti­on.

Vie­le Pfar­rer haben ange­sichts die­ser erdrücken­den Flut außer­ehe­lich prak­ti­zier­ter Geschlecht­lich­keit längst resi­gniert oder kapi­tu­liert. Man spricht die­ses „hei­ße Eisen“ in Pre­dig­ten nicht mehr an und scheut das The­ma auch im Beicht­stuhl. Ob es tat­säch­lich „barm­her­zig“ ist, die Sün­de nicht mehr beim Namen zu nen­nen, soll­ten sich die Frei­bur­ger Geist­li­chen viel­leicht ein­mal fra­gen. Dient es dem Heil der See­len, wenn ein Seel­sor­ger ein dem Evan­ge­li­um wider­spre­chen­des Ver­hal­ten dul­det und das­sel­be durch die Ein­la­dung zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on auch noch kir­chen­amt­lich „appro­biert“?

Anstatt Mit­brü­der zum Bruch der bestehen­den Ord­nung zu ermun­tern bzw. zu drän­gen wäre es sinn­vol­ler, prak­ti­sche Mög­lich­kei­ten auf­zu­zei­gen, wie gera­de den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen in der Kir­che im tie­fe­ren Sinn „barm­her­zig“ begeg­net wer­den kann. Vor­bild­lich im Sin­ne des guten Hir­ten hat der ver­stor­be­ne Augs­bur­ger Bischof Josef Stimpf­le das in einem Brief wie folgt aus­ge­drückt: „Ich bit­te Sie, am Meß­op­fer teil­zu­neh­men, vor allem an Sonn­tag. Hier emp­fan­gen Sie Kraft von oben, wenn Sie auch nicht zum Tisch des Herrn gehen kön­nen. Ver­ei­ni­gen Sie Ihre Sor­gen, Ihren Kum­mer mit dem Opfer Chri­sti. … Pfle­gen Sie das täg­li­che Gebet! Beten Sie allein und gemein­sam, vor allem mit den Kin­dern. Gott ver­läßt die Beter nicht, die sich bemü­hen, mit ihm ver­bun­den zu sein. Üben Sie ech­te Näch­sten­lie­be in Ihrem enge­ren Lebens­kreis … Sei­en Sie für ande­re Men­schen Weg­be­rei­ter zu Gott, indem Sie sich nicht ver­bit­tert abson­dern, son­dern bei Gele­gen­heit ande­ren die Leh­re des Evan­ge­li­ums und der Kir­che nahe brin­gen.“

Die­se Wor­te, aus denen die Her­zens­hal­tung eines wahr­haft „guten Hir­ten“ spricht, sind im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes „Barm­her­zig­keit“. Die Pra­xis zeigt: Es ist kei­nes­wegs welt­fremd, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne in der Pfar­rei auf­zu­su­chen und mit ihnen im Sin­ne die­ses Bischofs­wor­tes ins Gespräch zu kom­men. Ehr­li­cher­wei­se wird man sagen müs­sen, daß die Zahl jener, die tat­säch­lich dazu bereit sind, sich mit der Fra­ge der Kirch­lich­keit und der Mit­fei­er des Got­tes­dien­stes aus­ein­an­der­zu­set­zen, natür­lich gering ist. Aber es gibt sie und nicht weni­ge sind erstaunt, wenn ein Prie­ster, der sich mit der Leh­re sei­ner Kir­che iden­ti­fi­ziert und in der Öffent­lich­keit als „kon­ser­va­tiv“ gebrand­markt wird, sich Zeit für das Gespräch mit ihnen nimmt.

Barm­her­zig­keit gibt es nicht ohne Wahr­heit: Ist Men­schen, die sich in einer sol­chen Situa­ti­on befin­den, über­haupt bewußt, war­um und an wel­chem Punkt sie mit der kirch­li­chen Leh­re in Kon­flikt kom­men? Es ist kei­nes­wegs unmög­lich, Men­schen auf­zu­zei­gen, inwie­fern sein momen­ta­nes Leben im Wider­spruch zur kirch­li­chen Leh­re über die Ehe und die Geschlecht­lich­keit befin­det. Es ist ein wich­ti­ger Schritt, im Seel­sorgs­ge­spräch über die Bedeu­tung der geschlecht­li­chen Lie­be ins Gespräch zu kom­men. Nicht immer ist der Pfar­rer auf Dau­er der ein­zig geeig­ne­te Ansprech­part­ner. Eine gro­ße Hil­fe ist es, wenn kirch­lich gesinn­te Ehe­leu­te oder auch Allein­ste­hen­de in der Pfar­rei bereit sind, ihren Pfar­rer in die­sen schwie­ri­gen Fäl­len zu unter­stüt­zen, anstatt ihm in den Rücken zu fal­len. Es muß deut­lich wer­den, daß ein lehr­amts­kon­for­mer Pfar­rer in sei­ner Gemein­de nicht auf ver­lo­re­nem Posten steht und den Rest der Gemein­de gegen sich hat. Hier ist das Zeug­nis der Lai­en in beson­de­rer Wei­se gefragt!

Ein wei­te­res: Lei­der wird selbst unter Prie­stern zuwei­len so getan, als sei es für ein Paar gänz­lich unmög­lich und abwe­gig, den von „Fami­lia­ris con­sor­tio“ (FC) emp­foh­le­nen Weg sexu­el­ler Ent­halt­sam­keit zu gehen (FC 84). Selbst­ver­ständ­lich muß die­ses The­ma behut­sam und dis­kret ange­gan­gen wer­den. Jeder Beicht­va­ter weiß jedoch zu berich­ten, daß es nicht weni­ge Ehe­paa­re gibt, die alles ande­re als ein erfüll­tes Geschlechts­le­ben füh­ren: Krank­heit oder Behin­de­rung, see­li­sche, beruf­li­che oder pri­va­te Bela­stun­gen, Trau­er­fäl­le, aber auch Schwan­ger­schaft und Still­zeit und nicht zuletzt zuneh­men­des Alter füh­ren in vie­len Ehen zu einem – wenn auch mög­li­cher­wei­se nur zeit­wei­li­gen – Leben in Ent­halt­sam­keit. All dies kann hel­fen, der heu­te üblich gewor­de­nen Über­be­to­nung des Sexu­el­len in der ehe­li­chen Gemein­schaft ent­ge­gen­zu­wir­ken und den soge­nann­ten „Wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ Mut zu machen, den Weg sexu­el­ler Ent­halt­sam­keit zu gehen.

Ein Wei­te­res: Die Gemein­de muß ein Gespür für Men­schen ent­wickeln, die aus unter­schied­li­chen Grün­den nicht zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on gehen. Der gedan­ken­lo­se Kom­mu­nion­emp­fang nahe­zu aller Got­tes­dienst­be­su­cher führt bei den mei­sten zu der Auf­fas­sung, ein Meß­be­such ohne Kom­mu­nion­emp­fang sei völ­lig sinn­los – ähn­lich einer Ein­la­dung zum Abend­essen, bei dem ein Gast vor einem lee­ren Tel­ler sitzt. Kaum jemand weiß noch, daß auch die andäch­ti­ge Mit­fei­er der Hei­li­gen Mes­se mit der soge­nann­ten „geist­li­chen Kom­mu­ni­on“ für den ein­zel­nen eine Mög­lich­keit dar­stellt, alle Gna­den zum emp­fan­gen, die das Meß­op­fer bereit­hält. Wer nicht zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on gehen kann, kann neben der Anre­gung zur geist­li­chen Kom­mu­ni­on außer­dem ein­ge­la­den wer­den, beim Kom­mu­ni­ongang einen Segen zu erbit­ten. Auch die Teil­nah­me an Wall­fahr­ten, Gebets­tref­fen u.ä. hat sich in die­sem Zusam­men­hang bewährt. Eine Fixie­rung auf den Kom­mu­nion­emp­fang hat der Seel­sor­ge nicht nur in die­sem Bereich schwer gescha­det.

Die „Wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ wer­den so zu einem wich­ti­gen Zei­chen inner­halb der Gemein­de. Sie kön­nen zu einer neu­en Nach­denk­lich­keit bzgl. der Sakra­men­te, der Ehe und der Geschlecht­lich­keit anre­gen. Sie sind eine Erin­ne­rung dar­an, daß der Emp­fang der Hei­li­gen Kom­mu­ni­on nie­mals etwas Selbst­ver­ständ­li­ches ist. Vie­le Men­schen enga­gie­ren sich in unse­ren Pfar­rei­en, obwohl sie nicht zu den Sakra­men­ten gehen – Nicht­ka­tho­li­ken, Kin­der, Tauf­be­wer­ber etc. Und: Vie­le gehen zur­zeit zur Kom­mu­ni­on, obwohl es sicher bes­ser wäre, sie kom­mu­ni­zier­ten nicht oder erst nach dem Emp­fang des Buß­sa­kra­men­tes.

Dar­über hin­aus las­sen sich auf der Basis des gel­ten­den Rech­tes sehr wohl Fel­der eines gemeind­li­chen Enga­ge­ments für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne fin­den. Auch wenn ein Enga­ge­ment an vor­der­ster Front (in den pasto­ra­len Gre­mi­en oder in lit­ur­gi­schen Dien­sten) in der Regel sicher nicht rat­sam ist, so gibt es doch ande­re Fel­der des Gemein­de­le­bens, in denen man WG sehr wohl will­kom­men hei­ßen kann. So kön­nen sie auch kon­kret erfah­ren, daß sie in unse­ren Gemein­den geschätzt, gewollt und ange­nom­men sind. Vie­le Fel­der des Enga­ge­ments lie­ßen sich hier anfüh­ren, vom Kir­chen­chor über Neu­zu­ge­zo­ge­nen­be­su­che, von der Cari­tasar­beit bis hin zur Kin­der- und Jugend­ar­beit. Die Erfah­rung zeigt, daß hier vie­les mög­lich ist, sofern die betrof­fe­nen Per­so­nen ihr Gemein­de­en­ga­ge­ment in Loya­li­tät zur Kir­che und zum Orts­pfar­rer aus­üben. Die Seel­sor­ge an und die Mit­ar­beit von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen darf nicht kir­chen­po­li­tisch instru­men­ta­li­siert wer­den. Dies gilt für die Betrof­fe­nen genau­so wie für die übri­gen Gemein­de­mit­glie­der. Die Letzt­ge­nann­ten wer­den nicht sel­ten nach­denk­lich, wenn sie fest­stel­len, daß in den Gemein­den „Wie­der­ver­hei­ra­te­te“ tätig sind, die den lehr­amts­kon­for­men Pfar­rer gegen Angrif­fe der soge­nann­ten „Pro­gres­si­ven“ in Schutz neh­men.

Es ist eines der gro­ßen Übel unse­rer Zeit, daß Prie­ster, die sich an die gel­ten­de Ord­nung ihrer Kir­che hal­ten, mit Nega­tiv-Voka­beln belegt wer­den („rück­schritt­lich“, „kon­ser­va­tiv“ bis „reak­tio­när“, „unbarm­her­zig“ etc.). Es ist über­fäl­lig, daß Bischö­fe sich schüt­zend vor jene Prie­ster stel­len, die ihrem Wei­he­ver­spre­chen die Treue hal­ten. Lei­der jon­glie­ren nicht weni­ge Ober­hir­ten im gegen­wär­ti­gen Dia­log­pro­zess mit miß­ver­ständ­li­chen Wort­hül­sen („Offen­heit“, „neue Wege“, „neue Lösun­gen“, „Tole­ranz“). Die Scheu vie­ler Bischö­fe vor ter­mi­no­lo­gi­scher Klar­heit und die Angst, in die „kon­ser­va­ti­ve Ecke“ gestellt zu wer­den, erschwert den Prie­stern vor Ort die Arbeit. Das Bei­spiel des gegen­wär­ti­gen Pon­ti­fex könn­te auch hier Vor­bild­funk­ti­on haben: Die kirch­li­che Leh­re ist weder kon­ser­va­tiv noch pro­gres­siv, weder alt- noch neu­mo­disch. Sie ist nicht zeit­ge­mäß, son­dern ewig­keits- und got­tes­ge­mäß und gera­de des­we­gen auch dem Men­schen gemäß.

Pfar­rer Hend­rick Jolie ist Mit­glied im Spre­cher­gre­mi­um des Netz­werks katho­li­scher Prie­ster

5 Kommentare

  1. Bischof Stimpf­le: … hat der ver­stor­be­ne Augs­bur­ger Bischof Josef Stimpf­le das in einem Brief wie folgt aus­ge­drückt: „Ich bit­te Sie, am Meß­op­fer teil­zu­neh­men, vor allem an Sonn­tag. Hier emp­fan­gen Sie Kraft von oben, wenn Sie auch nicht zum Tisch des Herrn gehen kön­nen.

    Was der Bischof wirk­lich mein­te:

    Sie dür­fen ger­ne zum Fest­mahl kom­men, viel­leicht las­sen wir Sie sogar mit am Tisch sit­zen. Mit uns essen dür­fen Sie nie­mals.

    • @ F.M.

      Ja, so geht das manch­mal im Leben. Man soll­te immer die Fol­gen sei­nes Han­delns im vor­aus beden­ken und auch die Kon­se­quen­zen ertra­gen.

      „Wer also unwür­dig von dem Brot ißt und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schul­dig am Leib und am Blut des Herrn“ (1 Kor 11, 27)“

      Gott ist barm­her­zig und liebt uns, aber er hat uns die Gebo­te ganz sicher nicht aus Jux und Dol­le­rei gege­ben.

  2. Rich­tig! Bei­de Sei­ten soll­ten die Kon­se­quen­zen beden­ken. Stel­len Sie sich mal vor, da lädt jemand zum Fest­mahl ein — und kei­ner kommt. Scheint mir wenig sinn­voll. Und wie war das mit dem ver­lo­re­nen Sohn? Aber egal, jeder ist sei­nes Glückes Schmid, ist die Quint­essenz aus ihrer Ant­wort. Das gilt auch für die katho­li­sche Kir­che. Wenn das so wei­ter geht, sind das bald alles Hir­ten, die ihre Her­de ver­lo­ren haben.

  3. @ F.M.
    Wenn ein Prie­ster das Hl. Meß­op­fer dar­bringt, und sei es auch ohne Volk, dann ist das ein gro­ßer Segen für die gan­ze Welt. Die­je­ni­gen, die dabei sind, wer­den in den Segen ganz beson­ders hin­ein­ge­nom­men, auch wenn sie nicht an der hl. Kom­mu­ni­on teil­neh­men (kön­nen). Im alten Ritus spürt man dies deut­lich, da es dort um die Opfer­fei­er geht, weni­ger um die Mahl­fei­er des neu­en Ritus. Dort trifft man auch immer etli­che, die zur Kom­mu­ni­on nicht nach vor­ne lau­fen, son­dern geist­li­cher­wei­se kom­mu­ni­zie­ren.

  4. Wie immer ist auch hier das Pferd vom Schwanz her auf­ge­zäumt.
    Hoch­wür­den Jolie kri­ti­siert zu recht.
    Ich gehe noch wei­ter.
    Hat einer der geist­li­chen Her­ren in sei­ner Zeit als Prie­ster auch nur ein­mal ver­kün­det, daß jeder außer­ehe­li­che GV eine schwe­re Sün­de ist?
    Hat auch nur einer dar­über nach­ge­dacht, welch schwe­re Schuld er auf sich nimmt, wenn er die Gläu­bi­gen täuscht?
    Ehe­bruch ist ein beson­ders schwe­res Ver­bre­chen, weil er auch noch Ursa­che für nach­fol­gen­de Sün­den des ver­las­se­nen Part­ners ist.
    Aber auch die Schä­den, die die ver­las­se­nen Kin­der als Hypo­thek mit in ihre Zukunft neh­men müs­sen, gehen auf die­ses Kon­to.
    Die Kir­che soll sich zuerst um die Ver­las­se­nen küm­mern, daß die­se es schaf­fen, im „Wit­wen­stand“ treu aus­zu­hal­ten.
    Für die Ehe­bre­cher gibt es auch eine Mög­lich­keit, halb­wegs Ord­nung ins Leben zu brin­gen: Der feste Vor­satz, ent­halt­sam zu leben. Das müs­sen vie­le ande­re schließ­lich eben­so. Wie­vie­le Sin­gles gibt es heu­te, dank des Ver­sa­gens der kirch­li­chen Ver­kün­di­gung

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