Türkei: Ökumenisches Patriarchat will kein Spielball der Politik sein — Metropolit Staikos zu den Problemen der kirchlichen Existenz in der Türkei

(Istan­bul) Das Öku­me­ni­sche Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel lässt sich nicht zum Spiel­ball der Poli­tik machen. Das beton­te der Wie­ner ortho­do­xe Metro­po­lit Micha­el Sta­ikos am 9. Okto­ber vor Jour­na­li­sten aus Deutsch­land, Öster­reich, Polen und der Schweiz in Istan­bul.

Erst unlängst habe der tür­ki­sche Euro­pa­mi­ni­ster Ege­men Bagis beim „Forum Alp­bach“ in Tirol erklärt, daß eine Bes­ser­stel­lung der tür­ki­schen Min­der­heit im grie­chi­schen West­thra­ki­en für die Wie­der­eröff­nung des ortho­do­xen Prie­ster­se­mi­nars und der Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le auf der Prin­zen­in­sel Chal­ki sehr hilf­reich wäre. Sol­che Geschäf­te sei­en aber inak­zep­ta­bel, so Metro­po­lit Sta­ikos bei der Begeg­nung mit den Medi­en­ver­tre­tern im Pha­nar: „Das eine hat mit dem ande­ren nichts zu tun“.

Der tür­ki­sche Staat hat­te die theo­lo­gi­sche Hoch­schu­le des Patri­ar­chats 1971 im Zuge eines Ver­bots pri­va­ter Hoch­schu­len geschlos­sen. Seit­her wur­de eine Wie­der­eröff­nung stets abge­lehnt, obwohl pri­va­te Uni­ver­si­tä­ten inzwi­schen wie­der erlaubt und weit ver­brei­tet sei­en. In letz­ter Zeit mehr­ten sich Gerüch­te, daß eine Öff­nung vor der Tür ste­hen könn­te. So berich­te­ten tür­ki­sche Zei­tun­gen immer wie­der von ent­spre­chen­den Absich­ten der Behör­den, auch die EU-Kom­mis­si­on drängt stets dar­auf. Papst Bene­dikt XVI., US-Prä­si­dent Barack Oba­ma wie auch der neue rus­sisch-ortho­do­xe Patri­arch Kyrill I. hat­ten bei ihren Tür­kei-Besu­chen das Pro­blem Chal­ki eben­falls ange­spro­chen. Er habe aber den Ein­druck, so Sta­ikos, daß die­se Initia­ti­ven von außen eher kon­tra­pro­duk­tiv sei­en. Die Tür­kei betrach­te dies als eine Ein­mi­schung in inne­re Ange­le­gen­hei­ten. Patri­arch Bar­tho­lo­mai­os I. sei jeden­falls „bis heu­te von staat­li­cher Sei­te noch nicht auf das Pro­blem Chal­ki ange­spro­chen“ wor­den.

Das bestä­tig­te auch der Pres­se­spre­cher des Patri­ar­chats, Erz­prie­ster Dosi­the­os Ana­gnos­to­pou­los: „Es gibt lei­der kei­nen Dia­log mit Anka­ra“. Allein seit 1991 habe es von Sei­ten des Patri­ar­chats 19 Ein­ga­ben an die Behör­den in Sachen Chal­ki gege­ben, zwei habe Patri­arch Bar­tho­lo­mai­os I. per­sön­lich der Regie­rung in Anka­ra über­reicht. Doch bis­lang gebe es kei­ne Reak­ti­on dar­auf, berich­te­te Ana­gnos­to­pou­los.

Der Vor­wurf, daß sich das Öku­me­ni­sche Patri­ar­chat in Chal­ki von kei­ner staat­li­chen Behör­de kon­trol­lie­ren las­sen wol­le, sei eben­falls nicht halt­bar, so Sta­ikos und Ana­gnos­to­pou­los. Der Pres­se­spre­cher des Patri­ar­chats ver­wies auf eine Rege­lung aus dem Jahr 1951, die heu­te aber offen­sicht­lich auf Sei­ten der Behör­den nie­mand mehr ken­ne. Sta­ikos: „Chal­ki stand zwar unter der geist­li­chen Lei­tung des Öku­me­ni­schen Patri­ar­chats, wur­de aber immer auch vom zustän­di­gen Mini­ste­ri­um kon­trol­liert“. Dage­gen habe man nichts ein­zu­wen­den, Patri­arch Bar­tho­lo­mai­os I. habe mehr­fach ent­spre­chen­de Vor­schlä­ge unter­brei­tet.

Metro­po­lit Sta­ikos ist noch bis Febru­ar 2010 stän­di­ges Mit­glied des Hei­li­gen Syn­ods. Der Hei­li­ge Syn­od ist das ober­ste Lei­tungs­gre­mi­um der Kir­che von Kon­stan­ti­no­pel, ihm ist auch die Wahl der Bischö­fe über­tra­gen. Vor sie­ben Jah­ren führ­te Patri­arch Bar­tho­lo­mai­os I. die Rege­lung ein, daß die Hälf­te der zwölf stän­di­gen Mit­glie­der des Syn­ods aus den außer­halb der Tür­kei lie­gen­den Diö­ze­sen kom­men muß. Dage­gen wur­den zwar bei der tür­ki­schen Staats­an­walt­schaft Beschwer­den ein­ge­bracht, bis­lang hät­ten die Behör­den aber nicht ein­ge­grif­fen. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand wer­de dem Patri­ar­chen ver­mit­telt, daß man die neue Rege­lung bis auf wei­te­res tole­rie­re, aber, so Sta­ikos: „Es gibt kein Gesetz, wonach dies ver­bo­ten ist“. Letzt­lich gebe es über­haupt kei­ne gesetz­li­chen Rege­lun­gen im Zusam­men­hang mit dem Patri­ar­chat, weil des­sen Exi­stenz sich in einem juri­di­schen Schwe­be­zu­stand abspielt.

Das offi­zi­el­le Anka­ra betrach­tet bis heu­te das Öku­me­ni­sche Patri­ar­chat als nur für die in der Tür­kei leben­den Ortho­do­xen zustän­dig und beruft sich dabei auf den Frie­dens­ver­trag von Lau­sanne (1923). Den „öku­me­ni­schen“ (welt­um­span­nen­den) Cha­rak­ter des Patri­ar­chats will die Tür­kei nicht aner­ken­nen. Das wur­de bei­spiels­wei­se erst vor weni­gen Mona­ten wie­der in einem ent­spre­chen­den Bericht des Aussen­mi­ni­ste­ri­ums über reli­giö­se Min­der­hei­ten in der Tür­kei deut­lich, der dem tür­ki­schen Par­la­ment vor­ge­legt wur­de.

Das Öku­me­ni­sche Patri­ar­chat — wie auch die ande­ren reli­giö­sen Min­der­hei­ten im Land — müss­ten end­lich den Sta­tus einer Rechts­per­sön­lich­keit erlan­gen, for­der­te Sta­ikos. Offi­zi­ell exi­stie­re die Kir­che nur über from­me Ver­ei­ne und Stif­tun­gen („vakf“) und kön­ne so auch nicht direkt Besitz erwer­ben oder ver­wal­ten. Nicht ein­mal der Pha­nar, der Sitz des Patri­ar­chen „gehö­re“ dem Patri­ar­chat. Offi­zi­ell gehö­re der Pha­nar viel­mehr zu Georgs­ka­the­dra­le, die als Stif­tung ein­ge­tra­gen ist.

Die Rech­te der kirch­li­chen Stif­tun­gen wür­den immer mehr beschnit­ten, kri­ti­sier­te Sta­ikos, es kom­me zu Ent­eig­nun­gen. Der­zeit wür­den aller­dings vie­le Pro­zes­se ange­strengt, es gebe auch immer wie­der Ent­schei­dun­gen auf euro­päi­scher Ebe­ne zugun­sten der kirch­li­chen Stif­tun­gen; zuletzt erst Anfang Okto­ber.

Metro­po­lit Sta­ikos ver­wies u.a. auf das gro­ße ortho­do­xe Wai­sen­haus auf der Prin­zen­in­sel Büy­ü­ka­da, für das das Öku­me­ni­sche Patri­ar­chat bis zum Euro­päi­schen Men­schen­ge­richts­hof pro­zes­siert hat­te. Um das Wai­sen­haus hat­te es einen jahr­zehn­te­lan­gen Rechts­streit gege­ben. Ursprüng­lich als Hotel geplant, war der Bau 1902 in das Eigen­tum der Kir­che über­ge­gan­gen. Wie üblich, wur­de das Wai­sen­haus als Stif­tung orga­ni­siert. In den sech­zi­ger Jah­ren kam es dann zu einem Brand und in Fol­ge zur Schlie­ßung des Hau­ses. Dar­auf­hin stell­ten sich die tür­ki­schen Behör­den auf den Stand­punkt, daß damit die Stif­tung erlo­schen sei und über­tru­gen die Immo­bi­lie an die staat­li­che Zen­tral­ver­wal­tung der Stif­tun­gen. Dage­gen pro­zes­sier­te das Öku­me­ni­sche Patri­ar­chat durch alle Instan­zen und bekam schließ­lich 2008 vom Euro­päi­schen Men­schen­ge­richts­hof Recht.

Metro­po­lit Sta­ikos kri­ti­sier­te auch die Tat­sa­che, daß nur ein tür­ki­scher Staats­bür­ger zum Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen gewählt wer­den dür­fe: „Alle Bischö­fe des Öku­me­ni­schen Patri­ar­chats sol­len wähl­bar sein und der neue Patri­arch soll dann die tür­ki­sche Staats­bür­ger­schaft bekom­men“. Dafür gebe es auch ein Bei­spiel in der Geschich­te. Als der Metro­po­lit von Nord- und Süd­ame­ri­ka, Athen­ago­ras, 1948 zum Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen gewählt wur­de, bekam er bei sei­ner Ankunft in der Tür­kei die Staats­bür­ger­schafts­ur­kun­de über­reicht.

Von einem Prie­ster­man­gel kön­nen Sta­ikos und Ana­gnos­to­pou­los aber nicht spre­chen, viel­mehr von einem Gläu­bi­gen­man­gel. Für die seel­sorg­li­che Betreu­ung der grie­chisch-ortho­do­xen Rest­mi­no­ri­tät in Istan­bul ste­hen 40 — meist älte­re — Geist­li­che zur Ver­fü­gung. In rund 80 Kir­chen wird — oft abwech­selnd — Got­tes­dienst gefei­ert. Auch die grie­chi­sche Schu­le in Istan­bul ist nach wie vor geöff­net, wird aber nur mehr von weni­gen Schü­lern besucht. Sta­ikos: „Sogar in Wien haben wir mehr Schü­ler als hier“.

Einer jüngst ver­öf­fent­lich­ten Umfra­ge, wonach eine Mehr­heit der Tür­ken reli­giö­sen Min­der­hei­ten ableh­nend gegen­über­steht, woll­ten Sta­ikos und der Pres­se­spre­cher des Patri­ar­chats kei­nen Glau­ben schen­ken. Die Men­schen sei­en sehr tole­rant und hät­ten Respekt vor ande­ren Reli­gio­nen. Sta­ikos: „Seit 30 Jah­ren bin ich immer wie­der als Prie­ster und Bischof in Istan­bul. Und immer wur­de ich sehr respekt­voll behan­delt. Nie gab es Pro­ble­me“.

(APD)