Fazenda. Der Hoffnung den Hof machen

von Josef Bordat

Oft wer­de ich gefragt, war­um ich an Gott glau­be. Manch­mal ergänzt durch ein „Eigent­lich“, ein „Noch“, ein „Trotz­dem“. Wenn ich die Begrün­dung für mei­nen Glau­ben an Gott in einem ein­zi­gen Begriff zusam­men­fas­sen müß­te, dann wäre das der Begriff „Lie­be“. Soll­te ich dann auf­ge­for­dert wer­den, ein Bei­spiel zu nen­nen, wo Lie­be spür­bar wird, dann wür­de ich „Fazen­da“ sagen. Und wäre ein Beleg gewünscht, hie­ße der „Gut Neu­hof“.

Auf den Fazen­das da Espe­r­an­ça fin­den Abhän­gi­ge zur Frei­heit und zu sich selbst. Durch Arbeit, Gemein­schaft und Gebet. Und ein­mal im Jahr wird gefei­ert: Fran­zis­kus­fest. Im Geden­ken an den Tran­si­tus des Hl. Franz von Assi­si am 3. Okto­ber 1226, den Über­gang des Ordens­grün­ders in das Ewi­ge Leben, wird die eige­ne Ver­wand­lungs­ge­schich­te reflek­tiert. Ein bes­se­res Motiv gibt es nicht.

Etwa 700 Men­schen, dar­un­ter mei­ne Frau und ich, besuch­ten am 3. Okto­ber 2009 das Fran­zis­kus­fest auf der Fazen­da da Espe­r­an­ça (Hof der Hoff­nung) in Gut Neu­hof bei Nau­en, etwa 50 Kilo­me­ter nord­west­lich von Ber­lin. Gemein­sam mit Fazen­da-Grün­der Bru­der Hans Sta­pel OFM und Bischof Johan­nes Bahl­mann OFM, der in sei­ner Diö­ze­se Ama­zo­ni­en aus pho­ne­ti­schen Grün­den nur „Ber­nar­do“ genannt wird, hiel­ten die Besu­cher unter dem Mot­to „Hoff­nung sicht­bar machen“ Got­tes­dienst, hör­ten die Erfah­run­gen jun­ger Men­schen, deren Leben von Dro­gen und ande­ren Süch­ten beherrscht war und die nun auf dem Hof der Hoff­nung einen Aus­weg suchen, kamen mit­ein­an­der ins Gespräch und konn­ten die ein­zig­ar­ti­ge Atmo­sphä­re des Fran­zis­kus­fe­stes genie­ßen.

Seit elf Jah­ren gibt es in den sanier­ten Gebäu­den von Gut Neu­hof das Reku­pera­ti­ons­pro­jekt Fazen­da da Espe­r­an­ça. Des­sen Geschich­te ist sinn­bild­lich für die, die seit­her hier leben: Aus dem völ­lig ver­wahr­lo­sten Gelän­de des Gutes, aus den her­un­ter­ge­kom­me­nen Gebäu­den und einer rie­si­gen Hal­de aus Schrott und Müll ent­steht eine gepfleg­te Anla­ge mit meh­re­ren Wohn­häu­sern und Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen, Land­wirt­schaft und Kunst­hand­werk, Flei­sche­rei und Café. Und mit einer schö­nen Kapel­le. Die Visi­on, zur Jahr­tau­send­wen­de ein „neu­es Beth­le­hem“ geschaf­fen zu haben, „in dem Gott zu den Men­schen kommt“, ist Rea­li­tät gewor­den. Man hört es, man sieht es, man schmeckt es.

„Reku­pera­ti­on“, das bedeu­tet, zu sich selbst zurück­zu­fin­den, zu sei­nen Wün­schen und Hoff­nun­gen. Ein Jahr dau­ert das Pro­gramm in der Regel, wenn nötig auch län­ger. Bru­der Hans betont die Not­wen­dig­keit, die­ses Jahr in einer Gemein­schaft zu ver­brin­gen, in der das lie­be­vol­le Mit­ein­an­der die ent­schei­den­de Rol­le spielt. Wer auf einer Fazen­da auf­ge­nom­men wird, macht einen radi­ka­len Schritt. Sie oder er muß bereit sein, sich auf die Säu­len des All­tags­le­bens auf der Fazen­da ein­zu­las­sen – Arbeit, Gemein­schaft und Spi­ri­tua­li­tät. Jeden Mor­gen gibt es das Rosen­kranz­ge­bet und die Betrach­tung eines Wor­tes aus dem Evan­ge­li­um. Dar­an muß man teil­neh­men, auch wenn es dem einen oder der ande­ren aus den Rei­hen der nicht immer kir­chen­na­hen jun­gen Erwach­se­nen schwer fällt. Denn das Wort soll im Lau­fe das Tages in die Tat umge­setzt, es soll „gelebt“ wer­den. Dazu muß man es hören, ver­ste­hen und ver­in­ner­li­chen. Des­halb sind Betrach­tung und Gebet zu Tages­be­ginn Pflicht. Ohne Wenn und Aber.

Doch das ist bei wei­tem nicht die ein­zi­ge Spiel­re­gel, auf die sich die Reku­per­an­ten ein­las­sen. Auf der Fazen­da gibt es kei­ne Ersatz- oder Über­gangs­dro­gen. Es gibt kei­nen Alko­hol, kei­ne Ziga­ret­ten, kein Fern­se­hen, kein Tele­fon und kein Inter­net. Der Kon­takt zur Außen­welt soll auf ein Mini­mum redu­ziert wer­den, um wirk­lich zu sich selbst zurück­fin­den zu kön­nen. Und zu mer­ken, wie schön es sein kann, ein­mal einen Brief per Hand zu schrei­ben. Die Fazen­das sind also kei­ne Orte des kli­nisch-the­ra­peu­ti­schen Dro­gen­ent­zugs, son­dern Stät­ten der voll­stän­di­gen Erneue­rung des Men­schen und sei­ner Bezie­hung zu Gott, zum Näch­sten und zur Umwelt. Nicht mit den Dro­gen auf­hö­ren, son­dern anfan­gen, ein neu­er Mensch zu wer­den, bei dem die blei­ben­de Ver­su­chung nach erfolg­rei­cher Reku­pera­ti­on nicht mehr durch­drin­gen kann, dar­auf liegt der Akzent. Die Rech­nung geht auf: Die Rück­fall­quo­te ist sehr gering.

Es grenzt nicht an ein Wun­der, was auf Gut Neu­hof und den ande­ren Fazen­das geschieht, es ist ein Wun­der. Es ist wun­der­bar, wie Men­schen aus ver­schie­de­nen Län­dern, die unter­schied­li­che Spra­chen spre­chen und vor Mona­ten noch im Gefäng­nis saßen oder in der Gos­se lagen, zusam­men beten und arbei­ten, strei­ten und sich ver­söh­nen. Wie sie sich stüt­zen auf dem Weg. Und wie sie schließ­lich von der Dro­ge frei wer­den und zu neu­em Leben gelan­gen. Es gibt wohl kaum etwas Schö­ne­res, als mit­zu­er­le­ben, daß lee­re Augen wie­der strah­len, Men­schen wie­der leben kön­nen – und wol­len.

Wer das erlebt hat, der kann sie nach­voll­zie­hen, die vie­len wun­der­vol­len Geschich­ten aus Wel­ten im Wan­del. Von einem ehe­ma­li­gen Reku­per­an­ten und ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter, der sagt, er habe an 15 Jah­re Dro­gen­zeit kei­ne Erin­ne­rung, an sein Jahr auf der Fazen­da aber sehr wohl. Von einem Mäd­chen, das sich im Dienst einer Model­kar­rie­re zum Ske­lett hun­ger­te und auf der Fazen­da erfuhr, was wah­re Schön­heit ist. Von einem Bra­si­lia­ner, der für ein Flug­ticket nach Mos­kau sein Motor­rad ver­kauf­te, um mit­zu­hel­fen, die erste Fazen­da in Ruß­land auf­zu­bau­en, damit die Geschich­te wei­ter­geht. Und davon, wie die­se Geschich­te begann.

1979, an einer Stra­ßen­ecke in einer bra­si­lia­ni­schen Stadt, einem bekann­ten Dro­gen­um­schlag­platz, nimmt ein 17jähriger Jun­ge namens Nel­son mit den Süch­ti­gen Kon­takt auf. Nicht um zu beleh­ren oder zu mis­sio­nie­ren, son­dern um ihnen sei­ne Freund­schaft anzu­bie­ten. Bru­der Hans war damals in der Stadt Seel­sor­ger und hat­te die Gläu­bi­gen zur täti­gen Näch­sten­lie­be ermu­tigt. Und dazu, sich mit dem Näch­sten in empa­thi­scher Absicht eins zu machen, getreu dem Wort „Den Schwa­chen bin ich ein Schwa­cher gewor­den, damit ich die Schwa­chen gewin­ne. Ich bin allen alles gewor­den, damit ich auf alle Wei­se eini­ge ret­te.“ (1 Kor 9, 22) Die Bot­schaft war bei Nel­son ange­kom­men. Er schafft es, eine Ver­bin­dung zu den Dro­gen­ab­hän­gi­gen her­zu­stel­len, ihr Ver­trau­en zu gewin­nen. Eines Tages leiht Nel­son einem der Jun­kies sein Fahr­rad. Inner­lich mag er es abge­schrie­ben haben, Jah­re spä­ter erfuhr er, daß sein neu­er Freund tat­säch­lich über­legt hat­te, das Fahr­rad zu Stoff zu machen. Doch er bringt es Nel­son zurück, geputzt und repa­riert. Ein unüber­seh­ba­res Hoff­nungs­zei­chen. Nel­son spürt: Hier geht was. Bru­der Hans ist der glei­chen Ansicht. Die Fazen­da-Idee wird gebo­ren.

Im 800. Jahr der Aner­ken­nung der Ordens­re­gel des Hl. Franz von Assi­si, blickt die Fazen­da-Bewe­gung auf eine kur­ze, aber den­noch beein­drucken­de Geschich­te zurück. Vor etwa 30 Jah­ren ent­stand die erste Grup­pe um Bru­der Hans und Nel­son, spä­ter der erste Hof in Bra­si­li­en, heu­te sind es welt­weit über 60 Höfe mit etwa 2000 Abhän­gi­gen in Reku­pera­ti­on. Etwa 10.000 jun­ge Men­schen fan­den in den drei Jahr­zehn­ten Fazen­da-Geschich­te den Weg aus der Dro­ge in ein selbst­be­stimm­tes Leben. Über 30 Höfe wer­den der­zeit vor­be­rei­tet, alle paar Wochen wird irgend­wo auf der Welt eine Fazen­da eröff­net. Auch in mei­ner nie­der­rhei­ni­schen Hei­mat gibt es neu­er­dings einen Hof der Hoff­nung, in der Nähe der alten Römer­stadt Xan­ten.

Einer brei­te­ren Öffent­lich­keit wur­den die Fazen­das durch den Bra­si­li­en-Besuch Papst Bene­dikts im Mai 2007 bekannt. Auf der Fazen­da in Gua­ra­tin­gue­ta traf sich der Papst mit Bru­der Hans und war von den Erfah­run­gen der Reku­per­an­ten sehr beein­druckt, so sehr, daß er seit­dem mehr­mals bei unter­schied­li­chen Gele­gen­hei­ten auf die Glau­bens­kraft und die geleb­te Lie­be, die die Höfe und ihre Bewoh­ner prägt, Bezug genom­men hat, etwa am 21. Dezem­ber 2007 in einer Anspra­che vor der Römi­schen Kurie: „Mit beson­de­rer Freu­de erin­ne­re ich mich an den Tag auf der Fazen­da da Espe­r­an­ça, wo Men­schen, die in die Skla­ve­rei der Dro­ge gefal­len sind, Frei­heit und Hoff­nung wie­der­fin­den. Als ich dort ange­kom­men bin, habe ich zuerst in neu­er Wei­se ver­stan­den, daß die Schöp­fung Got­tes eine erneu­ern­de Kraft hat. Wir müs­sen die Schöp­fung nicht nur im Hin­blick auf ihre Vor­tei­le schüt­zen, son­dern auch um ihrer selbst wil­len – als Bot­schaft des Schöp­fers, als Geschenk der Schön­heit, die uns Ver­hei­ßung und Hoff­nung ist. Ja, der Mensch braucht die Tran­szen­denz. ‚Gott allein genügt’, sagt die Hei­li­ge The­re­sa von Avi­la. Wenn Er fehlt, muß der Mensch allein ver­su­chen, die Gren­zen der Welt zu über­win­den, um für sich selbst den Raum des Unend­li­chen zu eröff­nen, auf den hin er geschaf­fen wur­de. Von daher wird die Dro­ge fast zu einer Not­wen­dig­keit. Aber bald merkt er, daß es eine unend­li­che Illu­si­on ist, eine Fal­le, so könn­te man sagen, die der Teu­fel für den Men­schen vor­be­rei­tet hat. Dort auf der Fazen­da da Espe­r­an­ça schei­nen die­se Abgrün­de der Welt wirk­lich über­wun­den zu sein, indem man sich mit sei­nem Leben öff­net und auf Gott schaut und so Reku­pera­ti­on geschieht.“

Oft erkun­digt sich Bene­dikt nach dem Fort­schritt ein­zel­ner Pro­jek­te und unter­stützt Bru­der Hans mit sei­nem Gebet. Einen grö­ße­ren Geld­be­trag hat der Vati­kan auch bereit gestellt. Mehr kann man als Ergeb­nis eines Papst­be­suchs wohl nicht erwar­ten. In Erin­ne­rung blei­ben wird ins­be­son­de­re sein war­nen­der Fin­ger gegen­über den Dro­gen­händ­lern. Der Papst hat sie in sei­nem Gruß­wort von Gua­ra­tin­gue­ta dar­an erin­nert, daß sie sich eines Tages für ihr Tun recht­fer­ti­gen müs­sen. Und zum ande­ren dar­an, daß er die Jugend­li­chen ermu­tigt und trotz ihres zuvor kaput­ten Lebens als „Bot­schaf­ter der Hoff­nung“ bezeich­net hat. Er hat ihnen klar­ge­macht, daß die Kir­che sie braucht als Boten einer Hoff­nung wider alle Hoff­nungs­lo­sig­keit. Wenn nicht sie die­se Rol­le mit Leib und See­le aus­fül­len kön­nen, wer dann?

Das „Fran­zis­kus­fest“ endet mit einem gro­ßen Lager­feu­er. Die har­te Rea­li­tät des All­tags hat in die­ser Roman­tik Pau­se. Eine ganz kur­ze Zeit zum Nach­den­ken über die Fazen­das. Es sind „Ein­rich­tun­gen, die den Abhän­gi­gen Per­spek­ti­ven für ein Leben ohne Sucht eröff­nen und sie in ihrem Wil­len zur Absti­nenz stär­ken“, wie die Dro­gen­be­auf­trag­te der CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on Maria Eich­horn meint. Ganz sicher. Aber auch „Inkar­na­tio­nen der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, die in der Öffent­lich­keit die not­wen­di­ge Akti­on der Kir­che dar­stel­len, weil sie den Wert des Men­schen, die Wür­de der Fami­lie und die Bedeu­tung der Arbeit beto­nen“ (Erz­bi­schof von Parai­ba, Aldo de Cil­lo Pagot­to). Und wie! Doch in erster Linie sind Fazen­das Orte der Got­te­s­er­fah­rung für jeden Men­schen, für Reku­per­an­ten, Besu­cher, Frei­wil­li­ge, Ordens­leu­te, Prie­ster, Bischö­fe und den Papst. Wer die Fazen­da ken­nen ler­nen durf­te, hat­te eine dicke Chan­ce zur Begeg­nung mit Gott. Die­se Chan­ce gehabt zu haben, ist wohl das, was man „Gna­de“ nennt. Näch­stes Jahr kom­men wir wie­der.