Der Abgrund zwischen den pastoralen Vorstellungen von heute und jenen Gregors des Großen

(Rom) Der Barn­abi­ten­pa­ter Gio­van­ni Sca­le­se (Kon­gre­ga­ti­on der Regu­larkle­ri­ker vom hl. Pau­lus) zitier­te in einem Inter­view mit der Inter­net­sei­te Coope­ra­to­res veri­ta­tis, auf die Fra­ge nach der „Pasto­ra­li­tät“, die Pasto­ral­brie­fe des Hei­li­gen Pau­lus und die Regu­la pasto­ra­lis des Hei­li­gen Gre­gors des Gro­ßen (Papst 590–604). Auf sei­ner Inter­net­sei­te Anti­quo Robo­re kam Pater Sca­le­se nun auf die Fra­ge zurück, für die er in näch­ster Zukunft eine aus­führ­li­che Ver­tie­fung ankün­digt. Vor­erst ver­weist er auf eine Sei­te der Pasto­ral­re­gel des Hei­li­gen Gre­gors, „um den Abgrund auf­zu­zei­gen, der die heu­ti­gen ‚pasto­ra­len‘ Vor­stel­lun­gen von jenen des hei­li­ge Kir­chen­va­ters unter­schei­det.“ Der Abschnitt ist dem Lek­tio­nar zum Stun­den­buch der Kir­che, dem Offi­ci­um lec­tio­n­is der 21. Woche im Jah­res­kreis der zwei­ten Jah­res­rei­he ent­nom­men.

Der Seel­sor­ger zei­ge Takt im Schwei­gen und rede, wenn es nützt. Dann sagt er nicht, was er zu ver­schwei­gen hät­te, und ver­schweigt nicht, was gesagt wer­den müß­te. Unvor­sich­ti­ges Reden führt in die Irre, fal­sches Schwei­gen läßt den Irr­tum bestehen, der beho­ben wer­den könn­te. Denn oft ver­nach­läs­si­gen Vor­ste­her ihre Sor­ge­pflicht, fürch­ten die Gunst der Men­schen zu ver­lie­ren und scheu­en sich, mit Frei­mut das Rech­te zu sagen. Nach der Stim­me der Wahr­heit hüten sie die Her­de nicht mit dem Eifer der Hir­ten, son­dern wie Miet­lin­ge. Die flie­hen, wenn der Wolf kommt, indem sie sich in Schwei­gen hül­len. Dar­um tadelt der Herr sie durch den Pro­phe­ten: „Es sind lau­ter stum­me Hun­de, sie kön­nen nicht bel­len.“
Dar­um klagt er auch: „Ihr seid nicht in die Bre­sche gesprun­gen. Ihr habt kei­ne Mau­er für das Haus Isra­el errich­tet, damit es am Tag des Herrn im Kampf stand­hal­ten kann.“ In die Bre­sche sprin­gen heißt: zur Ver­tei­di­gung der Her­de mit offe­nem Wort den Mäch­ti­gen der Welt ent­ge­gen­tre­ten. Am Tag des Herrn im Kampf stand­hal­ten heißt: den bösen Angrei­fern aus Lie­be zur Gerech­tig­keit wider­ste­hen.
Wenn der Hir­te sich fürch­tet, das Rech­te zu sagen, ergreift er durch Schwei­gen die Flucht. Wenn er sich für die Her­de dem Feind ent­ge­gen­wirft, baut er eine Mau­er für das Haus Isra­el gegen die Fein­de. Dar­um wird dem schul­di­gen Volk gesagt: „Dei­ne Pro­phe­ten schau­ten dir Lug und Trug. Dei­ne Schuld haben sie nicht auf­ge­deckt, um dein Schick­sal zu wen­den.“ Die Pro­phe­ten wer­den in der Hei­li­gen Schrift nicht sel­ten Leh­rer genannt, die auf die Flüch­tig­keit der Gegen­wart hin­wei­sen und die Zukunft offen­ba­ren. Das Wort Got­tes klagt sie an, daß sie Fal­sches schau­en, weil sie sich fürch­ten, die Schuld zu rügen, und weil sie den Sün­dern zweck­los mit vor­ge­täusch­ter Sicher­heit schmei­cheln. Sie decken die Schuld der Sün­der nicht auf und schwei­gen, statt zu tadeln.
Dar­um mahnt der Herr durch Jesa­ja: „Rufe aus vol­ler Keh­le, hal­te dich nicht zur zurück! Erhe­be dei­ne Stim­me wie eine Posau­ne!“

Gre­gor der Gro­ße, Liber regu­lae pasto­ra­lis 2,4, Patro­lo­gia Lati­na 77, 30–31