Papst Franziskus und die Linksoption für Brasilien — „Politische“ Segnung einer Marienstatue von Aparecida im Vatikan

(Rom) Am ver­gan­ge­nen Sams­tag gab das Tages­bul­le­tin des Vati­kans bekannt, daß Papst Fran­zis­kus in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten eine Bron­ze­sta­tue Unse­rer Lie­ben Frau von Apa­re­ci­da seg­ne­te. Eine reli­giö­se Hand­lung, die sich auf „kurio­se“ Wei­se mit einer poli­ti­schen ver­misch­te, die mit der Amts­ent­he­bung der bra­si­lia­ni­schen Staats­prä­si­den­tin Dil­ma Rouss­eff zusam­men­hängt.

Am Tag zuvor berich­te­te die kuba­ni­sche Pres­se­agen­tur Pren­sa Lati­na, daß Rouss­effs Vor­gän­ger, Luiz Iná­cio Lula da Sil­va, Bra­si­li­ens Staats­prä­si­dent von 2003–2011, dem Papst einen Brief über die „schwer­wie­gen­de“ poli­ti­sche Lage „in Bra­si­li­en und auf der Welt“ geschrie­ben hat­te. Rouss­eff und Lula gehö­ren der­sel­ben Par­tei an, dem Parti­do dos Tra­bal­ha­do­res (PT), der lin­ken „Arbei­ter­par­tei“.

Kuba veröffentlicht Lula-Brief gegen Amtsenthebung von Brasiliens Staatspräsidentin

Pren­sa Lati­na ist eine vom kom­mu­ni­sti­schen Regime auf Kuba kon­trol­lier­te Pres­se­agen­tur. Daß sie den Lula-Brief voll­in­halt­lich ver­öf­fent­lich­te, läßt gesin­nungs­mä­ßi­ge Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem PT und dem Insel­staat der Castro-Brü­der erken­nen.

Lula-Brief an Papst Franziskus
Lula-Brief an Papst Fran­zis­kus

Lula infor­mier­te Papst Fran­zis­kus in dem Brief, daß „kon­ser­va­ti­ve“ poli­ti­sche Kräf­te am Werk sei­en, die — am „Ran­de der Lega­li­tät“ — eine „Kon­ti­nui­tät und ein Vor­wärts­brin­gen des Pro­jekts der Ent­wick­lung und der sozia­len und frei­en Inklu­si­on“ durch die Arbei­ter­par­tei (PT) „ver­hin­dern“ wol­len.

Im wei­te­ren Brief lobt Lula die „Lei­stun­gen“ der Arbei­ter­par­tei und ver­ur­teilt die Angrif­fe gegen Dil­ma Rouss­eff scharf. Damit wer­de der Ver­such unter­nom­men, Rouss­eff und die „sozia­len Bewe­gun­gen“, beson­ders den PT, zu „kri­mi­na­li­sie­ren“.

Lula for­dert, daß das Volk sei­nen Prä­si­den­ten „frei“ wäh­len müs­se kön­nen, womit er impli­zier­te, daß freie Wah­len durch die „kon­ser­va­ti­ven“ Kräf­te bedroht sei­en. Wört­lich heißt es im Lula-Brief: die „kon­ser­va­ti­ven“ Kräf­te „befürch­ten, daß die Men­schen 2018 mich wäh­len wer­den“, also ihn wie­der zum Staats­prä­si­den­ten machen wür­den. Die bra­si­lia­ni­sche Ver­fas­sung erlaubt nur zwei auf­ein­an­der­fol­gen­de Amts­zei­ten eines Staats­ober­haup­tes. Inzwi­schen könn­te Lula wie­der kan­di­die­ren.

Gleicher Brief von Venezuelas Staatspräsident Maduro

Am Sams­tag wur­de bekannt, daß Papst Fran­zis­kus von Vene­zue­las Staats­prä­si­dent Nico­las Madu­ro genau den­sel­ben Brief erhal­ten hat­te. Neben den kuba­ni­schen Kon­tak­ten läßt das gemein­sa­me Vor­ge­hen Lulas und des „Boli­va­ri­schen“ Prä­si­den­ten Madu­ro eine poli­ti­sche Land­kar­te erken­nen, die mit unter­schied­li­chen Schat­tie­run­gen von sozi­al­de­mo­kra­tisch bis kom­mu­ni­stisch, ein­deu­tig links ver­or­tet ist.

Beob­ach­ter zwei­feln an einem „Zufall“. Die Brie­fe und das Zusam­men­wir­ken der bra­si­lia­nisch-vene­zo­la­nisch-kuba­ni­schen Lin­ken und der Seg­nung der Mari­en­sta­tue von Apa­re­ci­da, einem bra­si­lia­ni­schen Mari­en­wall­fahrts­ort, „kön­nen ein Zufall sein, doch sieht es nicht danach aus“, so Secretum meum mihi.

Papst Fran­zis­kus nütz­te die Seg­nung, um zur Lage in Bra­si­li­en Stel­lung zu neh­men und tat dies durch Ver­men­gung reli­giö­ser und poli­ti­scher Aspek­te. Wört­lich sag­te das Kir­chen­ober­haupt, daß Bra­si­li­en „trau­ri­ge Momen­te“ erle­be. Daß Geste und Wor­te als Par­tei­nah­me für Dil­ma Rouss­eff und die Arbei­ter­par­tei zu ver­ste­hen sind, dafür sorg­te die „Papst-Freun­din“ und Papst-Bio­gra­phin Eli­sa­bet­ta Piqué mit einem Arti­kel in der argen­ti­ni­schen Tages­zei­tung La Naci­on.

„Gottesmutter möge Linksregierung erhalten und ‚konservative‘ Kräfte fernhalten?“

Mit der Seg­nung der Mari­en­sta­tue gab Fran­zis­kus bekannt, anders als zunächst ange­deu­tet, 2017 nicht nach Bra­si­li­en zu rei­sen, um an 300-Jahr­fei­ern des Mari­en­wall­fahrts­or­tes von Apa­re­ci­da teil­zu­neh­men.

Piqué-Artikel in "La Nacion" über Papst Franziskus und seine "Brasilien-Option"Krise in Brasilien Papst hofft auf Linkslösung
Piqué-Arti­kel in „La Naci­on“ über Papst Fran­zis­kus und sei­ne „Brasilien-Option„Krise

Fran­zis­kus bat am Sams­tag die Got­tes­mut­ter von Apa­re­ci­da, das „bra­si­lia­ni­sche Volk in die­sem trau­ri­gen Moment“ und „die Ärm­sten, die Aus­ge­grenz­ten, die ver­las­se­nen Alten, die Stra­ßen­kin­der zu beschüt­zen; ihrem Volk die sozia­le Gerech­tig­keit mit der Lie­be Jesu zu ret­ten“.

Piqués Arti­kel läßt kei­nen Zwei­fel, daß damit eine bestimm­te poli­ti­sche Opti­on gemeint ist, die von der Got­tes­mut­ter geschützt wer­den soll. Um es im Sin­ne Lulas und Madu­ros zu sagen: „Die Got­tes­mut­ter möge die Links­re­gie­rung an der Macht erhal­ten und die ‚kon­ser­va­ti­ven‘ Kräf­te davon fern­hal­ten“, so Fran­cis­co Fer­nan­dez de la Cigo­ña.

Bereits im Zuge des Prä­si­dent­schafts­wahl­kamp­fes in Argen­ti­ni­en hat­te sich Papst Fran­zis­kus für die Links­op­ti­on ent­schie­den und den pero­ni­sti­schen Kan­di­da­ten bevor­zugt. Vom Volk gewählt wur­de aller­dings der „kon­ser­va­ti­ve“ Gegen­kan­di­dat, was seit­her eine Rei­he von Rei­bun­gen in den Bezie­hun­gen zur Fol­ge hat­te.

Glei­ches signa­li­sier­te das katho­li­sche Kir­chen­ober­haupt bei sei­nem Latein­ame­ri­ka-Besuch 2015. Wäh­rend die Begeg­nun­gen mit den lin­ken Prä­si­den­ten Ecua­dors und Boli­vi­ens demon­stra­tiv freund­lich aus­fie­len, zeig­te Fran­zis­kus dem „kon­ser­va­ti­ven“ Prä­si­den­ten Para­gu­ays die kal­te Schul­ter, um es zurück­hal­tend zu for­mu­lie­ren. In Wirk­lich­keit griff er ihn in aller Öffent­lich­keit und völ­lig halt­los an.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Pren­sa Latina/La Nacion/Vatican.va/Wikicommons (Screen­shots)