Der gesamte Westen in demographischer Eiszeit, außer ein Land — Israels „Geburtenwunder“: Plus 65 Prozent

(Brüssel/Tel Aviv) Es gibt nur ein ein­zi­ges west­li­ches und rei­ches Land, so das Wall Street Jour­nal, in dem noch aus­rei­chend Kin­der gebo­ren wer­den: in Isra­el. Das Phä­no­men wird als „Wun­der der Demo­kra­tie im Krieg“ bezeich­net. Die Ent­wick­lung ist ver­blüf­fend und soll­te ein Denk­an­stoß für die euro­päi­schen Völ­ker sein.

Laut jüng­sten Ver­öf­fent­li­chun­gen israe­li­scher Regie­rungs­stel­len haben die Gebur­ten zwi­schen 1995 und 2013 um 65  Pro­zent zuge­nom­men. Mit ande­ren Wor­ten: 2013 wur­den um zwei Drit­tel mehr jun­ge israe­li­sche Juden gebo­ren als 1995.

Isra­el kann zahl­rei­che Rekor­de vor­wei­sen und geizt auch nicht damit, die­se publik zu machen. Das Brut­to­in­lands­pro­dukt erleb­te in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren ein Wachs­tum um 900 Pro­zent. Der Steu­er­druck, der sich auf dem west­eu­ro­päi­schen Fest­land wie ein Wür­ge­riff um die arbei­ten­de Bevöl­ke­rung und die lei­stungs­be­rei­ten und staats­tra­gen­den Tei­le des Vol­kes schnürt, ging in Isra­el von 45 auf 32 Pro­zent zurück. Der Export nahm im sel­ben Zeit­raum um 860 Pro­zent zu. Vor 30 Jah­ren ver­füg­te Isra­el über kei­ne eige­nen Ener­gie­quel­len. Heu­te gewinnt es 38 Pro­zent des Eigen­be­darfs selbst. Vor 30 Jah­ren gab es noch kei­ne Ent­sal­zungs­an­la­ge. Heu­te gewinnt Isra­el mehr als 40 Pro­zent des Trink­was­ser­be­darfs aus eige­nen Ent­sal­zungs­an­la­gen. Ten­denz in bei­den Fäl­len: stei­gend.

Laut The Eco­no­mist kommt Isra­el unter allen Staa­ten der Welt bereits an 20. Stel­le bei der Fra­ge, wo es sich 2030 gut leben las­se — noch vor Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Ita­li­en und Japan. Laut dem Wall Street Jour­nal ist Isra­el das zweit­kul­ti­vier­te­ste Land der Welt.

Man­che wer­den ein­wen­den, daß es sich dabei um „zio­ni­sti­sche Pro­pa­gan­da“ hand­le. Mag sein. Befra­gun­gen zei­gen jedoch, daß die israe­li­schen Juden im Ver­gleich zu den Men­schen aller west­li­chen Staa­ten „zufrie­de­ner“ und „glück­li­cher“ sind.

Gegentrend zum gesamten Westen

Damit kom­men wir zum eigent­li­chen The­ma: eine rekord­ver­däch­ti­ge Gebur­ten­ra­te.

Isra­el ist – immer im Ver­gleich zu den west­li­chen Staa­ten – eine gro­ße Mili­tär­gar­ni­son. Schlag­zei­len macht der Staat vor allem im Zusam­men­hang mit Ter­ror­an­schlä­gen und Gewalt wegen des schwe­len­den palä­sti­nen­sisch-jüdi­schen Kon­flik­tes. Eigent­lich kei­ne gün­sti­gen Vor­aus­set­zun­gen für die Gebur­ten­ra­te. In Euro­pa frag­ten sich man­che nach dem Krieg, ob man denn „noch Kin­der in die Welt set­zen“ kön­ne. Eine Fra­ge, die im Zuge der Anti-Atom-Bewe­gung in den 70er und 80er Jah­ren wie­der­holt wur­de. Den­noch ist in Isra­el die Gebur­ten­ra­te in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten kon­ti­nu­ier­lich ange­stie­gen.

Auf pro­pa­gan­di­sti­scher Ebe­ne wur­de inter­na­tio­nal, von den Unter­stüt­zern wie auch von den Geg­nern Isra­els, lan­ge Zeit mit der demo­gra­phi­schen Fra­ge argu­men­tiert. Das Argu­ment bei­der Sei­ten lau­te­te: „Die Ara­ber haben viel mehr Kin­der als die Juden“. Die Schluß­fol­ge­run­gen waren aller­dings unter­schied­lich. Die einen war­ben damit um mehr inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung für den Zio­ni­sten­staat und sei­ne Ter­ri­to­ri­al­po­li­tik. Die ande­ren war­ben damit für die Errich­tung eines unab­hän­gi­gen Palä­sti­nen­ser­staa­tes, denn je schnel­ler und bes­ser man Ara­ber und Juden tren­ne, desto eher kön­ne der Fort­be­stand des Juden­staa­tes gesi­chert wer­den. Andern­falls dro­he die Gefahr, daß die Juden im eige­nen Staat von einer schnel­ler wach­sen­den ara­bi­schen Bevöl­ke­rung in die Min­der­heit gedrückt wer­de.

Mit Ara­ber sind die Palä­sti­nen­ser gemeint, Mus­li­me und Chri­sten. Vor hun­dert Jah­ren war noch jeder drit­te Bewoh­ner des Hei­li­gen Lan­des ein Christ. Seit der Grün­dung des Staa­tes Isra­el und dem damit ent­brann­ten Kon­flikt dro­hen die Chri­sten zwi­schen den jüdisch-mus­li­mi­schen Mühl­stei­nen auf­ge­rie­ben zu wer­den.

1990, als der Oslo-Frie­dens­pro­zeß begann, lag die Gebur­ten­ra­te der israe­li­schen Juden bei durch­schnitt­lich 2,6 Kin­dern je Frau im gebär­fä­hi­gen Alter. Die­ser Wert lag bereits deut­lich über der Mar­ke von 2,1 Kin­dern, die zur Bestands­si­che­rung eines Vol­kes not­wen­dig ist. Ein Wert, von dem alle west­eu­ro­päi­schen Völ­ker seit Jahr­zehn­ten nur träu­men kön­nen.

Israe­li­sche Mus­li­min­nen beka­men damals durch­schnitt­lich 4,7 Kin­der. Die Palä­sti­nen­se­rin­nen im West­jor­dan­land und im Gaza­strei­fen sogar sechs Kin­der.

Jas­sir Ara­fat erklär­te damals, das gebär­freu­di­ge Becken der palä­sti­nen­si­schen Frau­en sei die mäch­tig­ste Waf­fe sei­nes Vol­kes. Isra­els Pre­mier­mi­ni­ster Ehud Olmert bot noch 2007, unter dem Ein­druck einer ticken­den demo­gra­phi­schen Bom­be, Tei­le Jeru­sa­lems und wei­te Tei­le des West­jor­dan­lan­des im Tausch gegen Frie­den an. Das Ange­bot schei­ter­te. Nah­ost-Exper­ten behaup­ten, alle israe­li­schen Zuge­ständ­nis­se der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit sei­en aus Angst vor der ara­bi­schen Gebur­ten­ra­te erfolgt.

Geburtenrate der Juden steigt, die der Araber sinkt

Das Wall Street Jour­nal berich­te­te inzwi­schen aber von einer „demo­gra­phi­schen Revo­lu­ti­on“, die „in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren“ statt­fand und „poli­ti­sche Aus­wir­kun­gen mit Lang­zeit­wir­kung“ haben wer­de. In weni­ger als 20 Jah­ren ist die jähr­li­che Zahl der von jüdi­schen Israe­lis gebo­re­nen Kin­der um 65 Pro­zent gewach­sen. Wur­den 1995 in Isra­el 80.400 jüdi­sche Kin­der gebo­ren, waren es 2013 132.000. In die­sen Tagen schrieb die Tages­zei­tung Il Foglio:

„Die Gebur­ten­ra­te der Juden in Isra­el erleb­te einen unglaub­li­chen Sprung nach vor­ne, wäh­rend die Gebur­ten­ra­te unter den Ara­bern stark zurück­ge­gan­gen ist“.

Die gegen­läu­fi­gen Bewe­gun­gen ver­dop­peln den Effekt.

Die Gebur­ten­ra­te israe­li­scher Jüdin­nen lag 2014, jün­ge­re Zah­len lie­gen noch nicht vor, bei 3,11 Kin­dern je Frau. Zum Ver­gleich dazu lag die Gebur­ten­ra­te ara­bi­scher Frau­en mit 3,17 Kin­dern (2014) nur mehr ganz knapp dar­über. Schät­zun­gen gehen davon aus, daß 2016 erst­mals die Gebur­ten­ra­te der Juden höher als die der Ara­ber sein könn­te.

Bevölkerungswachstum in Israel, "einer Demokratie im Krieg"
Bevöl­ke­rungs­wachs­tum in Isra­el, „einer Demo­kra­tie im Krieg“

Die Gebur­ten­ra­te der Palä­sti­nen­ser sank im sel­ben Zeit­raum 1997–2014 im West­jor­dan­land von 5,6 auf 3,7 und im Gaza­strei­fen von 6 auf 4,5. Ten­denz: schnell fal­lend. Zwi­schen 1994 und 2009 blie­ben die Gebur­ten der israe­li­schen Ara­ber mit jähr­lich 39.000 Kin­dern sta­bil. Im sel­ben Zeit­raum nah­men die Gebur­ten der israe­li­schen Juden jedoch von 80.000 auf 120.000 zu. Der jüdi­sche Bevöl­ke­rungs­an­teil an einem israe­li­schen Jahr­gang erhöh­te sich von 1997–2014 — ohne die jüdi­sche Zuwan­de­rung nach Isra­el zu berück­sich­ti­gen — allein durch die Gebur­ten von nur mehr 67 Pro­zent auf 79 Pro­zent.

Wo lie­gen die Grün­de für die­se Ent­wick­lun­gen? Für den rapi­den Rück­gang der Gebur­ten­ra­te unter den Palä­sti­nen­sern dies­seits und jen­seits der israe­li­schen Gren­ze wer­den die­sel­ben Grün­den genannt wie im Westen: Fami­li­en­pla­nung und Ver­west­li­chung. Den­sel­ben Phä­no­me­nen wären die Juden Isra­els aller­dings auch aus­ge­setzt. Den­noch zeigt bei ihnen die Ent­wick­lung in die genau ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung.

Demographische Eiszeit im Westen

Im Ver­gleich dazu liegt die Gebur­ten­ra­te der euro­päi­schen Völ­ker bei dra­ma­ti­schen 50 Pro­zent der zur Bestands­si­che­rung not­wen­di­gen 2,1 Kin­der je Frau im gebär­fä­hi­gen Alter. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wer­den seit mehr als 40 Jah­ren zu weni­ge Kin­der gebo­ren. Aktu­ell liegt die Gebur­ten­ra­te mit 1,38 weit unter dem Bedarf. Rech­net man davon noch die Kin­der ab, wo bei­de Eltern­tei­le Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben, also zwar einen deut­schen Paß besit­zen, aber kei­ne Deut­schen sind, dann liegt die Frucht­bar­keits­ra­te noch ein­mal tie­fer. Das­sel­be gilt für Öster­reich (1,44), die Schweiz (1,52), Ita­li­en und Spa­ni­en (1,32) und Por­tu­gal 1,28. Aus dem Rah­men zu fal­len schei­nen Frank­reich (2,0), Groß­bri­tan­ni­en (1,9), Bel­gi­en (1,79) und die Nie­der­lan­de mit 1,72. Kei­nes der genann­ten Län­der erreicht jedoch die Mar­ke der Bestands­si­che­rung von 2,1. Wenn die Gebur­ten­ra­te posi­ti­ver ist, als in den Län­dern des deut­schen Sprach­raums, dann allein  auf­grund der höhe­ren Gebur­ten­ra­te der isla­mi­schen Ein­wan­de­rer aus Nord- und West­afri­ka und Süd­asi­en. In den USA sieht es nicht anders aus. Die Gebur­ten­ra­te liegt zwar bei 1,9 Kin­dern, aber nur, weil die wach­sen­de his­pa­ni­sche Gemein­schaft von Ein­wan­de­rern aus Latein­ame­ri­ka den Durch­schnitt hebt.

Rückgang der Geburtenrate in den Nachbarstaaten

Dazwi­schen liegt das klei­ne Isra­el, das häu­fig als „west­li­che Enkla­ve“ in der isla­mi­schen Welt wahr­ge­nom­men wird. Das Land am öst­li­chen Mit­tel­meer erlebt seit Jah­ren ein demo­gra­phi­sches Wachs­tum, das einen exklu­si­ven Kon­tra­punkt zum gesam­ten Westen bil­det. Die jüdi­sche Gebur­ten­ra­te Isra­els liegt inzwi­schen höher als jene von Alge­ri­en (2,82) Ägyp­ten (2,81), Marok­ko (2,71) oder  Sau­di-Ara­bi­en (2,7). Von Tune­si­en (2,17), dem Iran (1,92) und dem Liba­non (1,5) ganz zu schwei­gen. Es gibt kei­nen an Isra­el gren­zen­den Staat mehr, der eine höhe­re Gebur­ten­ra­te vor­wei­sen kann. Mit Jor­da­ni­en haben Isra­els Juden bereits 2014 gleich­ge­zo­gen. Fach­leu­te schät­zen, daß die Gebur­ten­ra­te in Jor­da­ni­en 2016 unter die Mar­ke von drei Kin­dern fal­len wird.

Wie kommt es also, daß der Westen, beson­ders West­eu­ro­pa, demo­gra­phi­schen Selbst­mord begeht, wäh­rend Isra­el eine phä­no­me­na­le Gegen­be­we­gung voll­zieht?

„Das ist die Ein­zig­ar­tig­keit Isra­els, die sich in kei­ner ande­ren Gesell­schaft auf der gan­zen Welt fin­det“,

so Arnon Sof­fer von der Uni­ver­si­tät Hai­fa und einer der bekann­te­sten Demo­gra­phen Isra­els.

Sof­fer nennt einen Grund: Die nicht reli­giö­sen oder gemä­ßigt reli­giö­sen Juden bekom­men mehr Kin­der, wäh­rend die reli­giö­sen und streng reli­giö­sen Juden bereits in der Ver­gan­gen­heit über­durch­schnitt­li­che Gebur­ten­ra­ten hat­ten. Mit ande­ren Wor­ten: die nicht oder weni­ger reli­giö­sen Juden zie­hen den reli­giö­sen Juden nach und schlie­ßen demo­gra­phisch zu die­sen auf. Vor 20 Jah­ren hat­ten die lai­zi­sti­schen Juden im Groß­raum von Tel Aviv durch­schnitt­lich ein Kind, maxi­mal zwei. Heu­te ist es auch dort in jüdi­schen Fami­li­en üblich, drei und vier Kin­der zu haben.

Rechenbeispiel 1: 2085 wird Israel mehr Einwohner haben als Polen

Um die Dra­ma­tik der Ent­wick­lung auf­zu­zei­gen, die zum Ver­gleich auf den euro­päi­schen Völ­kern lastet, soll ein klei­nes Rechen­bei­spiel her­an­ge­zo­gen wer­den. Polen, wo gera­de der Welt­ju­gend­tag 2016 statt­fand, hat­te 2012 nur mehr eine Gebur­ten­ra­te von 1,3 Kin­dern. Bis zum Zusam­men­bruch der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur lag die Frucht­bar­keits­ra­te zuletzt knapp, aber noch immer über dem Mini­mum der Bestands­si­che­rung. Danach folg­te 1990–2000 ein Jahr­zehnt des radi­ka­len Ein­bruchs. Soll­ten die Gebur­ten­ra­ten Polens und Isra­els so blei­ben, wie sie heu­te sind, dann wird Isra­el 2085 mehr Ein­woh­ner haben als Polen.

Rechenbeispiel 2: 2085 wird Israel mehr wehrfähige Männer haben als Deutschland und Österreich zusammen

Jüdische Kinder: Ende des 21. Jahrhunderts werden Israels Juden mehr wehrfährige Männer aufbieten können als die Bundesrepublik Deutschland und Österreich zusammen
Jüdi­sche Kin­der: Ende des 21. Jahr­hun­derts wer­den Isra­els Juden mehr wehr­fä­hi­ge Män­ner auf­bie­ten kön­nen als die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und Öster­reich zusam­men

Und noch ein Rechen­bei­spiel: Der Staat der Juden wird gegen Ende die­ses Jahr­hun­derts mehr Jugend haben als gro­ße euro­päi­sche Völ­ker wie die Ita­lie­ner und die Spa­ni­er  — und gleich­viel wie die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Bei gleich­blei­ben­der Ent­wick­lung wird Isra­el kei­ne 150 Jah­re nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges über mehr wehr­fä­hi­ge jun­ge Män­ner ver­fü­gen als die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und Öster­reich zusam­men. 28 Pro­zent der jüdi­schen Israe­li sind heu­te jün­ger als 15 Jah­re und nur zehn Pro­zent älter als 65.

Im Zusam­men­hang mit dem demo­gra­phi­schen Boom der israe­li­schen Juden wird von ihnen selbst der Begriff „Wun­der“ gebraucht. Ein Wort, das Stau­nen zum Aus­druck brin­gen will, aber auch eine reli­giö­se Anspie­lung ent­hält. Die Israe­lis sehen auch dar­in die Ein­zig­ar­tig­keit ihres Staa­tes: des ein­zi­gen indu­stria­li­sier­ten, post­in­du­stri­el­len, moder­nen, west­li­chen Staa­tes, der eine Gebur­ten­ra­te auf­weist, die Euro­pa und der gesam­te Westen seit bald einem hal­ben Jahr­hun­dert nicht mehr ken­nen.

Der Westen und sein näch­ster Ver­bün­de­ter, Japan, steu­ern auf eine demo­gra­phi­sche Apo­ka­lyp­se zu. Durch Mas­sen­ein­wan­de­rung ver­su­chen die Regie­run­gen das Gebur­ten­de­fi­zit aus­zu­glei­chen. Ein Lösungs­an­satz, der nicht ohne Kol­la­te­ral­schä­den bleibt. Sie beschleu­ni­gen damit den Nie­der­gang und die Auf­lö­sungs­ten­den­zen der eige­nen Völ­ker und impor­tie­ren kaum abseh­ba­re kul­tu­rel­le, sozia­le, poli­ti­sche und reli­giö­se Pro­ble­me. Beob­ach­ter rech­nen damit, daß die­se künst­lich und daher wil­lent­lich her­bei­ge­führ­te Kon­zen­tra­ti­on von Pro­ble­men in bereits abseh­ba­rer Zeit zu einer Explo­si­on oder einer Implo­si­on füh­ren wer­de. Den über­al­ter­ten und unzu­frie­den dahin­sie­chen­den euro­päi­schen Völ­kern steht Isra­el als demo­gra­phisch kern­ge­sun­der Staat gegen­über, der vor Leben­dig­keit, Lebens­drang und Zufrie­den­heit nur zu strotzt.

Das Verschwinden der amerikanischen und der sowjetischen Juden

Das Geheim­nis? Für die außer­ge­wöhn­li­che Gebur­ten­ra­te der israe­li­schen Juden ist ihre Reli­gi­on aus­schlag­ge­bend. Das wird am Bei­spiel der ame­ri­ka­ni­schen Juden deut­lich. Es gibt wahr­schein­lich kei­nen extre­me­ren Unter­schied in der Gebur­ten­ra­te als unter ame­ri­ka­ni­schen Juden. Die Juden der USA haben die gering­ste Gebur­ten­ra­te aller eth­ni­schen Grup­pen des Lan­des. Alan Der­sho­witz, ein jüdi­scher Rechts­wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Har­vard, ver­öf­fent­lich­te das Buch „The Vanis­hing Ame­ri­can Jew“ (Das Ver­schwin­den der ame­ri­ka­ni­schen Juden). Zwei Drit­tel der ame­ri­ka­ni­schen Juden gehö­ren kei­ner Syn­ago­ge an. Ein Vier­tel glaubt nicht an Gott.

Auch der ehe­ma­li­ge Groß­rab­bi­ner von Groß­bri­tan­ni­en, Jona­than Sacks, schrieb bereits vor 20 Jah­ren das Buch: „Will We Have Jewish Grand­child­ren?“ (Wer­den wir noch jüdi­sche Enkel haben?). Der Pulit­zer-Preis­trä­ger Charles Kraut­ham­mer, ein ein­fluß­rei­cher jüdi­scher Kolum­nist in den USA, stell­te die Fra­ge: „Wie kann sich eine Gemein­schaft unter den gün­sti­gen Bedin­gun­gen der USA so dezi­mie­ren?“ Die Grün­de: eine gerin­ge Gebur­ten­ra­te. Die Zahl der Kin­der aber bestimmt in der Regel ein Paar selbst. Es han­delt sich also um einen wil­lent­li­chen Akt. Ent­we­der ist einem das eige­ne Volk egal, oder man nimmt an, daß schon die Ande­ren Kin­der zeu­gen wer­den. Auf die­se Wei­se wird sich die jüdi­sche Bevöl­ke­rung der USA in abseh­ba­rer Zeit hal­biert haben. Die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung der US-Juden ver­läuft damit pro­por­tio­nal umge­kehrt zur Unter­stüt­zung für den Zio­nis­mus unter den US-Eli­ten und auch der US-Bevöl­ke­rung.

Ver­gleich­ba­res gab es bereits in der Sowjet­uni­on. Juden waren feder­füh­rend bei der Auf­rich­tung der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur. Die höch­sten Gre­mi­en der frü­hen Sowjet­uni­on waren weit über­durch­schnitt­lich mit Juden besetzt. Jahr­zehn­te des Kom­mu­nis­mus lie­ßen die Gebur­ten­ra­te der sowje­ti­schen Juden jedoch auf 0,8 sin­ken. Wäre die UdSSR nicht unter­ge­gan­gen, wären die Juden dort inner­halb weni­ger Genera­tio­nen völ­lig ver­schwun­den.  Heu­te, so israe­li­sche Demo­gra­phen, gehe der Baby-Boom nicht nur auf die erwach­sen gewor­de­ne Yup­pie-Genera­ti­on von Tel Aviv zurück, son­dern vor allem auch auf die nach Isra­el ein­ge­wan­der­ten ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen Juden. Im „Arbei­ter­pa­ra­dies“ hat­ten die Juden die gering­ste Gebur­ten­ra­te. Kaum waren sie jedoch nach Isra­el emi­griert, nah­men ihre Kin­der das Zeu­gungs­ver­hal­ten ihres jüdi­schen Umfel­des an.

Im Gegen­satz zu Isra­el sind die Gebur­ten­ra­ten sei­nes erklär­ten Erz­fein­des, des Irans, gera­de­zu implo­diert. Per­si­en, das Reich des Schahs, galt als west­lich geprägt.  Es war aber die 1979 errich­te­te schii­ti­sche Isla­mi­sche Repu­blik Iran, die die Gebur­ten­ra­te der ira­ni­schen Frau­en von 6,42 Kin­dern auf 1,92 mini­mier­te. Mit ande­ren Wor­ten: Die schii­ti­sche Theo­kra­tie redu­zier­te die Gebur­ten­ra­te des Schah-Rei­ches auf weni­ger als ein Drit­tel. Die Bevöl­ke­rung des Irans schrumpft seit 15 Jah­ren. Die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung des ver­pön­ten Staa­tes der Aya­tol­lahs erleb­te einen Rück­gang um 70 Pro­zent. Von kei­nem Land ist in Frie­dens­zei­ten ein so rapi­der und radi­ka­ler Ein­bruch der Frucht­bar­keits­ra­te bekannt. Bis zum Ende des 21. Jahr­hun­derts wird sich, bei gleich­blei­ben­der Gebur­ten­ra­te, die Bevöl­ke­rung des Irans hal­biert haben.

Das Geheimnis: Religion, starke Identität, eigenes Territorium

Was ist nun aus­schlag­ge­bend für die Lebens­freund­lich­keit der israe­li­schen Juden? Die gele­gent­lich genann­te Erin­ne­rung an die Scho­ah taugt besten­falls als Unter­ma­lung. Die Zeit­span­ne, die seit­her ver­gan­gen ist, spricht dage­gen, weil sich die bei­den ersten Nach­kriegs­ge­nera­tio­nen anders ver­hiel­ten als die jet­zi­ge, drit­te Genera­ti­on. Ist es der per­ma­nen­te Kriegs­zu­stand, in dem sich Isra­el befin­det? Das spielt psy­cho­lo­gisch sicher eine grö­ße­re Rol­le. Die Israe­lis sind ent­schlos­sen, ihr Land zu ver­tei­di­gen. Die Kampf­be­reit­schaft ist über­durch­schnitt­lich hoch. Sym­pto­ma­tisch ist, daß in Euro­pa hin­ge­gen seit län­ge­rem auf die Schwä­chung der Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft abge­zielt wird: zuerst durch Wehr­dienst­ver­wei­ge­rung, durch Kür­zun­gen des Ver­tei­di­gungs­haus­hal­tes und schließ­lich durch die Ein­füh­rung einer Berufs­ar­mee, für die neu­er­dings auf Wunsch der Poli­tik vor allem unter Migran­ten rekru­tiert wird.

Haupt­fak­to­ren die­ser abge­stuf­ten Grün­de scheint jedoch die reli­giö­se Tra­di­ti­on eines klei­nen Vol­kes mit aus­ge­präg­tem Iden­ti­täts­be­wußt­sein zu sein. In Sum­me sind die eige­nen Wur­zeln, reli­gi­ös, kul­tu­rell und histo­risch, ver­bun­den mit einem klar umris­se­nen „eige­nen Land“ die ent­schei­den­den Fak­to­ren, die Isra­els demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung von sei­ner isla­mi­schen Umge­bung eben­so wie vom rela­ti­vi­stisch gepräg­ten Westen abhebt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asianews/United with Isra­el (Screen­shots)