Christen im Punjab fürchten antichristlichen Pogrom — Hunderte Familien auf der Flucht

Die Ruhe vor dem Sturm? Jhelum im pakistanischen Punjab ist Schauplatz der jüngsten Christenverfolgung
Die Ruhe vor dem Sturm? Jhelum im pakistanischen Punjab ist Schauplatz der jüngsten Christenverfolgung

(Islam­abad) Erhöh­te Span­nung herrscht im paki­sta­ni­schen Pun­jab. Die Chri­sten sind auf das Schlimm­ste gefaßt. Eine Lie­bes­ge­schich­te, die dazu führ­te, daß eine Mus­li­min sich zum Chri­sten­tum bekehr­te, droht sich in einen Pogrom gegen die Chri­sten zu ver­wan­deln.

Alles begann mit einer jener berüch­tig­ten Blas­phe­mie­an­kla­gen. Im kon­kre­ten Fall wur­de sie gegen den pro­te­stan­ti­schen Pastor Nade­em J. Masih erho­ben. Der 35 Jah­re alte Mann, von Beruf Schnei­der, lebt mit sei­ner Frau und sei­nen zwei Kin­dern in der Father Colo­ny von Sarae-e-Alamghir. Bereits in der Ver­gan­gen­heit war er wegen sei­ner Frau ins Visier radi­ka­ler Mus­li­me gera­ten.

Ehefrau von Pastor Masih konvertierte vom Islam zum Christentum

Die Ehe­frau von Pastor Masih kon­ver­tier­te vom Islam zum Chri­sten­tum. Getauft wur­de sie vom pro­te­stan­ti­schen Pastor Qan­de­el der West Colo­ny im nahen Jhel­um.

Bei der Poli­zei wur­de ein Whats­App-Nach­richt zur Anzei­ge gebracht, die „blas­phe­mi­schen“, also gegen den Islam gerich­te­ten Inhalts sei und die Pastor Masih ver­schickt haben soll.

Auf Belei­di­gung des Islams, Allahs und Moham­meds ste­hen in Paki­stan har­te Stra­fen, sie kön­nen zu lebens­lan­gem Gefäng­nis und sogar zur Hin­rich­tung füh­ren.

Wie der Bru­der von Nade­em Masih der Bri­tish Paki­sta­ni Chri­sti­an Asso­cia­ti­on sag­te, geht die Fami­lie von einem „Rache­akt“ aus, weil die Ehe­frau des Pastors zum Chri­sten­tum kon­ver­tier­te, wofür ihr Mann ver­ant­wort­lich gemacht wird. Da die Frau im Islam wenig zäh­le, rich­te sich der Haß gegen den Mann.

Die Bri­tish Paki­sta­ni Chri­sti­an Asso­cia­ti­on star­te­te eine Peti­ti­on, mit der Abschaf­fung des berüch­tig­ten paki­sta­ni­schen Anti-Blas­phe­mie­ge­set­zes gefor­dert wird. Wil­son Chowdhry, der Vor­sit­zen­de der Ver­ei­ni­gung, erklär­te: „Ein Christ soll in einem Land blas­phe­mi­sche Tex­te gegen den Islam ver­brei­tet haben, in dem dar­auf die Todes­stra­fe steht? Wel­chen Sinn soll das erge­ben? Als wir von der Poli­zei Aus­kunft erbe­ten haben, wei­ger­ten sich die Beam­ten, die angeb­li­che Bot­schaft oder auch nur ein Foto davon zu zei­gen. Das ein­zi­ge, was wir zu sehen beka­men, war eine Kopie der hand­ge­schrie­be­nen Anzei­ge. Was soll das bewei­sen?“

Hunderte christliche Familien haben Ort verlassen

Nade­em Masih und sei­ne Fami­lie, aber auch Pastor Qan­de­el brach­ten sich in Sicher­heit. Die Poli­zei nahm dar­auf die Schwe­ster von Nade­em, Sam­re­em, mit derem 18 Mona­te alten Kind, und eine Schwä­ge­rin, Naj­ma, in Gewahr­sam. „In Paki­stan herrscht Sip­pen­haf­tung, wenn es gegen Chri­sten geht“, klagt Wil­son Chowdhry.

Der Zorn mus­li­mi­scher Krei­se rich­te­te sich, nach­dem sie des Pastors nicht hab­haft wur­den, gene­rell gegen die christ­li­chen Gemein­schaf­ten der Father Colo­ny und der West Colo­ny. Eine Dele­ga­ti­on von Ima­men der Moschee von Sarae-e-Alamghir wur­de bei der Poli­zei vor­stel­lig und for­der­te von die­ser, sich nicht ein­zu­mi­schen, soll­te es nach dem heu­ti­gen Frei­tags­ge­bet zu „Aktio­nen“ in den Chri­sten­vier­teln kom­men.

Bis zum 12. Juli hat­ten bereits mehr als 300 christ­li­che Fami­li­en aus Angst vor einem anti­christ­li­chen Gewalt­aus­bruch flucht­ar­tig die Orte ver­las­sen. Dar­auf­hin stell­te sich Pastor Nade­em am Mitt­woch­abend frei­wil­lig der Poli­zei, um einen anti­christ­li­chen Pogrom abzu­wen­den.

Katholische Minister versuchen Schlimmstes zu verhindern

Unter­des­sen wur­den auch staat­li­che Behör­den aktiv, um das Schlimm­ste zu ver­hin­dern. In der West Colo­ny wur­den am ver­gan­ge­nen Sonn­tag Ran­ger der paki­sta­ni­schen Armee und Poli­zi­sten sta­tio­niert, die vom Poli­zei­chef von Jhel­um, Kam­ran Mum­taz, kom­man­diert wer­den. Der Katho­lik Kam­ran Micha­el, Bun­des­mi­ni­ster für Men­schen­rech­te und ein­zi­ger Christ in der paki­sta­ni­schen Bun­des­re­gie­rung, sowie der Lan­des­mi­ni­ster für Men­schen­rech­te und Min­der­hei­ten­fra­gen des Pun­jab, Tahir Kha­lil Sind­hu, eben­falls Katho­lik, befin­den sich vor Ort, um das Vor­ge­hen der Behör­den zu über­wa­chen. Der Jurist Tahir Kha­lil Sind­hu gehört auch zum Ver­tei­di­gungs­pool von Asia Bibi, der fünf­fa­chen Fami­li­en­mut­ter und Katho­li­kin, die seit Juni 2009 wegen des Anti-Blas­phe­mie­ge­set­zes im Gefäng­nis sitzt und auf ihre Hin­rich­tung war­tet, weil sie Moham­med belei­digt haben soll.

Die bei­den Mini­ster wol­len den gan­zen Frei­tag in Jhel­um blei­ben. „Das ist der kri­ti­sche Moment“, so Tahir Kha­lil Sind­hu gegen­über dem Päpst­li­chen Hilfs­werk Kir­che in Not. „Die Chri­sten der Gegend befürch­ten, daß es nach dem Frei­tags­ge­bet zu einem anti­christ­li­chen Pogrom kom­men könn­te. Ich bin hier, um mich zu ver­ge­wis­sern, daß die Lage nicht kippt. Die Mög­lich­keit eines Angriffs ist real. Bis­her hat die Poli­zei die Lager aber unter Kon­trol­le.“

„Wir haben große Angst“

Die Angst unter den Chri­sten ist sehr groß. „Wir haben gro­ße Angst. Ich habe gro­ße Angst“, so You­saf Fer­o­ze, ein Christ der West Colo­ny. „Nie­mand traut sich aus dem Haus, nicht ein­mal um Milch zu kau­fen. Unse­re Kin­der, die in die­sen Tagen Prü­fun­gen hät­ten, kön­nen nicht ein­mal zur Schu­le gehen.“

Shahid Mobe­en, Dozent an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät in Rom und Sohn von You­saf Fer­o­ze, bestä­tig­te gegen­über Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na die Aus­sa­gen des Vaters. Die Lage sei „sehr gespannt“. Sein Vater sei der letz­te Ver­wand­te, der noch zurück­ge­blie­ben ist. Alle ande­ren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen haben den Ort zur Sicher­heit bereits ver­las­sen. Auch sein Vater wer­de zumin­dest am Frei­tag den Ort ver­las­sen. Die Gefahr sei zu groß, daß die Isla­mi­sten „den Auf­ru­fen der Behör­den und der Poli­zei, die Ruhe zu bewah­ren, nicht fol­gen“. Bei anti­christ­li­chen Gewalt­aus­brü­chen „wer­den zuerst die Män­ner der Gemein­schaft ver­folgt“, soll­ten sie abwe­send sein, „dann kom­men die Frau­en und Kin­der an die Rei­he“, so Mobe­en.

Imame forderten von Polizei Auslieferung von Pastor Masih, um ihn lebendig zu verbrennen

Gestern abends kehr­ten die Ima­me der Moschee von Sarae-e-Alamghir in die Poli­zei­sta­ti­on zurück und for­der­ten, daß man ihnen Pastor Nade­em Masih aus­hän­digt, um ihn für sei­ne Belei­di­gung des Islams leben­dig zu ver­bren­nen.

Die Poli­zei wei­ger­te sich den Pastor aus­zu­lie­fern, befürch­tet jedoch einen Mas­sen­an­griff auf die Poli­zei­sta­ti­on. Die Behör­den ord­ne­ten bereits im Vor­feld die Eva­ku­ie­rung von Father Colo­ny an. Die Chri­sten rech­nen damit, daß ihre Häu­ser ver­lo­ren sind und heu­te nach dem Frei­tags­ge­bet von einem mus­li­mi­schen Mob, ange­führt von den Ima­men der Moschee, nie­der­ge­brannt wer­den.

Selbst wenn es heu­te zu kei­nem anti­christ­li­che Pogrom kom­men soll­te, weil sich Nade­em Masih gestellt hat, wird sich der Pastor vor Gericht ver­ant­wor­ten müs­sen. Ihm steht der­sel­be Pro­zeß wie Asia Bibi bevor. Die Echt­heit der behaup­te­ten Whats­App-Bot­schaft wird zu klä­ren sein. Fest steht, daß dem Pastor die Todes­stra­fe droht. „Das wird ein har­ter und lan­ger Weg“, ist sich Shahid Mobe­en sicher.

Der Ein­satz für die Chri­sten Paki­stans geht in eine neue Run­de, und damit auch der Kampf um die Abschaf­fung des berüch­tig­ten Anti-Blas­phe­mie­ge­set­zes, das Staats­prä­si­dent Zia ul-Haq 1986 ein­ge­führt wur­de und das zum schwe­ren Joch für die Chri­sten gewor­den ist.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: trekearth (Screen­shot)