Panorthodoxes Konzil gescheitert — Die wahren Gründe für den Schiffbruch

Georgische orthodoxe Kirche
Panorthodoxes Konzil gescheitert: auch georgische Kirche nimmt nicht daran teil

(Kon­stan­ti­no­pel) Das für den 19. Juni ein­be­ru­fe­ne, erste pan­or­tho­do­xe Kon­zil seit mehr als tau­send Jah­ren fin­det nicht statt. Das Mos­kau­er Patri­ar­chat ver­setz­te vor zwei Tagen den Bemü­hun­gen den Gna­den­stoß. Die wah­ren Grün­de für das Schei­tern.

Am kom­men­den Sonn­tag soll­te auf der grie­chi­schen Insel Kre­ta, die kirch­li­che der Juris­dik­ti­on des Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel unter­steht, das erste all­o­r­tho­do­xe Kon­zil des drit­ten Jahr­tau­sends statt­fin­den. Im gan­zen zwei­ten Jahr­tau­send hat­te es kei­nes gege­ben. Man muß bis ins erste Jahr­tau­send der Kir­chen­ge­schich­te zurück­ge­hen, um auf das letz­te, die gesam­te Ortho­do­xie betref­fen­de Kon­zil zu sto­ßen. Eine Zeit, in der die gesam­te Kir­che noch eins war und das Schis­ma zwi­schen Ost- und West­kir­che, zwi­schen Kon­stan­ti­no­pel und Rom noch nicht voll­zo­gen war.

Am kom­men­den Sonn­tag fei­ert die Ost­kir­che Pfing­sten. Der Ter­min schien nach einer Anlauf­zeit, die bereits ein hal­bes Jahr­hun­dert in Anspruch nahm, gün­stig gewählt zu sein. Ursprüng­lich soll­te Kon­stan­ti­no­pel, das heu­te tür­kisch-isla­mi­sche Istan­bul Aus­tra­gungs­ort des Kon­zils sein. Wegen der poli­ti­schen, tür­kisch-rus­si­schen Span­nun­gen erfolg­te die Ver­le­gung nach Grie­chen­land.

Alle kano­nisch aner­kann­ten Kir­chen der Ortho­do­xie soll­ten an dem Kon­zil teil­neh­men. Das war aber nicht mehr mög­lich, nach­dem Bul­ga­ri­en Anfang Juni die Teil­nah­me absag­te. Mos­kau dräng­te auf eine Kri­sen­sit­zung, um die auf­ge­tre­te­nen Unstim­mig­kei­ten zu besei­ti­gen, und mach­te die Teil­nah­me aller Teil­kir­chen zur unab­ding­ba­ren Vor­aus­set­zung für die Teil­nah­me der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che, der zah­len­mä­ßig weit­aus größ­ten unter den ortho­do­xen Kir­chen.

Am 13. Juni ver­öf­fent­lich­te das Mos­kau­er Patri­ar­chat eine Erklä­rung, in der die Grün­de für das Nicht­zu­stan­de­kom­men des Kon­zils auf­ge­li­stet wur­den.

Wich­ti­ger noch als die offi­zi­ell genann­ten Grün­de ist das, was nicht gesagt wur­de. Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster ver­öf­fent­lich­te den Arti­kel des ortho­do­xen Rus­sen Ale­xei Tschu­klow über die „wah­ren Grün­de des Schiffs­bruchs“.

Die wahren Gründe für das Scheitern

Die „Schuld am Schiff­bruch“ des pan­or­tho­do­xen Kon­zils lie­ge „nicht allein bei Mos­kau“. Die Grün­de für die Abwe­sen­heit eini­ger Kir­chen sei­en ganz unter­schied­lich. Viel­mehr habe sich Mos­kaus Patri­arch Kyrill I. „ein­mal mehr als guter Poli­ti­ker“ erwie­sen. Die rus­si­sche Kir­che gehe „nicht aus for­ma­len, son­dern sub­stan­ti­el­len“ Grün­den nicht nach Kre­ta. Mos­kau brau­che die­ses Kon­zil nicht und erwar­tet sich nichts davon.

St. Basilius-Kathedrale, Moskau
St. Basi­li­us-Kathe­dra­le, Mos­kau

Was Patri­arch Kyrill wirk­lich wol­le, sei die Aner­ken­nung der Auto­ri­tät Mos­kaus über die ortho­do­xe Kir­che in der Ukrai­ne. Ein wei­te­rer Punkt ist die kano­ni­sche Aner­ken­nung der Autoke­pha­lie der ortho­do­xen Kir­che in den USA. Kyrill wis­se, so Tschu­klow, weder das eine noch das ande­re in Kre­ta zu erhal­ten, weil die Kon­zils­do­ku­men­te bereits aus­ge­ar­bei­tet sind und nicht davon spre­chen. Erst recht kei­ne Bereit­schaft, Mos­kau in den bei­den Punk­ten ent­ge­gen­zu­kom­men, zei­ge der Öku­me­ni­sche Patri­arch Bar­tho­lo­mä­us I. von Kon­stan­ti­no­pel. Die USA unter­ste­hen der­zeit Kon­stan­ti­no­pel. Die Aner­ken­nung der Autoke­pha­lie wür­de den Juris­dik­ti­ons­be­reich des Öku­me­ni­schen Patri­ar­chats schmä­lern.

Das Patri­ar­chat von Antio­chi­en ver­wei­gert die Teil­nah­me wegen des unge­klär­ten Juris­dik­ti­ons­strei­tes mit dem Patri­ar­chat von Jeru­sa­lem über das ara­bi­sche Emi­rat Katar. Das sei jedoch nur ein Vor­wand, so Tschu­klow. Der eigent­li­che Grund sei laut Antio­chi­en eine zu eng gefaß­te und unan­ge­mes­se­ne Tages­ord­nung des Kon­zils. Die Gläu­bi­gen des antio­che­ni­schen Patri­ar­chats leben heu­te mehr­heit­lich in der Dia­spo­ra und damit außer­halb des kano­ni­schen Ter­ri­to­ri­ums. Das Patri­ar­chat hat vie­le Kon­ver­ti­ten, die zuvor nicht ortho­do­xen Glau­bens waren. Nur das Mos­kau­er Patri­ar­chat kann auf eine noch grö­ße­re Zahl von Kon­ver­ti­ten ver­wei­sen.

Antio­chi­en pflegt eine sehr offe­ne Dis­kus­si­ons­kul­tur bei gleich­zei­ti­ger Auf­wer­tung der Lai­en. Dazu gehö­ren auch, meist sehr rei­che, liba­ne­si­sche und syri­sche Geschäfts­leu­te. Antio­chi­en for­der­te ein „wirk­li­ches“ Kon­zil, das Ände­run­gen bei den Nor­men für das Fasten, die Ehe, die Bischofs­er­nen­nun­gen und die Sakra­men­ten­ord­nung vor­neh­men soll­te.

Dage­gen wur­den alle Kon­zils­do­ku­men­te bereits im Vor­feld aus­ge­ar­bei­tet. Sie ent­hal­ten kei­ne sub­stan­ti­el­len Aus­sa­gen. Die ein­zi­ge Absicht des Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen besteht näm­lich nur dar­in, das all­o­r­tho­do­xe Kon­zil unter sei­nem Vor­sitz ein­zu­be­ru­fen.

„Die­se Bana­li­tät der vor­ge­fer­tig­ten Doku­men­te, die vol­ler All­ge­mein­plät­ze sind, spie­gelt die bekla­gens­wer­te Qua­li­tät der Debat­te in der ortho­do­xen Welt wider“, so Tschu­klow.

Moskau fordert Konzil „aller orthodoxen Bischöfe“

Konzil wird nicht allorthodox sein
Kon­zil wird nicht all­o­r­tho­dox sein

Die Erklä­rung der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che vom 13. Juni ent­hal­te einen „inter­es­san­ten Punkt“. An sech­ster Stel­le heißt es dar­in, daß ein künf­ti­ges Kon­zil nicht nur klei­ne Dele­ga­tio­nen, son­dern alle Bischö­fe der ortho­do­xen Kir­che ver­sam­meln sol­le. Der­zeit gibt es welt­weit fast tau­send, kano­nisch aner­kann­te, ortho­do­xe Bischö­fe. Die Grö­ße eines sol­chen Kon­zils wür­de sicher­lich weni­ger Kon­sens und mehr Zwie­tracht bedeu­ten. Soll­te die Gesamt­heit der Bischö­fe die der­zei­ti­ge Abstim­mungs­form nach Kir­chen erset­zen, wür­de die von Mos­kau gefor­der­te Neue­rung den nun in Kre­ta abwe­sen­den Kir­chen die Mehr­heit brin­gen. Die Kir­chen von Antio­chi­en, Geor­gi­en, Bul­ga­ri­en, Ser­bi­en und Ruß­land, die am 19. Juni nicht auf die grie­chi­sche Mit­tel­meer­in­sel kom­men wer­den, haben unter den Bischö­fen eine gro­ße Mehr­heit.

Bar­tho­lo­mä­us I. muß sich nun ent­schei­den, so Tschu­klow, ob er trotz der Abwe­sen­heit von fünf der 14 Teil­kir­chen, und damit der gro­ßen Mehr­heit der ortho­do­xen Welt, am Kon­zil fest­hal­ten, oder das Kon­zil auf vor­erst unbe­stimm­te Zeit ver­schie­ben will. Damit wür­de er aller­dings das Risi­ko ein­ge­hen, die Kon­trol­le über das Kon­zil zu ver­lie­ren.

Tschu­klow ist der Über­zeu­gung, daß Bar­tho­lo­mä­us am Kon­zil fest­hal­ten und in weni­gen Tagen auf Kre­ta eröff­nen wird. Er wer­de erklä­ren, alles getan zu haben, was zu tun gewe­sen sei. Von einem all­o­r­tho­do­xen Kon­zil kön­ne damit aber kei­ne Rede mehr sein. „Auf Kre­ta wird nur die klei­ne Welt des alten ost­rö­mi­schen Rei­ches ver­tre­ten sein und die Rumä­nen, die sich als Nach­kom­men der Römer sehen. Die ‚Bar­ba­ren‘ blei­ben zu Hau­se.“

„Wo aber Chri­stus und das Evan­ge­li­um in all dem bleibt, ist wahr­schein­lich die ein­zig berech­tig­te Fra­ge am Ende die­ses so trau­ri­gen Spek­ta­kels“, so Tschu­klow.

Text: Set­ti­mo Cielo/Giuseppe Nar­di
Bild: Sputnik/Wikicommons/Asianews (Screen­shots)