„Der Papst ist nicht unfehlbar“ — Sandro Magister liefert „acht Beweise“

(Rom) Die Fra­ge der Unfehl­bar­keit ist selbst unter Katho­li­ken ein ver­wir­ren­des The­ma. Tat­säch­li­ches Wis­sen und blo­ße Mei­nung gehen durch­ein­an­der ent­we­der weil die katho­li­sche Kir­che es in der Ver­gan­gen­heit ver­ab­säumt hat­te, die Gläu­bi­gen über Wesen, Trag­wei­te und Reich­wei­te des Unfehl­bar­keits­dog­mas auf­zu­klä­ren, oder weil die zahl­rei­chen Gift­sprit­zen der Kir­chen­geg­ner – da laut­stär­ker vor­ge­tra­gen – auch das Bild der Katho­li­ken über die Unfehl­bar­keit mit­be­stimmt und ver­zerrt haben.

Mit dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus ist die Fra­ge am Beginn des 21. Jahr­hun­derts ziem­lich uner­war­tet wie­der ins Blick­feld gerückt. Es herrscht Klä­rungs­be­darf. Eine Ent­wick­lung, die man­che als Chan­ce und Gele­gen­heit sehen, die Rol­le des Papst­tums und der Unfehl­bar­keit in ihrer gan­zen und eigent­li­chen Bedeu­tung wie­der­zu­ent­decken und zu erklä­ren. Klä­rungs­be­darf herrscht für pro­gres­si­ve Katho­li­ken und blo­ße Tauf­schein­ka­tho­li­ken, die sich herz­li­che wenig um das Küm­mern, was der Papst in Rom sagt. Viel­mehr ent­fal­ten man­che reflex­ar­ti­ge Abwehr­me­cha­nis­men (Stich­wort: „rom­kri­tisch“) gegen alles, was mit Obrig­keit zu tun. Die Kir­che ist jedoch hier­ar­chisch ver­faßt. Dazu gehört das Aner­ken­nen einer legi­ti­men und gerech­ten Obrig­keit und die Demut in Gehor­sam der rech­ten Lei­tung zu fol­gen. Klä­rungs­be­darf herrscht jedoch auch für kon­ser­va­ti­ve Katho­li­ken. Ange­sichts der nach­kon­zi­lia­ren Umbrü­che und des Gefühls, in den eige­nen Diö­ze­sen eine zu bereit­wil­li­ge Abrü­stung zugun­sten der Welt und zu lau­te pro­gres­si­ve Schal­mei­en wahr­neh­men zu müs­sen, such­ten vie­le aus­glei­chen­de Zuflucht durch engen Schul­ter­schluß mit Rom (Stich­wort „rom­treu“). Dabei kam es zu man­cher unkri­ti­scher Ver­klä­rung und Über­stei­gung des gera­de amtie­ren­den Inha­ber des Petrusam­tes. Spre­chen die einen dem Papst jede Auto­ri­tät unfehl­ba­re Glau­bens­sät­ze zu defi­nie­ren ab, sind die ande­ren der Mei­nung, jedes Wort und jede Geste des Pap­stes sei­en unfehl­bar. Bei­de Posi­tio­nen sind halt­los und wur­den von der Kir­che nie so gelehrt.

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster stell­te ein Liste von Ver­wechs­lun­gen, Faux­pas und Groß­stadt­le­gen­den zusam­men, die sich in Reden von Papst Fran­zis­kus fin­den. Acht Vor­fäl­le wer­den nach­fol­gend ange­führt. Der ekla­tan­te­ste Vor­fall davon ereig­ne­te sich 2015 in Para­gu­ay. Man­che wer­den sie für „unbe­deu­ten­de“ Ver­spre­cher hal­ten. Eine Ansicht, der nur bedingt zuge­stimmt wer­den kann. Die Vor­fäl­le, die meist dort auf­tra­ten, wo der Papst in frei­er Rede sprach, wider­le­gen jeden­falls auf offen­sicht­li­che Wei­se, daß dem Papst kei­ne gene­rel­le Unfehl­bar­keit zukommt.

 1. „Nulltoleranz“ — Franziskus zitiert sich selbst, schreibt das Zitat aber Benedikt XVI. zu

Am 16. Mai 2016 sag­te Fran­zis­kus in einem Inter­view mit der fran­zö­si­schen Tages­zei­tung La Croix im Zusam­men­hang mit dem sexu­el­len Miß­brauch an Min­der­jäh­ri­gen: „Wie Bene­dikt XVI. sag­te: Es muß Null­to­le­ranz geben.“

Auch wenn man alle Reden und Schrif­ten des deut­schen Pap­stes durch­schaut, kann man nir­gend­wo die For­mu­lie­rung „Null­to­le­ranz“ fin­den, auch kein Äqui­va­lent, so Magi­ster.

Der Begriff „Null­to­le­ranz“ ist eine Schlag­wort­schöp­fung der Medi­en, nicht des Theo­lo­gen Joseph Ratz­in­ger, der über eine über­durch­schnitt­li­che Gewandt­heit und Fein­heit des For­mu­lie­rens ver­fügt.

Papst Fran­zis­kus hin­ge­gen gebrauch­te die „Null­to­le­ranz“ bereits mehr­fach, so auf dem Rück­flug aus dem Hei­li­gen Land. Er zitier­te gegen­über La Croix wenn schon sich selbst. Eine Zuschrei­bung auf Bene­dikt XVI. ist falsch.

2. Erfundene Übersetzung — Von John F. Kennedy zu Papst Franziskus

Eine ande­re Unge­nau­ig­keit ereig­ne­te sich am 24. April, als Papst Fran­zis­kus über­ra­schend eine Ver­an­stal­tung der Foko­lar­be­we­gung in der Vil­la Borghe­se in Rom besuch­te und eine Anspra­che zum Schutz der Umwelt impro­vi­sier­te:

„Jemand hat mir ein­mal gesagt, ich weiß nicht ob es stimmt, wenn jemand will, kann er das nach­prü­fen, ich habe es nicht nach­ge­prüft, daß das Wor­te ‚Kon­flikt‘ in der chi­ne­si­schen Spra­che aus zwei Zei­chen besteht: einem Zei­chen, das ‚Risi­ko‘ bedeu­tet, und ein ande­res Zei­chen, das ‚Gele­gen­heit‘ meint. Der Kon­flikt, das ist wahr, ist ein Risi­ko. Er ist aber auch eine Gele­gen­heit.“

Die­se effekt­ha­schen­de Über­set­zung des chi­ne­si­schen Wor­tes ‚wei­ji‘ ist in Wirk­lich­keit eine will­kür­li­che, west­li­che Erfin­dung. Sie wur­de erst­mals von John F. Ken­ne­dy in Umlauf gesetzt mit sei­ner Rede am 12. April 1959 in India­na­po­lis. Von da an wur­de sie von ande­ren US-ame­ri­ka­ni­schen Poli­ti­kern wie­der­holt, dar­un­ter von Nixon, Con­do­leez­za Rice und dem Öko-Guru Al Gore. Damit fand die Erfin­dung in der angel­säch­si­schen Pres­se Ver­brei­tung und offen­sicht­lich auch dar­über hin­aus.

3. Kardinal Schönborn und „Ich erinnere mich nicht“

Am 16. April impro­vi­sier­te Papst Fran­zis­kus eine Pres­se­kon­fe­renz auf dem Rück­flug von Les­bos nach Rom.

Etwas genervt wegen der zahl­rei­chen Jour­na­li­sten­fra­gen zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia, ver­wies der Papst auf Wiens Erz­bi­schof Chri­stoph Kar­di­nal Schön­born als authen­ti­schen Inter­pre­ten des Doku­ments. Dabei lob­te er den aus dem Hoch­adel stam­men­den Pur­pur­trä­ger über­schweng­lich als „gro­ßen Theo­lo­gen“, der „die Leh­re der Kir­che gut kennt“, um noch als Bekräf­ti­gung des Gesag­ten hin­zu­zu­fü­gen: „Er war Sekre­tär der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on“. Das aber war Kar­di­nal Schön­born nie. Er ist seit vie­len Jah­ren Mit­glied der genann­ten römi­schen Kon­gre­ga­ti­on. Der Faux­pas war um so bedeu­ten­der, da im Streit um die authen­ti­sche Aus­le­gung von Amo­ris lae­ti­tia Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler der eigent­li­che Gegen­spie­ler ist. Der aber ist Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und steht damit in Sachen Glau­bens­or­tho­do­xie an Rang und Bedeu­tung über dem Erz­bi­schof von Wien.

Bei der­sel­ben Pres­se­kon­fe­renz ant­wor­te­te Fran­zis­kus auf eine Fra­ge nach der eben­so ent­schei­den­den wie umstrit­te­nen Fuß­no­te 351 in Amo­ris lae­ti­tia, in der das Kir­chen­ober­haupt die Zulas­sung zu den Sakra­men­ten für wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­ne in Aus­sicht stellt, mit der unglaub­li­chen Bemer­kung: „Ich erin­ne­re mich nicht an jene Fuß­no­te“. Das war gera­de ein­mal eine Woche nach der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens.

4. Noch einmal: „Ich erinnere mich nicht“

Papst Franziskus und die freie Rede
Papst Fran­zis­kus und die freie Rede

Ein eben­so unglaub­haf­tes „Ich erin­ne­re mich nicht an jenes Doku­ment“ ant­wor­te­te Fran­zis­kus auf die Fra­ge, ob die dok­tri­nel­le Note der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on von 2003 „noch Gül­tig­keit hat“, mit der katho­li­schen Abge­ord­ne­ten es aus­drück­lich unter­sagt wur­de, für die Lega­li­sie­rung der „Homo-Ehe“ oder ver­gleich­ba­rer For­men zwi­schen Per­so­nen des­sel­ben Geschlechts zu stim­men.

Die­ser Vor­fall ereig­ne­te sich am 17. Febru­ar auf dem Rück­flug von Mexi­ko nach Rom, wäh­rend in Rom zeit­gleich das Ita­lie­ni­sche Par­la­ment in einem auf­ge­heiz­ten Kli­ma gera­de dabei war, die „Homo-Ehe“ zu lega­li­sie­ren. Gegen die­se Plä­ne der Mit­te-links-Regie­rung hat­ten auf Initia­ti­ve beherz­ter Katho­li­ken erst knapp 14 Tage zuvor rund zwei Mil­lio­nen Ita­lie­ner in Rom demon­striert. Eine Kund­ge­bung, der Fami­ly Day, der im Vor­feld vom Gene­ral­se­kre­tär der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, dem Papst-Ver­trau­ten Nun­zio Galan­ti­no zu hin­ter­trei­ben ver­sucht wur­de. Obwohl es sich um die größ­te zivil­ge­sell­schaft­li­che Kund­ge­bung Nach­kriegs­ita­li­ens han­del­te, zu der von einem impro­vi­sier­ten Per­so­nen­ko­mi­tee ein­ge­la­den wor­den war (grö­ße­re Kund­ge­bun­gen gab es nur von der straff orga­ni­sier­ten Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei und der kom­mu­ni­sti­schen Gewerk­schaft), wür­dig­te sie der Papst nicht ein­mal einer mini­ma­len Gruß­no­te, wie sie täg­lich im Dut­zend in alle Welt ver­schickt wer­den.

5. Die Pille für Nonnen

Auf dem­sel­ben Rück­flug von Mexi­ko lie­fer­te Papst Fran­zis­kus eine regel­rech­te Falsch­mel­dung, die als Groß­stadt­le­gen­de oder moder­ner Mythos zu ver­zeich­nen ist. Dies­mal auf Kosten von Papst Paul VI.

Fran­zis­kus sprach von Paul VI. „dem Gro­ßen“, der in einer „schwie­ri­gen Situa­ti­on“ katho­li­schen Frau­en den Gebrauch von Ver­hü­tungs­mit­teln für den Fall von Ver­ge­wal­ti­gun­gen erlaubt hät­te.

Fran­zis­kus füg­te noch hin­zu, daß die Ver­mei­dung einer Schwan­ger­schaft „nicht etwas abso­lut Böses“ sei, und in bestimm­ten Fäl­len, „wie in dem von mir genann­ten des seli­gen Pauls VI., ist das klar“.

Zwei Tage spä­ter wie­der­hol­te Vati­kan­spre­cher Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di SJ die­sel­be Behaup­tung in einem Inter­view mit Radio Vati­kan. Absicht des Inter­views war es, zurecht­zu­bie­gen, was an päpst­li­chen Aus­sa­gen bei der Pres­se­kon­fe­renz schief­ge­lau­fen war. Mas­sen­me­di­en hat­ten die Papst­wor­te bereits als radi­ka­len Kurs­wech­sel der Kir­che in Sachen Ver­hü­tung gefei­ert. Der Vati­kan­spre­cher ver­such­te die­se Dar­stel­lung zu kor­ri­gie­ren und tapp­te in die sel­be Fal­le.

Papst Paul VI. erteil­te nie eine ent­spre­chen­de Erlaub­nis. Es läßt sich kei­ne Aus­sa­ge und kein Hin­weis in die­se Rich­tung fin­den. Über­haupt ist die gan­ze Geschich­te eine nach­träg­li­che Erfin­dung. Fer­di­nand Boi­schot ging der Fra­ge nach im Auf­satz „Paul VI. und die Pil­le für Non­nen in Bel­gisch-Kon­go – Eine schmut­zi­ge moder­ni­sti­sche Fäl­schung“.

6. Die falsche Anklage gegen Paraguays Staatspräsident

Der schwer­wie­gend­ste „Ver­spre­cher“ von Papst Fran­zis­kus ereig­ne­te sich am 11. Juli 2015 in Asun­ci­on, der Haupt­stadt von Para­gu­ay. In sei­ner Rede vor den höch­sten Ver­tre­tern der Gesell­schaft mit Staats­prä­si­dent Hor­a­cio Car­tes in der ersten Rei­he tat Fran­zis­kus, was er beson­ders ger­ne tut. Er leg­te den vor­be­rei­te­ten Rede­text zur Sei­te und impro­vi­sier­te eine schwer­wie­gen­de Ankla­ge. Der Papst erlaub­te sich einen bei­spiel­lo­sen öffent­li­chen Affront gegen das Staats­ober­haupt des gast­ge­ben­den Lan­des.

Wört­lich sag­te der Papst:

„Es gibt Din­ge, auf die ich noch Bezug neh­men möch­te, bevor ich schlie­ße. Und da hier Poli­ti­ker anwe­send sind – auch der Prä­si­dent der Repu­blik –, sage ich es in brü­der­li­cher Form. Jemand hat mir gesagt: ‚Hören Sie, der Herr Sound­so ist durch das Heer ent­führt wor­den. Tun Sie etwas!‘ Ich sage nicht, ob es wahr ist oder nicht, ob es gerecht ist oder nicht, aber eine der Metho­den, wel­che die dik­ta­to­ri­schen Ideo­lo­gien des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts anwen­de­ten, von denen ich eben sprach, bestand dar­in, die Leu­te zu ent­fer­nen, ent­we­der durch Exil oder durch Gefan­gen­schaft, oder – im Fall der nazi­sti­schen und sta­li­ni­sti­schen Ver­nich­tungs­la­ger – sie ent­fern­ten sie durch den Tod. Damit es eine wirk­li­che Kul­tur in einem Volk gibt, eine poli­ti­sche Kul­tur und eine Kul­tur des Gemein­wohls, braucht es zügig kla­re Pro­zes­se, trans­pa­ren­te Pro­zes­se. Eine ande­re Art von Win­kel­zug ist nicht dien­lich. Eine trans­pa­ren­te, kla­re Justiz. Das wird uns allen hel­fen. Ich weiß nicht, ob es so etwas hier gibt oder nicht; ich sage es mit allem Respekt. Man hat es mir gesagt, als ich ein­trat, man sag­te es mir hier. Und ich möge für – ich weiß nicht wen – bit­ten; ich habe den Namen nicht gut ver­stan­den.“

Den Namen, den Fran­zis­kus „nicht gut ver­stan­den“ hat­te, war der des Offi­ziers Ede­lio Mori­ni­go des para­gu­ay­ischen Hee­res (Ejérci­to Para­gu­ayo). Mori­ni­go wur­de vor einem Jahr ent­führt, aber nicht – wie Papst Fran­zis­kus unter­stell­te — von der regu­lä­ren Armee, der Mori­ni­go ja selbst ange­hört, son­dern von der mar­xi­stisch-leni­ni­sti­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Para­gu­ay­ischen Volks­ar­mee (Ejérci­to del Pue­blo Para­gu­ayo, EPP), die 2008 gegrün­det wur­de, um die para­gu­ay­ische Regie­rung zu stür­zen und eine kom­mu­ni­sti­sche Repu­blik zu errich­ten.

Obwohl Papst Fran­zis­kus selbst zugab, nichts über den Fall zu wis­sen und noch nicht ein­mal den Namen des Betrof­fe­nen ver­stan­den hat­te, schreck­te er nicht davor zurück, in völ­li­ger Unkennt­nis der Sach­la­ge öffent­lich die para­gu­ay­ische Regie­rung und nament­lich den Staats­prä­si­den­ten eines schwer­wie­gen­den Ver­bre­chens zu bezich­ti­gen und die­ses sogar in einen Zusam­men­hang mit den schlimm­sten Unta­ten von Natio­nal­so­zia­li­sten und Kom­mu­ni­sten zu stel­len.

Ein unfaß­ba­rer Aus­rut­scher, der von Beob­ach­tern mit den unver­hoh­le­nen Sym­pa­thien des Pap­stes mit lin­ken poli­ti­schen Par­tei­en und Poli­ti­kern in Zusam­men­hang gebracht wur­de. Auf der­sel­ben Latein­ame­ri­ka­rei­se hat­te Fran­zis­kus zuvor in Qui­to und La Paz freund­schaft­lich mit den lin­ken Staats­prä­si­den­ten von Ecua­dor und Boli­vi­en ver­kehrt. Letz­te­rer hat­te dem Papst sogar ein blas­phe­mi­sches („befrei­ungs­theo­lo­gi­sches“) Geschenk aus Sichel und Ham­mer mit einem Gekreu­zig­ten über­reicht und Fran­zis­kus einen Orden mit den­sel­ben Sym­bo­len umge­hängt. In Para­gu­ay gab sich Fran­zis­kus gegen­über dem kon­ser­va­ti­ven Staats­prä­si­den­ten aus­ge­spro­chen kühl und war sofort bereit, die­sen anzu­grei­fen, weil ihm irgend­wer irgend etwas zwi­schen Tür und Angel zuge­flü­stert hat­te.

Es braucht eine enor­me Por­ti­on Sym­pa­thie für die poli­ti­sche Lin­ke, um das Ham­mer-und-Sichel-Geschenk von Boli­vi­ens Staats­prä­si­dent Evo Mora­les zu ertra­gen, und es braucht eine eben­so enor­me Anti­pa­thie gegen die poli­ti­sche Rech­te, um reflex­ar­tig Para­gu­ays Staats­prä­si­dent Hor­a­cio Car­tes zu Unrecht zu beschul­di­gen.

Wie müs­sen sich wohl erst die Fami­lie und Ange­hö­ri­gen von Ede­lio Mori­ni­go nach dem päpst­li­chen Aus­ritt gefühlt haben?

7. Gustav Mahler und ein falsches Zitat

Ein ande­rer Feh­ler betrifft ein fal­sches Zitat, das Papst Fran­zis­kus am 7. März 2015 dem öster­rei­chi­schen Kom­po­ni­sten Gustav Mah­ler in den Mund leg­te. Das geschah im Rah­men einer Rede an Com­u­nio­ne e Libe­ra­zio­ne (CL, Gemein­schaft und Befrei­ung), in der die­se katho­li­sche Gemein­schaft nur so mit Vor­hal­tung über­schüt­te­te.

„Der Bezug auf das Erbe, das Don Giu­s­sa­ni euch hin­ter­las­sen hat, darf nicht zu einem Muse­um mit Erin­ne­run­gen, getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen, Ver­hal­tens­nor­men redu­ziert wer­den. Es ver­langt natür­lich die Treue zur Tra­di­ti­on, aber Treue zur Tra­di­ti­on – sag­te Gustav Mah­ler – ‚ist die Wei­ter­ga­be des Feu­ers und nicht die Anbe­tung der Asche‘. Don Giu­s­sa­ni wür­de es euch nie ver­zei­hen, wenn ihr die Frei­heit ver­liert und zu Muse­ums­füh­rern oder Aschen­an­be­tern wer­det.“

Jedes­mal, so Magi­ster, wenn der Papst ein Zitat ein­fügt, bemü­hen sich die Über­set­zer des Staats­se­kre­ta­ri­ats in den offi­zi­el­len Über­set­zun­gen die Beleg­quel­le anzu­ge­ben. In die­sem Fall geschah das nicht, weil sich ein Beleg nicht fin­den ließ.

In kei­nem von Gustav Mah­ler über­lie­fer­ten Text fin­det sich die von Papst Fran­zis­kus genann­te Stel­le.

Weni­ge Tage zuvor hat­te der vom Papst mit der Durch­füh­rung der Fasten­ex­er­zi­ti­en beauf­trag­te Kar­me­lit Bru­no Secon­din sei­ne Schluß­pre­digt auf die­sem, fälsch­lich Mah­ler zuge­schrie­be­nen Zitat auf­ge­baut. Von dort dürf­te Papst Fran­zis­kus die Aus­sa­ge irr­tüm­lich über­nom­men haben.

8. „Ipse harmonia est“ — der unbekannte Kirchenvater

Schließ­lich erin­nert Magi­ster noch an ein „Jor­ge Mario Ber­go­glio beson­ders kost­ba­res Zitat“, des­sen Autoren­schaft jedoch eben­so ima­gi­när ist. Das Zitat lau­tet: „Ipse har­mo­nia est“.

Erst­mals gebrauch­te der neu­ge­wähl­te Papst die­ses Zitat am 15. März 2013 nur zwei Tage nach sei­ner Wahl in sei­ner Anspra­che an die in der Sala Cle­men­ti­na ver­sam­mel­ten Kar­di­nä­le, die das neue Kir­chen­ober­haupt in einer ersten Audi­enz emp­fing. „Ich erin­ne­re mich, dass ein Kir­chen­va­ter es so beschrie­ben hat: ‚Ipse har­mo­nia est‘.“

In der Pfingst­pre­digt am 19. Mai, also zwei Mona­te spä­ter, wie­der­hol­te er es und seit­her noch meh­re­re Male.

Auch damals mach­te sich das Amt des Staats­se­kre­ta­ri­ats, das für die Ver­öf­fent­li­chung und die offi­zi­el­len Über­set­zun­gen der Papst-Anspra­che und Doku­men­te zustän­dig ist, auf die Suche nach dem erwähn­ten „Kir­chen­va­ter“, um eine ent­spre­chen­de Fuß­no­te mit Quel­len­an­ga­be in den Text ein­zu­fü­gen. Doch so sehr sie sich auch bemüh­ten, es woll­te sich kein Beleg fin­den las­sen. So wur­de der Text schließ­lich mit dem unge­nann­ten Kir­chen­va­ter ohne Fuß­no­te ver­öf­fent­licht.

Papst Fran­zis­kus ließ sich davon nicht beein­drucken, so Magi­ster. 17 Mona­te spä­ter folg­te ein wei­te­rer Anlauf. Am 22. Dezem­ber rich­te­te Fran­zis­kus sei­ne Weih­nachts­bot­schaft an die Römi­sche Kurie. Es ist jene berüch­tig­te Rede, in der er den Kuri­en­mit­ar­bei­tern fünf­zehn „Krank­hei­ten“ an den Kopf warf. Bei die­ser Gele­gen­heit sag­te der Papst: „Er ist der Stif­ter der Har­mo­nie [18]: ‚Ipse har­mo­nia est‘, sagt der hei­li­ge Basi­li­us.“

Nun nann­te der Papst selbst den bis­her unge­nann­ten Kir­chen­va­ter. Doch auch in die­sem Fall blieb die Rede bei der Ver­öf­fent­li­chung ohne Fuß­no­te, denn nie­mand konn­te bei den Schrif­ten des hei­li­gen Basi­li­us einen Beleg für die­se Aus­sa­ge fin­den.

Die Fuß­no­te 18 vor dem Zitat bezieht sich auf die Pre­digt von Papst Fran­zis­kus, die er am 29. Novem­ber 2014 in der Hei­lig-Geist-Kathe­dra­le von Istan­bul gehal­ten hat­te. Auch dar­in zitier­te er den Satz und schrieb die Autoren­schaft bereits dem hei­li­gen Basi­li­us zu: „Es kommt mir die­ses schö­ne Wort des hei­li­gen Basi­li­us des Gro­ßen in den Sinn: Ipse har­mo­nia est – Er selbst ist die Har­mo­nie!“ Die Vati­kan­of­fi­zia­le hat­ten am 22. Dezem­ber, als der Papst die Aus­sa­ge in Rom wie­der­hol­te, bereits die Waf­fen gestreckt und die Suche wegen Erfolgs­lo­sig­keit auf­ge­ge­ben.

Text: Set­ti­mo Cielo/Giuseppe Nar­di
Bild: MiL (Screen­shot)