Dschihadisten zerstören armenische Kathedrale von Aleppo

Zerstörte Kathedrale der 40 Märtyrer
Am 28. April 2015 zer­stör­te Kathe­dra­le der 40 Mär­ty­rer

(Bei­rut) „Pünkt­lich“ zum 100. Gedenk­tag des Völ­ker­mords an den Arme­ni­ern zer­stör­ten Dschi­ha­di­sten die arme­ni­sche Kathe­dra­le von Alep­po. Igna­ti­us Joseph III. Youn­an, der Patri­arch der mit Rom unier­ten syrisch-katho­li­schen Kir­che von Antio­chi­en, spricht von einer „Tra­gö­die in Alep­po“, der zweit­größ­ten Stadt Syri­ens. Am 28. April wur­de die Stadt von isla­mi­sti­schen Mili­zen beschos­sen. Dabei wur­de auch die Vier­zig-Mär­ty­rer-Kathe­dra­le der arme­nisch-apo­sto­li­schen Kir­che zer­stört.

Die Kathe­dra­le im christ­li­chen Stadt­vier­tel Jdey­deh ist den vier­zig Mär­ty­rern von Seba­ste geweiht. Errich­tet wur­de sie 1429 vor einem klei­ne­ren Vor­gän­ger­bau. In die heu­ti­ge Form wur­de sie 1499/1500 erwei­tert. Sie ist eine der älte­sten Kir­chen der arme­ni­schen Dia­spo­ra und der Alt­stadt von Alep­po.

Der Patri­arch berich­te­te von sei­nen Visi­ta­tio­nen in zwölf syri­schen Pfar­rei­en. In allen habe er eine pre­kä­re Situa­ti­on vor­ge­fun­den, vor allem aber den Wunsch von Chri­sten und Mos­lems, „daß das Gemet­zel so schnell wie mög­lich ein Ende fin­det“.

„Westen will wirkliches Problem nicht verstehen“

Der Glockenturm der Kathedrale vor der Zerstörung
Der Glocken­turm der Kathe­dra­le vor der Zer­stö­rung

In Syri­en gebe es eine amtie­ren­de, inter­na­tio­nal aner­kann­te Regie­rung, „die man nicht auf die­sel­be Stu­fe, wie die Rebel­len stel­len kann“, so der Patri­arch zur Tages­zei­tung Avve­ni­re. „Doch der Westen, beson­ders die USA, Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en, wol­len das wirk­li­che Pro­blem nicht ver­ste­hen: daß die sun­ni­ti­sche Mehr­heit die ver­schie­de­nen Min­der­hei­ten nicht akzep­tiert“.

Der Westen müs­se sich ernst­haft fra­gen, ob er die­ser Tra­gö­die ein Ende set­zen will, so der Patri­arch. „Wenn wir das wirk­lich wol­len, dann müs­sen die Waf­fen­lie­fe­run­gen auf­hö­ren. Zudem sind die Gren­zen zu kon­trol­lie­ren, damit die Dschi­ha­di­sten, die sogar aus Indo­ne­si­en und Nige­ria kom­men, nicht ein­fach ins Land gelan­gen kön­nen. Der Westen hat lei­der auch sei­nen Vor­teil aus dem Krieg, denn irgend­wer dach­te, die Kri­se zumin­dest teil­wei­se lösen zu kön­nen, indem er den Kämp­fern Waf­fen ver­kauft.“

Zur Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Isla­mi­scher Staat sag­te der Patri­arch: „Mit dem Isla­mi­schen Staat kann man nicht dis­ku­tie­ren. Das Pro­blem des IS wäre jedoch inner­halb kur­zer Zeit erle­digt, wenn er mili­tä­risch nicht durch eini­ge Staa­ten der Regi­on wie die Tür­kei, Sau­di-Ara­bi­en und Katar mit still­schwei­gen­der Zustim­mung des Westens unter­stützt wür­de.“

Türkei und Völkermord: „Warum kann kein Patriarch von Antiochien in dieser Stadt residieren?“

Prächtige christliche Reliefe der armenischen Sakralkunst gingen verloren
Präch­ti­ge Relie­fe arme­ni­scher Sakral­kunst gin­gen ver­lo­ren

Zu den tür­ki­schen Reak­tio­nen auf Papst Fran­zis­kus, der vom Völ­ker­mord an den Arme­ni­ern sprach, mein­te Igna­ti­us Joseph III. Youn­an: „Ver­gan­ge­nen Sonn­tag haben wir mit einer Hei­li­gen Mes­se der Tra­gö­die unse­rer arme­ni­schen Brü­der gedacht, die auch die Syrer betraf, sowohl Katho­li­ken als auch Ortho­do­xe. Der Völ­ker­mord hat statt­ge­fun­den. Wenn die Tür­ken das nicht aner­ken­nen wol­len, ist das ihr Pro­blem. Das aber ist die Wahr­heit. Wir brau­chen kei­ne Angst vor ihrer Reak­ti­on haben. Wir soll­ten uns viel­mehr fra­gen: War­um gibt es auf dem Gebiet der heu­ti­gen Tür­kei, wo das Chri­sten­tum histo­risch seit frü­he­ster Zeit ver­tre­ten war, nur mehr 50.000 Chri­sten auf 80 Mil­lio­nen Ein­woh­ner? War­um hat kei­ner der fünf Patri­ar­chen von Antio­chi­en, drei katho­li­sche und zwei ortho­do­xe sei­nen Sitz in die­ser Stadt? Ich selbst bin der Sohn von Flücht­lin­gen. Mei­ne Mut­ter und mein Vater muß­ten die Tür­kei ver­las­sen, als ich noch ein Kind war. Ange­sichts bestimm­ter Hal­tun­gen müs­sen wir fest und ent­schlos­sen blei­ben.“

EU könnte großen Beitrag zur Lösung des Nahost-Konflikts leisten

Mit Blick auf die EU füg­te der Patri­arch hin­zu: „Ich den­ke auf beson­de­re Wei­se an die Euro­päi­sche Uni­on. Wenn die EU geeint bleibt, ihre kul­tu­rel­le Iden­ti­tät wie­der­ent­deckt und sich nicht von den USA bedin­gen läßt: Was kann die Tür­kei machen? Lei­der ist der Westen häu­fig Gefan­ge­ner einer gewis­sen Duck­mäu­se­rei, die sich in einer poli­tisch kor­rek­ten Men­ta­li­tät wider­spie­gelt. In Wirk­lich­keit könn­te die EU einen gro­ßen Bei­trag zur Lösung des Nah­ost-Pro­blems lei­sten.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Ora Pro Siria