Selbstmord unter Nicht-Gläubigen häufiger als unter Gläubigen – Unter Protestanten häufiger als unter Katholiken – Neue Studie

Depression Selbstmord neue Suizidstudie Scheiz Selbstmord unter Ungläubigen häufiger als unter Gläubigen unter Protestanten häufiger als unter Katholikenvon Rober­to Reg­gi*

Selbst­mord wird in mora­li­scher und reli­giö­ser Hin­sicht nega­tiv bewer­tet. Dar­über hin­aus ist er jedoch einer der aus­sa­ge­kräf­tig­sten und objek­tiv-sta­ti­stisch leicht fest­stell­ba­rer Grad­mes­ser für das Wohl­be­fin­den. Bereits seit der klas­si­schen Stu­die von Émi­le Durk­heim (1897), die als erste wis­sen­schaft­li­che sozio­lo­gi­sche Stu­die über­haupt gilt, ist bekannt, daß unter gläu­bi­gen Men­schen im Ver­gleich zu nicht gläu­bi­gen die Selbst­mord­ra­te gerin­ger ist. Im Detail gibt es zudem weni­ger Selbst­mor­de bei Katho­li­ken als bei Pro­te­stan­ten.

Die Inter­pre­ta­ti­on für die­ses Phä­no­men, die der Vater der Sozio­lo­gie gab, grün­det auf dem Kon­zept der Ano­mie. Der Rück­gang oder Ver­lust von reli­giö­sen Nor­men und Wer­ten (a‑nomos, ohne Gesetz) führt zu Stö­run­gen der sozia­len Ord­nung und zum Ver­lust von gesell­schaft­li­cher Inte­gra­ti­on. Fol­gen der Ano­mie sind bei Men­schen das Gefühl des Ver­las­sen­seins, wach­sen­de Unzu­frie­den­heit und Äng­ste, die bis zum Selbst­mord füh­ren kön­nen. Gläu­bi­ge Men­schen haben jedoch Idea­le, an denen sie sich fest­hal­ten und in jeder Situa­ti­on aus­rich­ten kön­nen. Sie geben Halt und Trost. Die Katho­li­ken sind mehr als die Pro­te­stan­ten in eine Gemein­schaft und sozia­le Bezie­hun­gen ein­ge­bun­den, was ano­mi­sche Erschei­nungs­for­men wei­ter redu­ziert. Das katho­li­sche Netz­werk ist weit dich­ter gespannt als das pro­te­stan­ti­sche, weil der pro­te­stan­ti­sche, die­seits­be­zo­ge­ne Lei­stungs­druck fehlt und ein Schei­tern nach mensch­li­chen Maß­stä­ben im Katho­li­schen als Mög­lich­keit stets mit­ein­ge­schlos­sen ist.

Mehr als ein Jahr­hun­dert nach der bahn­bre­chen­den Stu­die von Durk­heim wur­de im Som­mer 2012 eine Uni­ver­si­täts­stu­die zum The­ma ver­öf­fent­licht. Dabei wur­den die in der Schweiz voll­zo­ge­nen Selbst­mor­de zwi­schen 1981 und 2001 unter­sucht, einem Land also, in dem katho­li­sche Kir­che und pro­te­stan­ti­sche Glau­bens­rich­tun­gen histo­risch neben­ein­an­der exi­stie­ren. Die Stu­die Sui­ci­de and Reli­gi­on: New Evi­dence on the Dif­fe­ren­ces Bet­ween Pro­te­stan­tism and Catho­li­cism wur­de von Ben­no Torg­ler (EBS Uni­ver­si­tät für Wirt­schaft und Recht, Oestrich-Win­kel) und Chri­stoph Schalt­eg­ger (Uni­ver­si­tät Luzern) erstellt.

Die Stu­die lie­fert wert­vol­le Erkennt­nis­se wegen der Homo­ge­ni­tät der unter­such­ten Fäl­le, die alle aus dem dem­sel­ben poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Umfeld kom­men, die das sta­bi­le Schwei­zer Staats­we­sen aus­zeich­nen. Die Stu­die bestä­tig­te Durk­heims Erhe­bun­gen des spä­ten 19. Jahr­hun­derts: Pro­te­stan­ten nei­gen häu­fi­ger zu Selbst­mord als Katho­li­ken. Kon­kret: bei glei­chen sozia­len und wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen (Ein­kom­men, Fami­li­en­ver­hält­nis­se usw.) nimmt die Selbst­mord­ra­te eines Kan­tons ab, je höher der Katho­li­ken­an­teil ist.

*Robert Reg­gi, Jahr­gang 1974, Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie (1998), Diplom­stu­di­um der Theo­lo­gie (2007), Diplom­stu­di­um der Bil­dungs­wis­sen­schaf­ten (2007), Lizen­ti­at in Bibli­scher Theo­lo­gie (2007), Psy­cho­lo­gie (2009), Anthro­po­lo­gie (2011), Mit­ar­bei­ter von Radio Maria, UCCR, Mit­glied im wis­sen­schaft­li­chen Komi­tee von Catho­pe­dia.

Erst­ver­öf­fent­li­chung: UCCR
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: UCCR