Australien: Philosophen-Plädoyer für postnatale Kindestötung sorgt für Debatte

(Wien) Soll man Neu­ge­bo­re­ne töten dür­fen? Ja, sagen zwei ita­lie­nisch austra­li­sche Phi­lo­so­phen. Sie plä­die­ren im Jour­nal of Medi­cal Ethics für die Tötung von Säug­lin­gen, wenn die­se schwe­re kör­per­li­che oder gei­sti­ge Schä­den haben. Neu sind der­lei extre­me The­sen und Argu­men­te nicht, wohl aber die inter­na­tio­na­le Debat­te, die sie um das The­ma aus­ge­löst haben. Der austra­li­sche Bio­ethi­ker Peter Sin­ger, ihr „gei­sti­ger Ahn­herr“, ver­tritt schon seit den 1980er Jah­ren die­se Posi­ti­on und bezeich­net sie als „kon­se­quent“: War­um, so der Uti­li­ta­rist Sin­ger, soll ein Kind im Rah­men der Fri­sten­re­ge­lung bis knapp vor der Geburt legal abge­trie­ben wer­den kön­nen, nach der Geburt aber nicht?

Eines muß man den austra­li­schen Kon­se­quen­zia­li­sten zu Gute hal­ten: Sie machen auf den offe­nen Wider­spruch im Umgang mit dem Recht auf Leben auf­merk­sam. Denn jed­we­de Frist, ab wann eine Abtrei­bung straf­frei ist, unter­liegt der Will­kür, kon­sta­tiert Susan­ne Kum­mer, stv. IMA­BE-Geschäfts­füh­re­rin. Das wür­de sich auch in der öster­rei­chi­schen Pra­xis wider­spie­geln: So wer­den in Öster­reich auch Spät­ab­trei­bun­gen im Fal­le der euge­ni­schen Indi­ka­ti­on durch­ge­führt, wobei man­che der abge­trie­be­nen Kin­der erst nach der Geburt ster­ben. „Es ist höch­ste Zeit, auch die­se men­schen­ver­ach­ten­de Pra­xis in Öster­reich zu dis­ku­tie­ren“, for­dert Kummer.

Die bei­den Ita­lie­ner, Alber­to Giu­bi­li­ni und Fran­ce­s­ca Miner­va, tätig an der Uni­ver­si­ty of Mel­bourne, schla­gen in die Ker­be Sin­gers und argu­men­tie­ren klas­sisch uti­li­ta­ri­stisch: Zwar wol­len sie sich nicht auf einen Zeit­punkt fest­le­gen, bis zu dem Kinds­tö­tun­gen zu erlau­ben wären. Aber in allen Fäl­len, bei denen Abtrei­bung erlaubt ist, soll­te auch die Tötung nach der Geburt statt­haft sein, also auch bei gesun­den Kin­dern. Argu­men­te für eine „Abtrei­bung nach der Geburt“ kön­nen die unzu­mut­ba­ren „Kosten für die poten­ti­el­len Eltern“ sein, sozi­al, psy­chisch oder wirt­schaft­lich. Die Inter­es­sen der Gebo­re­nen wie­gen mehr als der Unge­bo­re­nen oder Säug­lin­ge: Letz­te­re hät­ten ohne­hin noch kein Selbst­be­wußt­sein und damit kei­ne „Zie­le“ oder „wohl­ent­wickel­ten Plä­ne“ im Gegen­satz zu den Erwach­se­nen. Per­son­sein und ein damit ver­knüpf­tes Lebens­recht wür­den Föten, Säug­lin­gen, aber auch Behin­der­ten oder Demen­ten fehlen.

Der Arzt, nicht als Hel­fer, son­dern als Tod­brin­ger — dage­gen weh­ren sich inzwi­schen immer mehr Ärz­te. Auch aktu­el­le Daten aus Deutsch­land spre­chen dazu eine trau­ri­ge Spra­che: Laut Sta­ti­sti­schem Bun­des­amt wur­den im Jahr 2011 offi­zi­ell 109.000 Kin­destö­tun­gen durch­ge­führt, in 97 Pro­zent der Fäl­le han­del­te es sich dabei offen­bar um gesun­de Kinder.

Text: imabe/LS