Vaticanum II kein Tabu — Osservatore Romano veröffentlicht Antwort auf Einwände der Piusbruderschaft

Der Osser­va­to­re Roma­no ver­öf­fent­lich­te einen Arti­kel des Gene­ral­vi­kars des Opus Dei, Msgr. Fer­nan­do Ocá­riz, der für die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on an den Lehr­ge­sprä­chen mit der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. teil­nahm. Er ant­wor­tet dar­in auf die Ein­wän­de der Pius­bru­der­schaft, wen­det sich aber kei­nes­wegs nur an die von Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re gegrün­de­te Prie­ster­bru­der­schaft, da er ins­ge­samt eine Les­art des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils dar­zu­le­gen versucht.
Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil defi­nier­te kei­ne neu­en Dog­men und auch wenn es ein „pasto­ra­les“ Kon­zil war, bedeu­te das nicht, daß es nicht auch dok­tri­nal war. So schreibt es der Theo­lo­ge in sei­nem Auf­satz “Über die Zustim­mung zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil am 50. Jah­res­tag sei­ner Ein­be­ru­fung“, der am 1. Dezem­ber 2011 in der offi­ziö­sen Tages­zei­tung des Vati­kans ver­öf­fent­licht wur­de. Am 25. Dezem­ber 1961 berief Papst Johan­nes XXIII. mit der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Huma­nae salu­tis offi­zi­ell das öku­me­ni­sche Kon­zil ein.
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Über die Zustimmung zum Zweiten Vatikanischen Konzil am 50. Jahrestag seiner Einberufung

von Msgr. Fer­nan­do Ocáriz

Der bevor­ste­hen­de 50. Jah­res­tag der Ein­be­ru­fung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils (25. Dezem­ber 1961) ist Anlaß zum Fei­ern, aber auch zu einem erneu­er­ten Nach­den­ken über die Rezep­ti­on und Umset­zung der Kon­zils­do­ku­men­te. Dabei gilt es, neben den unmit­tel­bar prak­ti­schen Aspek­ten die­ser Rezep­ti­on und Umset­zung mit ihren Licht- und Schat­ten­sei­ten auch das Wesen der ver­stan­des­mä­ßi­gen Zustim­mung, die den Kon­zils­leh­ren gebührt, in Erin­ne­rung zu rufen. Obwohl die Leh­re dar­über bekannt ist und dazu eine reich­hal­ti­ge Biblio­gra­phie vor­liegt, ist es ange­bracht, ihre Grund­zü­ge erneut dar­zu­le­gen, weil – auch in der öffent­li­chen Mei­nung – Unsi­cher­hei­ten über die Kon­ti­nui­tät eini­ger Kon­zils­leh­ren gegen­über frü­he­ren Aus­sa­gen des kirch­li­chen Lehr­amts bestehen.
Zunächst soll­te in Erin­ne­rung geru­fen wer­den, daß die pasto­ra­le Aus­rich­tung des Kon­zils nicht bedeu­tet, daß es nicht dok­tri­nell ist. Denn die pasto­ra­len Aspek­te grün­den auf der Leh­re, wie es anders gar nicht sein könn­te. Vor allem aber muß betont wer­den, daß die Leh­re auf das Heil aus­ge­rich­tet und sei­ne Ver­kün­di­gung ein wesent­li­cher Bestand­teil der Pasto­ral ist. Zudem fin­den sich in den Kon­zils­do­ku­men­ten zwei­fel­los vie­le Aus­sa­gen streng lehr­mä­ßi­ger Natur: über die gött­li­che Offen­ba­rung, über die Kir­che, usw. Dazu schrieb der seli­ge Johan­nes Paul II.: „Mit Got­tes Hil­fe ver­moch­ten die Kon­zils­vä­ter im Ver­lauf vier­jäh­ri­ger Arbeit eine beacht­li­che Fül­le von Lehr­aus­sa­gen und pasto­ra­len Richt­li­ni­en für die gan­ze Kir­che zu erar­bei­ten“ (Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on Fidei depo­si­tum, 11. Okto­ber 1992, Einleitung).

Die dem Lehr­amt gebüh­ren­de Zustimmung

Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil defi­nier­te kein Dog­ma in dem Sinn, dass es kei­ne Leh­re durch eine end­gül­ti­ge Ver­laut­ba­rung ver­kün­de­te. Wenn eine Äuße­rung des Lehr­am­tes der Kir­che nicht kraft des Cha­ris­mas der Unfehl­bar­keit erfolgt, bedeu­tet dies jedoch nicht, daß sie als „fehl­bar“ betrach­tet wer­den kann und des­halb bloß eine „vor­läu­fi­ge Leh­re“ oder „gewich­ti­ge Mei­nun­gen“ wei­ter­ge­be. Jede Äuße­rung des authen­ti­schen Lehr­amts muß als das ange­nom­men wer­den, was sie ist: als Leh­re, die von Hir­ten ver­kün­det wird, die in der apo­sto­li­sche Nach­fol­ge mit dem „Cha­ris­ma der Wahr­heit“ (Dei ver­bum, Nr. 8), „mit der Auto­ri­tät Chri­sti aus­ge­rü­stet“ (Lumen gen­ti­um, 25), „im Licht des Hei­li­gen Gei­stes“ (ebd.) sprechen
Die­ses Cha­ris­ma, die­se Auto­ri­tät und die­ses Licht waren im Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil gewiß vor­han­den. Wenn man dies dem gesam­ten Epi­sko­pat, der cum Petro et sub Petro ver­sam­melt war, um die Gesamt­kir­che zu leh­ren, abspre­chen woll­te, dann wür­de man etwas leug­nen, das zum Wesen der Kir­che gehört (vgl. Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, Erklä­rung Myste­ri­um Eccle­siae, 24. Juni 1973, Nr. 2–5).
Natür­lich haben nicht alle in den Kon­zils­do­ku­men­ten ent­hal­te­nen Aus­sa­gen den­sel­ben lehr­mä­ßi­gen Wert und ver­lan­gen daher nicht alle den­sel­ben Grad an Zustim­mung. Die ver­schie­de­nen Gra­de der Zustim­mung zu den vom Lehr­amt ver­kün­de­ten Leh­ren wur­den vom Zwei­ten Vati­ka­num unter der Nr. 25 der Kon­sti­tu­ti­on Lumen gen­ti­um dar­ge­legt. Spä­ter wur­den sie zusam­men­ge­faßt in den drei Absät­zen, die dem Niz­ä­no-kon­stan­ti­no­po­li­ta­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis in der For­mel der Pro­fes­sio fidei hin­zu­ge­fügt wur­den, die 1989 mit Appro­ba­ti­on von Johan­nes Paul II. von der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re ver­öf­fent­licht wurde.
Jene Aus­sa­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, die Glau­bens­wahr­hei­ten in Erin­ne­rung rufen, ver­lan­gen natür­lich Zustim­mung mit theo­lo­ga­lem Glau­ben – nicht weil sie von die­sem Kon­zil gelehrt wur­den, son­dern weil sie als sol­che bereits unfehl­bar von der Kir­che vor­ge­legt wor­den sind, sei es durch fei­er­li­ches Urteil, sei es durch das ordent­li­che und all­ge­mei­ne Lehr­amt. Eben­so ver­lan­gen ande­re Leh­ren, die vom Zwei­ten Vati­ka­num in Erin­ne­rung geru­fen und bereits frü­her durch das Lehr­amt in einer defi­ni­ti­ven Äuße­rung ver­kün­det wur­den, vol­le und end­gül­ti­ge Zustimmung.
Die ande­ren lehr­mä­ßi­gen Aus­sa­gen des Kon­zils ver­lan­gen von den Gläu­bi­gen einen Grad der Zustim­mung, der als „reli­giö­ser Gehor­sam des Wil­lens und des Ver­stan­des“ bezeich­net wird: eine „reli­giö­se“ Zustim­mung also, die nicht auf rein ratio­na­len Moti­va­tio­nen grün­det. Die­se Zustim­mung ist kein Akt des Glau­bens, son­dern viel­mehr des Gehor­sams, der aber nicht bloß dis­zi­pli­nä­rer Natur ist, son­dern im Ver­trau­en auf den gött­li­chen Bei­stand für das Lehr­amt wur­zelt, und sich daher „in die Logik des Glau­bens­ge­hor­sams ein­fü­gen und von ihm bestim­men“ läßt (Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, Instruk­ti­on Donum veri­ta­tis, 24. Mai 1990, Nr. 23). Die­ser Gehor­sam gegen­über dem Lehr­amt der Kir­che stellt kei­ne Gren­ze für die Frei­heit dar, son­dern er ist im Gegen­teil Quel­le der Frei­heit. Die Wor­te Chri­sti: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16), sind auch an die Nach­fol­ger der Apo­stel gerich­tet; und Chri­stus hören bedeu­tet, die Wahr­heit in sich auf­zu­neh­men, die befreit (vgl. Joh 8,32).
In den lehr­amt­li­chen Doku­men­ten kann es auch Ele­men­te geben – und sol­che fin­den sich tat­säch­lich im Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil –, die von ihrem Wesen her nicht eigent­lich lehr­mä­ßig, son­dern mehr oder weni­ger von den Umstän­den bestimmt sind (Beschrei­bun­gen gesell­schaft­li­cher Zustän­de, Vor­schlä­ge, Ermah­nun­gen, usw.). Sol­che Ele­men­te müs­sen respekt­voll und dank­bar ange­nom­men wer­den, aber sie ver­lan­gen kei­ne ver­stan­des­mä­ßi­ge Zustim­mung im eigent­li­chen Sinn (vgl. Instruk­ti­on Donum veri­ta­tis, Nr. 24–31).

Die Aus­le­gung der Lehren

Die Ein­heit der Kir­che und die Ein­heit im Glau­ben sind untrenn­bar. Dar­aus folgt auch die Ein­heit des Lehr­amts der Kir­che, das in allen Zei­ten der authen­ti­sche Aus­le­ger der gött­li­chen Offen­ba­rung ist, die von der Hei­li­gen Schrift und von der Über­lie­fe­rung wei­ter­ge­ge­be­nen wird. Das bedeu­tet unter ande­rem, daß eine wesent­li­che Eigen­schaft des Lehr­amts sei­ne Kon­ti­nui­tät und Homo­ge­ni­tät durch die Zei­ten hin­durch ist. Kon­ti­nui­tät bedeu­tet nicht, daß es kei­ne Ent­wick­lung gäbe. Die Kir­che schrei­tet durch die Jahr­hun­der­te hin­durch vor­an in der Erkennt­nis, in der Ver­tie­fung und in der dar­aus fol­gen­den lehr­amt­li­chen Unter­wei­sung im Glau­ben und in der katho­li­schen Moral.
Im Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil gab es eini­ge Neu­hei­ten lehr­mä­ßi­ger Natur: über die Sakra­men­ta­li­tät des Bischofs­amts, über die bischöf­li­che Kol­le­gia­li­tät, über die Reli­gi­ons­frei­heit, usw. Obgleich gegen­über Neu­hei­ten in Fra­gen, die den Glau­ben oder die Moral betref­fen und die nicht in einer defi­ni­ti­ven Äuße­rung ver­kün­det wur­den, der reli­giö­se Gehor­sam des Wil­lens und des Ver­stan­des gebo­ten ist, gab und gibt es Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die Kon­ti­nui­tät eini­ger die­ser Fra­gen mit dem frü­he­ren Lehr­amt, also über ihre Ver­ein­bar­keit mit der Über­lie­fe­rung. Ange­sichts von Schwie­rig­kei­ten, die auf­tre­ten kön­nen, wenn es dar­um geht, die Kon­ti­nui­tät eini­ger Kon­zils­leh­ren mit der Über­lie­fe­rung zu ver­ste­hen, besteht die katho­li­sche Hal­tung dar­in, unter Berück­sich­ti­gung der Ein­heit des Lehr­amts nach einer ein­heit­li­chen Aus­le­gung zu suchen, in der die Tex­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils und frü­he­re lehr­amt­li­che Doku­men­te ein­an­der gegen­sei­tig beleuch­ten. Nicht nur das Zwei­te Vati­ka­num muß im Licht der frü­he­ren lehr­amt­li­chen Doku­men­te aus­ge­legt wer­den, eini­ge die­ser Doku­men­te wer­den im Licht des Zwei­ten Vati­ka­nums auch bes­ser ver­ständ­lich. Das ist in der Kir­chen­ge­schich­te nichts Neu­es. Man den­ke zum Bei­spiel dar­an, daß wich­ti­ge Begrif­fe, die in der For­mu­lie­rung des tri­ni­ta­ri­schen und chri­sto­lo­gi­schen Glau­bens im ersten Kon­zil von Nizäa ver­wen­det wur­den (hypó­sta­sis, ousà­a), durch spä­te­re Kon­zi­li­en in ihrer Bedeu­tung viel genau­er gefasst wurden.
Die Aus­le­gung der Neu­hei­ten, die das Zwei­te Vati­ka­num lehrt, muß daher, wie Bene­dikt XVI. sag­te, die Her­me­neu­tik der Dis­kon­ti­nui­tät zur Über­lie­fe­rung zurück­wei­sen und die Her­me­neu­tik der Reform, der Erneue­rung in der Kon­ti­nui­tät her­vor­he­ben (vgl. Anspra­che, 22. Dezem­ber 2005). Es han­delt sich um Neu­hei­ten in dem Sinn, daß sie neue Aspek­te erläu­tern, die bis dahin vom Lehr­amt noch nicht for­mu­liert wor­den waren, die aber lehr­mä­ßig den frü­he­ren lehr­amt­li­chen Doku­men­ten nicht wider­spre­chen, obwohl sie ange­sichts der ver­än­der­ten geschicht­li­chen und gesell­schaft­li­chen Umstän­de in eini­gen Fäl­len – zum Bei­spiel in der Fra­ge der Reli­gi­ons­frei­heit – auf der Ebe­ne der histo­ri­schen Ent­schei­dun­gen über ihre recht­lich-poli­ti­sche Umset­zung auch sehr unter­schied­li­che Fol­gen nach sich zie­hen kön­nen. Eine authen­ti­sche Aus­le­gung der Kon­zils­tex­te kann nur durch das Lehr­amt der Kir­che selbst erfol­gen. Beim theo­lo­gi­schen Bemü­hen um die Aus­le­gung jener Abschnit­te in den Kon­zils­tex­ten, die Fra­gen auf­wer­fen oder Schwie­rig­kei­ten zu ent­hal­ten schei­nen, ist es daher vor allem gebo­ten, den Sinn zu berück­sich­ti­gen, in dem die spä­te­ren lehr­amt­li­chen Aus­sa­gen die­se Abschnit­te ver­stan­den haben. Es blei­ben aber recht­mä­ßi­ge Räu­me theo­lo­gi­scher Frei­heit bestehen, um auf die eine oder ande­re Wei­se zu erklä­ren, wie eini­ge in den Kon­zils­tex­ten vor­han­de­ne For­mu­lie­run­gen mit der Über­lie­fe­rung nicht in Wider­spruch ste­hen, und somit auch die eigent­li­che Bedeu­tung eini­ger in die­sen Abschnit­ten ent­hal­te­ner Aus­drücke zu klären.
Abschlie­ßend soll­te man sich in die­sem Zusam­men­hang vor Augen hal­ten, daß seit dem Abschluß des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils bei­na­he ein hal­bes Jahr­hun­dert ver­gan­gen ist und in die­sen Jahr­zehn­ten vier Päp­ste ein­an­der auf dem Stuhl Petri nach­ge­folgt sind. Wer das Lehr­amt die­ser Päp­ste und die ent­spre­chen­de Zustim­mung dazu von sei­ten des Epi­sko­pats unter­sucht, bei dem soll­te sich eine even­tu­ell gege­be­ne Schwie­rig­keit in ruhi­ge und freu­di­ge Zustim­mung zum Lehr­amt, dem authen­ti­schen Aus­le­ger der Glau­bens­leh­re, ver­wan­deln. Das erscheint auch dann mög­lich und wün­schens­wert, wenn wei­ter­hin Aspek­te bestehen blei­ben, die ratio­nal nicht voll­kom­men erfaßt wer­den. In jedem Fall blei­ben recht­mä­ßi­ge Räu­me theo­lo­gi­scher Frei­heit für ein stets ange­mes­se­ne­res Bemü­hen um Ver­tie­fung. So hat Bene­dikt XVI. kürz­lich geschrie­ben, daß „die wesent­li­chen Inhal­te, die seit Jahr­hun­der­ten das Erbe aller Gläu­bi­gen bil­den, immer neu bekräf­tigt, ver­stan­den und ver­tieft wer­den müs­sen, um unter geschicht­li­chen Bedin­gun­gen, die sich von denen der Ver­gan­gen­heit unter­schei­den, ein kohä­ren­tes Zeug­nis zu geben“ (Bene­dikt XVI., Motu pro­prio Por­ta fidei, Nr. 4).

Text: abge­druckt im Osser­va­to­re Roma­no v. 1. Dezem­ber 2011
Bild: Vati­can Insider