Austria Infelix – Die Leiden ver(w)irrter Hirten und Laien in deutschen Landen

(Wien) Die Unru­he in einem Teil des öster­rei­chi­schen Kle­rus ver­sucht sich durch die Medi­en Gehör zu ver­schaf­fen. Media­ler Bei­fall als trö­sten­des Ven­til für die Lei­den einer altern­den libe­ra­len Prie­ster­ge­nera­ti­on, die sich am Ende des Weges völ­lig zu ver­ir­ren scheint?

Mit dem Geruch stra­te­gi­scher Pla­nung behaf­tet, prä­sen­tier­te der eme­ri­tier­te Wie­ner Pasto­ral­theo­lo­ge Paul Zuleh­ner ganz demo­kra­tisch eine Umfra­ge, wie vie­le der (befrag­ten) Prie­ster für die „Reform­zie­le“ der rebel­li­schen Prie­ster-Initia­ti­ve um den ehe­ma­li­gen Cari­tas-Direk­tor Hel­mut Schül­ler sei­en. Eben­so pünkt­lich ver­brei­te­te die Reli­gi­ons-Redak­ti­on des öster­rei­chi­schen Staats­rund­funks ORF die Ergeb­nis­se wohl­wol­lend und umge­hend von den Nach­rich­ten­re­dak­tio­nen am Künigl­berg (Sitz des ORF in Wien) unter­stützt. In Rom, jeden­falls an der Piaz­za del Sant’Uffizio, beein­druck­te das Zusam­men­spiel Schül­ler-Zuleh­ner-ORF nicht. Die Ver(w)irrungen unter einem Teil von Öster­reichs Kle­rus und die Fra­ge, wie die­se mög­lich wur­den, erstau­nen und beschäf­ti­gen Rom durch­aus. Aller­dings anders, als man es sich in des­sen Krei­sen an der Donau wünscht.

An den theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten: revol­tie­ren­de Dau­ernörg­ler und Hecken­schüt­zen

Eine Fra­ge, die im Raum steht lau­tet: Was erwar­ten sich die Bischö­fe des deut­schen Sprach­raums von Absol­ven­ten theo­lo­gi­scher Fakul­tä­ten: Prie­ster­amts­an­wär­ter (sofern sie sich nicht schon früh­zei­tig in kir­chen­treue Ein­rich­tun­gen in Sicher­heit gebracht haben), Pasto­ral­as­si­sten­ten, Gemein­de­re­fe­ren­ten, aka­de­misch-theo­lo­gi­scher Nach­wuchs, zahl­rei­che Ange­stell­te und Beam­te im Kir­chen­sold, die durch die Schu­le von Pro­fes­so­ren gegan­gen sind wie den Unter­zeich­nern des Memo­ran­dum „Kir­che 2011: Ein not­wen­di­ger Auf­bruch“? Statt tabu­la rasa zu machen, da jeder Stu­dent an einer katho­li­schen-theo­lo­gi­schen Fakul­tät das Recht hat, im römisch-katho­li­schen Glau­ben aus­ge­bil­det zu wer­den und nicht im Glau­ben nach Striet, nach Arens, Hol­ter oder ande­rer, steu­er­te etwa der Vor­sit­zen­de der deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Erz­bi­schof Zollitsch von Frei­burg, wohl­wol­lend ein Vor­wort zum Sam­mel­band der rebel­li­schen Den­kübun­gen („Kir­che 2011: Ein not­wen­di­ger Auf­bruch. Argu­men­te zum Memo­ran­dum“) bei.

Wer nicht den Glau­ben lehrt, offen­sicht­lich selbst grund­le­gen­de Glau­bens­wahr­heit nicht glaubt oder Mecha­nis­men för­dert, die sol­che Infra­ge­stel­len kön­nen, hat einen kirch­li­chen Lehr­stuhl zu räu­men. Es liegt dann jedem Stu­den­ten frei, Lehr­ver­an­stal­tun­gen die­ser Pro­fes­so­ren­schaft außer­halb des kirch­li­chen Rah­mens und der katho­li­schen Fakul­tä­ten zu bele­gen. Jede For­de­rung und jede Kri­tik an der Kir­che, ihrer Glau­bens­leh­re und ihrer Dis­zi­plin ver­liert jede Glaub­wür­dig­keit, solan­ge die Kri­ti­ker nicht ein­mal imstan­de sind, die unauf­schieb­ba­ren per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen aus ihrem Den­ken und Han­deln zu zie­hen. Ihnen ste­hen dies­be­züg­lich ja alle Wege offen, aller­dings dann — auf­grund ihrer „frei­en“ und „demo­kra­ti­schen“ Ent­schei­dung — außer­halb der Kir­che. Die katho­li­sche Kir­che ist eine güti­ge Mut­ter. Wer hät­te in der von den Moder­ni­sten so lieb­ge­won­ne­nen Welt (aller­dings nur einer fik­tiv „gerech­ten“ natür­lich) sol­che Sanft­mut im Umgang mit revol­tie­ren­den Dau­ernörg­lern und Hecken­schüt­zen?

Weg in die myria­den­haf­te Zer­split­te­rung des Pro­te­stan­tis­mus

Es scheint über­flüs­sig, die Ergeb­nis­se der Zuleh­ner-Befra­gung zu wie­der­ho­len. Sie stüt­zen, das soll ja auch Sinn und Zweck der Übung sein, die For­de­run­gen der Rebel­len und sol­len ihnen eine demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on ver­lei­hen. „Demo­kra­ti­sie­rung“ ist ohne­hin die magi­sche Zau­ber­for­mel des auf­be­geh­ren­den moder­ni­sti­schen Kir­chen­flü­gels, wie die geschwi­ster­li­che bun­des­deut­sche Vari­an­te der alpen­re­pu­bli­ka­ni­schen Rebel­len in Gestalt der „Kir­che 2011: Ein not­wen­di­ger Auf­bruch“ zeigt. Was Demo­kra­ti­sie­rung in Glau­bens­fra­gen tat­säch­lich kon­kret bedeu­ten soll, ver­ra­ten die Damen und Her­ren, zumeist im Kir­chen­sold, geflis­sent­lich nicht. Ver­meint­lich darf man je nach poli­ti­scher Sozia­li­sie­rung eine par­la­men­ta­ri­sche oder basis­ide­mo­kra­ti­sche Struk­tu­ra­li­sie­rung erwar­ten (so wohl auch die Inten­ti­on der Betrei­ber), wo die Mehr­heit der hoch­ge­ho­be­nen Hän­de ent­schei­det, zum Bei­spiel ob Maria Jung­frau war und/oder Got­tes­ge­bä­re­rin, ob Jesus der Mes­si­as ist und/oder Pro­phet und/oder Got­tes­sohn und/oder mensch­ge­wor­de­ner Gott. Der­glei­chen Fra­gen gäbe es noch vie­ler. Die leib­haf­ti­gen Demo­kra­ten hät­ten viel zu tun, für­wahr. Die inno­va­ti­ve Wei­ter­ent­wick­lung der Demo­kra­tie ist jedoch längst einen gro­ßen Schritt wei­ter. Demo­kra­tie bedeu­tet, gepaart mit „Frei­heit“ längst nicht mehr (liest man jeden­falls die Stand­punkt­be­stim­mun­gen der deut­schen Memo­ran­di­sten­fron­de) Mehr­heit, son­dern die Über­hö­hung jeder indi­vi­du­el­len Ein­zel­mei­nung. Der Weg in die myria­den­haf­te Zer­split­te­rung des Pro­te­stan­tis­mus ist durch eine sol­che The­se imma­nent vor­ge­zeich­net und wahr­schein­lich auch inten­diert.

Das Wesen des Zeit­gei­stes

Wer nach dem Ursprung der offe­nen Rebel­li­on in Öster­reich sucht, geht aller­dings fehl in der Annah­me, ihn in der Cau­sa des Kar­di­nals Hans Her­mann Groà«r, des 1995 zurück­ge­tre­te­nen und 2003 ver­stor­be­nen Erz­bi­schofs von Wien, zu fin­den. Er ist wesent­lich frü­her anzu­set­zen, bei unter­ir­disch flie­ßen­den, moder­ni­sti­schen Gei­stes­strö­mun­gen der Vor­kon­zils­zeit und hat heu­te unver­kenn­bar mit der Span­nung zwi­schen Glau­bens­wahr­heit und moder­ner Welt zu tun, die offen­sicht­lich vie­le unter dem Druck des Zeit­gei­stes nicht mehr ertra­gen kön­nen. Die Kir­che weiß jedoch um das Wesen des Zeit­gei­stes, jenes win­di­gen Fähn­leins, das mit Fou­ché guil­lo­ti­nier­te, mit dem Dar­wi­nis­mus begei­stert die tie­ri­sche Abstam­mung des Men­schen als „befrei­en­den“ Erkennt­nis­ge­winn beju­bel­te, mit SA und SS Heil Hit­ler rief, es sich mit dem gro­ßen sowje­ti­schen Bru­der im Arbei­ter- und Bau­ern­pa­ra­dies ein­rich­te­te, die sexu­el­le „Befrei­ung“ skru­pel­los auf den Hek­atom­ben getö­te­ter unge­bo­re­ner Kin­der ver­tei­digt und nun der Ent­fes­se­lung indi­vi­du­el­ler Ent­schei­dungs­frei­heit hul­digt, die ein­mal mehr in einem gro­ßen Desa­ster enden muß. Die Suche nach „Schnitt­men­gen“ mit die­sem Zeit­geist stell­te die Kir­che zu allen Zei­ten vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Jeder Drang zur „Anpas­sung“ wird im Nach­hin­ein kri­tisch betrach­tet als Feh­ler erkannt.

Wir sind Kir­che“: Außer­halb der Kir­che

Die Beschleu­ni­gung der Rebel­li­on scheint der Unge­duld geschul­det, daß deren Initia­to­ren (der medi­en­ge­wand­te Schül­ler ist mit sei­nen 59 Jah­ren einer ihrer weni­gen jün­ge­ren Ver­tre­ter) die Zeit davon­zu­lau­fen scheint. Schül­ler muß­te in einem ORF-Inter­view ein­ge­ste­hen, daß unter den Jün­ge­ren nur mehr Papst­treue das Prie­ster­tum anstre­ben. So erscheint es durch­aus logisch, wenn die moder­ni­sti­sche Rebel­len­ver­ei­ni­gung mit dem eben­so anma­ßen­den wie groß­spu­ri­gen Namen „Wir sind Kir­che“ durch ihren Wort­füh­rer Hans Peter Hur­ka die Fei­er von „Eucha­ri­stie­fei­ern durch Lai­en“ ankün­digt. Damit will man, so Hur­ka, dem abseh­ba­ren „Prie­ster­man­gel“ unter den Libe­ra­len vor­beu­gen und begibt sich mit der Simu­la­ti­on des Meß­op­fers unent­rinn­bar auf zu dün­nes Eis. Die hei­li­ge Hand­lung als komö­di­an­ti­sche Par­odie hat, für jeden sicht­bar, kei­nen Anteil am Heils­ge­sche­hen.

Damit wird das Schis­ma „ope­ra­tiv“, das bis­her mehr von den Rebel­len in letz­ter Kon­se­quenz ver­mie­den wur­de, weil es sich am Fut­ter­trog des Kir­chen­steu­er­sy­stems doch gut leben läßt. Sowohl „Wir sind Kir­che“ wie die rebel­li­schen Prie­ster voll­zie­hen damit den Bruch mit Rom und stel­len sich außer­halb der Kir­che.

Papst Bene­dikt XVI.: „die gan­ze Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, heu­te und aller Orten und Zei­ten.“

Papst Bene­dikt XVI. erklär­te am 24. Sep­tem­ber 2011 in der Kapel­le des Frei­bur­ger Prie­ster­se­mi­nars den dort ver­sam­mel­ten Semi­na­ri­sten die wah­re Bedeu­tung des­sen, was gemeint ist „Wenn wir sagen: ‚Wir sind Kir­che‘ — ja, es ist wahr: Wir sind es, nicht irgend jemand. Aber das „Wir“ ist wei­ter als die Grup­pe, die das gera­de sagt. Das „Wir“ ist die gan­ze Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, heu­te und aller Orten und Zei­ten. Und ich sage dann immer: In der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, ja, da gibt es sozu­sa­gen den Spruch der gül­ti­gen Mehr­heit, aber es kann nie eine Mehr­heit gegen die Apo­stel und gegen die Hei­li­gen geben, das ist dann eine fal­sche Mehr­heit. Wir sind Kir­che: Sei­en wir es, sei­en wir es gera­de dadurch, daß wir uns öff­nen und hin­aus­ge­hen über uns sel­ber und es mit den ande­ren sind.“

Ver­schie­de­ne Bischofs­kon­fe­ren­zen ver­öf­fent­lich­ten bereits Erklä­run­gen, mit denen sie fest­stel­len, daß Ver­ei­ni­gun­gen mit der irre­füh­ren­den Bezeich­nung „Wir sind Kir­che“ in Wirk­lich­keit kei­ner­lei kirch­li­che Aner­ken­nung besit­zen und daher in kei­ner Wei­se im Namen der Kir­che auf­tre­ten kön­nen. Die spa­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz stell­te etwa fest, daß die Strö­mung „Wir sind Kir­che“, die aus ver­schie­de­nen Grup­pen in ver­schie­de­nen Län­dern bestehe, sich mit einer Rei­he von For­de­run­gen im Wider­spruch zur kirch­li­chen Leh­re befin­det. „Wir sind Kir­che“ för­de­re die wirk­li­che Erneue­rung der Kir­che nicht nur nicht, son­dern behin­de­re die­se auf schwer­wie­gen­de Wei­se.

Bischof Ger­hard Lud­wig Mül­ler über „sek­tie­re­ri­sche Grüpp­chen“, die „spal­ten“ und „blockie­ren“

Auf den Punkt brach­te es der Regens­bur­ger Bischof Ger­hard Lud­wig Mül­ler in der heu­ti­gen Aus­ga­be der Pas­sau­er Neu­en Pres­se: „Sek­tie­re­ri­sche Grüpp­chen wie ‚Wir sind Kir­che‘ kön­nen öku­me­nisch nur scha­den und sind als Ver­bün­de­te zur Schwä­chung der Katho­li­schen Kir­che zu mei­den. Die­se Extre­mi­sten brin­gen nur wei­te­re Spal­tun­gen und blockie­ren den von Chri­stus vor­ge­schrie­be­nen Weg zur grö­ße­ren Ein­heit im Glau­ben. Wer so agi­tiert, der ver­sün­digt sich am Wil­len Chri­sti.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can Insi­der