WJT 2011: Zwei Millionen Jugendliche knien vor dem Allerheiligsten – „Was die Welt noch nicht gesehen hatte“

(Madrid/Rom) In Madrid knie­ten zwei Mil­lio­nen Jugend­li­che vor dem aus­ge­setz­ten Aller­hei­lig­sten auf dem nas­sen Boden. Sie hiel­ten gemein­sam mit dem Papst andäch­ti­ge Anbe­tung. Hat die Welt der­glei­chen schon gese­hen? Vie­le Jugend­li­che hat­ten Trä­nen in den Augen. Vie­le knie­ten das erste Mal vor dem aller­hei­lig­sten Sakra­ment des Alta­res. Sie taten es mit gro­ßem Ernst, mit Dis­zi­plin und in Stil­le. Das ist die Erzie­hungs­ar­beit Bene­dikts XVI., eines Hir­ten und Vaters, der den Beweis erbringt, daß auch Mas­sen­an­samm­lun­gen in wür­di­ger und ange­mes­se­ner Form statt­fin­den kön­nen und der Schritt für Schritt dar­auf hin­ar­bei­tet.

Kom­mu­ni­sti­sche Welt­fest­spie­le, west­li­che Lee­re und katho­li­sche Welt­ju­gend­ta­ge

Seit die Welt­ju­gend­ta­ge ent­stan­den sind, wur­de ihnen (über­wie­gend) viel Lob gezollt, aber (weni­ger) Kri­tik zuteil. Als Papst Johan­nes Paul II. 1985 die jun­gen Katho­li­ken aus aller Welt zu einem gemein­sa­men Tref­fen ein­lud, hat­te er die gro­ßen kom­mu­ni­sti­schen Jugend­ver­an­stal­tun­gen des Ost­blocks vor Augen, vor allem die Welt­fest­spie­le der Jugend und Stu­den­ten, die seit 1947 vom kom­mu­ni­sti­schen Welt­bund der demo­kra­ti­schen Jugend aus­ge­rich­tet wur­den. Aus Deutsch­land nah­men die DDR-Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen teil, aber eben­so aus dem Westen die Sozia­li­sti­sche Deut­sche Arbei­ter­ju­gend, der Sozia­li­sti­sche Jugend­ver­band Karl Lieb­knecht, die Kom­mu­ni­sti­sche Jugend Öster­reichs, die Schwei­zer Kom­mu­ni­sti­sche Jugend, die Kom­mu­ni­sti­sche Jugend Luxem­burgs.

Die Kom­mu­ni­sten und ihre fort­schritt­li­chen Apo­lo­ge­ten im Westen hat­ten ihre mit dem Pathos einer tota­li­tä­ren Ideo­lo­gie insze­nier­ten Tref­fen. Der demo­kra­ti­sche Westen konn­te dem durch den ihm imma­nen­ten Rela­ti­vis­mus zwangs­läu­fig kei­ne Idee mit wirk­li­cher Mobi­li­sie­rungs­kraft ent­ge­gen­set­zen. Es war nicht so sehr die­se ein­sei­ti­ge poli­ti­sche Gewich­tung im Rin­gen um die Jugend, die den Papst beweg­te, son­dern der Wunsch, einen drit­ten, christ­li­chen, katho­li­schen Weg für die Jugend auf­zu­zei­gen. Die Jugend für Chri­stus gewin­nen heißt, sie auch sich selbst ganz ken­nen­ler­nen las­sen, die mensch­li­che Natur, den Sinn des mensch­li­chen Daseins und die Bestim­mung jedes ein­zel­nen Men­schen.

Die Mobi­li­sie­rungs­kraft des Chri­sten­tums ließ alle real­so­zia­li­sti­schen Bemü­hun­gen schnell blaß aus­se­hen. An den Welt­ju­gend­fest­spie­len 1985 in War­schau nah­men 26.000 „sozia­li­sti­sche“ Jugend­li­che teil (davon mehr als 2000 aus bei­den Tei­len Deutsch­lands). Der Ein­la­dung Papst Johan­nes Pauls II. am Palm­sonn­tag des Jah­re 1985 waren gut 350.000 jun­ge Katho­li­ken gefolgt. Bei die­ser Gele­gen­heit gab er die Ein­rich­tung der Welt­ju­gend­ta­ge bekannt.

Die Idee Johan­nes Pauls II. ließ kom­mu­ni­sti­schen Jugend­ver­an­stal­tun­gen blaß aus­se­hen

Seit dem sowje­ti­schen Zusam­men­bruch sind die Welt­ju­gend­ta­ge kon­kur­renz­los. Es gab in der Geschich­te nie etwas auch nur annä­hernd Ver­gleich­ba­res. Die Welt­ju­gend­ta­ge müß­ten nach allen Kri­te­ri­en jour­na­li­sti­scher Logik der tota­le media­le Aus­nah­me­zu­stand sein. Wenn sie das nicht sind, son­dern von vie­len Medi­en (wie soeben erlebt) viel­mehr rela­ti­viert, mög­lichst ver­steckt und mini­miert wer­den, so hängt dies mit der von den Medi­en sich selbst auf­er­leg­ten Zen­sur reli­giö­ser The­men zusam­men. Wer­den aber Got­tes­dienst, Anbe­tung und Bot­schaft aus­ge­klam­mert, blei­ben nur mehr Mar­gi­na­li­en für die Bericht­erstat­tung übrig.

Die jun­gen Katho­li­ken sind jedoch tech­nisch bestens aus­ge­rü­stet und haben sich längst ihre eige­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge erschlos­sen, um blei­ben­de inne­re und äuße­re Ein­drücke vom Welt­ju­gend­tag mit nach Hau­se zu neh­men und unter Ihres­glei­chen aus­zu­tau­schen. Aller­dings wur­de mit der Bericht­erstat­tung über den WJT 2011 eine sich immer wei­ter auf­tu­en­de Schwe­re zwi­schen Rea­li­tät und ver­öf­fent­lich­ter Mei­nung sicht­bar.

Schritt­wei­se erhält WJT Form — 1997 erst­mals Kreuz­weg

Eine inner­kirch­li­che Kri­tik an den Welt­ju­gend­ta­gen rich­te­te sich hin­ge­gen schon bald erstaun­li­cher­wei­se aus­ge­rech­net gegen den enor­men Andrang, der 1995 mit mehr als vier Mil­lio­nen Teil­neh­mern in Mani­la sei­nen bis­he­ri­gen Höhe­punkt erleb­te. Die Grö­ßen­ord­nung las­se eine wür­di­ge Zele­bra­ti­on der Lit­ur­gie nicht zu. Sie sei der Anbe­tung und dem Gebet abträg­lich. Die Kri­tik an den Welt­ju­gend­ta­gen reih­te sich in die all­ge­mein gegen die Papst­mes­sen mit Mas­sen­an­samm­lun­gen von Gläu­bi­gen ein, die zur zwangs­läu­fi­gen Fol­ge der von Johan­nes Paul II. in das Papst­tum ein­ge­führ­ten neu­en Mobi­li­tät des Pon­ti­fex wur­den. Die „Mas­sen“ lie­fen übri­gens frü­her nicht min­der zusam­men als heu­te, wenn ein Papst bei einer Rei­se in einer Stadt Halt mach­te. Es genügt ein Blick in die Rei­se­be­rich­te. Die Inten­si­tät des Phä­no­mens ist aller­dings neu.

WJT 2000 erste Mög­lich­keit zur Anbe­tung — WJT 2011 in 50 Madri­der Kir­chen Anbe­tung

Die­se Neu­heit führt zu unge­ahn­ten neu­en orga­ni­sa­to­ri­schen Her­aus­for­de­run­gen, die durch die Erfah­rung lang­sam ihre ange­mes­se­ne Form erlan­gen. Die­se Wei­ter­ent­wick­lung erfolgt schritt­wei­se. 1997 wur­de zum ersten Mal ein Kreuz­weg in das Pro­gramm ein­ge­fügt. Beim Welt­ju­gend­tag 2000, der im Hei­li­gen Jahr in Rom statt­fand, woll­te Papst Johan­nes Paul II., daß in eini­gen Kir­chen der Ewi­gen Stadt das Aller­hei­lig­ste zur Anbe­tung aus­ge­setzt wird. Das Echo der Jugend­li­chen war enorm. 2011 fand wäh­rend des WJT in 50 Madri­der Kir­chen Anbe­tung statt.

2005 erst­mals Eucha­ri­sti­sche Anbe­tung bei WJT-Gebets­vi­gil

Unter dem Pon­ti­fi­kat Bene­dikts XVI. wur­de beim Welt­ju­gend­tag in Köln 2005 erst­mals im Rah­men der Gebets­vi­gil eine Eucha­ri­sti­sche Anbe­tung abge­hal­ten. Ein aus­ge­spro­chen deli­ka­ter Moment, wes­we­gen es nicht an Stim­men fehl­te, die Beden­ken äußer­ten. In Madrid wur­de nun zum drit­ten Mal Chri­stus im Aller­hei­lig­sten ange­be­tet. Der Papst zeig­te in der Ent­wick­lung von Köln bis Madrid, wie ernst­haft die Jugend sein kann, wenn man sie an die Inhal­te her­an­führt und sie vor­be­rei­tet. So erleb­te die Welt vor weni­gen Tagen ein ein­zig­ar­ti­ges Ereig­nis: In einem Oze­an von jun­gen Men­schen mit einem unüber­schau­ba­ren Fah­nen­meer, wo eben noch jugend­li­che Freu­de und Begei­ste­rung bran­de­ten, herrsch­te plötz­lich andäch­ti­ge Stil­le und zwei Mil­lio­nen Jugend­li­che knie­ten mit dem Papst vor dem aus­ge­setz­ten Aller­hei­lig­sten nie­der und bete­ten Chri­stus den Herrn an. „Das hat die Welt noch nicht gese­hen“, war mein erster stau­nen­den Gedan­ken.

Der Papst will Kri­ti­kern und unkri­ti­schen Befür­wor­tern zei­gen, daß es nicht auf die Grö­ßen­ord­nung ankommt, daß auch bei Mas­sen­an­samm­lun­gen in wür­di­ger und andäch­ti­ger Form die hei­li­ge Lit­ur­gie zele­briert wer­den kann, daß viel­mehr ent­schei­dend ist, die Gläu­bi­gen im rich­ti­gen Sinn zu füh­rend und vor­zu­be­rei­ten. Er will zei­gen, daß die Gläu­bi­gen bereit­wil­lig die Not­wen­dig­keit erken­nen, daß das Hei­li­ge beson­de­re For­men ver­langt, daß es aber jeman­den braucht, der sie unter­weist. Seit den 70er Jah­ren mein­te zu vie­le zu lan­ge in der Kir­che, die Gläu­bi­gen wüß­ten schon, wie sie sich zu ver­hal­ten hät­ten. Doch das Wis­sen schwand. Papst Bene­dikt XVI. „erzieht“ vor allem durch sein per­sön­li­ches Vor­bild und durch das Vor­bild der päpst­li­chen Lit­ur­gie.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: flickr.com/Catholic Church