Heiliger Stuhl korrigiert Orden und Gemeinschaften

(Vati­kan) “Um 10 Uhr mor­gens führ­te der Hei­li­ge Vater Bene­dikt XVI. im Saal Bolo­gna des Apo­sto­li­schen Pala­stes im Vati­kan den Vor­sitz einer Ver­samm­lung der Dikaste­ri­en­lei­ter der römi­schen Kurie.“ So sper­rig und ohne nähe­re Anga­ben ver­laut­bar­te es das Pres­se­amt des Hei­li­gen Stuhls am Pfingst­mon­tag. Mit ande­ren Wor­ten: Der Papst rief alle sei­ne „Mini­ster“ zu einer „Regie­rungs­sit­zung“ zusam­men, was im Vati­kan kei­nes­wegs jene Regel­mä­ßig­keit hat, wie es bei staat­li­chen Regie­run­gen anson­sten der Fall ist. Die vor­letz­te Zusam­men­kunft fand am 12. Novem­ber 2010 statt.

Laut dem Vati­ka­ni­sten Andrea Tor­ni­el­li stan­den die Orden und ordens­ähn­li­che Gemein­schaf­ten im Mit­tel­punkt, also das, was die katho­li­sche Kir­che das gott­ge­weih­te Leben nennt. Schwer­punkt war dabei die Fra­ge, wer in eini­gen Gemein­schaf­ten die Auto­ri­tät aus­übt. Das The­ma war zum Teil bereits auf der Ple­nar­ver­samm­lung im Sep­tem­ber 2005 der Kon­gre­ga­ti­on für die Insti­tu­te geweih­ten Lebens und für die Gesell­schaf­ten apo­sto­li­schen Lebens, also des zustän­di­gen „Mini­ste­ri­ums“ der Kir­che behan­delt wor­den.

Wor­um ging es kon­kret? Erstens um die Unter­schei­dung zwi­schen männ­li­chen Ordens­ge­mein­schaf­ten und weib­li­chen Ordens­ge­mein­schaf­ten. Der Hei­li­ge Stuhl hat die Absicht, das gemein­schaft­li­che Ordens­le­ben deut­li­cher nach dem Geschlecht zu unter­schei­den, im Gegen­satz zu dem, was in man­chen neue­ren Gemein­schaf­ten der Fall ist, wo sowohl männ­li­che als auch weib­li­che Ordens­an­ge­hö­ri­ge gemein­sam leben. Die Kir­chen­füh­rung dürf­te dabei auch an die zurück­ge­stuf­te Gemein­schaft der Selig­prei­sun­gen, die auch im deut­schen Sprach­raum aktiv ist, gedacht haben.

Zwei­tens um eine deut­li­che­re Unter­schei­dung des gott­ge­weih­ten Lebens von jenem der Lai­en. In Zusam­men­hang damit steht auch, daß laut kirch­li­chem Ver­ständ­nis Lai­en, die an der Spit­ze einer Gemein­schaft oder Bewe­gung ste­hen, kei­ne Juris­dik­ti­on über Prie­ster und Ordens­leu­te aus­üben soll­ten. Die­ser Tages­ord­nungs­punkt scheint sich mit dem Neo­ka­techu­me­na­len Weg befaßt zu haben. Dort üben Lai­en Lei­tungs­ge­walt auch über die Prie­ster und ande­re Per­so­nen gott­ge­weih­ten Lebens aus. Da die Prie­ster­aus­bil­dung die­ser neu­en Gemein­schaft in gemein­schafts­ei­ge­nen Semi­na­ren erfolgt, unter­steht letzt­lich auch die­se Lai­en. Die Kir­che erwar­tet sich, daß immer ein Prie­ster für die ande­ren Prie­ster und Ordens­leu­te einer Gemein­schaft ver­ant­wort­lich ist. Zu die­sem Punkt nah­men vor allem Kar­di­nal Marc Ouel­let, Prä­fekt der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on, und Kar­di­nal Sta­nis­law Ryl­ko, Prä­si­dent des Päpst­li­chen Rats für die Lai­en, Stel­lung.

Ein wei­te­rer The­men­schwer­punkt des Tref­fens des Pap­stes mit den Dikaste­ri­en­lei­tern war die Auto­ri­tät, die Ordens­grün­der oder Grün­der von Gemein­schaf­ten des gott­ge­weih­ten Lebens aus­üben. Ein Bericht, den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Tar­ci­sio Ber­to­ne vor­be­rei­tet hat­te, behan­del­te die Gehor­sams­fra­ge, die der Grün­der der Kir­che schul­det und die Fra­ge, wel­chen Gehor­sam die Ordens­mit­glie­der dem Grün­der schul­den. Kon­kret geht es der Kir­che dar­um, zu ver­hin­dern, daß Ordens­grün­der von den Mit­glie­dern eine Form von Gehor­sam ein­for­dern, wo sie mehr dem Grün­der geho­ren müs­sen als der Kir­che. Es gilt zu ver­mei­den, daß eine zu inten­si­ve Foku­sie­rung auf die leben­de Grün­der­ge­stalt und eine unge­sun­de Auto­ri­täts­aus­übung geschieht, die die eigent­li­che Beru­fung und die eigent­li­che Gehor­sams­pflicht gegen­über der Kir­che und dem kirch­li­chen Lehr­amt in den Hin­ter­grund tre­ten läßt. In der Sit­zung wur­den eini­ge, wenn auch nur ganz sel­te­ne, so doch schmerz­haf­te Extrem­bei­spie­le genannt, die bis zum sexu­el­len Miß­brauch reich­ten. In jüng­ster Zeit war die Kir­che vor allem mit dem Fall des Grün­ders der Legio­nä­re Chri­sti befaßt, nach­dem des­sen Ver­feh­lun­gen bekannt wur­den. Der Ordens­grün­der hat­te den Ordens­an­ge­hö­ri­gen jede Kri­tik an sei­ner Per­son und sei­ner Lei­tungs­tä­tig­keit unter­sagt.

The­ma der vor­letz­ten “Regie­rungs­sit­zung“ der römi­schen Kurie war er neu­errich­te­te Päpst­li­che Rat für die Neue­van­ge­li­sie­rung, die Papst Bene­dikt XVI. dem Kuri­en­erz­bi­schof Rini Fisi­chel­la anver­traut hat. Nor­ma­ler­wei­se ver­sam­meln sich die Dikaste­ri­en­lei­ter zwei Mal jähr­lich unter dem Vor­sitz des Pap­stes zur Behand­lung wich­ti­ger The­men.

(Sacri Palazzi/Giuseppe Nar­di, Bild: Sacri Palaz­zi)