„Baby Kaputt“: die Abtreibung zu Hause – Schafft Rußland die demographische Wende?

Es ist kein (schlech­ter) Scherz. Das neue­ste Mord­in­stru­ment zur Eli­mi­nie­rung unge­bo­re­ner Kin­der im Mut­ter­leib trägt den Namen Baby Kaputt. Der wenig wis­sen­schaft­li­che Namen kommt gleich zur Sache. Das che­mi­sche Prä­pa­rat ermög­licht die Abtrei­bung ohne chir­ur­gi­schen Ein­griff in einer Abtrei­bungs­kli­nik und ohne Auf­sicht im Kran­ken­haus.

Das chi­ne­si­sche Pro­dukt, für das kei­ne wis­sen­schaft­li­chen Kon­troll­tests vor­lie­gen, wird in Sibi­ri­en bereits ver­trie­ben. Baby Kaputt, das neue Abtrei­bungs­in­stru­ment, macht nicht mehr den Arzt, son­dern die Frau und Mut­ter zur Mör­de­rin. Es trägt in Sibi­ri­en zu einem wei­te­ren Anstei­gen der bereits seit Sowjet­zei­ten ver­brei­te­ten Abtrei­bungs­prak­ti­ken vor allem unter jun­gen und ganz jun­gen Mäd­chen bei. Vor allem die unter 19-Jäh­ri­gen, meist noch min­der­jäh­ri­gen Mäd­chen grei­fen in Ruß­land zu die­sem Mit­tel der anony­men Heim­wer­ker­ab­trei­bung. 2009 lie­ßen 90.000 Mäd­chen und jun­ge Frau­en die­ser Alters­grup­pe eine Abtrei­bung in Ruß­land durch­füh­ren.

Baby Kaputt macht Mut­ter zur Mör­de­rin

Tom­ma­so Scan­dro­glio ging dem Abtrei­bungs­phä­no­men im Land der ein­sti­gen Welt­macht nach. Auf rus­si­schem Boden hat die Abtrei­bung eine lan­ge, mör­de­ri­sche Tra­di­ti­on. Kaum an die Macht gekom­men, lega­li­sier­te das kom­mu­ni­sti­sche Regime 1920 als erstes Land der Welt die Abtrei­bung. Die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der brei­te­te sich wie ein hoch­an­stecken­der Virus über das Land der Arbei­ter und Bau­ern aus. Der Ein­bruch der Gebur­ten­ra­te war so dra­ma­tisch, daß sie 1936 von Sta­lin fast voll­kom­men ver­bo­ten wur­de, weil dem kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tor bewußt wur­de, daß durch Abtrei­bung die Zukunft des Staa­tes bedroht war.

1955 wur­de die Kin­destö­tung unter Niki­ta Chruscht­schow wie­der lega­li­siert. Wenig spä­ter, 1964, also noch Jah­re vor der Abtrei­bungs­le­ga­li­sie­rung in West­eu­ro­pa und den USA, schlug die Sowjet­uni­on mit 5,6 Mil­lio­nen Abtrei­bun­gen in einem ein­zi­gen Jahr alle Rekor­de. Pavel Astak­hov, Dele­gier­ter für die Kin­der­rech­te im rus­si­schen Prä­si­di­al­amt bestä­tig­te, daß damals jede rus­si­sche Frau “durch­schnitt­lich fünf Abtrei­bun­gen“ durch­füh­ren ließ.

Ruß­land seit 1920 Abtrei­bungs­land

Die Sta­ti­sti­ken des Gesund­heits­mi­ni­ste­ri­ums wei­sen in abso­lu­ten Zah­len einen deut­li­chen Rück­gang der Abtrei­bun­gen aus. 1990 wur­den 3,92 Mil­lio­nen Abtrei­bun­gen regi­striert, 1995 2,57 Mil­lio­nen, 2000 1,96 Mil­lio­nen, 2002 1,78 Mil­lio­nen, 2006 1,4 Mil­lio­nen und 2009 1,2 Mil­lio­nen. Das ent­spricht fast nur mehr einem Fünf­tel der Abtrei­bungs­in­du­strie der 60er Jah­re. Den­noch: Es han­delt sich nur um einen ver­meint­lich „posi­ti­ven“ Trend. Scan­dro­glio nennt „drei Grün­de“, wes­halb es kei­ne Ver­an­las­sung zur Freu­de gibt.

Grund 1: Es geht bei Abtrei­bung nicht um die Zahl gefäll­ter Bäu­me, die in einem Wald feh­len, son­dern um Per­so­nen: klei­ne, wehr­lo­se Frau­en und Män­ner, die vor­sätz­lich im Mut­ter­leib getö­tet wer­den. Selbst die Ermor­dung eines ein­zi­gen unge­bo­re­nen Kin­des soll­te uns ent­rü­sten.

Grund 2: Die rus­si­schen Abtrei­bungs­zah­len sind jähr­lich nach wie vor schwin­del­erre­gend im Mil­lio­nen­be­reich.

Grund 3: Die Abtrei­bungs­zah­len ver­rin­gern sich, weil sich ins­ge­samt auch die Schwan­ger­schaf­ten dra­ma­tisch redu­zie­ren und durch den jahr­zehn­te­lan­gen Abtrei­bungs­kahl­schlag die Zahl der Frau­en im gebär­fä­hi­gen Alter radi­kal dezi­miert wur­de.

Laut Mari­na Tara­so­va, der stell­ver­tre­ten­den Lei­te­rin des For­schungs­in­sti­tuts für Gyn­öko­lo­gie und Geburts­hil­fe in Sankt Peters­burg stieg zwi­schen 2002 und 2008 die „weib­li­che Unfrucht­bar­keit in Ruß­land um 14 Pro­zent und mehr als 1,5 Mil­lio­nen Rus­sin­nen müs­sen die moder­nen medi­zi­ni­schen Prak­ti­ken [sprich künst­li­che Befruch­tung, Anm. Scan­dro­glio] bean­spru­chen, um schwan­ger zu wer­den“. Ste­ri­li­tät und Infer­ti­li­tät pro­vo­zie­ren nicht nur einen Rück­gang der Gebur­ten, son­dern auch der Abtrei­bun­gen. 2010 wur­den rund 1,2 Mil­lio­nen Kin­der im Mut­ter­leib getö­tet. Im Ver­gleich dazu ist die Zahl der Kin­der, die zur Welt kom­men durf­ten mit 1,7 Mil­lio­nen nicht viel höher. Anders aus­ge­drückt: Mehr als 40 Pro­zent aller rus­si­schen Kin­der wer­den bereits in den ersten Wochen und Mona­ten getö­tet.

Unfrucht­bar­keit nimmt zu – Wla­di­mir Putin: „Natio­na­le Kri­se“

Damit ist die demo­gra­phi­sche Wüste kei­nes­wegs aus­rei­chend beschrie­ben. Abtrei­bungs­prak­ti­ken und Ver­hü­tung – 23,6 Pro­zent der 38 Mil­lio­nen Rus­sin­nen im gebär­fä­hi­gen Alter gebrau­chen künst­li­che Ver­hü­tungs­mit­tel – sowie Ste­ri­li­tät und Infer­ti­li­tät ver­nich­ten im Vater­land Tol­stois und Dosto­jew­skis Mil­lio­nen von hell­blau­en und rosa Geburts­schlei­fen. Ent­spre­chend sank Ruß­lands Bevöl­ke­rung von fast 149 Mil­lio­nen im Jahr 1991 auf weni­ger als 142 Mil­lio­nen im Jahr 2010. Rund 20 Pro­zent der rus­si­schen Paa­re sind kin­der­los.

Bereits 2005 sprach Ruß­lands dama­li­ger Staats­prä­si­dent und heu­ti­ger Mini­ster­prä­si­dent Wla­di­mir Putin von einer „natio­na­len Kri­se“, um den sibi­ri­schen Win­ter zu beschrei­ben, der in Sachen Demo­gra­phie herrscht.

Am 11. August 2003 erließ die rus­si­sche Regie­rung ein Dekret, mit dem die Zahl der „sozia­len Indi­ka­tio­nen“ von drei­zehn auf vier redu­ziert wur­de, die eine Abtrei­bung bis zur 12. Schwan­ger­schafts­wo­che erlaubt.

Putin star­te­te 2007 ein staat­li­ches Fami­li­en­för­de­rungs­pro­gramm zur Anhe­bung der Gebur­ten. Tat­säch­lich stieg die Zahl der Gebur­ten im Ver­hält­nis zu jener der Abtrei­bun­gen. Am 21. April 2011 ver­sprach der Mini­ster­prä­si­dent ein Gebur­ten­wachs­tum inner­halb 2015 um 25 bis 30 Pro­zent und stell­te finan­zi­el­le Mit­tel in der Höhe von 37,5 Mil­li­ar­den Euro zur Ver­fü­gung. In die­sen Tagen wur­de bekannt, daß Ele­na Mizu­li­na, die Vor­sit­zen­de der Gesetz­ge­bungs­kom­mis­si­on für Fami­lie, Frau­en und Kin­der in der Duma, dem rus­si­schen Par­la­ment, eine Ände­rung des Abtrei­bungs­ge­set­zes vor­be­rei­tet, mit dem die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der wei­ter ein­ge­schränkt und mehr staat­li­che Unter­stüt­zung für schwan­ge­re Frau­en zur Ver­fü­gung gestellt wer­den sol­len.

Abtrei­bung ein­schrän­ken, Abtrei­bungs­wer­bung ver­bie­ten

Die recht­li­che und öko­no­mi­sche Sei­te ist nicht die ein­zi­ge Front, an der Mizu­li­na ein­grei­fen will. Zei­tun­gen, Fern­se­hen und Inter­net sei­en voll mit Wer­bung für Abtrei­bungs­kli­ni­ken: „Es brauch­te zwei Jah­re har­ter Kämp­fe, um zumin­dest ein teil­wei­ses Wer­be­ver­bot durch­zu­set­zen, zumin­dest an Orten, an denen sich Kin­der auf­hal­ten, wie Schu­len, oder auf die Kin­der Zugriff haben, wie auf den ersten und letz­ten Sei­ten von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und im Fern­se­hen.“

Die ortho­do­xe Kir­che lei­stet ihren Teil. Im Janu­ar 2011 über­reich­te der Mos­kau­er Patri­arch Kirill II. der rus­si­schen Staats­füh­rung einen Maß­nah­men­ka­ta­log gegen Abtrei­bung.

1.) Die Abtrei­bungs­ko­sten dür­fen nicht län­ger auf den Steu­er­zah­lern lasten, das heißt, vom Staat mit öffent­li­chen Mit­teln finan­ziert wer­den.
2.) Ver­pflich­ten­de Bera­tung der schwan­ge­ren Frau­en über die Aus­wir­kun­gen der Abtrei­bung für das Kind und die nega­ti­ven Fol­gen für ihre phy­si­sche und vor allem auch psy­chi­sche Gesund­heit.
3.) Ein­füh­rung einer ange­mes­se­nen, ver­pflich­ten­den Zeit der Über­le­gung, bevor eine Abtrei­bung durch­ge­führt wer­den dür­fe.
4.) Ein­rich­tung von „Kri­sen­zen­tren“ an allen Kran­ken­häu­sern, in denen den Frau­en Alter­na­ti­ven zur Abtrei­bung auf­ge­zeigt wer­den.

(Bus­so­la Quotidiana/Giuseppe Nar­di, Bild: BQ)