Die Welt in Trümmern. Das schlimmste Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils

von Rober­to de Mattei

Wäh­rend der sowje­ti­sche Impe­ria­lis­mus sei­nen Schat­ten über die gan­ze Welt warf, hielt Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn im Juni jenes Jah­res [1978, Anm. d. Red.] in Har­vard eine denk­wür­di­ge Rede mit dem Titel „Die Welt in Trüm­mern“, in der er die Nach­gie­big­keit des Westens gegen­über dem „rea­len Sozia­lis­mus“ anpran­ger­te.

Den Grund­irr­tum sah der rus­si­sche Dis­si­dent in der „im Westen domi­nie­ren­den Welt­sicht, die zur Zeit der Renais­sance ent­stan­den war, seit der Auf­klä­rung poli­ti­sche Gestalt ange­nom­men hat­te und Grund­la­ge aller Staats- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wur­de: man könn­te sie ratio­na­li­sti­schen Huma­nis­mus oder huma­ni­sti­sche Auto­no­mie nen­nen, da sie die Auto­no­mie des Men­schen von jed­we­der Kraft postu­liert und för­dert. Aber auch – oder sonst – Anthro­po­zen­tris­mus: die Idee des Men­schen als Zen­trum von allem, was exi­stiert.“ Die­se Sicht, so Sol­sche­ni­zyn, „mach­te die gefähr­li­che Ten­denz, sich vor dem Men­schen und sei­nen mate­ri­el­len Bedürf­nis­sen nie­der­zu­wer­fen, zur Grund­la­ge der moder­nen west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on. Abge­se­hen vom phy­si­schen Wohl­be­fin­den und der Anhäu­fung mate­ri­el­ler Güter wur­den alle ande­ren Eigen­hei­ten, alle ande­ren höhe­ren und weni­ger ele­men­ta­ren Bedürf­nis­se des Men­schen von den staat­li­chen Syste­men und sozia­len Struk­tu­ren nicht berück­sich­tigt, als hät­te der Mensch dem Leben kei­nen edle­ren Sinn zu geben. So wur­den in die­sen Gebäu­den gefähr­li­che Leer­räu­me gelas­sen durch die heu­te die Strö­mun­gen des Bösen sich frei in alle Rich­tun­gen tum­meln.“

Kom­mu­nis­mus die radi­ka­ste Form des moder­nen Huma­nis­mus

Der Kom­mu­nis­mus war für Sol­sche­ni­zyn die radi­kal­ste und kon­se­quen­te­ste Form des moder­nen Huma­nis­mus, „so daß Karl Marx (1844) sagen konn­te: Der Kom­mu­nis­mus ist der ein­ge­bür­ger­te Huma­nis­mus“. Sol­sche­ni­zyn füg­te hin­zu: „Wenn sich das kom­mu­ni­sti­sche System im Osten hal­ten und stär­ken konn­te, dann nur wegen der hart­näcki­gen und mas­si­ven Unter­stüt­zung durch die west­li­che Intel­li­genz, die sei­ne Schand­ta­ten nicht bemerk­te oder, wenn sie nicht mehr anders konn­te als sie zu bemer­ken, den­noch alles tat, um sie zu recht­fer­ti­gen. Genau­so ist es heu­te: Der Kom­mu­nis­mus hat bei uns im Osten unter dem ideo­lo­gi­schen Gesichts­punkt völ­li­gen Schiff­bruch erlit­ten, er zählt inzwi­schen nichts mehr, oder auch weni­ger: Es ist die west­li­che Intel­li­genz, die sich aber von ihm immer noch ange­zo­gen fühlt und ihm ihre Sym­pa­thien bewahrt hat. Und das macht es für den Westen so unver­gleich­bar schwie­rig, dem Osten die Stirn zu bie­ten.“

Der seit dem Huma­nis­mus der Renais­sance ein­ge­schla­ge­ne Weg ist nach Mei­nung des rus­si­schen Schrift­stel­lers der Grund für den Ver­lust der Inner­lich­keit des heu­ti­gen Men­schen. „Im Osten wird sie durch den Bazar der Par­tei zer­tram­pelt, im Westen durch den Markt des Han­dels. Das, was an der aktu­el­len Kri­se Angst macht, ist nicht ein­mal so sehr die Spal­tung der Welt, son­dern vor allem, daß die wich­tig­sten Tei­le von der­sel­ben Krank­heit befal­len sind. Wenn der Mensch, wie der Huma­nis­mus behaup­tet, nur für das Glück­lich­sein gebo­ren wur­de, wäre er nicht auch für den Tod gebo­ren wor­den. Da er aber kör­per­lich für den Tod bestimmt ist, kann sei­ne Auf­ga­be auf die­ser Welt nur eine geist­li­che sein: sich nicht mit All­täg­lich­kei­ten voll­stop­fen, nicht die Suche nach den besten Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten und danach der gedan­ken­lo­sen Ver­schwen­dung der mate­ri­el­len Güter, son­dern die Erfül­lung einer har­ten und dau­er­haf­ten Pflicht, so daß unser gesam­ter Lebens­weg die Erfah­rung eines vor allem mora­li­schen Auf­stiegs wer­den soll, um uns am Ende des Weges als erho­be­ne­re Krea­tu­ren wie­der­zu­fin­den als am Beginn des Weges. Unver­meid­bar wer­den wir die Ska­la der uni­ver­sal aner­kann­ten Wer­te über­den­ken und uns wun­dern müs­sen, wie unbrauch­bar und falsch sie sind.“

Die Rede Sol­sche­ni­zyns wur­de auf der gan­zen Welt kom­men­tiert. Was die auf­merk­sam­sten Beob­ach­ter, wie Euge­nio Cor­ti, beein­druck­te, war die Tat­sa­che, daß die Chri­sten, bes­ser die Katho­li­ken, nicht sofort in die­ser Rede die Par­al­le­le mit ihrer eige­nen Sicht der Geschich­te erkann­ten, die sie cha­rak­te­ri­sier­te, als die katho­li­sche Kul­tur noch nicht in die der­zei­ti­ge Ver­wir­rung ein­ge­tre­ten war: jene Sicht der Geschich­te, wonach die Ent­christ­li­chung mit dem Über­gang vom mit­tel­al­ter­li­chen Theo­zen­tris­mus zum Anthro­po­zen­tris­mus und zum moder­nen Imma­nen­tis­mus begann.

1959 hat­te Pli­nio Cor­rea de Oli­vei­ra die gro­ßen Lini­en die­ses Ent­christ­li­chungs­pro­zeß­es der Gesell­schaft in „Revo­lu­ti­on und Gegen-Revo­lu­ti­on“ nach­ge­zeich­net. Das Werk des bra­si­lia­ni­schen Den­kers war – im Gegen­satz zu jenem des rus­si­schen Dis­si­den­ten — von jener über­na­tür­li­chen Hoff­nung gelei­tet, die in die unzer­stör­ba­re Kraft der katho­li­schen Kir­che ver­traut. Das Buch schloß mit einem Akt der Hoch­ach­tung für den soeben gewähl­ten Papst Johan­nes XXIII. und mit einem Aus­druck abso­lu­ten Ver­trau­ens in den Sieg des Unbe­fleck­ten Her­zens der Got­tes­mut­ter von Fati­ma.

Im Anhang an die Neu­aus­ga­be sei­nes Wer­kes 1977 in Ita­li­en schrieb der bra­si­lia­ni­sche Den­ker, der 35 Jah­re zuvor das Ein­drin­gen lit­ur­gi­scher Irr­tü­mer in die Katho­li­sche Akti­on beklagt hat­te, daß er in den histo­ri­schen Ereig­nis­sen sei­ner Zeit die Früch­te jener Irr­tü­mer sah, die auf die Moder­nis­mus­kri­se am Anfang des Jahr­hun­derts zurück­gin­gen. Der „Dia­log“ mit der Welt war eine Kapi­tu­la­ti­on vor dem Feind, der nun eine schreck­li­che Bedro­hung dar­stell­te.

Kri­tik am Kon­zil auf histo­ri­sche  Kon­se­quen­zen gestützt

Pli­nio Cor­rea de Oli­vei­ra urteil­te nicht aus der Sicht eines Theo­lo­gen, son­dern aus der eines Lai­en, Phi­lo­so­phen, Histo­ri­kers und Men­schen der Tat. Nicht auf den theo­lo­gi­schen Inhalt der Kon­zils­do­ku­men­te, son­dern auf die Rea­li­tät der Fak­ten und deren histo­ri­sche Kon­se­quen­zen stütz­te er sei­ne Ankla­ge gegen das „hin­ter­grün­di­ge, befrem­den­de und erschrecken­de, tra­gisch-apo­ka­lyp­ti­sche Schwei­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zum Kom­mu­nis­mus“.

„Die­ses Kon­zil – schrieb er – woll­te ein pasto­ra­les und nicht dog­ma­ti­sches sein. In der Tat hat­te es kei­ne dog­ma­ti­sche Bedeu­tung. Außer­dem kann es durch sei­ne Unter­las­sung gegen­über dem Kom­mu­nis­mus als das a‑pastorale Kon­zil schlecht­hin in die Geschich­te ein­ge­hen. Mit gefin­kel­ter Tak­tik – von der man gelin­de aus­ge­drückt, sagen muß, daß sie auf theo­re­ti­scher und prak­ti­scher Ebe­ne anfecht­bar ist – ver­such­te das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, sozu­sa­gen, Bie­nen, Wes­pen und Raub­vö­gel zu ver­ja­gen. Sein Schwei­gen zum Kom­mu­nis­mus ließ den Wöl­fen jede Frei­heit. Das von die­sem Kon­zil Geta­ne, kann weder in der Geschich­te noch im Buch des Lebens als wirk­lich pasto­ral ver­zeich­net wer­den.“

Es ist hart, es zu sagen, aber die Offen­sicht­lich­keit der Fak­ten zeigt in die­sem Sinn das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil als eine der größ­ten Heim­su­chun­gen, wenn nicht die größ­te, der Kir­chen­ge­schich­te. Durch die­ses ist in undenk­ba­rem Aus­maß der „Rauch Satans“ in die Kir­che ein­ge­drun­gen, der sich jeden Tag mehr ver­brei­tet mit der uner­bitt­li­chen Aus­brei­tungs­kraft von Gasen. Zum Ärger­nis unzäh­li­ger See­len, ist der mysti­sche Leib Chri­sti in einen unheim­li­chen Pro­zeß ein­ge­tre­ten, der als selbst­zer­stö­re­risch bezeich­net wer­den könn­te.“

Aus­zug aus dem Buch von Univ.-Prof. Rober­to de Mattei: Il Con­ci­lio Vati­ca­no I. Una sto­ria mai scrit­ta (Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine nie geschrie­be­ne Geschich­te), Ver­lag Lin­dau, Turin 2010

(L’Occidentale/Giuseppe Nar­di, Bild: Wiki­me­dia)