Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: Predigt zum Fest der Unschuldigen Kinder im Hohen Dom zu Köln am 28. Dezember 2010

Lie­be Schwe­stern, lie­be Brü­der!

1. Kurz nach dem letz­ten Welt­krieg schmerz­ten die Fol­gen des Krie­ges die Men­schen noch zutiefst, und vie­len war dabei über­deut­lich gewor­den, wohin der Wahn von Ideo­lo­gen und die Feig­heit der Guten füh­ren kann, jene Feig­heit, von der der hl. Johan­nes Don Bos­co sagt, daß sie die häu­fig­ste Ursa­che der bösen Taten ist. In die­ser Zeit, 1949, ver­faß­te der berühm­te Theo­lo­ge Roma­no Guar­di­ni eine klei­ne Schrift über das Recht des unge­bo­re­nen Men­schen­le­bens. Es lohnt sich, die­se Schrift – lei­der — ange­sichts der Debat­te um die Präimplantationsdiagnostik/ PID heu­te wie­der erneut zur Kennt­nis zu neh­men. Im Abschnitt mit dem Titel „Der ent­schei­den­de Gesichts­punkt“ schreibt Roma­no Guar­di­ni:

„Die end­gül­ti­ge Ant­wort liegt im Hin­weis auf die Tat­sa­che, daß das her­an­rei­fen­de Leben ein Mensch ist. Den Men­schen aber darf man nicht töten, es sei denn in der Not­wehr … und der Grund dafür liegt in der Wür­de sei­ner Per­son.“

Mit ande­ren Wor­ten: Der Mensch ent­wickelt sich nicht zum Men­schen, son­dern als Mensch, weil er Per­son ist. Denn, so Guar­di­ni wei­ter:

„Nicht des­halb ist der Mensch unan­tast­bar, weil er lebt und daher ein Recht auf Leben hat. Ein sol­ches Recht hät­te auch das Tier, denn das lebt eben­falls … Son­dern das Leben des Men­schen darf nicht ange­ta­stet wer­den, weil er Per­son ist.“

Dann defi­niert Guar­di­ni die­sen Begriff der Per­son und fügt hin­zu:

„Sie ist nicht psy­cho­lo­gi­scher, son­dern exi­sten­ti­el­ler Natur. Grund­sätz­lich hängt sie weder am Alter, noch am kör­per­lich-see­li­schen Zustand, noch an der Bega­bung, son­dern an der gei­sti­gen See­le, die in jedem Men­schen ist. Die Per­so­na­li­tät kann unbe­wußt sein wie beim Schla­fen­den; trotz­dem ist sie da und muß geach­tet wer­den. Sie kann unent­fal­tet sein wie beim Kin­de; trotz­dem bean­sprucht sie bereits den sitt­li­chen Schutz. Es ist sogar mög­lich, daß sie über­haupt nicht in den Akt tritt, weil die phy­sisch-psy­chi­schen Vor­aus­set­zun­gen dafür feh­len wie beim Gei­stes­kran­ken … Dadurch aber unter­schei­det sich der gesit­te­te Mensch vom Bar­ba­ren, daß er sie auch in die­ser Ver­hül­lung ach­tet. So kann sie auch ver­bor­gen sein wie beim Embryo, ist aber in ihm bereits ange­legt und hat ihr Recht. Die­se Per­so­na­li­tät gibt dem Men­schen sei­ne Wür­de … Die Ach­tung vor dem Men­schen als Per­son gehört zu den For­de­run­gen, die nicht dis­ku­tiert wer­den dür­fen. Wird sie, die Wür­de, in Fra­ge gestellt, glei­tet alles in die Bar­ba­rei.“ (Roma­no Guar­di­ni, Das Recht des wer­den­den Men­schen­le­bens. Zur Dis­kus­si­on um den § 218 des Straf­ge­setz­bu­ches, aus der vom Pres­se­amt des Erz­bis­tums Köln her­aus­ge­ge­be­nen Rei­he „Zeit­fra­gen“ Heft 9, Sei­te 11f., Köln 1981).

2. Lie­be Schwe­stern, lie­be Brü­der, dar­an hat sich bis heu­te nichts geän­dert, auch nicht im Zeit­al­ter des medi­zi­ni­schen und bio­tech­ni­schen Fort­schritts. Im Gegen­teil, die­se Errun­gen­schaf­ten kön­nen auch vom Heil ins Unheil, in die Bar­ba­rei kip­pen. Es gibt kei­ne Wür­de zum Ver­ram­schen, zum Men­schen­schluß­ver­kauf. Denn die­se Wür­de wur­zelt in dem Fak­tum, daß der Mensch von Gott erschaf­fen ist nach sei­nem Eben­bild. Im Eben­bild – ver­ges­sen wir das nicht! – ist Gott als Urbild gegen­wär­tig. Des­halb, so heißt es im Buch der Weis­heit, betrach­tet der Kreator sein Geschöpf auch „mit gro­ßer Ehr­furcht“, denn er erkennt sich selbst im Men­schen. Wer Hand an den Men­schen legt, in wel­cher Pha­se sei­ner bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung auch immer, trifft Gott.

Das ahnen gott­lob auch vie­le Zeit­ge­nos­sen, wie die letz­ten Dis­kus­sio­nen über die PID zeigt. Auch die Bun­des­kanz­le­rin hat sich ja für ein strik­tes Ver­bot der Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gno­stik aus­ge­spro­chen. Hier gibt es kei­nen Mit­tel­weg, kei­nen Kom­pro­miß. Der Mensch in sei­ner Wür­de ist von dem Moment an da, wo die Eizel­le befruch­tet ist. Ab die­sem Moment ist nicht nur neu­es Leben vor­han­den, das sich als Mensch ent­wickelt. Ab die­sem Moment ste­hen wir vor einer neu­en gene­ti­schen Iden­ti­tät, d.h. einem ein­zig­ar­ti­gen neu­en Eben­bild Got­tes. Und nie­mand hat das Recht, hier eine Aus­wahl zu tref­fen, weil ihm die Ver­hül­lung die­ser Iden­ti­tät nicht paßt.

PID zieht immer Selek­ti­on und Tötung nach sich. Wer PID zuläßt, sagt Nein zum Leben und damit Nein zum Schöp­fer und damit Nein zu Gott selbst. Die­ses Nein aber bedingt gleich­sam lawi­nen­ar­tig eine wei­te­re Locke­rung des Lebens­schut­zes: Der Prä­si­dent der Bun­des­ärz­te­kam­mer, Hop­pe, geht jetzt davon aus, daß auch der Bun­des­tag 2011 für eine beding­te Zulas­sung von PID stim­men wird. Gleich­zei­tig erklär­te Hop­pe, auch das ärzt­li­che Berufs­recht soll­te in dem Sin­ne geän­dert wer­den, daß eine assi­stier­te Selbst­tö­tung durch Ärz­te nicht mehr straf­recht­lich ver­folgt wird.

War­um tref­fen sich denn vie­le ver­ant­wor­tungs­be­wuß­te und bedrück­te Chri­sten gera­de am Fest der Unschul­di­gen Kin­der, um ihre Stim­me beson­ders für das Leben und die unge­bo­re­nen Kin­der zu erhe­ben? Sie sehen mit Recht, daß auch Hero­des damals eine Selek­ti­on vor­ge­nom­men hat:

„Er ließ in Beth­le­hem und der gan­zen Umge­bung alle Kna­ben bis zum Alter von zwei Jah­ren töten, genau der Zeit ent­spre­chend, die er von den Stern­deu­tern erfah­ren hat­te“ (Mt 2,16).

So haben wir es soeben im Evan­ge­li­um bei Mat­thä­us 2,16 gehört. Die Kri­te­ri­en des Hero­des waren: Ort, Alter, Geschlecht, Stand der For­schung. Die Befür­wor­ter der PID haben auch ihre Kri­te­ri­en, und sie machen sich auch den Stand der For­schung zunut­ze. Gewiß, es ist poli­tisch unkor­rekt, die­sen Ver­gleich zu zie­hen, weil die Befür­wor­ter von PID um ihre Ent­schei­dung gerun­gen haben. Aber bei allem Rin­gen: Die­se Ent­schei­dung ist falsch! Sie tötet gene­ti­sche Iden­ti­tä­ten, sie tötet die Ein­zig­ar­tig­keit die­ser Iden­ti­tä­ten, sie tötet Per­so­nen, Men­schen, sie tötet Abbil­der Got­tes, sie ver­greift sich an Gott selbst.

3. Die Befür­wor­ter der PID ver­wei­sen oft­mals auf die absur­de Situa­ti­on, daß ein künst­lich gezeug­tes Kind spä­ter doch noch abge­trie­ben wer­den kann, wenn wäh­rend der Schwan­ger­schaft gesund­heit­li­che Schä­den fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Was in der Petri­scha­le ver­bo­ten sein soll, ist aber im Mut­ter­leib mög­lich, so wird argu­men­tiert. Das ist in der Tat absurd. Hier liegt die Absur­di­tät der gan­zen gesetz­li­chen Abtrei­bungs­pro­ble­ma­tik. Das kann aber nie­mals ein Argu­ment für die PID sein, denn hier wird der eine Tötungs­zeit­punkt gegen den ande­ren ins Feld geführt. Wahr ist ein­zig und allein: Der Mensch darf ab dem Zeit­punkt sei­ner Zeu­gung nie­mals getö­tet wer­den.

Hier kom­men die Befür­wor­ter der PID und sagen: Bei der PID ster­be ein etwa 150 Mikro­me­ter gro­ßer Embryo vor der Ein­ni­stung. Den kön­ne man mit blo­ßem Auge gar nicht sehen. Kann man denn die See­le des Men­schen sehen? Kann man sei­ne Wür­de sehen? Kann mei­ne sei­ne Per­so­na­li­tät sehen? Dann kom­men sie und sagen: Euer bein­har­tes PID-Ver­bot ist herz­los, ihr ver­steht die Gefüh­le der Betrof­fe­nen nicht, ihr seid into­le­rant. Geht es hier um Gefüh­le oder Leben? Geht es um Gefüh­le oder Wahr­heit? Sicher ist: Es geht bei die­sem The­ma nicht vor­ran­gig um Gefüh­le. Es geht zuerst um den Logos, um die Ver­nunft. „Der christ­li­che Glau­be ist die Opti­on für die Prio­ri­tät der Ver­nunft“, schrieb der heu­ti­ge Papst Bene­dikt XVI. vor zehn Jah­ren in einem Buch über „Glau­be, Wahr­heit, Tole­ranz“. Es ist kei­ne Tole­ranz, eine Per­son aus Angst töten zu las­sen. Das fleisch­ge­wor­de­ne Wort, das ist der Mensch, ist mehr wert als Gefüh­le. Wer sei­ne Ver­nunft gebraucht und glaubt, der kann auch Äng­ste über­win­den, der kann auch Hoff­nung leben. Das schmerz­li­che The­ma PID zeigt ein­mal wie­der: Es gibt bei Gott kei­ne hal­ben Sachen. Das gilt auch für sein Abbild. Gott wird Mensch, damit der Mensch wie Gott wer­de. Das ist das The­ma zu Weih­nach­ten. Es kann nicht gött­lich sein, zu töten. Es kann nicht gött­lich sein, zu selek­tie­ren. Es kann nicht gött­lich sein, Angst tri­um­phie­ren zu las­sen. Es kann nicht gött­lich sein, die Grö­ße des Men­schen auf ein Design zu redu­zie­ren, auf ein Modell nach Maß unse­rer begrenz­ten Vor­stel­lun­gen, nach dem Maß des Miss­trau­ens gegen­über dem Leben. Und es kann nicht gött­lich sein, das Leben nach dem Markt aus­zu­rich­ten, nach Ange­bot und Nach­fra­ge.

4. Das gilt auch für grö­ße­re Lebens­fra­gen. Man ent­schließt sich nicht, ein Kind zu bekom­men, son­dern „schafft“ es sich an. Und das mög­lichst spät. Natür­lich ist der Mensch frei, die­se Ent­schei­dung nach sei­nen per­sön­li­chen Umstän­den zu tref­fen. Aber die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der eine Lie­bes­be­zie­hung auch die­se Gedan­ken ver­folg­te, ist mit der Schwä­chung der christ­li­chen Sub­stanz in der Gesell­schaft ver­lo­ren gegan­gen. Sicher stell­te man sich frü­her auch die Fra­ge, was ein Kind kostet. Aber die Fra­ge lau­te­te eher: „Wie schaf­fen wir es?“ Und in die­ser Fra­ge ist das Bezie­hungs­drei­eck Mut­ter-Vater-Kind schon ent­hal­ten. Heu­te lau­tet die Fra­ge eher: „Was bringt es? Was kostet es? Sol­len wir über­haupt eins haben?“ Und dar­in schwingt die Abwä­gung Kind-Kon­sum-Opti­ons­ver­lust mit. Wer klei­ne Kin­der hat, kann nicht mehr so ohne wei­te­res auf Par­tys, in die Oper, ins Thea­ter, auf den Markt der Frei­zeit­ge­sell­schaft zie­hen. Daß die Bezie­hung zu einem Men­schen auch Leid mit sich brin­gen kann, spielt in der gene­ra­ti­ven Über­le­gung inso­fern noch eine Rol­le, daß man die­ses Leid aus­klam­mern will, selbst um den Preis des Lebens. Das Preis-Lei­stungs-Ver­hält­nis und das Kosten-Nut­zen-Den­ken haben den Fak­tor Kind objek­ti­viert. Beson­ders deut­lich wird das bei der PID-Debat­te und — neben­bei bemerkt — auch bei der Schei­dung, wenn die Besuchs‑, Sor­ge- oder Umgangs­rech­te mit dem Kind wie Claim­rech­te abge­steckt, ein­ge­schränkt oder gar ver­bo­ten wer­den.

5. Lie­be Schwe­stern, lie­be Brü­der, mer­ken wir, wie sehr die­ses Markt­den­ken von heu­te bei uns in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen ist? Zuerst wird die Ange­bots­la­ge gesich­tet, bevor man sich fest­legt. Frü­her war die Bezie­hung zu Per­so­nen aus­schlag­ge­bend, heu­te ist es der „Kon­sum- und Frei­zeit­wert“, manch­mal auch nur der per­sön­li­che Nut­zen für die Kar­rie­re. Hier offen­bart sich ein Ver­lust an Mensch­lich­keit. Unmerk­lich hat sich die­ses optio­na­le Den­ken auch in die Unfä­hig­keit ein­ge­schli­chen, kla­re Aus­sa­gen zu tref­fen, zum Bei­spiel „Ja“ zu sagen zum Leben, so wie es kommt, so wie Gott es schickt. Das Schick­sal ist kein Schlag, den der Christ nicht ertra­gen könn­te. Natür­lich, eine Gesell­schaft, die per­ma­nent nach Kon­sens und Kom­pro­mis­sen sucht, ist das nicht mehr gewohnt.

Gesund­heit ist gewiß ein hohes Gut, das höch­ste Gut des Men­schen ist sie nicht. Das höch­ste Gut ist die Bezie­hung zu Gott, die Lie­bes­fä­hig­keit. Sie bringt schließ­lich das wirk­li­che Glück, die Erfül­lung. Das kann man bei vie­len Fami­li­en sehen, die ein behin­der­tes Kind in ihrer Mit­te haben. Lie­be ist stär­ker als Leid, Lie­be selek­tiert nicht, Lie­be akzep­tiert den gan­zen Men­schen, sei­ne Per­son, so wie sie ist. Einen Men­schen anneh­men und lie­ben, schrieb Dosto­jew­skij, heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat. Nicht wie wir ihn wol­len, nicht wie der Mensch ihn sich zurecht­ba­steln will. Des­halb ist das Nein zur PID nicht nur ein Nein zur Anma­ßung des Men­schen, das Eben­bild Got­tes nach sei­nem Bild zu schaf­fen. Es ist ganz beson­ders ein Ja zur Schöp­fung, ein Ja zur Lie­be. Dazu sind wir da und beru­fen. Amen.
+ Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner, Erz­bi­schof von Köln