Papst Benedikt XVI. erinnert an den Seligen John Henry Newman

War­um wur­de John Hen­ry New­man selig­ge­spro­chen? Was hat er den Gläu­bi­gen zu sagen? Aus­ge­hend von die­sen Fra­gen erläu­ter­te Bene­dikt XVI. in sei­ner Anspra­che an die Römi­sche Kurie am 20. Dezem­ber 2010 zwei Aspek­te, die wesent­lich zusam­men­ge­hö­ren: den Weg der Bekeh­rung New­mans sowie des­sen Leh­re vom Gewis­sen.

.…..ein Aus­zug aus sei­ner Anspra­che:

Schließ­lich möch­te ich noch an die Selig­spre­chung von John Hen­ry Kar­di­nal New­man erin­nern. War­um wur­de er selig­ge­spro­chen? Was hat er uns zu sagen? Auf die­se Fra­gen gibt es vie­le Ant­wor­ten, die im Umkreis der Selig­spre­chung ent­fal­tet wor­den sind. Ich möch­te dar­aus nur zwei Aspek­te her­vor­he­ben, die eng zusam­men­ge­hö­ren und im letz­ten das­sel­be aus­drücken. Das erste ist, daß wir von den drei Bekeh­run­gen New­mans zu ler­nen haben, weil sie Schrit­te eines gei­sti­gen Weges sind, der uns alle angeht. Her­aus­he­ben möch­te ich hier nur die erste Bekeh­rung: die zum Glau­ben an den leben­di­gen Gott. Bis dahin dach­te New­man wie der Durch­schnitt der Men­schen sei­ner Zeit und wie auch der Durch­schnitt der Men­schen von heu­te, die Got­tes Exi­stenz nicht ein­fach aus­schlie­ßen, aber sie doch als etwas Unsi­che­res anse­hen, das im eige­nen Leben kei­ne wesent­li­che Rol­le spielt. Als das eigent­lich Rea­le erschien ihm wie den Men­schen sei­ner und unse­rer Zeit das Empi­ri­sche, das mate­ri­ell Faß­ba­re. Dies ist die „Rea­li­tät“, an der man sich ori­en­tiert. Das „Rea­le“ ist das Greif­ba­re, sind die Din­ge, die man berech­nen und in die Hand neh­men kann. In sei­ner Bekeh­rung erkennt New­man, daß es genau umge­kehrt ist: daß Gott und die See­le, das gei­sti­ge Selbst­sein des Men­schen, das eigent­lich Wirk­li­che sind, wor­auf es ankommt. Daß sie viel wirk­li­cher sind als die faß­ba­ren Gegen­stän­de. Die­se Bekeh­rung bedeu­tet eine koper­ni­ka­ni­sche Wen­de. Was bis­her unwirk­lich und unwe­sent­lich erschien, erweist sich als das eigent­lich Ent­schei­den­de. Wo eine sol­che Bekeh­rung geschieht, ändert sich nicht eine Theo­rie, son­dern die Grund­ge­stalt des Lebens wird anders. Die­ser Bekeh­rung bedür­fen wir alle immer wie­der: Dann sind wir auf dem rich­ti­gen Weg.

Die trei­ben­de Kraft hin­ter dem Weg der Bekeh­rung war bei New­man das Gewis­sen. Was aber ist damit gemeint? Im moder­nen Den­ken bedeu­tet das Wort Gewis­sen, daß in Sachen Moral und Reli­gi­on das Sub­jek­ti­ve, das Indi­vi­du­um die letz­te Ent­schei­dungs­in­stanz dar­stellt. Die Welt wird in die Berei­che des Objek­ti­ven und des Sub­jek­ti­ven geschie­den. Das Objek­ti­ve sind die Din­ge, die man berech­nen und im Expe­ri­ment über­prü­fen kann. Reli­gi­on und Moral ent­zie­hen sich die­sen Metho­den und gel­ten daher als der Bereich des Sub­jek­ti­ven. Da gebe es letzt­lich kei­ne objek­ti­ven Maß­stä­be. Die letz­te Instanz, die hier ent­schei­den kann, sei daher nur das Sub­jekt, und mit dem Wort „Gewis­sen“ wird dann eben dies aus­ge­sagt: In die­sem Bereich kann nur der ein­zel­ne, das Indi­vi­du­um mit sei­nen Ein­sich­ten und Erfah­run­gen ent­schei­den. New­mans Auf­fas­sung von Gewis­sen ist dem dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. „Gewis­sen“ bedeu­tet für ihn die Wahr­heits­fä­hig­keit des Men­schen: die Fähig­keit, gera­de in den ent­schei­den­den Berei­chen sei­ner Exi­stenz — Reli­gi­on und Moral — Wahr­heit, die Wahr­heit zu erken­nen. Das Gewis­sen, die Fähig­keit des Men­schen zum Erken­nen der Wahr­heit legt ihm damit zugleich die Ver­pflich­tung auf, sich auf den Weg zur Wahr­heit zu bege­ben, nach ihr zu suchen und sich ihr zu unter­wer­fen, wo er ihr begeg­net. Gewis­sen ist Fähig­keit zur Wahr­heit und Gehor­sam gegen­über der Wahr­heit, die sich dem offe­nen Her­zens suchen­den Men­schen zeigt. Der Weg der Bekeh­run­gen New­mans ist ein Weg des Gewis­sens — nicht der sich behaup­ten­den Sub­jek­ti­vi­tät, son­dern gera­de umge­kehrt des Gehor­sams gegen­über der Wahr­heit, die sich ihm Schritt um Schritt öff­ne­te. Sei­ne drit­te Bekeh­rung, die Kon­ver­si­on zum Katho­li­zis­mus, ver­lang­te von ihm, fast alles auf­zu­ge­ben, was ihm lieb und teu­er war: Besitz und Beruf, sei­nen aka­de­mi­schen Rang, Fami­li­en­ban­de und vie­le Freun­de. Der Ver­zicht, den ihm der Gehor­sam gegen­über der Wahr­heit, sein Gewis­sen, abver­lang­te, ging noch wei­ter. New­man hat­te immer gewußt, daß er eine Sen­dung für Eng­land habe. Aber in der katho­li­schen Theo­lo­gie sei­ner Zeit konn­te sei­ne Stim­me kaum gehört wer­den. Sie war zu fremd gegen­über der herr­schen­den Form des theo­lo­gi­schen Den­kens und auch der Fröm­mig­keit. Im Janu­ar 1863 schrieb er in sein Tage­buch die erschüt­tern­den Sät­ze: „Als Pro­te­stant emp­fand ich mei­ne Reli­gi­on küm­mer­lich, aber nicht mein Leben. Und nun, als Katho­lik, ist mein Leben küm­mer­lich, aber nicht mei­ne Reli­gi­on.“ Die Stun­de sei­ner Wirk­sam­keit war noch nicht da. Er muß­te in der Demut und im Dun­kel des Gehor­sams war­ten, bis sei­ne Bot­schaft gebraucht und ver­stan­den wur­de. Um New­mans Gewis­sens­be­griff mit dem moder­nen sub­jek­ti­ven Ver­ständ­nis des Gewis­sens iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen, ver­weist man gern auf sein Wort, daß er — falls es ange­bracht wäre, einen Trink­spruch aus­zu­brin­gen — zuerst auf das Gewis­sen und dann auf den Papst ansto­ßen wer­de. Aber in die­ser Aus­sa­ge bedeu­tet das Gewis­sen nicht die letz­te Ver­bind­lich­keit des sub­jek­ti­ven Emp­fin­dens. Es ist Aus­druck für die Zugäng­lich­keit und für die ver­pflich­ten­de Kraft der Wahr­heit: Dar­in ist sein Pri­mat begrün­det. Dem Papst kann der zwei­te Trink­spruch gel­ten, weil es sein Auf­trag ist, den Gehor­sam gegen­über der Wahr­heit ein­zu­for­dern.

die gan­ze Rede im Wort­laut