Wie der Papst zum Kondom kommt – Die Chronologie eines medialen Eigentors

(Rom) Das Buch des baye­ri­schen Jour­na­li­sten Peter See­wald, das aus einem lan­gen Gespräch mit Papst Bene­dikt XVI. besteht, wird ab mor­gen, Diens­tag, im Buch­han­del erhält­lich sein. Zur Hebung des Absat­zes ist es üblich, vor­ab von Wer­be­stra­te­gen aus­ge­wähl­te, inter­es­san­te Pas­sa­gen zu ver­öf­fent­li­chen.  Dies geschah auch bei See­walds Papst-Buch und hat­te prompt dop­pelt nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen.

Die Welt­pres­se stürz­te sich auf eine aus dem Zusam­men­hang geris­se­ne Aus­sa­ge des Pap­stes über Kon­do­me. Sie wid­me­te gestern den im Buch ent­hal­te­nen Wor­ten des Pap­stes zwar groß­zü­gig brei­ten Raum, doch das dadurch ent­stan­de­ne Bild stellt eine Ver­zer­rung der kirch­li­chen Posi­ti­on zum The­ma dar.

Wie konn­te es dazu kom­men? Das mögen sich in den ver­gan­ge­nen Tagen zahl­rei­che Katho­li­ken in einer Mischung von Stau­nen und Ärger gefragt haben. Katho­li­sches — Maga­zin für Kul­tur und Kir­che ver­sucht, in gro­ben Zügen die Ereig­nis­se nach­zu­zeich­nen.

Der Vati­kan­ver­lag Libre­ria Edit­ri­ce Vati­ca­na (LEV) hat­te eine Ver­öf­fent­li­chungs­sper­re ver­hängt. Für gestern, Sonn­tag, war der Vor­ab­druck umfang­rei­cher, aus­ge­wähl­ter Pas­sa­gen des Buches in zahl­rei­chen Tages­zei­tun­gen ver­schie­de­ner Län­der geplant. Aus­zü­ge der Kapi­tel 1, 6 und 17, die kei­ne der ekla­tan­ten, die Pres­se beson­ders inter­es­sie­ren­den The­men wie Sexua­li­tät oder Pädo­phi­lie betref­fen. Viel­mehr berich­tet der Papst erst­mals aus sei­ner Sicht, wie er das Kon­kla­ve erleb­te und Din­ge aus dem täg­li­chen Leben eines Pap­stes.

Bereits am Sams­tag nach­mit­tag, dem Tag des drit­ten Kon­si­sto­ri­ums die­ses Pon­ti­fi­kats, ver­öf­fent­lich­te aber der Osser­va­to­re Roma­no über­ra­schen­der­wei­se auf eige­ne Faust län­ge­re Aus­zü­ge der ita­lie­ni­schen Aus­ga­be des See­wald-Buches. Er wähl­te ihm offen­sicht­lich inter­es­san­ter erschei­nen­de Pas­sa­gen als jene, die der Vati­kan­ver­lag für den Vor­ab­druck vor­be­rei­tet hat­te. Die Aus­zü­ge im offi­ziö­sen Organ des Vati­kans wur­den aus dem text­li­chen Zusam­men­hang des Buches geris­sen und ohne die Fra­ge See­walds und vor allem die nach­fol­gen­de klä­ren­de Fra­ge und Ant­wort ver­öf­fent­licht. „Man muß kein Spin-Doc­tor oder Pro­fes­sor für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten sein“, wie der Vati­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li kom­men­tier­te, um vor­her­se­hen zu kön­nen, daß die Stel­le über Kon­do­me magisch die Auf­merk­sam­keit der Welt­pres­se mono­po­li­sie­ren wür­de. Das Vor­pre­schen des Osser­va­to­re Roma­no hat­te auch das Ende der vom Vati­kan­ver­lag gegen­über jenen ver­häng­te Ver­öf­fent­li­chungs­sper­re zur Fol­ge, die vor­ab den voll­stän­di­gen Text des Buches erhal­ten hat­ten. Nie­mand fühl­te sich mehr dar­an gebun­den. Mit Sams­tag abend war das See­wald-Buch zum All­ge­mein­gut gewor­den.

Der ver­gan­ge­ne Sams­tag war im Vati­kan nicht irgend­ein Tag. Es fand das drit­te Kon­si­sto­ri­um die­ses Pon­ti­fi­kats statt, bei dem Papst Bene­dikt XVI. 24 neue Kar­di­nä­le kre­ierte. Er hielt dazu eine bemer­kens­wer­te Pre­digt über die Ämter in der Kir­che, vom Prie­ster bis zum Bischofs­amt, die ein Dienst und nicht ein Macht­in­stru­ment sei­en. Die Auto­ri­tät wer­de über­tra­gen, um zu die­nen, nicht um ande­re zu über­trump­fen, nicht um die eige­nen Ambi­tio­nen oder die eige­nen Plä­ne zu ver­wirk­li­chen, so der Papst.

War es wirk­lich not­wen­dig, daß gera­de am Tag des Kon­si­sto­ri­ums, aus­ge­rech­net der Osser­va­to­re Roma­no einen Vor­ab­druck ver­öf­fent­lich­te, der die Absich­ten des Vati­kan­ver­lags zunich­te mach­te? Nicht irgend­ein welt­li­ches Medi­um auf der täg­li­chen Jagd nach der „ulti­ma­ti­ven Neu­ig­keit“, dem berüch­tig­ten Scoop, ver­dun­kel­te damit die Bot­schaft des Pap­stes zur Ver­samm­lung der Kar­di­nä­le. Um es deut­li­cher aus­zu­drücken, schil­dert Tor­ni­el­li den Anruf eines Kol­le­gen. „Was für ein Medi­en­rum­mel um die Kon­do­me! Und wann macht der Papst die Kar­di­nä­le? Mor­gen?“ Der Jour­na­list hat­te die Online-Nach­rich­ten des Nach­mit­tags gele­sen. Da war das Kon­si­sto­ri­um bereits als Mel­dung ver­schwun­den gewe­sen.

Reli­giö­se The­men gel­ten in welt­li­chen Medi­en als Tabu, wes­halb sie sich auf Rand­the­men stür­zen. Gera­de weil dies all­ge­mein bekannt ist, erstaunt die Vor­gangs­wei­se des Osser­va­to­re Roma­no, der dies­mal den Medi­en die will­kom­me­ne Gele­gen­heit dazu lie­fer­te. Bei der Tages­zei­tung Il Giorna­le wan­der­te der mit dem Vati­kan­ver­lag ver­ein­bar­te Vor­ab­druck in den Papier­korb, wie der Vati­ka­nist die­ser Zei­tung berich­te­te. Wie beim Giorna­le geschah es in den ande­ren Redak­tio­nen und ein dif­fe­ren­zier­ter Blick auf die Kir­che und den Papst wur­de durch groß auf­ge­mach­te, doch mono­the­ma­ti­sche Sei­ten über Prä­ser­va­ti­ve ersetzt. Das Christ­kö­nigs­fest der Pur­pur­trä­ger mit ihren Wei­chen­stel­lun­gen und als Aus­druck der kirch­li­chen Uni­ver­sa­li­tät ging dane­ben unter.

Am Ende war eine Prä­zi­sie­rung von Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di, dem Lei­ter der vati­ka­ni­schen Pres­se­stel­le not­wen­dig, um den media­len Aus­ritt in den rich­ti­gen Kon­text zu brin­gen.

Bleibt schließ­lich noch die Fra­ge, wie es dazu kom­men konn­te, daß der Osser­va­to­re Roma­no mit sei­nem doch offen­sicht­lich gewoll­ten jour­na­li­sti­schen Scoop, der auf allen Titel­sei­ten der Welt­pres­se lan­de­te,  zudem die fal­sche Über­set­zung der ita­lie­ni­schen Aus­ga­be in Umlauf setz­te. In der ita­lie­ni­schen Aus­ga­be wird dem Papst die weib­li­che Form „Pro­sti­tu­ier­te“ in den Mund gelegt. Im deut­schen Ori­gi­nal spricht der Papst aber in der männ­li­chen Form. In einer so deli­ka­ten Fra­ge kommt das einem schwer­wie­gen­den Feh­ler gleich.

Wenn über­haupt von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien zu spre­chen sein soll­te, so gin­gen sie gehö­rig dane­ben. Eine Vor­gangs­wei­se, die weder Papst Bene­dikt XVI. noch Peter See­wald, weder das neue Buch noch das Kon­si­sto­ri­um ver­dient haben.

(Giu­sep­pe Nar­di)