Geplante Volkszählung sorgt für Spannungen – Schaffen Islamisten christenfreien Irak?

(Bag­dad) Die erste all­ge­mei­ne Volks­zäh­lung im Irak seit 1997, die auch die erste Volks­zäh­lung seit dem Sturz von Sad­dam Hus­sein ist, löst bereits im Vor­feld neue Span­nun­gen zwi­schen den poli­ti­schen Frak­tio­nen und eth­ni­schen Grup­pen aus. Die für den 24. Okto­ber fest­ge­leg­te Volks­zäh­lung droht die labi­len Gleich­ge­wich­te im Irak zusam­men­bre­chen zu las­sen. Eini­ge Pro­vin­zen bean­trag­ten bereits eine Ver­schie­bung, dar­un­ter jene von Nini­ve, Kir­kuk und Anbar.

Ein Ergeb­nis steht bereits vor Beginn der Volks­zäh­lung fest. Sie wird den zah­len­mä­ßi­gen Nie­der­gang des Chri­sten­tums im Zwei­strom­land doku­men­tie­ren, dar­in sind sich die christ­li­chen Ver­tre­ter sicher. Am Ende des Ersten Welt­krie­ges, 1200 Jah­re nach der isla­mi­schen Erobe­rung des Ter­ri­to­ri­ums an Euphrat und Tigris, stell­ten die Chri­sten noch mehr als ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung. Vor 30 Jah­ren waren es noch etwa 15 Pro­zent. Schät­zun­gen gehen davon aus, daß der Anteil der Chri­sten heu­te höch­stens einen Pro­zent an der Gesamt­be­völ­ke­rung beträgt. Zu Beginn des Zwei­ten Golf­kriegs belief er sich noch auf etwa 3 Pro­zent. Rund 80 Pro­zent der Chri­sten im Irak gehö­ren Ost­kir­chen an, die mit der katho­li­schen Kir­che uniert sind.
„Der Irak­krieg setzt seit 2003 isla­mi­sche Kräf­te frei, die das Cha­os seit dem Sturz Sad­dam Hus­seins zur Säu­be­rung des Iraks von den Chri­sten nüt­zen“, so ein Ver­tre­ter der chaldäi­schen Kir­che gegen­über Asia­news. „Das alles geschieht seit sich das Land unter der mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Kon­trol­le mehr­heit­lich christ­li­cher Natio­nen befin­det. Mehr als 1,5 Mil­lio­nen unse­rer Chri­sten leben in Flücht­lings­la­gern in Jor­da­ni­en und Syri­en. Ande­re sind in die gan­ze Welt ver­streut wor­den.“

Die Volks­zäh­lung soll, so das Ziel der Regie­rung und der Wunsch der west­li­chen Staa­ten­al­li­anz, die der­zei­ti­gen zah­len­mä­ßi­gen Ver­hält­nis­se im Irak fest­hal­ten. Damit wer­den aller­dings auch die Aus­wir­kun­gen des zwei­ten Irak-Krie­ges sicht­bar mit einer Rei­he von eth­ni­schen und reli­giö­sen Ver­schie­bun­gen im Gesamt­irak und in ein­zel­nen Pro­vin­zen.

In der Haupt­stadt Bag­dad wird gearg­wöhnt, daß die Kur­den in den Nord­pro­vin­zen ver­su­chen könn­ten, das Ergeb­nis zu ihren Gun­sten zu beein­flus­sen. Glei­ches gilt jedoch auch für ande­re Grup­pen und Regio­nen. Das all­ge­mei­ne Miß­trau­en fin­det neu­en Nähr­bo­den.

Das Par­la­ment der Pro­vinz Nini­ve mit der wich­ti­gen Stadt Mosul, die von Ara­bern, Kur­den und ande­ren Min­der­hei­ten bewohnt wird, beschloß eine Auf­schie­bung der Wahl. Der Regie­rungs­chef der Pro­vinz, ein ara­bi­scher Natio­na­list, fürch­tet eine kur­di­sche Mehr­heit im Gebiet und damit die Ein­be­zie­hung der Stadt in ein künf­ti­ges Kur­di­stan.

Die Kur­den for­dern die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung der Volks­zäh­lung und erin­nern dar­an, daß erst unter dem Baath-Regime von Sad­dam Hus­sein die Regi­on gewalt­sam „ara­bi­siert“ wor­den sei.

Noch ver­fah­re­ner zeigt sich die Lage in Kir­kuk, der ande­ren gro­ßen Stadt, die von den Kur­den bean­sprucht wird. Dort rufen Ara­ber und Turk­me­nen offen zum Boy­kott der Volks­zäh­lung auf. Die von ver­schie­de­nen Volks­grup­pen bewohn­te Regi­on im Nor­den des Irak ist vor allem wegen der rei­chen Erd­öl- und Erd­gas­vor­kom­men begehrt und umkämpft. Die Volks­zäh­lung stellt für die Kur­den einen ent­schei­den­den Schritt dar für die Ein­bin­dung der Regi­on in das von ihnen mit weit­ge­hen­der Auto­no­mie aus­ge­stat­te­te Gebiet. Die Zäh­lung der Bevöl­ke­rung ist im Arti­kel 140 der neu­en ira­ki­schen Ver­fas­sung als Vor­aus­set­zung vor­ge­se­hen für die Zuord­nung der ein­zel­nen Gebie­te in den mehr­heit­lich kur­disch, ara­bisch-sun­ni­tisch oder ara­bisch-schii­tisch kon­trol­lier­ten Teil des Staats­ge­biets.

(Asianews/GN, Bild: Asia­news)




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