Schönborns ambivalente „Großstadtkirche“ — Geltungssucht vor göttlichem Gehorsam?

von Giu­sep­pe Nar­di

Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born, der Erz­bi­schof von Wien und Vor­sit­zen­de der öster­rei­chi­schen Bischofs­kon­fe­renz gilt als mil­de und intel­li­gen­te Per­son. Aus altem Reichs­adel stam­mend stell­te sei­ne Fami­lie zahl­rei­che Bischö­fe (vor allem in Würz­burg) und Diplo­ma­ten. Tat­säch­lich scheint der hoch­ge­wach­se­ne Pur­pur­trä­ger ein gebo­re­ner Diplo­mat, der jedoch den Rock des Domi­ni­ka­ners vor­zog. Seit sei­nem Amts­an­tritt haf­tet an ihm aller­dings auch etwas Zwie­späl­ti­ges.

In sei­nem Bis­tum darf die Hei­li­ge Mes­se im alten Ritus gefei­ert wer­den. Er gewähr­te zahl­rei­chen neu­en Ordens­ge­mein­schaf­ten Nie­der­las­sungs­recht. Als ein­zi­ger öster­rei­chi­scher Bischof gelang es ihm im roten Wien, eine UKW-Fre­quenz für einen katho­li­schen Radio­sen­der zu erhal­ten. Schü­ler und Mit­ar­bei­ter von Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger an der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, von Papst Johan­nes Paul II. zum Weih­bi­schof beru­fen, als der öster­rei­chi­sche Epi­sko­pat gänz­lich unter glau­bens­treu­em Vor­zei­chen umge­baut wer­den soll­te.

Des­halb ver­wun­dern und empö­ren außer­halb Öster­reichs die Angrif­fe, die Kar­di­nal Schön­born in den letz­ten Wochen gegen den ehe­ma­li­gen Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Ange­lo Soda­no ritt. Zur Begrün­dung nann­te der Wie­ner Erz­bi­schof medi­en­ge­recht inmit­ten des Pädo­phi­lies­kan­dals das Ver­hal­ten des gewe­se­nen Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs, der Hin­wei­se auf pädo­phi­le Prie­ster als „Geschwätz“ abge­tan habe. Kon­kret mein­te Graf Schön­born damit auch den Casus sei­nes Amts­vor­gän­gers Hans Her­mann Gro­er als Erz­bi­schof von Wien. Kar­di­nal Soda­no habe sich Ermitt­lun­gen über angeb­lich vom Bene­dik­ti­ner­pa­ter Gro­er began­ge­nen sexu­el­len Miß­brauch ver­wei­gert.

Kar­di­nal Schön­born lud jedoch bald erneut die Pres­se zum „Gespräch“ und wei­te­te sei­ne Kri­tik zum Rund­um­schlag aus. So müs­se die Kir­che sich der Homo­se­xua­li­tät öff­nen, eben­so die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zum Altarsa­kra­ment zulas­sen. Die spe­zi­fi­sche Kri­tik wur­de zum gene­rel­len Angriff. Dies ent­spricht der seit den 70er Jah­ren wohl­be­kann­ten Metho­de der „katholisch“-progressiven Dia­lek­tik inner­halb der Kir­che, wie Raf­fae­le Ian­nuz­zi kom­men­tier­te.

Unaus­ge­spro­chen doch unüber­hör­bar klingt dabei auch Kri­tik an Papst Johan­nes Paul II. durch. Wes­halb aber macht sie sich Kar­di­nal Schön­born zu eigen und war­um jetzt?

Seit er die Nach­fol­ge Kar­di­nal Gro­ers als Erz­bi­schof von Wien antrat, sen­det Kar­di­nal Schön­born Signa­le des Wohl­wol­lens sowohl Rich­tung kon­ser­va­ti­ven und tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Krei­sen in der Kir­che als auch Rich­tung pro­gres­si­ven in und dem agno­sti­schen Main­stream außer­halb aus. Ent­ge­gen aus­drück­li­chen vati­ka­ni­schen Anwei­sun­gen zur Zurück­hal­tung „wall­fahr­te“ der Erz­bi­schof, im moder­nen Sin­ne stan­des­ge­mäß, näm­lich medi­en­ge­recht und daher vor­sorg­lich mit einem Fern­seh­team im Begleit­troß nach Med­jug­or­je.

Die kei­nes­wegs zum pro­gres­si­ven Teil der Kir­che gehö­ren­den Freun­de des kirch­lich nicht aner­kann­ten Med­jug­or­jes jubi­lier­ten. Gleich­zei­tig wer­den in Wien unter dem Stich­wort Jugend­kir­che „Got­tes­dien­ste“ gefei­ert, die mehr reli­gi­ös kaschier­ten Dis­cofe­ten in sakra­lem Raum ähneln, die nicht nur jedem gläu­bi­gen Katho­li­ken, son­dern jedem mit etwas gutem Geschmack aus­ge­stat­te­ten Men­schen die Haa­re zu Ber­ge ste­hen las­sen.

Medi­en­ge­schmei­dig und zum Wohl­ge­fal­len einer Sei­ten­blicke-Gesell­schaft, in der alles rela­tiv ist, feilt man in Wien am Image einer „Groß­stadt­kir­che“. Dom­pfar­rer Faber darf ent­spre­chend Homo­se­xu­el­le seg­nen und ande­ren modi­schen Wider­spruch zur Kir­che pfle­gen, wäh­rend sein Erz­bi­schof sogar Abtrei­bungs­be­für­wor­tern Orden umhängt.

Das erwähn­te mit klas­si­schem Musik­for­mat sen­den­de Radio Ste­phans­dom schmerzt übri­gens selbst im roten, post-christ­li­chen Wien nie­man­den, dabei soll­ten sich Nicht-Chri­sten durch das Chri­sten­tum per­ma­nent her­aus­ge­for­dert füh­len.

Obwohl der Pädo­phi­lie-Skan­dal eini­ger weni­ger Prie­ster Öster­reich nicht direkt betraf, wur­de die Alpen­re­pu­blik natür­lich im Sog des bun­des­deut­schen Medi­en­an­griffs gegen die Kir­che mit­ge­ris­sen. Dabei wur­den kei­ne neu­en Töne vor­ge­tra­gen. Die Hoch­glanz­ga­zet­ten wie Pro­fil und News und der staat­li­che Rund­funk ORF polier­ten ihren anti­kirch­li­chen Affekt auf, den sie bereits seit Jahr­zehn­ten hegen.

War­um dräng­te es also den Wie­ner Erz­bi­schof statt zur per­ma­nen­ten Pro­vo­ka­ti­on der neu­heid­ni­schen Gesell­schaft durch das Chri­sten­tum zum per­ma­nen­ten Buß­gang nach einem bloß fik­ti­ven Canos­sa? Wes­halb ließ er sich dabei aus­ge­rech­net vom Ver­ein „Wir sind Kir­che“ „hel­fen“, der nicht nur wegen sei­ner kir­chen­feind­li­chen Posi­tio­nen bekannt ist, son­dern vor allem wegen sei­nes inha­lier­ten anti­rö­mi­schen Kom­ple­xes, sprich eines ideo­lo­gi­schen Vor­be­halts gegen das Papst­tum?

Wes­halb aber wärmt der Wie­ner Erz­bi­schof nach 15 Jah­ren wie­der die Cau­sa Gro­er auf? Wes­halb kri­ti­siert er nun jene, an deren Sei­te er damals stand und kein Wort sag­te? War­um schrieb der Kar­di­nal nicht einen Brief an den Papst oder rei­ste nach Rom, um even­tu­el­le Vor­schlä­ge vor­zu­tra­gen, statt sie ein­zig zur Freu­de der Medi­en öffent­lich und in Wien dar­zu­bie­ten?

Der Selig­spre­chungs­pro­zeß von Papst Johan­nes Paul II. ist im Gan­ge. Die laut­star­ke Kri­tik des Wie­ner Erz­bi­schofs wirft nun einen Schat­ten zumin­dest auf das letz­te Jahr­zehnt des Pon­ti­fi­kats. Es war übri­gens Kar­di­nal König, sein Vor­vor­gän­ger auf dem Wie­ner Bischofs­stuhl, der 1978 Kar­di­nal Karol Woj­ty­la im Kon­kla­ve vor­ge­schla­gen hat­te. Kar­di­nal Schön­born scheint im Umgang mit der nicht-kirch­li­chen Welt weit mehr von König denn von Gro­er gelernt zu haben. Ent­spre­chend unge­wöhn­lich schroff fiel auch die Kri­tik von Kar­di­nal José Marai­va Mar­tins, dem ehe­ma­li­gen Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren, an sei­nem Mit­bru­der im Kar­di­nal­s­amt aus.

Die media­len Angrif­fe auf die Kir­che rund um den Pädo­phi­lie-Skan­dal schei­nen bei man­chen Kir­chen­män­nern Ver­hal­tens­for­men frei­zu­set­zen, die bis­her in der Kir­che undenk­bar waren.

Die katho­li­sche Kir­che zählt mehr als 400.000 Prie­ster und ledig­lich ein win­zig klei­ner Teil davon hat sich durch sexu­el­len Miß­brauch Min­der­jäh­ri­ger beschmutzt. Das ist ein objek­ti­ves, sta­ti­sti­sches, für jeder­mann erkenn­ba­res Fak­tum. Die „zivi­le“ Gesell­schaft, ob im schu­li­schen oder außer­schu­li­schen Bereich wel­cher Rich­tung oder Alters­stu­fe auch immer, weist einen viel­fach höhe­ren Miß­brauchs­pro­zent­satz auf. Objek­tiv besteht also kein Grund, sich zu die­sem The­ma aus­ge­rech­net an der Kir­che zu ver­bei­ßen. Die hart­näckig­sten und unter­grif­fig­sten Angrif­fe kom­men des­halb nicht von unge­fähr von katho­lisch-nihi­li­sti­schen Krei­sen oder anders aus­ge­drückt, aus dem einst katho­li­schen Milieu, das heu­te von Katho­li­ken ohne Gott bestimmt wird. Der Pädo­phi­lie-Skan­dal wird auch von Bischö­fen und Kar­di­nä­len als Gele­gen­heit zur inner­kirch­li­chen Abrech­nung gese­hen. Dabei wird skru­pel­los in Kauf genom­men, daß der skan­dal­süch­ti­gen Medi­en­gier Muni­ti­on für deren anti-kirch­li­chen Kampf gelie­fert wird.

Im Zen­trum der Angrif­fe steht die römi­sche Kurie mit dem Papst an der Spit­ze. Es gab in die­sen Jah­ren bereits Prä­ze­denz­fäl­le für inak­zep­ta­ble Kri­tik. Im Medi­en­zeit­al­ter schei­nen sich aller­dings auch zum Gehor­sam ver­pflich­te­te Bischö­fe nicht immer dis­zi­pli­nie­ren zu las­sen. Papst Bene­dikt XVI. muß­te schließ­lich selbst ent­täuscht ein­grei­fen und mit einem Schrei­ben an sei­ne Bischö­fe für Ord­nung sor­gen. Die Angrif­fe auf die Kir­che soll­ten deren Ein­heit stär­ken und zwar von den Kar­di­nä­len und Bischö­fen ange­fan­gen bis hin­un­ter zu den Gläu­bi­gen und nicht spal­ten.

In einem her­aus­ra­gen­den Text über den katho­li­schen Glau­ben schrieb Che­ster­ton, daß sich in der katho­li­schen Kir­che die Wahr­heit ein Stell­dich­ein gibt und auch im 20. Jahr­hun­dert der katho­li­sche Glau­be wirk­lich das ist, was er bereits im 2. Jahr­hun­dert war, näm­lich die neue Reli­gi­on. Gera­de ihr Alter beinhal­te stets das Neue. Für Che­ster­ton ist die katho­li­sche Kir­che allein imstan­de, den Men­schen vor einer zer­set­zen­den Skla­ve­rei zu bewah­ren, jener, ein Kind sei­ner Zeit zu sein. Die soge­nann­ten „neu­en Reli­gio­nen“, ob Ideo­lo­gien oder Heils­leh­ren wür­den sich gewiß den „neu­en Bedin­gun­gen“ einer bestimm­ten Zeit bes­ser anpas­sen, aber nicht mehr. Kein Jahr­hun­dert spä­ter wür­den sie des­halb völ­lig jeden Sinn ver­lie­ren. Der katho­li­sche Glau­be sei hin­ge­gen imstan­de, sich stän­dig jung und frisch zu hal­ten. Sei­ne ewi­ge Jugend und sein hohes Alter ergä­ben zusam­men einen uner­schöpf­li­chen Reich­tum für die Mensch­heit.

Der öster­rei­chi­sche Kar­di­nal greift die römi­sche Kurie fron­tal an, indem er die übli­chen The­men rund um die Sexua­li­tät auf­tischt. Damit macht er sich aber ein­zig einen alten, über­hol­ten post­kon­zi­la­ren Moder­nis­mus zu eigen, der in der Welt längst nicht mehr jenen Stel­len­wert hat, den ihm die Medi­en zuschrei­ben. Schön­born ver­sucht eine alt aus­se­hen­de Theo­lo­gie zu ver­brei­ten, die sich ledig­lich in Selbst­täu­schung selbst für „jung“ hält.

Da ihr jedoch alles vom wirk­li­chen Alter der katho­li­schen Theo­lo­gie fehlt, sieht sie wirk­lich alt aus und wirkt sogar reak­tio­när im nega­ti­ven Sinn. Kar­di­nal Schön­born und ande­re, man den­ke an den Fall Augs­burg, bege­ben sich in eine Sack­gas­se. Papst Bene­dikt XVI. ruft hin­ge­gen als Ant­wort auf die tak­ti­schen Spiel­chen auch eini­ger Kir­chen­ver­tre­ter, die mehr auf das Wohl­wol­len der welt­li­chen Pres­se schie­len, das gläu­bi­ge Volk Got­tes auf, beson­ders für die Prie­ster zu beten. Es ist eine geist­li­che Ant­wort auch auf jene Angrif­fe, die sich von der Gehor­sams­pflicht gegen­über dem Papst und dem Glau­ben der Kir­che gelöst haben.

Seit andert­halb Jah­ren ist im Westen ein kon­zen­trier­ter Angriff gegen die Kir­che im Gan­ge, der zuneh­mend aggres­si­ver wird. Die Chri­sten­heit hat jedoch ein viel grö­ße­re Reich­wei­te, eine uni­ver­sa­le Ver­brei­tung und eine Offen­heit, die selbst ohne meta­phy­si­sche Dimen­si­on die Schwä­chen und Rei­be­rei­en in der Kir­che um ein Viel­fa­ches über­ra­gen. In der Welt wach­sen zahl­rei­che neue Kon­ver­sio­nen, die häu­fig Frucht außer­ge­wöhn­li­cher Erfah­run­gen sind, nicht zuletzt durch die Begeg­nung mit gläu­bi­gen Män­nern und Frau­en. Es gibt einen leben­di­ge, 2000 Jah­re alte und immer jun­ge Kir­che, die in der Welt stets neu gebo­ren wird. Es ist das anti-katho­li­sche Medi­en­re­gime, das dies nicht sieht und erkennt, weil ihm die rich­ti­gen Bril­len zum Sehen feh­len und weil es beschlos­sen hat, den Papst und die kirch­li­che Füh­rungs­spit­ze, die Bischö­fe, Prie­ster und Ordens­leu­te zu dämo­ni­sie­ren. Es ist ideo­lo­gi­scher Eifer und Zorn, der in ihnen am Werk ist, Spiel­ar­ten des Teu­fels, wie Pater Gabrie­le Amor­th erst kürz­lich mein­te.

Ein selbst­be­wuß­ter Islam kämpft wäh­rend­des­sen viel­schich­tig gegen den Westen und das Chri­sten­tum. Die Medi­en spre­chen schlecht über die Kir­che, aber nie­mand oder fast nie­mand wagt es, den Mund gegen den fun­da­men­ta­li­sti­schen Islam auf­zu­tun oder gegen die im west­li­chen Kul­tur­kreis pro­du­zier­te moder­ne Bar­ba­rei, wie die mil­lio­nen­fa­che Tötung unge­bo­re­ner oder auch bereits gebo­re­ner Kin­der. Die Kir­che ist es, die auf ihre Art und mit ihren Mit­teln die Fin­ger auf die­se Wun­den legt, und sie steht dabei oft allein.

Den Skan­dal pädo­phi­ler Prie­ster über jedes ange­mes­se­ne Maß hin­aus zu beto­nen und auf­zu­bla­sen, bedeu­tet in eine gefähr­lich ver­zerr­te Sicht­wei­se der Din­ge zu ver­fal­len. Sobald sich mor­gen näm­lich der gan­ze zum Skan­dal auf­ge­plu­ster­te Medi­en­dampf gelegt haben wird, wird wie­der sicht­bar, was wirk­lich ist, der Selbst­mord des Westens. Ob dann Kar­di­nal Schön­born dazu auch etwas eben­so medi­en­wirk­sam zu sagen hat?