Treue zu Lehramt und Papst Demarkationslinie zwischen Rechtgläubigkeit und Irrtum

(Rom) Die Angrif­fe auf den Papst haben eine neue und durch­aus beun­ru­hi­gen­de Form ange­nom­men. Sie kom­men von außer­halb der Kir­che, aber auch von innen, als offe­ne Ankla­ge, wie jene von Hans Küng, die bereit­wil­lig von zahl­rei­chen Tages­zei­tun­gen abge­druckt wur­de, oder als unaus­ge­spro­che­ner, aber syste­ma­ti­scher Boy­kott des päpst­li­chen Lehr­am­tes.

Es scheint so, als gäbe es zwei Kir­chen, als sei ein schlei­chen­des Schis­ma im Gan­ge, das zwei sehr ver­schie­de­ne pasto­ra­le Rich­tun­gen, vor allem auch ein unter­schied­li­ches Kir­chen­ver­ständ­nis und ande­re Ver­schie­den­hei­ten offen­legt.

Wäh­rend die Medi­en mit Ver­bis­sen­heit aber erfolg­los ver­such­ten, den Papst in den Pädo­phi­lie-Skan­dal hin­ein­zu­zie­hen, griff der Theo­lo­ge Hans Küng, einst ein Freund, die Per­son Joseph Ratz­in­gers fron­tal an, als Theo­lo­gen, als Bischof, als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und schließ­lich als Papst, weil er – nach Küngs Mei­nung – die Pädo­phi­lie eini­ger Kle­ri­ker durch sei­ne Theo­lo­gie und sein Lehr­amt zum Zöli­bat mit­ver­ur­sacht habe. Die Angrif­fe schei­nen die eines zutiefst ver­bit­ter­ten Man­nes zu sein, der selbst noch im hohen Alter das Zer­set­zen dem Auf­bau­en vor­zieht. Vor allem scheint sogar bewußt ver­drängt zu wer­den, daß die Schwä­chen und Skan­da­le in der Kir­che immer Schwä­chen und Skan­da­le des jewei­lig herr­schen­den Zeit­gei­stes sind, dem sie sich, da Men­schen in ihr wir­ken, nie ganz ent­zie­hen kann.

Es ist im Grun­de ver­ständ­lich, wenn auch nicht zu recht­fer­ti­gen, daß sich die neu­en Lai­zi­sten gegen den Papst stel­len. Die Lai­zi­sten eines Euro­pas, das immer mehr ver­sucht ist, das Chri­sten­tum aus sei­ner Zukunft aus­zu­schlie­ßen. Dies geschieht durch die Gesetz­ge­bung, die Schu­le und die geän­der­ten Ver­hal­tens­wei­sen, wenn auch die Inten­si­tät, die an den Kul­tur­kampf erin­nert, so nicht vor­her­seh­bar war. Was jedoch mehr besorgt, sind die Angrif­fe gegen Papst, die von innen kom­men. Dabei han­delt es sich um zwei Arten.

Eine beson­ders sicht­ba­re Form ist jene a la Küng oder à  la Mar­ti­ni, sie ist offen pole­misch, teil­wei­se ver­let­zend wie unred­lich und fin­det brei­ten Raum in den Medi­en. Eine ande­re ist ver­steck­ter, tief drin­nen im täg­li­chen Leben der nor­ma­len Katho­li­zi­tät.

Vie­le Katho­li­ken grei­fen den Hei­li­gen Vater nicht offen an, sie set­zen sich jedoch Ohr­schüt­zer gegen sei­ne Lehr­tä­tig­keit auf, sie lesen nicht die Doku­men­te sei­nes Lehr­am­tes, und wenn sie sie lesen, dann berück­sich­ti­gen sie sie nicht oder schrei­ben und sagen das genaue Gegen­teil von dem, was er sagt. Auf pasto­ra­ler und kul­tu­rel­ler Ebe­ne, zum Bei­spiel auf dem Gebiet der Bio­ethik oder des öku­me­ni­schen Dia­logs, befin­den sie sich in offe­nem Gegen­satz zu dem, was er lehrt.

Es han­delt sich dabei um eine eben­so syste­ma­ti­sche wie beab­sich­tig­te Hal­tung. Bene­dikt XVI. legt beson­de­ren Wert auf eine ver­tief­te und kor­rek­te Aus­le­gung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, das nur in einer unge­bro­che­nen Linie mit dem Lehr­amt der gesam­ten Kir­chen­ge­schich­te ver­stan­den und rich­tig inter­pre­tiert wer­den kann. Die­se Aus­le­gung, wird von vie­len Katho­li­ken ohne nähe­re Nach­fra­ge und unter Beru­fung auf einen nicht faß­ba­ren „Geist des Kon­zils“ ein­fach igno­riert. Nicht weni­ge ent­fal­ten dabei eine Art von syste­ma­ti­schem Par­al­lel-Lehr­amt, das von vie­len „Anti­päp­sten“ ange­führt wird.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt im Lehr­amt Bene­dikt XVI. sind die „nicht ver­han­del­ba­ren Wer­te“, die vie­le Katho­li­ken auf ein abso­lu­tes Mini­mum redu­zie­ren oder umin­ter­pre­tie­ren, wie dies selbst durch nam­haf­te Theo­lo­gen und Kom­men­ta­to­ren geschieht, die in der katho­li­schen Pres­se gern gese­hen sind, um selbst die bizarr­sten Aus­wüch­se des Zeit­gei­stes irgend­wie mit dem Glau­ben ver­ein­ba­ren zu kön­nen.

Bene­dikt XVI. lehrt, daß bei der Bewer­tung der Ereig­nis­se auch unse­rer Zeit in aller Weis­heit dem apo­sto­li­schen Glau­ben der Vor­rang ein­zu­räu­men ist. Vie­le aber reden wei­ter­hin von einem Pri­mat der Situa­ti­on. Der Papst lehrt Wesent­li­ches über das Gewis­sen und die Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus, aber vie­le stel­len die Demo­kra­tie oder die Ver­fas­sung vor das Evan­ge­li­um. Für vie­le schei­nen Erklä­run­gen wie Domi­nus Iesus, jene über die Katho­li­ken in der Poli­tik von 2002, die Rede von Regens­burg von 2006, die Enzy­kli­ka Cari­tas in veri­ta­te, als wären sie nie geschrie­ben und nie vor­ge­tra­gen wor­den. Schlim­mer noch, man­che behan­deln sie so, als wären sie falsch.

Dozen­ten an den theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten und reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­ten, Kom­men­ta­to­ren, die fast täg­lich in den katho­li­schen Tages­zei­tun­gen schrei­ben, Jour­na­li­sten in den diö­ze­sa­nen Wochen­blät­tern, Jesui­ten und ande­re, die Kul­tur­zen­tren und Bil­dungs­häu­ser in den ver­schie­de­nen Bis­tü­mern lei­ten: Die Kir­che, die de fac­to gegen den Papst arbei­tet, ist weit ver­zweigt und spal­tet inzwi­schen auch den Kle­rus (wie etwa das Bei­spiel der Diö­ze­se Linz zeigt). Wer Gele­gen­heit hat, rela­tiv viel in den Diö­ze­sen unter­wegs zu sein und an Tagun­gen, Tref­fen und Ver­an­stal­tun­gen teil­zu­neh­men, kann ein Lied davon sin­gen. Durch die Bank trifft man fast über­all ein in zwei Tei­le gespal­te­nes Audi­to­ri­um an, das gilt auch für die Prie­ster. Wenn sich jener Teil des Publi­kums, der sich in Treue dem Papst ver­bun­den fühlt, auch mehr oder weni­ger zurück­hält, er ist anwe­send.

Auf der einen Sei­te der Vor­rang des Glau­bens, die Über­zeu­gung, daß die Welt der Erlö­sung bedarf, daß der öku­me­ni­sche Dia­log nicht den Ver­zicht dar­auf bedeu­tet, daß die­se Erlö­sung ein­zig durch Chri­stus kom­men kann, die Über­zeu­gung, daß es nur eine ein­zi­ge Über­lie­fe­rung gibt und daß das Chri­sten­tum die wah­re Reli­gi­on ist, daß das Gewis­sen ohne die Wahr­heit Will­kür bedeu­tet. Auf der ande­ren Sei­te steht das Pri­mat der Situa­ti­on, die das Evan­ge­li­um her­aus­for­dert, die Über­zeu­gung, daß die Welt die Kir­che ret­tet, daß Hans Küng, Enzo Bian­chi oder Ser­ge Latou­che das Lehr­amt der Kir­che dar­stel­len, daß für den öku­me­ni­schen Dia­log auf die katho­li­sche Iden­ti­tät ver­zich­tet wer­den müs­se, daß das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil der Beginn einer ganz neu­en Pha­se im Leben der Kir­che war, daß das Chri­sten­tum eine Ideo­lo­gie ist und daher nichts mit der Wahr­heit zu tun habe, daß das per­sön­li­che Gewis­sen die höch­ste und letz­te Instanz ist. Zwei Ekkle­sio­lo­gien, die zwangs­läu­fig zu zwei ganz unter­schied­li­chen pasto­ra­len Wegen füh­ren: ein Weg der evan­ge­li­sie­ren­den Seel­sor­ge und der öffent­li­chen Sicht­bar­keit des Chri­sten­tums auf der einen Sei­te, die seel­sorg­li­che Beglei­tung der Welt auf Nach­fra­ge und Wunsch ohne irgend­ei­nen Anspruch, die Wahr­heit zu ver­kün­den und dem Men­schen sicht­bar zu machen, auf der ande­ren.

In den Orts­kir­chen erzeugt die­se Zwei­tei­lung teils erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten. Vie­le Bischö­fe sind nicht mehr in der Lage, ihrer Diö­ze­se, ihrem Kle­rus, ihren omni­prä­sen­ten Lai­en­funk­tio­nä­ren eine Linie vor­zu­ge­ben. Im Theo­lo­gie­stu­di­um wer­den ver­schie­de­ne und oft sogar kuri­os-bizar­re Leh­ren ver­brei­tet. Stu­den­ten und Gläu­bi­ge blei­ben des­halb oft genug ori­en­tie­rungs­los oder fügen sich dem Zeit­geist. In den Deka­n­an­ten und Vika­ria­ten fin­det kei­ne syste­ma­ti­sche Seel­sor­ge mehr statt, die von wirk­lich katho­li­schem Atem durch­drun­gen ist, weil selbst die Prie­ster in zwei Grup­pen gespal­ten sind. Die wich­ti­gen The­men des Lebens, der Fami­lie, des See­len­heils und des inter­re­li­giö­sen Umgangs sind oft von Pfar­rei zu Pfar­rei und von Diö­ze­se zu Diö­ze­se ganz unter­schied­lich aus­ge­rich­tet.

Im All­tag scheint es daher eben, als bestün­den zwei Kir­chen, es scheint ein schlei­chen­des Schis­ma im Gan­ge zu sein, viel­leicht ist es schon erfolgt und wur­de ledig­lich wegen des all­ge­mein herr­schen­den Plu­ra­lis­mus noch nicht for­ma­li­siert. Die treue Bewah­rung des Lehr­am­tes der Kir­che und des Glau­bens durch den Papst bedeu­tet heu­te wie zu jeder Zeit eine kla­re Demar­ka­ti­ons­li­nie. Glei­ches gilt für die Treue zum Papst. Es ist jene ent­schei­den­de Demar­ka­ti­ons­li­nie zwi­schen Recht­gläu­big­keit und Irr­tum.

(L’Occidente/Silvio Fona­ta­na,  Giu­sep­pe Nar­di;  Bild: flickr.com Ed Your­don)