Eine Zeit ohne Priester? — Die Dramatik des Priesterrückgangs in Europa

(Rom) Der Hei­li­ge Stuhl ver­öf­fent­lich­te vor weni­gen Tagen im Päpst­li­chen Jahr­buch für 2010 die aktu­ell­sten Zah­len über Prie­ster und Semi­na­ri­sten. Es drängt sich die Fra­ge auf, wie­vie­le Prie­ster es in 30 oder 40 Jah­ren noch in Euro­pa geben wird. Ein histo­ri­scher Tief­stand zeich­net sich ab, der beun­ru­hi­gend erscheint. Im Jahr des Prie­sters scheint der Aus­blick für das Jahr 2050 in Euro­pa eine Zeit „ohne Prie­ster“ anzu­kün­di­gen.

Die Prie­ster­zah­len wei­sen welt­weit eine leich­te, aber ste­ti­ge Zunah­me auf. Gab es im Jahr 2000 405.178 Prie­ster, waren es 408.024 im Jahr 2007 und 409.166 im Jahr 2008. Glei­ches gilt für die Zahl der Semi­na­ri­sten. Im Ver­hält­nis zur Gesamt­zahl der Katho­li­ken wächst die Zahl der Prie­ster und Semi­na­ri­sten stär­ker. Zwi­schen 2007 und 2008 wuchs der Katho­li­ken­an­teil an der Welt­be­völ­ke­rung um 0,1 Pro­zent, die der Prie­ster um 0,3 Pro­zent und die der Semi­na­ri­sten um 1,1 Pro­zent. Man könn­te also eine zwar nur leich­te, aber doch posi­ti­ve Gesamt­ent­wick­lung erken­nen. Auf die ein­zel­nen Kon­ti­nen­te auf­ge­schlüs­selt ergibt sich jedoch ein unein­heit­li­ches Bild, das im Fal­le Euro­pas akzen­tu­iert nega­tiv aus­fällt. Wäh­rend die Prie­ster­amt­skan­di­da­ten in Afri­ka, Asi­en und Ozea­ni­en zwi­schen 3,6 und 6,5 Pro­zent zunah­men, sind sie in Ame­ri­ka gleich­blei­bend und in Euro­pa mit Minus 4,3 Pro­zent deut­lich rück­läu­fig.

Wenn die vie­len Prie­ster, die heu­te bereits über 65 Jah­re alt sind, in abseh­ba­rer Zeit weg­fal­len, wird Euro­pa prie­ster­lich „ver­wai­sen“. Die Diö­ze­sen müß­ten dann Prie­ster aus ande­ren Kon­ti­nen­ten „anwer­ben“, was teil­wei­se bereits heu­te bis in die ent­le­gen­sten Land­pfar­ren und Hoch­ge­birgs­tä­ler – nicht immer mit aus­rei­chen­dem Erfolg für Prie­ster und Gläu­bi­ge – geschieht.

Spä­te­stens in 30, 40 Jah­ren wird die Beru­fungs­kri­se in Euro­pa ihre gan­ze Dra­ma­tik zei­gen. Selbst in Ita­li­en, das zu den „prie­ster­star­ken“ Län­dern Euro­pas zählt, sank die Zahl der Prie­ster von 41.627 im Jahr 1978 auf 33.409 im Jahr 2008 ab, was einem Rück­gang von einem Vier­tel gleich­kommt. Der Rück­gang bei den Ordens­geist­li­chen fiel noch weit dra­ma­ti­scher aus von 21.500 auf rund 13.000 (Minus 40 Pro­zent).

Die Kri­se der Beru­fun­gen in Euro­pa geht auf eine all­ge­mei­ne Ver­welt­li­chung des Kon­ti­nents zurück. Detail­aspek­te wie der demo­gra­phi­sche Rück­gang und die Unter­mi­nie­rung von Ehe und Fami­lie wur­den in jün­ge­rer Zeit mehr­fach unter­sucht. Papst Johan­nes Paul II. bemüh­te sich, die­sen Ero­si­ons­pro­zeß zubrem­sen. Nicht zuletzt sei­nem Pon­ti­fi­kat ist es zuzu­schrei­ben, daß Län­der wie Polen, Ita­li­en und Spa­ni­en noch immer star­ke prie­ster­li­che Kon­tin­gen­te und gut gefüll­te Prie­ster­se­mi­na­ri­en auf­zu­wei­sen haben.

Aller­dings war auch in den genann­ten Staa­ten der Rück­gang in den ver­gan­ge­nen 20, 30 Jah­ren unüber­seh­bar. 1972 gab es in Polen 8.458 Semi­na­ri­sten, heu­te sind es 5.736. In Ita­li­en waren es 8.131, jetzt sind es 5.791. Bemer­kens­wert ist der vor allem der Rück­gang in Spa­ni­en, wo sich 1972 noch 4.583 Semi­na­ri­sten auf das Prie­ster­tum vor­be­rei­te­ten. Heu­te sind es 2.115. Den sicher dra­ma­tisch­sten Ein­bruch erleb­te Irland. 1972 gab es 1.144 Semi­na­ri­sten, heu­te zählt man nur mehr 178. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land emp­fin­gen 1962 557 Kan­di­da­ten die Prie­ster­wei­he, 2008 waren es ledig­lich 93.

Auch die gro­ßen euro­päi­schen Diö­ze­sen wei­sen teils alar­mie­ren­de Rück­gän­ge auf. Die größ­te Diö­ze­se Euro­pas, das Erz­bis­tum Mai­land konn­te 1989 noch auf 250 Semi­na­ri­sten ver­wei­sen. Heu­te sind 139. Im Erz­bis­tum Paris waren es 1989 81 Semi­na­ri­sten, heu­te 63. Für das Erz­bis­tum Prag berei­te­ten sich 1989 im Jahr des kom­mu­ni­sti­schen Zusam­men­bruchs 33 Kan­di­da­ten auf das Prie­ster­tum vor, heu­te sind es noch neun. In War­schau sank die Zahl von 333 auf 193, in Kra­kau von 395 auf 136. Unter den gro­ßen Diö­ze­sen bil­det Madrid die ein­zi­ge Aus­nah­me. Dort stieg die Zahl der Semi­na­ri­sten von 150 (1989) auf heu­te 191.

Die Kir­che ist stän­dig in Bewe­gung und bil­de­te zu kei­ner Zeit eine sta­ti­sche Grö­ße. Die bestän­di­ge Dyna­mik läßt es denk­bar erschei­nen, daß sich inner­halb weni­ger Jah­re die der­zei­ti­ge Ent­wick­lung umkeh­ren könn­te. Ein Indiz und eine Hoff­nung in die­sem Sinn kommt von den kirch­li­chen Bewe­gun­gen und geist­li­chen Gemein­schaf­ten nicht zuletzt auch jenen der Tra­di­ti­on (aber nicht nur), die außer­halb der diö­ze­sa­nen Ord­nung ste­hen.

Papst Bene­dikt XVI., der früh­zei­tig einen schar­fen Blick für die kirch­li­che Ent­wick­lung erken­nen ließ, bemüht sich die Fun­da­men­te für eine geschrumpf­te, aber im Glau­ben star­ke Kir­che zu schaf­fen, auf die die Kir­che mor­gen auf­bau­en kann. Auch des­halb rief der Hei­li­ge Vater das Jahr des Prie­sters aus, das bis zum Gedenk­tag des Hei­li­gen Johan­nes Maria Vian­ney am 4. August 2010 began­gen wird.

(Palaz­zo Apostolico/GN, Bild: www.flickr.com / Catho­lic Church (Eng­land and Wales)