Und als Er vierzig Tage und vierzig Nächte ge­fastet hatte, danach hungerte Ihn

John Hen­ry New­man

Die Zeit der Buße, die Ostern vor­an­geht, dau­ert vier­zig Tage zum Andenken an das lan­ge Fasten unse­res Herrn in der Wüste. Daher lesen wir heu­te, am ersten Fasten­sonn­tag, das Evan­ge­li­um, das den Bericht dar­über ent­hält, und im Tages­ge­bet bit­ten wir Ihn, der um unsert­wil­len vier­zig Tage und vier­zig Näch­te gefa­stet hat, Er möge unser Fa­sten zum Heil der See­le und des Lei­bes seg­nen. Wir fasten der Buße wegen, und um unser Fleisch zu zäh­men.

Unser Hei­land hat­te es nicht nötig, aus einem die­ser Grün­de zu fasten. Sein Fasten unter­schied sich von dem unse­ren in der Stren­ge wie auch im Ziel. Und doch wer­den wir zu Anfang unse­res Fastens auf Sein Bei­spiel hin­ge­wie­sen; und unser Fasten dau­ert so lan­ge, bis wir auch in der Anzahl der Tage dem Sei­ni­gen gleich­ge­kom­men sind. Dafür gibt es einen Grund: wahr­haf­tig, wir soll­ten nichts tun, ohne Ihn vor Augen zu haben.

Wie wir nur durch Ihn allein die Kraft haben, irgend etwas Gutes zu tun, so ist auch nichts gut, außer wir tun es um Sei­net­wil­len. Von Ihm kommt unser Gehor­sam, nach Ihm muß er sich rich­ten; sagt Er doch: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15, 5). Kein Werk ist gut ohne Gna­de und ohne Lie­be. Der hei­li­ge Pau­lus gab alles auf, „um in Chri­stus erfun­den zu wer­den, nicht mit sei­ner Gerech­tig­keit, die aus dem Geset­ze ist, son­dern mit der Gerechtig­keit, die aus Gott durch den Glau­ben ist“ (Phil3,9).

Dann nur sind unse­re gerech­ten Taten Gott wohl­gefällig, wenn sie nicht nach dem Buch­sta­ben des Geset­zes, son­dern in Chri­stus durch den Glau­ben voll­bracht wer­den. Hohl waren alle Wer­ke des Ge­setzes, weil sie nicht von der Kraft des Gei­stes ge­tragen waren. Sie waren bloß Ver­su­che einer un­begnadeten Natur, das zu erfül­len, was sie zwar erfül­len soll­te, aber nicht konn­te. Nur blin­de und fleisch­li­che Men­schen oder sol­che, die in äußer­ster Unwis­sen­heit waren, konn­ten etwas Beglücken­des in ihnen fin­den.

Was bedeu­te­ten alle die gerech­ten Taten des Geset­zes, was sei­ne Wer­ke, selbst wenn sie außer­ge­wöhn­lich waren, was sei­ne Almo­sen und sein Fasten, was die Ent­stel­lung des Ange­sich­tes und die Betrüb­nis der See­le; was war all dies anders als Staub und Schmutz, ein kläg­li­cher, irdi­scher Dienst, ein elend hoff­nungs­lo­ses Buß­werk, inso­fern ihnen Gna­de und Gegen­wart Chri­sti fehl­ten? Die Juden moch­ten sich ver­de­mü­ti­gen, aber wäh­rend sie im Flei­sche nie­der­fie­len, gab es für sie kei­ne Erhe­bung im Gei­ste; sie moch­ten sich kastei­en, aber es ge­reichte ihnen nicht zum Heil; sie moch­ten trau­ern, aber ohne daß sie sich alle­zeit freu­ten; der äuße­re Mensch moch­te abneh­men, aber der inne­re erneu­er­te sich nicht Tag für Tag. Sie tru­gen die Last und Hit­ze des Tages und das Joch des Geset­zes, aber es „be­wirkte für sie kei­ne über­schweng­li­che, ewi­ge, alles über­wie­gen­de Herr­lich­keit“ (2 Kor 4,17).

Für uns aber hat Gott etwas Bes­se­res auf­be­wahrt. Zu den Jün­gern Chri­sti zu gehö­ren bedeu­tet: das tun kön­nen, was die Juden tun zu kön­nen ver­mein­ten, aber nicht konn­ten; das in uns haben, wodurch wir alles ver­mö­gen; von der Gegen­wart Des­sen in Besitz ge­nommen sein, der unser Leben, unse­re Kraft, unser Ver­dienst, unse­re Hoff­nung und unse­re Kro­ne ist; auf wun­der­ba­re Wei­se Sei­ne Glie­der wer­den, die Werk­zeu­ge, die sicht­ba­re Form oder das sakramen­tale Zei­chen des Einen unsicht­ba­ren, immer gegen­wär­ti­gen Got­tes­soh­nes, der auf mysti­sche Wei­se in uns allen die Akte Sei­nes irdi­schen Lebens wieder­holt: Sei­ne Geburt, Sei­ne Wei­he, Sein Fasten, Sei­ne Ver­su­chung, Sei­ne Kämp­fe, Sie­ge, Lei­den, Sei­ne Todes­angst, Sei­ne Pas­si­on, Sei­nen Tod, Sei­ne Auf­erstehung und Him­mel­fahrt; — Er alles in allem, wir so gering an per­sön­li­cher Kraft, so gering an Vor­zug oder Ver­dienst wie das Was­ser in der Tau­fe, wie Brot und Wein in der hei­li­gen Euchari­stie; doch stark im Herrn und in der Kraft Sei­ner Macht. Das sind die Gedan­ken, mit denen wir Weih­nach­ten und Erschei­nung fei­er­ten, das sind die Gedan­ken, die uns durch die Fasten­zeit beglei­ten müs­sen.

Ja, selbst in unse­ren Buß­wer­ken, durch die wir am wenig­sten hät­ten hof­fen kön­nen, in Ihm ein Vor­bild zu fin­den, ist Chri­stus uns vor­an­ge­gan­gen, um sie für uns zu hei­li­gen. Durch Sein Fasten hat Er das Fasten seg­nend zum Gna­den­mit­tel erho­ben; so ist Fasten nur wohl­ge­fäl­lig, wenn es um Seinet­willen geschieht. Buße ist blo­ße Form­sa­che oder blo­ße Gewis­sens­qual, wenn sie nicht in der Lie­be geschieht. Wenn wir fasten, ohne uns im Her­zen mit Chri­stus zu ver­ei­nen, näm­lich ohne Ihn nachzu­ahmen und Ihn zu bit­ten, Er möge unser Fasten zum Sei­ni­gen machen, Er möge es zu dem Sei­ni­gen fügen und ihm die Kraft des Sei­ni­gen mit­tei­len, damit wir in Ihm sein kön­nen und Er in uns, dann fasten wir wie Juden, nicht wie Chri­sten. Mit Recht stel­len wir uns also im Got­tes­dienst die­ses ersten Sonn­tags den Gedan­ken an Ihn vor Augen, an Ihn, des­sen Gna­de in uns sein muß, damit wir nicht bei unse­ren Buß­werken Luft­strei­che füh­ren und uns umsonst ver­demütigen.

In vie­ler Hin­sicht nun kann das Bei­spiel Chri­sti in die­ser hei­li­gen Zeit uns zum Trost und zur Er­mutigung wer­den.

Vor allem wird es gut sein, den Umstand hervorzu­heben, daß unser Herr Sich auf die­se Wei­se von der Welt zurück­zog, um uns zur glei­chen Pflicht zu beru­fen, soweit wir sie erfül­len kön­nen. Das tat Er nun beson­ders im vor­lie­gen­den Bei­spiel, ehe Er Sei­ne öffent­li­che Tätig­keit begann; aber es ist nicht das ein­zi­ge Bei­spiel, das wir ken­nen. Ehe Er Sei­ne Apo­stel erwähl­te, berei­te­te Er Sich in der glei­chen Wei­se vor. „Es geschah aber in jenen Tagen, daß Er hin­aus­ging auf den Berg, um zu beten; und Er ver­brach­te die gan­ze Nacht im Gebe­te mit Gott“ (Lk 6, 12).

Gebet zur Nacht­zeit war eine Buß­übung von der­sel­ben Art wie das Fasten. Bei einer ande­ren Gele­gen­heit, damals als Er die Scha­ren ent­las­sen hat­te, „stieg Er auf einen Berg, um in der Ein­sam­keit zu beten“ (Mt 14,23); und auch bei die­ser Gele­gen­heit scheint Er einen gro­ßen Teil der Nacht dort ver­bracht zu haben. Auch damals, in­mitten des Auf­se­hens, das Sei­ne Wun­der erreg­ten, „stand Er des Mor­gens sehr früh auf, ging hin­aus und begab Sich an einen öden Ort und bete­te da­selbst“ (Mk 1, 35).

Wenn wir beden­ken, daß unser Herr das Vor­bild der mensch­li­chen Natur in ihrer Voll­kom­men­heit ist, kön­nen wir gewiß nicht dar­an zwei­feln, daß sol­che Bei­spie­le ange­streng­ten Betens zu unse­rer Nach­ah­mung die­nen sol­len, wenn wir voll­kom­men sein wol­len. Aber die Ver­pflich­tung hier­zu ist über jeden Zwei­fel erha­ben, da wir ähn­liche Bei­spie­le bei den her­vor­ra­gend­sten Sei­ner Die­ner fin­den. Pau­lus erwähnt in der heu­ti­gen Epi­stel unter ande­ren Drang­sa­len, daß er und sei­ne Brü­der „Nacht­wa­chen hiel­ten und faste­ten“, und in einem spä­te­ren Kapi­tel, daß er „oft faste­te“ (2 Kor 6, 5; 11, 27).

Petrus zog sich nach Jop­pe an der Mee­res­kü­ste zurück, wohn­te im Haus eines gewis­sen Ger­bers Simon und dort faste­te und bete­te er. Moses und Eli­as schöpf­ten bei­de Kraft aus dem wunder­baren Fasten, das eben­so­lan­ge währ­te wie das unse­res Herrn. Moses sogar ein zwei­tes Mal; so berich­tet er uns selbst: „Dann fiel ich nie­der vor dem Herrn wie vor­her, vier­zig Tage und vier­zig Näch­te; ich aß kein Brot und trank kein Was­ser“ (Dt 9,18). Nach­dem Eli­as von einem Engel gespeist wor­den war, „ging er in der Kraft die­ser Spei­se vier­zig Tage und vier­zig Näch­te“ (1 Kön 19,8). Auch „Dani­el rich­te­te sein Ange­sicht zu dem Herrn, sei­nem Gott, zu bit­ten und zu fle­hen mit Fasten und in Sack und Asche“ (Dn 9, 3). Ein ander­mal sagt er: „In den­sel­ben Ta­gen war ich, Dani­el, trau­rig drei Wochen lang. Ich aß das wohl­schmecken­de Brot nicht, und Fleisch und Wein kamen nicht in mei­nen Mund; auch salb­te ich mich nie, bis die drei Wochen um waren“ (Dn 10, 2. 3). Dies sind Bei­spie­le des Fastens im Gei­ste Chri­sti.

Sodann möch­te ich dar­auf hin­wei­sen, daß das Fasten unse­res Hei­lan­des nur der Auf­takt zu Sei­ner Ver­suchung war. Er ging in die Wüste, um vom Teu­fel ver­sucht zu wer­den; aber bevor Er ver­sucht wur­de, faste­te Er. Auch war dies nicht — und das ist der Beach­tung wert — ein­fach nur eine Vor­be­rei­tung für den Kampf, son­dern es war zum guten Teil der Anlaß zu die­sem Kampf. Anstatt Ihn gera­de­wegs gegen die Ver­su­chung zu wapp­nen, haben Zurück­gezogenheit und Ent­halt­sam­keit Ihn in die­sem er­sten Bei­spiel ihr offen­bar aus­ge­setzt. Das Fasten war der erste Anlaß dazu. „Als Er vier­zig Tage und vier­zig Näch­te gefa­stet hat­te, danach hun­ger­te Ihn“; und dann erst kam der Ver­su­cher und hieß Ihn Stei­ne in Brot ver­wan­deln. Satan spiel­te Sein Fasten gegen Ihn aus.

Und das­sel­be ist ins­be­son­de­re jetzt bei Chri­sten der Fall, die Ihn nach­zu­ah­men suchen; und sie tun gut dar­an, dies zu wis­sen, denn sonst wer­den sie ent­mutigt, wenn sie Ent­halt­sam­keit üben. Man sagt gewöhn­lich, daß das Fasten uns zu bes­se­ren Chri­sten machen, uns ernüch­tern und uns in Glau­ben und Demut rück­halt­lo­ser Chri­stus zu Füßen wer­fen sol­le. Das ist wahr, wenn man das gro­ße Gan­ze im Auge hat. In der Regel und zu guter Letzt wird die­se Wir­kung ein­tre­ten, aber es ist kei­nes­wegs ge­wiß, daß sie ohne wei­te­res fol­gen wird.

Im Gegen­teil, sol­che Abtö­tun­gen haben heut­zu­ta­ge bei ver­schiedenen Leu­ten sehr ver­schie­de­ne Wir­kun­gen; auch soll­ten sie nicht von ihren sicht­ba­ren Segnun­gen her beur­teilt wer­den, son­dern vom Glau­ben an das Wort Got­tes her. Wohl wer­den man­che durch das Fasten gezähmt und kom­men Gott augenblick­lich näher; ande­re jedoch sehen dar­in kaum mehr als eine, wenn auch flüch­ti­ge Gele­gen­heit zur Ver­suchung. Manch­mal erhebt man zum Bei­spiel gegen das Fasten den Ein­wand — gewis­ser­ma­ßen als Grund, es zu unter­las­sen -, es mache den Men­schen reiz­bar und ver­drieß­lich. Ich gebe zu, das mag oft der Fall sein. Auch ergibt sich sehr oft dar­aus eine Schwä­che, die ihn sei­ner Herr­schaft über die kör­per­li­chen Hand­lun­gen und Gefüh­le wie über sei­ne Aus­drücke beraubt. So läßt sie ihn zum Bei­spiel zor­nig erschei­nen, wenn er es gar nicht ist; weil er näm­lich sei­ne Zun­ge, sei­ne Lip­pen, ja sein Gehirn nicht in der Gewalt hat. Er gebraucht weder die Wor­te, die er gern gebrau­chen möch­te, noch den Akzent und Ton. Er erscheint hef­tig, auch wenn er es nicht ist; und das Bewußt­sein davon und die Reak­ti­on die­ses Bewußt­seins auf sei­nen Geist ist eine Ver­su­chung und macht ihn auch wirk­lich reiz­bar, beson­ders dann, wenn man ihn miß­ver­steht und ihn für das hält, was er nicht ist.

Kör­per­li­che Schwach­heit kann ihn auch in ande­rer Art der Selbst­be­herr­schung berau­ben; er muß viel­leicht lächeln oder lachen, wenn er Ernst bewah­ren soll­te — offen­sicht­lich eine sehr pein­li­che und verdemüti­gende Prü­fung. Oder wenn schlech­te Gedan­ken sich ein­stel­len, kann sei­ne See­le sie nicht abschüt­teln, gleich als wäre sie tot und nicht ein Geist; aber sie hin­ter­las­sen dann in ihm einen Ein­druck, dem er nicht wider­ste­hen kann.

Eben­so hin­dert ihn oft kör­per­li­che Schwä­che, sei­nen Geist auf sei­ne Gebe­te zu hef­ten, anstatt ihm zu einem inni­ge­ren Gebet zu ver­hel­fen; oder die kör­per­li­che Schwä­che ist oft von Wider­wil­len und Teil­nahms­lo­sig­keit beglei­tet und ist für den Men­schen ein star­ker Anreiz zur Träg­heit.

Doch die schmerz­lich­ste Wir­kung, die aus einer noch so beschei­de­nen Erfül­lung die­ser gro­ßen christ­lichen Pflicht ent­ste­hen kann, habe ich noch nicht erwähnt. Sie steht unleug­bar im Dienst der Ver­suchung, und ich sage dies, damit nie­mand über­rascht und ver­zagt sei, wenn er es erkennt.

Auch der barm­her­zi­ge Herr weiß aus Erfah­rung, daß es so ist; und daß Er es aus Erfah­rung kennt und weiß, wie die Schrift berich­tet, ist für uns ein trost­vol­ler Gedan­ke. Ich möch­te damit nicht sagen, Gott be­wahre, daß je eine sünd­haf­te Schwach­heit Sei­ne unbe­fleck­te See­le ver­un­rei­nig­te; aber es erhellt aus der hei­li­gen Geschich­te, daß in Sei­nem wie in unse­rem Fall das Fasten der Ver­su­chung den Weg eb­nete. Viel­leicht erhellt der inner­ste Sinn sol­cher Übun­gen dar­aus, daß sie in irgend­ei­ner wunder­baren und ver­bor­ge­nen Wei­se die ande­re Welt zum Guten und Bösen über uns öff­nen und das Vor­spiel bil­den zu einem außer­or­dent­li­chen Kampf mit den Mäch­ten des Bösen.

Geschich­ten gehen um (ob wahr oder nicht, tut nichts zur Sache, sie zei­gen jeden­falls, was die Stim­me der Mensch­heit annä­hernd davon hält), Geschich­ten von Ein­sied­lern in der Wüste, die vom Satan auf son­der­ba­re Wei­se ange­foch­ten wur­den, jedoch dem Bösen Wider­stand lei­ste­ten und ihn ver­jag­ten, nach dem Vor­bild unse­res Herrn und in Sei­ner Kraft; und hät­ten wir Kennt­nis von der ver­bor­ge­nen Geschich­te des mensch­li­chen Gei­stes zu allen Zei­ten, dann wür­den wir ver­mut­lich (und ich glau­be, das ist kei­ne blas­se Theo­rie) die­ses fin­den: eine beach­tens­wer­te Gleich­heit bei denen, die durch Got­tes Gna­de in hei­li­gen Din­gen Fort­schritte gemacht haben (was auch immer für jene gel­ten mag, die kei­ne gemacht haben), eine Gleich­heit einer­seits der Ver­su­chun­gen, die die See­le be­fielen, und ander­seits der See­len, die von ihnen nicht ange­krän­kelt wur­den, die ihnen nicht zu­stimmten, auch nicht in vor­über­ge­hen­den Willens­akten, son­dern sie ein­fach haß­ten und kei­nen Scha­den davon­tru­gen.

So sehe ich es wenig­stens — und so gese­hen gleicht und ent­spricht ihre Ver­su­chung offen­sicht­lich der Ver­su­chung Chri­sti, der ver­sucht wur­de und dabei ohne Sün­de blieb. Die Chri­sten sol­len sich jedoch nicht betrü­ben, selbst wenn sie sich Gedan­ken aus­ge­setzt fin­den, von denen sie sich mit Ent­set­zen und Schrecken abkeh­ren. Viel­mehr soll ihnen eine sol­che Ver­su­chung den Gedan­ken an die Her­ab­las­sung des Got­tes­soh­nes klar und leben­dig zum Bewußt­sein brin­gen. Denn wenn es schon für uns Geschöp­fe und Sün­der eine Ver­su­chung bedeu­tet, daß sich uns Gedan­ken auf­drängen, die unse­rem Her­zen zuwi­der sind, was muß dann das ewi­ge Wort, Gott von Gott, Licht von Licht, der Hei­li­ge und Wah­re, gelit­ten haben unter einer der­ar­ti­gen Aus­lie­fe­rung an Satan, daß die­ser Ihm jeg­li­ches Übel außer der Sün­de antun konn­te?

Gewiß bedeu­tet es für uns eine Ver­su­chung, wenn uns vor den Men­schen vom Anklä­ger der Brü­der Beweg­grün­de und Emp­fin­dun­gen unter­scho­ben wer­den, die wir nie in Erwä­gung zogen; es ist eine Ver­suchung, wenn uns inwen­dig ins­ge­heim Gedan­ken ein­ge­flü­stert wer­den, vor denen wir zurück­schrecken; es ist eine Ver­su­chung für uns, wenn Satan sei­ne eige­nen Gedan­ken mit den uns­ri­gen der­art ver­mengen darf, daß wir uns schul­dig füh­len, selbst wenn wir es nicht sind; ja, wenn er unse­re törich­te Natur in Brand stecken kann, bis wir gewisser­maßen gegen unse­ren Wil­len sün­di­gen: ist aber nicht Einer uns vor­an­ge­gan­gen, erschüt­tern­der in Sei­ner Ver­su­chung, herr­li­cher in Sei­nem Sieg? Er wur­de in allen Stücken ver­sucht, „ähn­lich wie wir, war jedoch ohne Sün­de“ (Hebr 4,15). Sicher spricht die Ver­su­chung Chri­sti auch hier uns Trost und Er­mutigung zu.

Dies ist also viel­leicht eine zutref­fen­de­re Betrach­tung der Fol­gen des Fastens als die land­läu­fi­ge. Natür­lich ist das Fasten schließ­lich immer mit Got­tes Gna­de eine geist­li­che Wohl­tat für unser Herz und führt es zur Voll­kom­men­heit, — durch Ihn, der alles in allem wirkt; ja, es ist oft für uns im Augen­blick eine fühl­ba­re Wohl­tat. Frei­lich ist es bis­wei­len anders; bis­wei­len stei­gert es nur die Erreg­bar­keit und Emp­find­sam­keit unse­res Her­zens; jedes­mal aber soll man es jedoch haupt­säch­lich als eine An­näherung an Gott betrach­ten — eine Annä­he­rung an die Mäch­te des Him­mels — ja, aber auch an die Mäch­te der Höl­le.

Und von die­sem Gesichts­punkt aus liegt etwas sehr Schreck­haf­tes im Fasten. Bekannt­lich ist die Ver­su­chung Chri­sti nur die Fül­le des­sen, was in ent­spre­chen­der Wei­se und gemäß unse­rer Schwä­che und Brest­haf­tig­keit in allen Sei­nen Die­nern, die Ihn suchen, vor sich geht. Und ist dem so, dann war die­se Tat­sa­che für die Kir­che sicher ein zwin­gender Grund, wes­halb sie unse­re Buß­zeit mit dem Auf­ent­halt Chri­sti in der Wüste in Ver­bin­dung brach­te, damit wir nicht unse­ren eige­nen Gedan­ken über­las­sen wären und sozu­sa­gen „mit den wil­den Tie­ren leb­ten“ (Mk 1,13), ja ver­za­gen wür­den, wenn wir uns züch­ti­gen; viel­mehr soll­ten wir erfah­ren kön­nen, daß wir sind, was wir wirk­lich sind: kei­ne Skla­ven Satans und kei­ne Kin­der des Zor­nes, die hoff­nungs­los unter der Last stöh­nen, die be­kennen und aus­ru­fen, „ich unglück­li­cher Mensch!“, son­dern zwar wirk­li­che Sün­der, näm­lich Sün­der, die sich kastei­en und für die Sün­den Buße tun; aber zu­gleich Kin­der Got­tes, in denen die Buße Früch­te zei­tigt, die erhöht wer­den, wäh­rend sie sich selbst ernied­ri­gen, und die zu der­sel­ben Zeit, da sie sich am Fuß des Kreu­zes nie­der­wer­fen, immer noch Strei­ter Chri­sti sind, das Schwert in der Hand einen hoch­ge­mu­ten Kampf kämp­fend und wis­send, daß sie jenes Etwas in sich und an sich tra­gen, vor dem die Teu­fel zit­tern und flie­hen.

Und dies ist ein wei­te­rer Punkt, der in der Ge­schichte des Fastens und der Ver­su­chung unse­res Hei­lan­des unse­re beson­de­re Beach­tung erheischt, näm­lich der Sieg, der sie beglei­tet; Er hat­te drei Ver­su­chun­gen und drei­mal sieg­te Er, — bei der letz­ten sag­te Er: „Wei­che von Mir, Satan“; wor­auf „Ihn der Teu­fel ver­ließ“ (Mt 4,10.11). Die­ser Kampf und Sieg in der unsicht­ba­ren Welt klingt auch in ande­ren Schrift­stel­len durch. Am bedeut­sam­sten ist das Wort, das unser Herr hin­sicht­lich des Beses­se­nen spricht, den Sei­ne Apo­stel nicht hei­len konn­ten.

Eben war Er her­ab­ge­kom­men vom Berg der Ver­klä­rung, auf den Er — man beach­te dies — mit Sei­nen bevor­zug­ten Apo­steln hinauf­gestiegen zu sein scheint, um die Nacht im Gebet zu ver­brin­gen. Er kam her­ab nach die­sem Aus­tausch mit der unsicht­ba­ren Welt, trieb den unrei­nen Geist aus und sag­te dann: „Die­se Gat­tung kann nur durch Gebet und Fasten aus­ge­trie­ben wer­den“ (Mk 9, 28). Das bedeu­tet nichts Gerin­ge­res als eine offe­ne Er­klärung, daß sol­che Übun­gen der See­le eine Macht über die unsicht­ba­re Welt ver­lei­hen.

Auch läßt sich kein hin­rei­chen­der Grund nen­nen, sie auf die ersten Zei­ten des Evan­ge­li­ums zu beschrän­ken. Und ich glau­be, es liegt genug Beweis gera­de in der Er­kenntnis, die wir rück­schau­end aus den Wir­kun­gen sol­cher Übun­gen auf heu­ti­ge Men­schen gewin­nen (ohne zur Geschich­te Zuflucht zu neh­men): sie zeigt, daß die­se Übun­gen die Werk­zeu­ge Got­tes sind, um dem Chri­sten­men­schen weit mehr als sei­nen Art­ge­nos­sen eine hohe und könig­li­che Macht zu geben.

Weil das Gebet nicht nur die stets not­wen­di­ge und siche­re Waf­fe in unse­rem Kampf mit den Mäch­ten des Bösen ist, weil sogar immer eine Befrei­ung vom Bösen als Ziel des Gebe­tes mit­in­be­grif­fen ist, so ergibt sich dar­aus, daß sämt­li­che Tex­te, die von unse­rem Ver­kehr mit Gott han­deln und von der Macht, die wir bei Ihm durch Gebet und Fasten haben, in der Tat die­sen Kampf ansa­gen und den Sieg über den Bösen ver­hei­ßen. So bekun­det in der Para­bel die auf­dring­li­che Wit­we, die die Kir­che in ihrem Beten vor­stellt, nicht nur Beharr­lichkeit gegen­über Gott, son­dern auch gegen ihren Wider­sa­cher. „Schaf­fe mir Recht gegen mei­nen Wider­sa­cher“ (Lk 18, 3), sagt sie; und unser „Wider­sa­cher ist der Teu­fel, der umher­geht wie ein brül­len­der Löwe und sucht, wen er ver­schlin­ge; ihm wider­ste­het tap­fer im Glau­ben“, fügt Petrus hin­zu (1 Petr 5,8). Man beach­te, daß uns in die­sem Gleich­nis die Beharr­lich­keit im Gebet beson­ders an­empfohlen wird.

Und das ist eine der Leh­ren, die uns durch die Län­ge der Fasten­zeit gege­ben ist, — daß wir näm­lich das Gewünsch­te nicht an einem beson­de­ren Tag, den wir für die Buße anset­zen, soll­ten erlan­gen wol­len, auch nicht durch ein noch so inni­ges Gebet, son­dern durch „beharr­li­ches Ge­bet“ (Röm 12, 12; Kol 4, 2). Dies wird uns auch ange­deu­tet im Bericht über den Kampf Jakobs. Gleich unse­rem Herrn war er die gan­ze Nacht in die­sen Kampf ver­wickelt. Wer es war, dem er in jener ein­sa­men Stun­de begeg­nen durf­te, wird uns nicht gesagt; aber Der, mit dem er rang, gab ihm die Kraft zum Rin­gen und hin­ter­ließ zuletzt an ihm ein Zei­chen, wie um ihm zu bedeu­ten, daß er nur sieg­te durch die Her­ab­las­sung Des­sen, den er be­siegte.

So gestärkt, hielt er durch bis zum Tages­anbruch und bat um den Segen; und Der, den er bat, seg­ne­te ihn wirk­lich und gab ihm einen neu­en Na­men zur Erin­ne­rung an sei­nen Sieg. „Kei­nes­wegs soll dein Name hin­fort Jakob hei­ßen, son­dern Isra­el; denn du hast mit Gott und Men­schen gekämpft und den Sieg davon­ge­tra­gen“ (Gn 32, 28). Ähn­lich ver­brachte Moses das eine sei­ner vier­zig­tä­gi­gen Fasten in Bekennt­nis und Für­bit­te für das Volk, das das gol­de­ne Kalb auf­ge­stellt hat­te. „Und ich lag vor dem Herrn vier­zig Tage und vier­zig Näch­te, wie ich anfangs tat; denn der Herr hat­te gesagt, Er wol­le euch ver­til­gen. Ich bete­te daher zum Herrn und sprach: Herr, Gott, ver­til­ge nicht Dein Volk und Dein Erbe, das Du erlöst hast in Dei­ner gro­ßen Macht und her­aus­ge­führt hast aus Ägyp­ten mit star­ker Hand“ (Dt 9, 25. 26).

Eben­so ende­ten bei­de Fasten Dani­els, von denen berich­tet wird, in einer Seg­nung. Sein erstes war eine Für­bit­te für sein Volk, und dafür wur­de ihm die Weis­sa­gung der sieb­zig Wochen gewährt. Auch das zwei­te wur­de belohnt mit pro­phe­ti­schen Ent­hül­lun­gen; und was bedeut­sam ist, es scheint einen Ein­fluß gehabt zu haben (wenn ich ein sol­ches Wort gebrau­chen darf) auf die unsicht­ba­re Welt — von dem Zeit­punkt an, da er damit begann. „Der Engel sprach: Fürch­te dich nicht, Dani­el, denn vom ersten Tage an, da dein Herz Ein­sicht ver­lang­te und du dich kastei­test vor dem Ange­sich­te dei­nes Got­tes, wur­den dei­ne Wor­te erhört, und ich bin gekom­men um dei­ner Wor­te wil­len.“ Er kam erst am Ende, aber bereits am An­fang schick­te er sich an zu gehen. Doch mehr als das, der Engel fährt fort: „Aber der Fürst des Rei­ches der Per­ser wider­stand mir ein­und­zwan­zig Tage“; genau die Zeit, wäh­rend der Dani­el gebe­tet hat­te-; „aber sie­he, Micha­el, einer der vor­nehm­sten Für­sten, kam mir zu Hil­fe, und ich blieb daselbst bei dem König der Per­ser“ (Dn 10,12.13). Ein Engel kam zu Dani­el nach sei­nem Fasten; so kamen Engel zu unse­rem Herrn und dien­ten Ihm; und so dür­fen auch wir wohl Glau­ben und Trost aus dem Gedan­ken schöp­fen, daß auch jetzt noch Engel beson­ders zu denen gesandt wer­den, die auf die­se Wei­se Gott suchen. Nicht nur Dani­el, auch Eli­as wur­de wäh­rend sei­nes Fastens von einem Engel gestärkt; ein Engel erschien Kor­ne­li­us, wäh­rend er faste­te und bete­te; und ich mei­ne wirk­lich, reli­giö­se Men­schen kön­nen in ihrem Umkreis genug Beob­ach­tun­gen machen, die dazu die­nen, sie in der Hoff­nung zu stär­ken, die sie der­ge­stalt aus dem Wor­te Got­tes schöp­fen.

„Sei­nen Engeln gab Er dich in Hut, sie sol­len wachen über dich auf allen dei­nen Wegen“; auch der Teu­fel kennt die­se Ver­hei­ßung, denn er hat sie gera­de in jener Stun­de der Ver­su­chung aus­ge­nützt. Er weiß sehr wohl, was unse­re Macht ist und was sei­ne eige­ne Schwä­che ist. So haben wir nichts zu fürch­ten, solan­ge wir im Schat­ten des Thro­nes des All­mäch­ti­gen wei­len. „Fal­len auch tau­send an dei­ner Sei­te und zehn­tau­send zu dei­ner Rech­ten, so wird’s dir doch nicht nahen.“

Solan­ge wir in Chri­stus erfun­den wer­den, haben wir teil an Sei­ner Sicher­heit. Er hat die Macht Satans gebro­chen; Er ist „über Löwen und Schlan­gen geschrit­ten, jun­ge Löwen selbst und Dra­chen hat Er zer­tre­ten“ (Ps 90, 11. 7.13); und anstatt Gewalt über uns zu haben, zit­tern fort­an die bösen Gei­ster und beben zurück vor jedem ech­ten Chri­sten. Sie wis­sen, daß er etwas in sich trägt, das ihn zu ihrem Mei­ster macht; daß er, wenn er will, sie ver­la­chen und ver­ja­gen kann. Sie wis­sen das gut und sind sich des­sen bei allen ihren Angrif­fen, die sie gegen ihn füh­ren, bewußt; nur die Sün­de gibt ihnen Macht über ihn; und ihr gro­ßes Ziel ist es, ihn zur Sün­de zu ver­füh­ren und ihn durch Über­ra­schung zum Sün­di­gen zu brin­gen, da sie wis­sen, daß sie kein ande­res Mit­tel haben, ihn zu über­wältigen. Sie ver­su­chen, ihn durch Vor­spie­ge­lung einer Gefahr zu erschrecken und ihn dadurch zu über­ra­schen; oder sie nahen sich unver­merkt und hin­ter­li­stig, um ihn zu ver­füh­ren und ihn dadurch zu über­ra­schen. Aber sie rich­ten nichts aus, es sei denn, sie fan­gen ihn unver­se­hens.

Daher wol­len wir, mei­ne Brü­der, „nicht unkun­dig sein ihrer Plä­ne“ (2 Kor 2,11); und da wir sie ken­nen, wol­len wir wachen, fasten und beten, wir wol­len uns unter den Flü­gel des All­mäch­ti­gen ber­gen, damit Er unser Schirm und Schild sei. Bit­ten wir Ihn, uns Sei­nen Wil­len kund­zu­tun — uns unse­re Feh­ler zu zei­gen — von uns zu neh­men, was immer Ihn belei­di­gen kann uns auf dem Pfad der Ewig­keit zu füh­ren. Ver­setzen wir uns in die­ser hei­li­gen Zeit gemein­sam mit Ihm auf den Berg — hin­ter den Vor­hang — ver­bor­gen mit Ihm — nicht gelöst oder getrennt von Ihm, in des­sen Gegen­wart allein Leben ist, son­dern mit und in Ihm. Ler­nen wir von Sei­nem Gesetz mit Moses, von Sei­nen Voll­kom­men­hei­ten mit Eli­as, von Sei­nen Rat­schlüs­sen mit Dani­el ler­nen wir bereu­en, ler­nen wir beken­nen und uns bes­sern — ler­nen wir Sei­ne Lie­be und Sei­ne Furcht ver­ler­nen wir uns selbst und wach­sen wir empor zu Ihm, der da ist unser Haupt.

Aus John Hen­ry New­man. Deut­sche Pre­dig­ten vol VI,1, Schwa­ben­ver­lag Stutt­gart 1954, p. 7–21.