Von der notwendigen Wiederentdeckung der Keuschheit — Ein Ausweg aus sozialer und kultureller Dekadenz

von Josef Spin­del­böck ((Vor­trag beim „Forum Moral­theo­lo­gie Mit­tel­eu­ro­pa“ (24.–27. August 2009 im Bil­dungs­haus St. Gabri­el bei Möd­ling) ))

Das Gene­ral­the­ma des dies­jäh­ri­gen „Forums Moral­theo­lo­gie Mit­tel­eu­ro­pa“ befaßt sich mit der Sexua­li­sie­rung der Medi­en und ihren Fol­gen und mit der Suche nach posi­ti­ven Ant­wor­ten auf die­se Situa­ti­on aus psy­cho­lo­gi­scher, sozio­lo­gi­scher und phi­lo­so­phisch-theo­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve.

Jeder von uns hat sei­nen beson­de­ren, ja indi­vi­du­el­len Zugang zur Wirk­lich­keit (( „Quid­quid reci­pi­tur, ad modum reci­pi­en­tis reci­pi­tur.“ – Die­ses ari­sto­te­li­sche Prin­zip (Liber de causis, IX 99) wird auch von Tho­mas von Aquin in sei­ner Erkennt­nis­theo­rie aner­kannt und zugrun­de gelegt, vgl. z.B. STh I, q. 12, a.4.)) ; wir sind geprägt durch unse­re Fami­li­en- und Lebens­ge­schich­te und durch jeweils kon­kre­te Her­aus­for­de­run­gen in Beruf und Gesell­schaft. Und doch sind wir alle auch ein­ge­bet­tet in gemein­sa­me kul­tu­rel­le und sozia­le Lebens­fel­der – in Milieus und Tra­di­tio­nen –, die unser Den­ken und Han­deln in ähn­li­cher Wei­se mit­be­din­gen und auch beein­flus­sen und die wie­der­um auch von unse­rer Frei­heit in sitt­li­cher Ver­ant­wor­tung gegen­über uns selbst, gegen­über den Mit­men­schen und vor allem gegen­über Gott gestal­tet wer­den sol­len. Kurz gesagt: Das sozia­le Milieu prägt uns, doch wir sind auch selbst wie­der für des­sen Aus­for­mung mit­ver­ant­wort­lich. Dies gilt im Posi­ti­ven wie im Nega­ti­ven: in Bezug auf das sitt­lich Gute, das zu beja­hen und zu ver­wirk­li­chen ist, und in Bezug auf das sitt­lich Böse, das wir inner­lich ableh­nen und in allem auch effek­tiv mei­den sol­len.

Inter­ak­ti­vi­tät der Medi­en und sitt­li­che Ver­ant­wor­tung

Wenn von der Sexua­li­sie­rung der Medi­en die Rede ist, soll­te uns klar sein, daß die Mit­tel der sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on in ihren ver­schie­de­nen For­men nicht gleich­sam hypo­st­asiert für sich allein bestehen, son­dern daß es um einen Aus­druck des Den­kens und Wol­lens kon­kre­ter Men­schen bzw. sozia­ler Grup­pen geht und natür­lich auch immer um das Bestre­ben jener Akteu­re, das Den­ken, Wol­len und Han­deln der Adres­sa­ten in der einen oder ande­ren Wei­se – posi­tiv oder nega­tiv – zu beein­flus­sen. Die klas­si­sche Auf­tei­lung der media­len Bezugs­grup­pen in Akteu­re (oft Medi­en­pro­du­zen­ten genannt) und Rezi­pi­en­ten (die als Medi­en­kon­su­men­ten gel­ten) stellt gewiß eine Ver­kür­zung dar. Medi­en sind ihrem Wesen und Anspruch nach kei­ne Ein­bahn­stra­ße, son­dern Foren des Aus­tauschs und der Kom­mu­ni­ka­ti­on, also der jewei­li­gen Wech­sel­wir­kung (Inter­ak­ti­on).

Die elek­tro­ni­schen Medi­en ver­wirk­li­chen die­sen grund­le­gen­den Zusam­men­hang noch kon­kre­ter, wie dies am Bei­spiel des Inter­nets und damit ver­bun­de­ner neu­er kom­mu­ni­ka­ti­ver For­men und damit ver­bun­de­ner Mög­lich­kei­ten des Aus­drucks und Aus­tauschs ersicht­lich ist (Web­pages, Foren, Blogs, Face­book, Twit­ter, You­tube etc.). Der ethi­sche Stan­dard des Gebrauchs der ein­zel­nen Medi­en läßt sich danach bemes­sen, inwie­weit die Per­so­nen in ihrer unver­äu­ßer­li­chen Wür­de geach­tet wer­den und inwie­weit es in der Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on um ein Aner­ken­nen und Erst­neh­men des per­so­na­len Gegen­übers in Ein­sicht und Frei­heit geht. Wo die­se Wesens­merk­ma­le des ver­ant­wort­lich geleb­ten Mensch­seins gleich­sam über­sprun­gen wer­den, droht die Gefahr der Mani­pu­la­ti­on. Die­se zielt eben gera­de nicht dar­auf ab, ande­re zu über­zeu­gen und in ihrer unver­tret­ba­ren Frei­heit zum guten Han­deln zu moti­vie­ren, son­dern möch­te ande­re Men­schen wie „blin­de Werk­zeu­ge“ für bestimm­te Zwecke instru­men­ta­li­sie­ren. Dabei blei­ben die wirk­li­chen Absich­ten der Akteu­re oft im Dun­keln, und die eigent­li­che Trieb­kraft des Han­delns wird nicht in der Frei­heit der Ent­schei­dung gese­hen, son­dern in den zu wecken­den und zu len­ken­den Impul­sen und Trie­ben einer auf das Bio­lo­gi­sche ver­kürz­ten mensch­li­chen Natur.

Wenn von einer weit ver­brei­te­ten „Sexua­li­sie­rung der Medi­en“ zu spre­chen ist, dann ist die­ses Phä­no­men gera­de hier ein­zu­ord­nen, wo es um die Pro­blem­an­zei­ge eines auf das Bio­lo­gi­sche ver­kürz­ten Men­schen­bilds und um die Klä­rung der Dif­fe­renz zwi­schen Mani­pu­la­ti­on und Frei­heit geht. Wir ste­hen vor der Alter­na­ti­ve zwi­schen Wahr­heit und Illu­si­on, zwi­schen einer Frei­heit, die sich an das Gute bin­det, und gren­zen­lo­ser Will­kür, die den Men­schen als Men­schen ver­rät und sein Leben zer­stört. Die ethi­sche Fra­ge ist daher nicht, ob die Sexua­li­tät des Men­schen ein The­ma der Medi­en sein darf, son­dern wie die­se zum The­ma gemacht wird: ob in Ehr­furcht vor der Wür­de der Per­son und der spe­zi­fi­schen Auf­ga­be und Beru­fung von Ehe und Fami­lie oder in Ver­keh­rung ihres Wesens als angeb­lich durch kei­ne Gren­zen bestimm­te Frei­heit der Trieb­be­frie­di­gung, die in Wirk­lich­keit nicht Frei­heit ist, son­dern pau­li­nisch gespro­chen mit der Skla­ve­rei und Ver­fal­len­heit an das „Fleisch“ zusam­men fällt. ((Vgl. Gal 5,13: „Ihr seid zur Frei­heit beru­fen, Brü­der. Nur nehmt die Frei­heit nicht zum Vor­wand für das Fleisch, son­dern dient ein­an­der in Lie­be!“ – Gal 5,16: „Dar­um sage ich: laßt euch vom Geist lei­ten, dann wer­det ihr das Begeh­ren des Flei­sches nicht erfül­len.“))

Weil wir auf die­sem Sym­po­si­on nicht nur Ist­zu­stän­de ana­ly­sie­ren wol­len, son­dern nach Aus­we­gen suchen, um eine gera­de im Bereich der Sexua­li­sie­rung der Medi­en zuta­ge tre­ten­de sozia­le und kul­tu­rel­le Deka­denz zu über­win­den, gilt es nach den eigent­li­chen Ursa­che bestimm­ter Ent­wick­lun­gen zu fra­gen und die Kräf­te der sitt­li­chen Ver­ant­wor­tung im Rah­men der mensch­li­chen Frei­heit, die von der Gna­de Got­tes getra­gen und unter­stützt wird, neu zu wecken. Als hilf­reich kann sich fürs erste ein Blick auf sozio­lo­gisch erho­be­ne und empi­risch veri­fi­zier­te Zusam­men­hän­ge zwi­schen der recht­li­chen und sitt­li­chen Regu­lie­rung der sexu­el­len Betä­ti­gung und dem jewei­li­gen kul­tu­rel­len Stan­dard eines Vol­kes bzw. einer Gesell­schaft erwei­sen.

Die sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se von Joseph D. Unwin — Ein Zusam­men­hang zwi­schen sexu­el­ler Regu­lie­rung und kul­tu­rel­lem Stan­dard

Die auf­grund empi­ri­scher Unter­su­chun­gen gewon­ne­ne und durch „har­te Fak­ten“ bestä­tig­te sozio­lo­gi­sche Grund­the­se des Anthro­po­lo­gen Joseph D. Unwin (1895–1936) lau­tet, in Kür­ze auf den Punkt gebracht: Je per­mis­si­ver Völ­ker und Gesell­schaf­ten im Hin­blick auf das sexu­el­le Leben sind, desto nied­ri­ger ist der jewei­li­ge kul­tu­rel­le Stan­dard. ((„Any human socie­ty is free to choo­se eit­her to dis­play gre­at ener­gy or to enjoy sexu­al free­dom; the evi­dence is that it can­not do both for more than one genera­ti­on.“ – Joseph Dani­el Unwin, Sex and Cul­tu­re, Lon­don 1934 (Oxford Uni­ver­si­ty Press), 412.  In die­ser sei­ner 676 Sei­ten star­ken Haupt­pu­bli­ka­ti­on prä­sen­tiert Unwin als Anthro­po­lo­ge die empi­ri­schen Nach­wei­se für sei­ne sozio­lo­gi­sche The­se und wer­tet die­se im Detail aus.)) Und umge­kehrt: Je mehr sich in einer Gesell­schaft in Theo­rie und Pra­xis die Ach­tung und Wert­schät­zung der unauf­lös­li­chen Ein­ehe (Mono­ga­mie) und der auf sie gegrün­de­ten Fami­lie durch­setzt und die sexu­el­len Ener­gien dadurch in posi­ti­ver Wei­se gebun­den wer­den, desto höher ist das gei­stig-kul­tu­rel­le Gesamt­ni­veau einer sol­chen Gesell­schaft. ((In der fol­gen­den Dar­stel­lung wird Bezug genom­men auf die Kurz­fas­sung: Joseph Dani­el Unwin, Sexu­al Regu­la­ti­ons and Cul­tu­ral Beha­viour, Lon­don 1935, Reprint Cali­for­nia 1969. Dabei han­delt es sich um eine Vor­le­sung, die Unwin vor der Bri­tish Psy­cho­lo­gi­cal Socie­ty (Medi­cal Sec­tion) im Jahr 1935 gehal­ten hat. Vgl. auch die Dar­stel­lung der For­schungs­er­geb­nis­se Unwins durch Kon­stan­tin Mascher, in: Bul­le­tin Nr. 9, 1/2005 des Deut­schen Insti­tuts für Jugend und Gesell­schaft.)) Unwin ist zu sei­ner Unter­su­chung durch die Theo­rie der sexu­el­len Sub­li­mie­rung Sig­mund Freuds ange­regt wor­den, wonach der Treib „von einem ursprüng­li­chen Ziel – z.B. sexu­el­ler Natur – auf ein ande­res, kul­tu­rell höhe­res, hin­ge­lenkt wird.“ ((Die­ter Wyss, Die tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Schu­len von den Anfän­gen bis zur Gegen­wart. Ent­wick­lung, Pro­ble­me, Kri­sen, Göt­tin­gen 19916, 64.))

Sie­ben Jah­re lang erforsch­te Unwin acht­zig ver­schie­de­ne Natur­völ­ker und sechs ver­schie­de­ne Kul­tur­völ­ker im Hin­blick auf den ver­mu­te­ten Zusam­men­hang zwi­schen einem Ver­bot direk­ter Befrie­di­gung der sexu­el­len Antrie­be und einer damit kor­re­lie­ren­den gesell­schaft­li­chen För­de­rung von Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on. Er sah sich schließ­lich ver­an­laßt, sei­ne eige­ne Lebens­phi­lo­so­phie auf­grund der Ergeb­nis­se sei­ner Unter­su­chun­gen in Fra­ge zu stel­len. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 5/6.))

Als aus­nahms­los gül­ti­ges Ergeb­nis fand Unwin z.B., daß jene Natur­völ­ker, die eine voll­kom­me­ne vor­ehe­li­che Ent­halt­sam­keit für die Frau (d.h. den Zustand der unver­sehr­ten phy­si­schen Jung­fräu­lich­keit) vor der Ehe ver­lang­ten, in reli­giö­ser Hin­sicht einem Got­tes- bzw. Göt­ter­glau­ben anhin­gen. Wo nur eine ein­ge­schränk­te sexu­el­le Ent­halt­sam­keit vor der Ehe ver­langt wur­de (im Sinn der sexu­el­len Treue zu einem bestimm­ten Mann), wur­de eine mani­sti­sche reli­giö­se Ver­eh­rung (Ahnen­kult) fest­ge­stellt. Wo schließ­lich die völ­li­ge sexu­el­le Frei­zü­gig­keit vor der Ehe zuge­las­sen war, gab es nur die kul­tu­rel­le Stu­fe einer magi­schen Reli­gio­si­tät. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 6–14. Die Stu­fen wer­den von Unwin als Deis­mus, Manis­mus und Zois­mus bezeich­net.))

Unwin kam wei­ters zum Ergeb­nis: Je stär­ker bei einem Volk die sexu­el­le Begren­zung in Rich­tung auf abso­lu­te Mono­ga­mie inner­halb der Ehe war, desto vor­herr­schen­der war ein expan­si­ver Drang des betref­fen­den Vol­kes, was nicht not­wen­di­ger­wei­se mit Aggres­si­vi­tät gegen ande­re Völ­ker gleich­zu­set­zen sei. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 19/20. Unwin unter­schei­det im Hin­blick auf die sexu­el­len Rege­lun­gen inner­halb der Ehe zwi­schen modi­fi­zier­ter und abso­lu­ter Poly­ga­mie sowie abso­lu­ter Mono­ga­mie.)) Aggres­si­vi­tät ist also kei­ne Fol­ge von sexu­el­ler Ein­schrän­kung; in der Regel ist der Zusam­men­hang nach Unwin gera­de umge­kehrt.

In einem noch wei­ter fort­ge­schrit­te­nen Zustand wer­de die Gesell­schaft eines Volks ratio­na­li­stisch: Das Indi­vi­du­um tre­te mehr und mehr in den Vor­der­grund, wäh­rend frü­he­re Gesell­schaf­ten stär­ker auf die Zuge­hö­rig­keit des ein­zel­nen zu sozia­len Grup­pen auf­ge­baut waren. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 22–25.)) Das letz­te wäre nach Unwin der wis­sen­schaft­lich-pro­duk­ti­ve Zustand, der dann erreicht wer­de, wenn ein Volk genü­gend Ener­gie besit­ze. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 27.))

Der Ener­gie­zu­stand eines Vol­kes kor­re­lie­re mit der jewei­li­gen Inten­si­tät ver­pflich­ten­der sexu­el­ler Ent­halt­sam­keit, die sich ein Volk auf­er­le­ge, was sich jeweils eini­ge Genera­tio­nen spä­ter im kul­tu­rel­len Bereich posi­tiv oder nega­tiv aus­wir­ke. ((Vgl. ebd))  Tra­di­ti­on und Erzie­hung haben näm­lich einen Ein­fluß auf die jeweils näch­ste Genera­ti­on. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 16–19.)) Den gro­ßen Ein­fluß der auf die Frau­en bezo­ge­nen nor­ma­ti­ven Aspek­te der Sexua­li­tät erklärt Unwin durch die pri­mä­re Erzie­hungs­funk­ti­on der Frau­en für ihre Kin­der, wodurch sie für das Ethos der Gesell­schaft beson­ders prä­gend sei­en. ((Vgl. Unwin, a.a.O., 19.))

Den recht­lich-sitt­li­chen Sta­tus abso­lu­ter Mono­ga­mie sieht Unwin in histo­ri­scher Ana­ly­se ver­knüpft mit einer Domi­nanz des Man­nes über die Frau; erst all­mäh­lich sei es in den jewei­li­gen Gesell­schaf­ten zu einer schritt­wei­sen Gleich­be­rech­ti­gung der Frau­en gekom­men, was aller­dings meist mit einer Locke­rung der Festi­gung des Ehe­bun­des ein­her­ge­gan­gen sei und in man­chen Fäl­len auch mit einer grö­ße­ren Frei­zü­gig­keit im Hin­blick auf vor­ehe­li­che Ent­halt­sam­keit ver­bun­den war. In jenen Fäl­len habe die „Ener­gie der Gesell­schaft“ abge­nom­men, was sich in kul­tu­rel­lem Nie­der­gang aus­ge­wirkt habe. (([1] Vgl. Unwin, a.a.O., 32–34.))

Bewer­tung und Rezep­ti­on der Unter­su­chun­gen Unwins

Die Grund­the­se Unwins, wonach es einen ein­deu­tig fest­stell­ba­ren empi­ri­schen Zusam­men­hang zwi­schen vor­ehe­li­cher sexu­el­ler Ent­halt­sam­keit und strik­ter Mono­ga­mie auf der einen und dem höhe­ren kul­tu­rel­len Sta­tus einer Gesell­schaft auf der ande­ren Sei­te gibt, ist bis jetzt nicht wider­legt. Im Hin­blick auf die Zuord­nung zu bestimm­ten Völ­kern und Gesell­schaf­ten erge­ben sich frei­lich Unschär­fen, was Unwin auch sel­ber zugibt.

Von einem ethi­schen und moral­theo­lo­gi­schen Stand­punkt aus könn­te man in Anschluß an Unwin und in Wei­ter­füh­rung sei­ner Ergeb­nis­se auch den posi­ti­ven Wert einer sakra­len bzw. reli­giö­sen Sicht von Ehe, Fami­lie und Sexua­li­tät wür­di­gen und fest­stel­len, daß der Glau­be an Gott und die damit ver­bun­de­ne reli­gi­ös-sitt­li­che Pra­xis zur Stär­kung von Ehe und Fami­lie und zur Sub­li­mie­rung und Inte­gra­ti­on der sexu­el­len Urkräf­te im sitt­li­chen und kul­tu­rel­len Bereich wesent­lich bei­tra­gen.

Etwas kon­stru­iert klingt eine Fol­ge­rung Unwins, wonach eine Gesell­schaft, die den Aus­schluß vor­ehe­li­cher sexu­el­ler Bezie­hun­gen sowie die abso­lu­te Mono­ga­mie in der Ehe ver­langt, bei einem rela­ti­ven Rück­fall im ersten Bereich unter Bei­be­hal­tung der zwei­ten Errun­gen­schaft kul­tisch gese­hen den Got­tes­glau­ben mit mani­sti­schen Ele­men­ten ver­men­ge. Damit erklärt er das angeb­lich erst­ma­li­ge Auf­tre­ten der Hei­li­gen­ver­eh­rung inner­halb der römisch-katho­li­schen Kir­che seit dem 4. Jh. und deren Abschaf­fung im Eng­land des 16. Jh. (([1] Vgl. Unwin, a.a.O., 38.))

Unschwer wird man in der Ana­ly­se der gegen­wär­ti­gen Gesell­schaft so man­ches von dem ver­wirk­licht fin­den kön­nen, was Unwin als The­se auf­ge­stellt hat. Frei­lich ist gera­de die plu­ra­li­sti­sche Gesell­schaft kei­nes­wegs nur von einem ein­zi­gen Fak­tor oder einer ein­zi­gen Ten­denz bestimmt, so daß man ein­fach sagen könn­te, es wäre gegen­wär­tig nur ein sitt­li­cher Ver­fall im Hin­blick auf Ehe und Fami­lie fest­stell­bar. In „Fami­lia­ris con­sor­tio“ hat Johan­nes Paul II. ein dif­fe­ren­zier­tes Bild gezeich­net: es gibt sowohl „Licht“ als auch „Schat­ten“. ((Vgl. Johan­nes Paul II., Apo­sto­li­sches Schrei­ben „Fami­lia­ris con­sor­tio“ über die Auf­ga­ben der christ­li­chen Fami­lie in der Welt von heu­te vom 22. Novem­ber 1981 (Ver­laut­ba­run­gen des Apo­sto­li­schen Stuhls 33f), Nr. 4–10.)) Dem ent­spre­chen aktu­el­le sozio­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen, wonach bei allem Schei­tern und allen Schwie­rig­kei­ten von Ehen und Fami­li­en auch heu­te bei vie­len Men­schen eine tie­fe Sehn­sucht nach Sta­bi­li­tät einer hete­ro­se­xu­el­len Part­ner­be­zie­hung in Offen­heit für Kin­der vor­han­den ist, auch wenn dies aus ver­schie­de­nen Grün­den oft nur unvoll­kom­men oder gar nicht ver­wirk­licht wird. Das „klas­si­sche“ Leit­bild der Ehe und Fami­lie, das die Kir­che sowohl aus der Schöp­fungs- als auch aus der Erlö­sungs­ord­nung begrün­det, scheint also kei­nes­wegs über­holt. ((Vgl. zur Ana­ly­se und Bewer­tung: Eber­hard Schocken­hoff, Das kirch­li­che Leit­bild von Ehe und Fami­lie und der Wan­del fami­lia­ler Lebens­la­gen, in: Anton Rau­scher (Hg.), Hand­buch der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, Ber­lin 2008, 291–310. Trotz aller Defi­zi­te der Ver­wirk­li­chungs­for­men gel­te es auch jene Wer­te wahr­zu­neh­men und anzu­er­ken­nen, für die eine tat­säch­li­che Offen­heit der Per­so­nen gege­ben ist: „Vor allem in den nicht­ehe­li­chen Part­ner­schaf­ten, in denen der Ent­schluß zur spä­te­ren Hei­rat bereits gefal­len ist, sind die wesent­li­chen Ele­men­te per­so­na­ler Part­ner­schaft und auch der Wil­le zur ver­bind­li­chen Treue vor­han­den, die dem kirch­li­chen Ehe­ver­ständ­nis ent­spre­chen.“ – Ebd., 300. Kri­tisch wäre zu ergän­zen, daß die­se Dif­fe­ren­zie­run­gen frei­lich nicht unter der Hand das „Gesetz der Gra­dua­li­tät“ in die Kon­zep­ti­on einer „Gra­dua­li­tät des Geset­zes“ sel­ber ver­keh­ren dür­fen: „Daher kann das soge­nann­te ‚Gesetz der Gra­dua­li­tät‘ oder des stu­fen­wei­sen Weges nicht mit einer ‚Gra­dua­li­tät des Geset­zes‘ selbst gleich­ge­setzt wer­den, als ob es ver­schie­de­ne Gra­de und Arten von Gebot im gött­li­chen Gesetz gäbe, je nach Men­schen und Situa­tio­nen ver­schie­den. Alle Ehe­leu­te sind nach dem gött­li­chen Plan in der Ehe zur Hei­lig­keit beru­fen, und die­se heh­re Beru­fung ver­wirk­licht sich in dem Maße, wie die mensch­li­che Per­son fähig ist, auf das gött­li­che Gebot ruhi­gen Sin­nes im Ver­trau­en auf die Gna­de Got­tes und auf den eige­nen Wil­len zu ant­wor­ten.“ – Johan­nes Paul II., Fami­lia­ris con­sor­tio, Nr. 34, sei­ne eige­ne Homi­lie zum Abschluß der VI. Bischofs­syn­ode am 25. Okto­ber 1980, Nr. 8, zitie­rend.)) Sei­ne Sub­stanz ist, wie der Sozio­lo­ge Franz-Xaver Kauf­mann anmerkt, „auch unter libe­ra­len und säku­la­ri­sier­ten Bedin­gun­gen weit­ge­hend intakt“, wobei er die Wer­te „Lie­be, Treue, wech­sel­sei­ti­ge Unter­stüt­zung, Dau­er­haf­tig­keit ‚bis der Tod Euch schei­det‘“ anführt. ((Franz-Xaver Kauf­mann, Ehe und Fami­lie zwi­schen kul­tu­rel­ler Nor­mie­rung und gesell­schaft­li­cher Bedingt­heit, in: Anton Rau­scher (Hg.), Hand­buch der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, Ber­lin 2008, 257–272, hier 270.)) Eine Erklä­rung für die­se opti­mi­sti­sche Sicht­wei­se trotz aller Defi­zi­te läßt sich in der allen Men­schen gemein­sa­men Wesens­na­tur und den in sie ein­ge­schrie­be­nen sitt­li­chen Geset­zen auch des ehe­li­chen Zusam­men­le­bens von Mann und Frau fin­den. ((Vgl. Johan­nes Mess­ner, Das Natur­recht. Hand­buch der Gesell­schafts­ethik, Staats­ethik und Wirt­schafts­ethik, Ber­lin 19847, 124. Mess­ner betont jedoch im Zusam­men­hang der christ­li­chen Anthro­po­lo­gie auch das Moment der Erb­sün­de und ihrer Fol­gen, was für die Natur­rechts­leh­re bedeu­tet, daß sie „gleich weit ent­fernt von einem ein­sei­ti­gen Pes­si­mis­mus wie von einem ein­sei­ti­gen Opti­mis­mus in der Deu­tung der Men­schen­na­tur“ ist (125).))

Die von Unwin in sei­ner Haupt­the­se auf­ge­zeig­ten Zusam­men­hän­ge sind zwar in ein­schlä­gi­gen Krei­sen bekannt und aner­kannt; im öffent­li­chen gesell­schaft­li­chen Dis­kurs hin­dert es gegen­wär­tig eine so genann­te „poli­ti­cal cor­rect­ness“ im Rah­men der Gen­der- und Homo­se­xua­li­täts-Ideo­lo­gie, daß die Ergeb­nis­se Unwins zum Gegen­stand wei­te­rer Ana­ly­sen und Schluß­fol­ge­run­gen gemacht wer­den. Die Men­ta­li­tät des Sci­en­tis­mus, die trotz einer ver­stärk­ten Zuwen­dung zur Natur in ihrem Eigen­wert und ihrer Schutz­be­dürf­tig­keit noch wei­ter­wirkt, zeigt sich in der vagen und letzt­lich illu­so­ri­schen Hoff­nung, Wis­sen­schaft und Tech­nik könn­ten den mora­li­schen Ver­fall gera­de im Bereich der sexu­el­len Ord­nung gleich­sam kom­pen­sie­ren. Man meint so im letz­ten, Moral durch Tech­nik erset­zen zu kön­nen. Der Mensch wäre auf die­se Wei­se gleich­sam frei gewor­den von sei­ner eige­nen zwei­ge­schlecht­li­chen Natur, die nur mehr ein will­kür­lich zu instru­men­ta­li­sie­ren­des „bio­lo­gi­sches Mate­ri­al“ dar­stellt. So wür­de die The­se Unwins unter den Bedin­gun­gen der Indu­strie- und Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft angeb­lich nicht mehr gel­ten. So jeden­falls die von man­chen als Vor­wand und Recht­fer­ti­gung für das Auf­recht­erhal­ten eines sexu­ell per­mis­si­ven Lebens­stils vor­ge­brach­te Auf­fas­sung, die kaum mehr als eine unbe­wie­se­ne Ver­mu­tung dar­stellt.

Was die Ana­ly­sen Unwins nicht lei­sten kön­nen und wol­len, ist die Aus­ar­bei­tung einer phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie. Die­se aber scheint uner­läß­lich, um den Stel­len­wert recht­li­cher und sitt­li­cher Ver­pflich­tun­gen in ange­mes­se­ner Wei­se begrün­den und inter­pre­tie­ren zu kön­nen. Eine sol­che Anthro­po­lo­gie im Hin­blick auf die per­so­na­le Gemein­schaft der Ehe und Fami­lie und die damit ver­bun­de­nen sitt­li­chen Nor­men betref­fend die sexu­el­le Dimen­si­on hat der ver­stor­be­ne Papst Johan­nes Paul II. ent­wickelt, und zwar noch bevor er Papst wur­de, näm­lich als Anthro­po­lo­ge und Ethi­ker. Eine umfas­sen­de Prä­sen­ta­ti­on sei­ner Gedan­ken fin­det sich im Werk „Lie­be und Ver­ant­wor­tung“ ((Karol WojtyÅ‚a (Johan­nes Paul II.), Lie­be und Ver­ant­wor­tung. Eine ethi­sche Stu­die, Klein­hain 2007. Vgl. auch die theo­lo­gi­sche und lehr­amt­li­che Fort­füh­rung: Johan­nes Paul II., Die mensch­li­che Lie­be im gött­li­chen Heils­plan. Eine Theo­lo­gie des Lei­bes, hg. v. Nor­bert und Rena­te Mar­tin, Kisslegg 2008.)) , auf das im fol­gen­den auch Bezug genom­men wer­den soll, wenn die Rede ist von der not­wen­di­gen Wie­der­ent­deckung der Keusch­heit als Ant­wort auf die Deka­denz unse­rer Zeit, die gera­de durch die Sexua­li­sie­rung der Medi­en sicht­bar gewor­den ist.

Die not­wen­di­ge Wie­der­ent­deckung der Keusch­heit

Die rich­ti­ge Ant­wort gegen­über der Her­aus­for­de­rung der „Sexua­li­sie­rung der Medi­en“ als bloß instru­men­tel­le Sicht des Men­schen und sei­nes Lei­bes und als ein­sei­ti­ge Fixie­rung auf Sexua­li­tät als sinn­li­che Bedürf­nis­be­frie­di­gung kann nur eine sitt­li­che und im letz­ter Kon­se­quenz eine in der Got­tes­be­zie­hung grün­den­de sein. Bloß tech­ni­sche „Rezep­te“, und sei­en sie noch so aus­ge­feilt und gut gemeint, nüt­zen nichts , wenn wir nicht dort anset­zen, wo unser Herr Jesus Chri­stus die Wur­zel sowohl des Guten als auch des Bösen ver­or­tet: im mensch­li­chen Herz! ((Vgl. Mt 15,17–19.))

Nicht umsonst spricht Jesus in den Selig­prei­sun­gen der Berg­pre­digt von der „Rein­heit des Her­zens“, die mit der Ver­hei­ßung der Got­tes­schau ver­bun­den ist. ((Vgl. Mt 5,8: „Selig, die ein rei­nes Herz haben; denn sie wer­den Gott schau­en.“)) Sicher ist damit nicht nur die rech­te Ord­nung des sexu­el­len Bereichs gemeint, son­dern es geht um die Inte­gri­tät des Men­schen als sol­chen, um sein Heil­sein und Heil­wer­den in der Wahr­heit und in der Lie­be vor Gott, doch ist gera­de die sexu­el­le Prä­gung des Mensch­seins ein kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment sei­ner Per­son, und die rech­te Sicht die­ser Wirk­lich­keit und der Umgang mit der Sexua­li­tät als trieb­haf­ter Urkraft des Men­schen ist wesent­lich für alles übri­ge: für das gei­stig-kul­tu­rel­le Leben gemäß der Ana­ly­se Joseph D. Unwins und ins­be­son­de­re für die Got­tes­be­zie­hung des Men­schen. Wer sei­nen eige­nen Leib, der ein Tem­pel des Hei­li­gen Gei­stes sein soll ((Vgl. 1 Kor 6,19–20: „Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tem­pel des Hei­li­gen Gei­stes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teu­ren Preis seid ihr erkauft wor­den. Ver­herr­licht also Gott in eurem Leib!“)) , ent­wür­digt und schän­det und wer den Mit­men­schen in sei­nem Leib instru­men­ta­li­siert (in Gedan­ken, Wor­ten und Wer­ken), der trübt auch das Bild Got­tes im Men­schen und ver­baut sich und ande­ren den Zugang zu Gott, der die Lie­be und das Leben ist und den man nur schau­en kann mit einem rei­nen Her­zen.

Der Sache nach geht es hier um nichts ande­res als um die not­wen­di­ge Wie­der­ent­deckung der Keusch­heit als sitt­li­cher Tugend in der Ein­heit der Got­tes- und Näch­sten­lie­be. Eine Tugend zu besit­zen und zu ver­wirk­li­chen bedeu­tet viel mehr als bloß bür­ger­li­che Anstän­dig­keit oder Brav­heit. Es geht gemäß klas­si­schem ari­sto­te­lisch-tho­ma­ni­schen Ver­ständ­nis um „das ulti­mum poten­tiae, das Äußer­ste des­sen, was ein Mensch sein kann; sie ist die Erfül­lung des mensch­li­chen Seins­kön­nens.“ Es geht um „die Voll­endung des Men­schen zu einem Tun, durch das er sei­ne Glück­se­lig­keit ver­wirk­licht.“ ((Vin­cent Two­mey, Der Papst, die Pil­le und die Kri­se der Moral, Augs­burg 2008, 73))

Der Begriff der Keusch­heit ist im gesell­schaft­li­chen Kon­text fast zum Fremd­wort gewor­den, und auch inner­kirch­lich gilt man als Exot, wenn man von ihr spricht. Der „Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che“ tut dies den­noch und stellt her­aus, was wirk­lich damit gemeint ist:

„Keusch­heit bedeu­tet die geglück­te Inte­gra­ti­on der Geschlecht­lich­keit in die Per­son und folg­lich die inne­re Ein­heit des Men­schen in sei­nem leib­li­chen und gei­sti­gen Sein. Die Geschlecht­lich­keit, in der sich zeigt, dass der Mensch auch der kör­per­li­chen und bio­lo­gi­schen Welt ange­hört, wird per­sön­lich und wahr­haft mensch­lich, wenn sie in die Bezie­hung von Per­son zu Per­son, in die voll­stän­di­ge und zeit­li­che unbe­grenz­te wech­sel­sei­ti­ge Hin­ga­be von Mann und Frau ein­ge­glie­dert ist.“ ((KKK 2237.))

Die­se Kurz­be­schrei­bung zeigt auf, daß es bei der Tugend der Keusch­heit um kei­ne Unter­drückung und Ver­leug­nung der geschlecht­li­chen Dimen­si­on des Mensch­seins geht. Im Gegen­teil! Ein keu­scher Mensch bejaht voll und ganz die eige­ne sexu­el­le Prä­gung und Aus­rich­tung: Die jewei­li­ge Per­son nimmt ihr Frau-Sein bzw. Mann-Sein wirk­lich an und sieht es als Reich­tum ihrer Per­son und als Prä­gung und Qua­li­fi­ka­ti­on, die nicht nur den Leib betrifft, son­dern das gan­ze leib­see­li­sche Wesen. Der Sinn so ver­stan­de­ner Keusch­heit liegt nicht in der Selbst­ge­nüg­sam­keit der Per­son, nicht in einem Sich­ver­schlie­ßen gegen­über dem Mit­men­schen, viel­leicht aus Ego­is­mus oder auch aus fal­scher „bewah­ren­der“ Ängst­lich­keit, son­dern in einer Offen­heit und Hin­ga­be der Lie­be, wie sie in der ehe­li­chen Beru­fung ihren ein­zig­ar­ti­gen Aus­druck fin­det.

Es geht bei der Tugend der Keusch­heit sowohl um die Wah­rung der „Unver­sehrt­heit der Per­son“ als auch um die „Ganz­heit der Hin­ga­be“, wie der Kate­chis­mus aus­führt. ((Vgl. KKK 2338–2347.)) Wesent­lich ist es, die Keusch­heit als stan­des­ge­mä­ße Tugend zu erken­nen, d.h. es gibt nach dem hei­li­gen Ambro­si­us einen Unter­schied zwi­schen der Keusch­heit der Ver­hei­ra­te­ten, der Ver­wit­we­ten und der Jung­fräu­li­chen. ((Ambro­si­us, vid. 23, zit. in KKK 2349.))  Dabei gilt:

„Ver­hei­ra­te­te sind beru­fen, in ehe­li­cher Keusch­heit zu leben; die ande­ren leben keusch, wenn sie ent­halt­sam sind.“ ((KKK 2349.))

Die ehe­li­che Keusch­heit ent­spricht voll und ganz dem Wesen ehe­li­cher Lie­be als per­so­na­le Ganz­hin­ga­be und Ver­ei­ni­gung der Part­ner mit Leib und See­le. Die Ein­heit der Her­zen zeigt sich auch im Ein-Fleisch-Wer­den, d.h. in der sexu­el­len Ver­ei­ni­gung der Gat­ten. Die­se ist stets auf huma­ne Wei­se und als Aus­druck per­so­na­ler Lie­be zu voll­zie­hen. ((Vgl. 2. Vati­ka­ni­sches Kon­zil, GS 49: „Die­se Lie­be wird durch den eigent­li­chen Voll­zug der Ehe in beson­de­rer Wei­se aus­ge­drückt und ver­wirk­licht. Jene Akte also, durch die die Ehe­leu­te innigst und lau­ter eins wer­den, sind von sitt­li­cher Wür­de; sie brin­gen, wenn sie human voll­zo­gen wer­den, jenes gegen­sei­ti­ge Über­eig­net­sein zum Aus­druck und ver­tie­fen es, durch das sich die Gat­ten gegen­sei­tig in Freu­de und Dank­bar­keit reich machen.“)) Nie­mals ist es in der Ehe gestat­tet, den Ehe­part­ner als Instru­ment der sexu­el­len Befrie­di­gung zu miß­brau­chen. Der inne­re Zusam­men­hang der Sinn­di­men­sio­nen der ehe­lich-sexu­el­len Ver­ei­ni­gung, näm­lich Aus­druck per­so­na­ler Lie­be in Offen­heit für das Leben zu sein, darf nicht auf­ge­löst wer­den. ((Vgl. Paul VI., Enzy­kli­ka „Huma­nae vitae“ über die rech­te Ord­nung der Wei­ter­ga­be mensch­li­chen Lebens vom 25. Juli 1968, Nr. 12: „Die­se vom kirch­li­chen Lehr­amt oft dar­ge­leg­te Leh­re grün­det in einer von Gott bestimm­ten unlös­ba­ren Ver­knüp­fung der bei­den Sinn­ge­hal­te – lie­ben­de Ver­ei­ni­gung und Fort­pflan­zung –, die bei­de dem ehe­li­chen Akt inne­woh­nen. Die­se Ver­knüp­fung darf der Mensch nicht eigen­mäch­tig auf­lö­sen. Sei­ner inner­sten Struk­tur nach befä­higt der ehe­li­che Akt, indem er den Gat­ten und die Gat­tin aufs eng­ste mit­ein­an­der ver­eint, zugleich zur Zeu­gung neu­en Lebens, ent­spre­chend den Geset­zen, die in die Natur des Man­nes und der Frau ein­ge­schrie­ben sind. Wenn die bei­den wesent­li­chen Gesichts­punk­te der lie­ben­den Ver­ei­ni­gung und der Fort­pflan­zung beach­tet wer­den, behält der Ver­kehr in der Ehe voll und ganz den Sinn­ge­halt gegen­sei­ti­ger und wah­rer Lie­be, und sei­ne Hino­rd­nung auf die erha­be­ne Auf­ga­be der Eltern­schaft, zu der der Mensch beru­fen ist. Unse­rer Mei­nung nach sind die Men­schen unse­rer Zeit durch­aus imstan­de, die Ver­nunft­ge­mäß­heit die­ser Leh­re zu erfas­sen.“))

Die Keusch­heit der Unver­hei­ra­te­ten zeigt sich nicht nur in der wirk­li­chen Ent­halt­sam­keit von allen sexu­el­len Akten, sei es mit ande­ren oder auch allein. Es muß auch die rech­te inne­re Hal­tung gegen­über dem Geschlecht­li­chen gege­ben sein. Ent­we­der ist die Per­son von ihrer Fähig­keit und Beru­fung her offen für eine mög­li­che Ehe und berei­tet sich in ent­spre­chen­der Wei­se vor, auch durch eine inne­re Kul­tur ihrer Affek­ti­vi­tät und durch äuße­re Wei­sen der Kom­mu­ni­ka­ti­on, um den geeig­ne­ten Part­ner fürs Leben zu fin­den. ((Das im Rah­men die­ses Sym­po­si­ons ver­han­del­te Gene­ral­the­ma legt es nahe, hier einen Ver­weis auf die von Weih­bi­schof Prof. Dr. Andre­as Laun mit­be­grün­de­te katho­li­sche Hei­rats­ver­mitt­lung www.kathtreff.org anzu­brin­gen.)) Oder aber eine Per­son hat erkannt, daß sie ent­we­der nicht (mehr) hei­ra­ten kann oder daß im Unver­hei­ra­tet-Sein sogar ihre eigent­li­che Beru­fung liegt, um auf die­se Wei­se einen beson­de­ren Dienst aus­zu­üben und/oder in aus­drück­li­cher Wei­se ganz Gott anzu­ge­hö­ren. Auch hier darf und soll die sexu­el­le Prä­gung und Aus­rich­tung nicht ver­leug­net wer­den. Es ist wich­tig, daß auch ehe­lo­se und zöli­ba­tär-jung­fräu­li­che Men­schen eine natür­li­che und über­na­tür­li­che Kul­tur männ­li­cher bzw. frau­li­cher Affek­ti­vi­tät ent­wickeln und pfle­gen, die sie auch befä­higt, in sitt­lich geord­ne­ter Freund­schaft und Lie­be mit ande­ren Men­schen ver­bun­den zu sein. Zugleich muß in klu­ger Wei­se dafür Sor­ge getra­gen wer­den, daß all­fäl­li­ge Gefah­ren für die Wah­rung der Keusch­heit aus­ge­schlos­sen wer­den und Ärger­nis­se ver­mie­den wer­den.

Bei der Ein­übung in die Tugend der Keusch­heit geht es um das schritt­wei­se Erler­nen der Selbst­be­herr­schung und des rech­ten Maßes im Umgang und Ein­satz der uns von Gott geschenk­ten Kräf­te. ((Vgl. KKK 2341: „Die Tugend der Keusch­heit steht unter dem Ein­fluß der Kar­di­nal­tu­gend der Mäßi­gung, wel­che die Lei­den­schaf­ten und das sinn­li­che Begeh­ren des Men­schen mit Ver­nunft zu durch­drin­gen sucht.“)) Dies alles muß im Kon­text per­so­na­ler Lie­be gesche­hen, wor­in sich die vol­le Bedeu­tung der Tugend der Keusch­heit zeigt. ((Die per­so­na­le Lie­be hilft dabei, den Pri­mat der Per­son und ihrer Wer­te und Güter in jedem Aspekt der Sinn­lich­keit und Emo­tio­na­li­tät zu garan­tie­ren. Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Lie­be und Ver­ant­wor­tung, 253.)) Von daher wird klar, daß die christ­li­che Tra­di­ti­on stets dar­an fest­ge­hal­ten hat, daß die Keusch­heit bei allem mensch­li­chen Bemü­hen um sie letzt­lich eine Gabe Got­tes ist, d.h. eine Gna­de, die auch erbe­tet wer­den muß. ((„Die Keusch­heit ist eine sitt­li­che Tugend, ein Geschenk Got­tes, eine Gna­de, eine Frucht des Gei­stes.“ – Kom­pen­di­um des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, Mün­chen 2005, Nr. 488.))

Karol WojtyÅ‚a hat in sei­nen Ana­ly­sen her­aus­ge­stellt, daß es bei der Keusch­heit um einen zugleich unbe­fan­ge­nen und ehr­furchts­voll-lie­ben­den Zugang zum eige­nen Leib als auch zur leib­see­li­schen Wirk­lich­keit des Mit­men­schen geht. ((Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Lie­be und Ver­ant­wor­tung, 208 ff.)) Wäh­rend wir an uns sel­ber den Leib von unse­rem Innen­le­ben klar unter­schei­den kön­nen, begeg­net uns der Mit­mensch gera­de auch in sei­ner Inner­lich­keit immer nur ver­mit­telt durch den Leib. Von daher ver­bie­tet sich jede Ver­sach­li­chung und Instru­men­ta­li­sie­rung des Lei­bes gera­de der ande­ren Per­son. Wir kön­nen den Respekt und die Ehr­furcht, die wir dem Leib des Mit­men­schen ent­ge­gen­brin­gen, nicht vom Respekt gegen­über die­ser oder jener kon­kre­ten Per­son tren­nen. ((„Der Gedan­ke, daß freie Men­schen sich in ihrem sitt­li­chen Sub­jekt­sein nur ach­ten, wenn sie ein­an­der sol­che Ach­tung zual­ler­erst in der Wei­se des Respek­tes vor der Unver­letz­lich­keit ihre kör­per­li­chen Daseins ent­ge­gen­brin­gen, ist in der Geschich­te der Phi­lo­so­phie seit der euro­päi­schen Auf­klä­rung immer stär­ker her­vor­ge­tre­ten.“ – Eber­hard Schocken­hoff, Ethik des Lebens. Ein theo­lo­gi­scher Grund­riß, 19982, 97; vgl. ders., Die Ach­tung der Men­schen­wür­de in der tech­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, in: Anton Rau­scher (Hrsg.), Hand­buch der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, Ber­lin 2008, 61–76, hier 66.))

Die beson­de­re Per­spek­ti­ve der Medi­en

In der media­len Prä­sen­ta­ti­on wird nun zwar eine gewis­se Distanz gegen­über dem durch Leib­lich­keit ver­mit­tel­ten und unmit­tel­bar gegen­wär­ti­gen Mensch­sein auf­ge­baut, und oft besteht auch eine Anony­mi­tät und „Künst­lich­keit“ der Per­spek­ti­ve. Doch darf dies nicht zur irri­gen Auf­fas­sung füh­ren, es gäbe in den Medi­en über­haupt kei­nen Bezug zur Wirk­lich­keit als sol­cher bzw. zu wirk­li­chen Men­schen. Auch wo die­se als Schau­spie­ler auf­tre­ten oder in eine ande­re Rol­le schlüp­fen, kön­nen sie doch von ihrer eige­nen Per­sön­lich­keit nicht ganz abstra­hie­ren, und inso­fern kann und darf es nicht gleich­gül­tig sein, wel­ches Ver­hal­ten jemand an den Tag legt bzw. wel­che Rol­len­er­war­tung der sog. Rezi­pi­ent der Medi­en an die Dar­stel­ler hat. Es gibt per se ent­wür­di­gen­de Ver­hal­tens­wei­sen, die durch kei­ne noch so gute Absicht oder Umstän­de zu recht­fer­ti­gen sind. ((„Nun bezeugt die Ver­nunft, dass es Objek­te mensch­li­cher Hand­lun­gen gibt, die sich ‚nicht auf Gott hino­rd­nen‘ las­sen, weil sie in radi­ka­lem Wider­spruch zum Gut der nach sei­nem Bild geschaf­fe­nen Per­son ste­hen. Es sind dies die Hand­lun­gen, die in der mora­li­schen Über­lie­fe­rung der Kir­che ‚in sich schlecht‘ (intrin­se­ce malum), genannt wur­den: Sie sind immer und an und für sich schon schlecht, d.h. allein schon auf­grund ihres Objek­tes, unab­hän­gig von den wei­te­ren Absich­ten des Han­deln­den und den Umstän­den.“ – Johan­nes Paul II., Enzy­kli­ka „Veri­ta­tis sple­ndor“ über eini­ge grund­le­gen­de Fra­gen der kirch­li­chen Moral­leh­re vom 6. August 1993 (Ver­laut­ba­run­gen des Apo­sto­li­schen Stuhls 111), Nr. 80.)) Nicht alles darf man daher in den Medi­en „zei­gen“. Wo es um eine Dar­stel­lung des Bösen geht (im Kon­text einer wirk­lich sitt­li­chen Bewer­tung und nicht als Selbst­zweck, d.h. nicht zur Ver­herr­li­chung des Bösen) muß auch die­se eher mit man­chen Andeu­tun­gen arbei­ten als daß sie das Böse ein­fach „repro­du­zie­ren“ darf, um es so mög­lichst „rea­li­stisch“ dar­zu­stel­len. Denn eine Qua­si-Repro­duk­ti­on des Bösen wür­de des­sen Immo­ra­li­tät gleich­sam medi­al wie­der­ho­len bzw. sogar inten­tio­nal ver­viel­fa­chen. Ein der­art miß­ver­stan­de­ner „Rea­lis­mus“, der bei­spiels­wei­se eine Ver­ge­wal­ti­gung in por­no­gra­fisch-obszö­ner Wei­se zur Dar­stel­lung bringt, ver­lei­tet eher zu einer par­ti­el­len und instru­men­tel­len Sicht der Per­so­nen als daß die­se Dar­stel­lungs­form geeig­net wäre, das furcht­ba­re Unrecht gegen­über einem Opfer sexu­el­ler Gewalt auf­zu­zei­gen. ((Als histo­ri­sches Bei­spiel für einen fil­mi­schen Grenz­gang kann der Film „Die Jung­frau­en­quel­le“ von Ing­mar Berg­man (1960) ange­führt wer­den. Zwar han­delt es sich hier um kei­ne por­no­gra­fi­sche Dar­stel­lung im eigent­li­chen Sinn; doch die gegen­über einer jun­gen Frau von ihren Pei­ni­gern ange­wand­te sexu­el­le Gewalt wird in einer sowohl zeit­li­chen als auch per­so­na­len Inten­si­tät ver­mit­telt, so daß es hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen dar­über gab, ob die­se Art von bru­tal wir­ken­dem Rea­lis­mus noch zu ver­ant­wor­ten sei. Vgl. Lexi­kon des Inter­na­tio­na­len Films, hrsg. vom Katho­li­schen Insti­tut für Medi­en­in­for­ma­ti­on und der Katho­li­schen Film­kom­mis­si­on für Deutsch­land, Frankfurt/Main 2002, Bd 2, 1609.)) Und so wei­ter.

Ins­be­son­de­re die Por­no­gra­fie (von Medi­en­ver­ant­wort­li­chen mit­un­ter ver­harm­lo­send als „Vollero­tik“ oder „adult enter­tain­ment“ bezeich­net) stellt ein mas­si­ves gesell­schaft­li­ches und sitt­li­ches Pro­blem dar und ver­langt die Wahr­neh­mung media­ler Ver­ant­wor­tung. ((Inzwi­schen kann man viel­fach schon von einer „Por­no­gra­fi­sie­rung“ der Medi­en und ins­be­son­de­re des Inter­nets spre­chen, die weit über eine blo­ße „Sexua­li­sie­rung“ hin­aus­geht))

„Por­no­gra­fie besteht dar­in, tat­säch­li­che oder vor­ge­täusch­te geschlecht­li­che Akte vor­sätz­lich aus der Inti­mi­tät der Part­ner her­aus­zu­neh­men, um sie Drit­ten vor­zu­zei­gen. Sie ver­letzt die Keusch­heit, weil sie den ehe­li­chen Akt, die inti­me Hin­ga­be eines Gat­ten an den ande­ren, ent­stellt. Sie ver­letzt die Wür­de aller Betei­lig­ten (Schau­spie­ler, Händ­ler, Publi­kum) schwer; die­se wer­den näm­lich zum Gegen­stand eines pri­mi­ti­ven Ver­gnü­gens und zur Quel­le eines uner­laub­ten Pro­fits. Por­no­gra­fie ver­setzt alle Betei­lig­ten in eine Schein­welt. Sie ist eine schwe­re Ver­feh­lung. Die Staats­ge­walt hat die Her­stel­lung und Ver­brei­tung por­no­gra­fi­scher Mate­ria­li­en zu ver­hin­dern.“ ((KKK 2354.))

Der ehe­li­che Akt ist etwas, das den Gat­ten zu eigen ist. Sie brau­chen den not­wen­di­gen Raum des Schut­zes dafür, um ihn so voll­zie­hen zu kön­nen, daß er wirk­lich ein Aus­druck ihrer Ganz­hin­ga­be und Lie­be ist. Von sei­nem Wesen her wider­setzt sich gera­de die­ser Akt der Außen­be­ob­ach­tung, wie Karol WojtyÅ‚a auf­ge­zeigt hat. ((Die sexu­el­le Ver­ei­ni­gung als Aus­druck und Ver­wirk­li­chung ehe­li­cher Lie­be bedarf der Inti­mi­tät. Von außer­halb die­ser Ver­ei­ni­gung (d.h. vom Stand­punkt ande­rer Per­so­nen aus) kann das objek­ti­ve Pro­fil der Lie­be, wel­ches das Gebrau­chen einer Per­son durch die ande­re aus­schließt, nicht erkannt wer­den. Daher besitzt nie­mand von außen kom­mend das Recht, ein Beob­ach­ter die­ses Aus­drucks sexu­el­ler Inti­mi­tät zu sein. Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Lie­be und Ver­ant­wor­tung, 266.))

Der voy­eu­ri­sti­sche Außen­be­ob­ach­ter eines sexu­el­len Aktes nimmt ja gera­de nicht die inne­re Dimen­si­on der Lie­be wahr und kann dies auch gar nicht. Inso­fern die­ser hei­lig­ste Akt der Gat­ten dann gleich­sam auf sein bio­lo­gi­sches Erschei­nungs­bild redu­ziert wird, wird er zugleich radi­kal ent­wer­tet und gerät in den Ver­dacht, nichts ande­res zu sein als ein Akt der Unzucht oder gar der Pro­sti­tu­ti­on, wo es nur um die geschlecht­li­che Befrie­di­gung als sol­che geht und die jewei­li­gen Per­so­nen bloß Mit­tel zum Zweck sind. In der Por­no­gra­fie und im öffent­lich prä­sen­tier­ten ero­ti­schen Ver­gnü­gen wird die Sexua­li­tät aus dem inti­men und sie schüt­zen­den per­so­na­len Bezug her­aus­ge­nom­men und der sexu­el­len Begier­de aus­ge­lie­fert. ((Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Lie­be und Ver­ant­wor­tung, 282–284.)) Sexua­li­tät wird so zur Ware, und ins­be­son­de­re die Wür­de der Frau wird miß­ach­tet, was im öffent­li­chen Bewußt­sein inzwi­schen immer mehr erkannt wird. ((Vgl. aus poli­tik­wis­sen­schaft­lich-femi­ni­sti­scher Per­spek­ti­ve: Doris All­hutter, Dis­po­si­ti­ve digi­ta­ler Por­no­gra­fie. Zur Ver­fla­chung von Ethik, Tech­no­lo­gie und EU-Inter­net­po­li­tik, Frank­furt 2009. Im Hin­blick auf die Pro­ble­ma­tik „digi­ta­ler Por­no­gra­fie“ sol­le der ethi­sche For­schungs­fo­kus von der Fra­ge „Wie wer­den Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien für die Ver­brei­tung und den Kon­sum por­no­gra­fi­scher Mate­ria­li­en genutzt?“ hin zu „Wie ver­än­dert sich das Phan­tas­ma der Por­no­gra­fie durch ihre infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­schen Her­stel­lungs- und Anpas­sungs­pro­zeße?“ gerich­tet wer­den: vgl. ebd., 102. Aller­dings inten­diert die­se Autorin „eine Auf­lö­sung von Geschlech­ter­gren­zen und eine Dekon­struk­ti­on von Ideo­lo­gien mensch­li­cher Ver­schie­den­heit … und hier­ar­chi­scher Macht- und Herr­schafts­struk­tu­ren“ (ebd., 33; vgl. 105–106), womit sie einer sog. „Gen­der-Ideo­lo­gie“ folgt, die gera­de nicht die Wür­de des Frau- und Mann-Seins respek­tiert, son­dern die­se als angeb­li­che Anma­ßung von Herr­schaft „dekon­stru­iert“.)) Eine beson­ders schwer­wie­gen­de Form des Unrechts und der Gewalt stellt die Kin­der­por­no­gra­fie dar, unab­hän­gig davon, ob die dar­ge­stell­ten por­no­gra­fi­schen Sze­nen tat­säch­lich „real“ sind oder „fik­tiv“ bzw. „vir­tu­ell“. ((Auf die Pro­ble­ma­tik der flie­ßen­den Gren­zen zwi­schen dem, was im Bereich digi­tal ver­mit­tel­ter Ero­tik und Por­no­gra­fie „real“ oder (bloß?) „vir­tu­ell“ ist, kann hier nicht näher ein­ge­gan­gen wer­den.))

Prak­ti­sche Schluß­fol­ge­run­gen für den Umgang mit Medi­en

Ange­sichts der Sexua­li­sie­rung der Öffent­lich­keit und des Ein­fluß­es der Medi­en erge­ben sich eini­ge prak­ti­sche Fol­ge­run­gen:

  • Ent­schei­dend ist gemäß dem Evan­ge­li­um das „rei­ne Herz“. Auf die­ses kommt es in allem an. Dabei muß uns bewußt sein, daß der Mensch sich nicht selbst erlö­sen und recht­fer­ti­gen kann. Tho­mas von Aquin hat dar­um mit Recht fest­ge­stellt, daß das neue Gesetz ja gera­de die Gna­de des Hei­li­gen Gei­stes ist, der die Lie­be aus­gießt in die Her­zen der Men­schen. ((Princi­pa­li­tas legis novae est gra­tia Spi­ri­tus sanc­ti, quae mani­fe­sta­tur in fide per dilec­tio­n­em ope­ran­te.“ – STh I‑II q.108 a.1.))
  • Es braucht gewis­se Regeln der Klug­heit im Umgang mit den Gefah­ren: Dabei ist es wich­tig nicht zu dra­ma­ti­sie­ren, aber auch nicht zu ver­harm­lo­sen. Was für den einen eine ern­ste Gefahr dar­stellt, ist für den ande­ren viel­leicht (noch) kei­ne Bedro­hung. Vor Selbst­si­cher­heit soll­te man sich hüten: „Wer also zu ste­hen meint, der gebe acht, daß er nicht fällt.“ ((1 Kor 10,12.))  Die Gele­gen­heit zur Sün­de ist – in klu­ger Ein­schät­zung, nicht in Über­ängst­lich­keit – ent­spre­chend den vor­han­de­nen Mög­lich­kei­ten und spe­zi­el­len Auf­ga­ben und Ver­ant­wort­lich­kei­ten zu mei­den. ((Nicht ein­mal die Deka­denz der Spät­an­ti­ke läßt sich mit der öffent­li­chen Zur­schau­stel­lung von Por­no­gra­fie, der Befür­wor­tung abwe­gi­ger sexu­el­ler Prak­ti­ken und dem rie­si­gen und aggres­si­ven Geschäft der ‚Sex-Indu­strie‘ ver­glei­chen, die die moder­ne west­li­che Gesell­schaft kenn­zeich­nen. Das ist der gegen­wär­ti­ge Kon­text, in dem die Keusch­heit als Tugend erwor­ben wer­den muß, und die­sen Kon­text muß die Selbst­zucht berück­sich­ti­gen, indem sie vor allem das ver­mei­det, was man frü­her ein­mal – gar nicht unzu­tref­fend – Gele­gen­hei­ten zur Sün­de genannt hat.“ – Two­mey, a.a.O., 183.)) Gera­de die „Star­ken“ müs­sen sich jedoch auch bemü­hen, den „Schwa­chen“ kein Ärger­nis zu geben. ((Vgl. Röm 14,21: „Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trin­ken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bru­der dar­an Anstoß nimmt.“))
  • Der Schutz von Kin­dern und Jugend­li­chen hat jeden­falls Vor­rang vor der Wahr­neh­mung der Frei­heit Erwach­se­ner. Im Kon­text medi­al ver­mit­tel­ter Rea­li­tät ist es wesent­lich, auf den Rei­fe­grad der Per­so­nen Rück­sicht zu neh­men, die von bestimm­ten Dar­stel­lun­gen betrof­fen sind. Nicht umsonst gibt es, auch wenn er viel­fach aus­ge­höhlt ist, den Jugend­schutz, und für die Umset­zung ent­spre­chen­der Emp­feh­lun­gen sind die Eltern in der Fami­lie die pri­mä­ren Ver­ant­wort­li­chen, die wir dar­um auch in ihrer Auf­ga­be unter­stüt­zen soll­ten. So ist es sinn­voll, Zei­ten und Mög­lich­kei­ten des Fern­se­hens und der Nut­zung des Inter­nets gera­de für Min­der­jäh­ri­ge ein­zu­schrän­ken und hier ent­spre­chen­de „zen­su­rie­ren­de“ Vor­keh­run­gen zu tref­fen. ((Kon­tro­vers dis­ku­tiert wird: Man­fred Spit­zer, Vor­sicht Bild­schirm! Elek­tro­ni­sche Medi­en, Gehirn­ent­wick­lung, Gesund­heit und Gesell­schaft, Mün­chen 2006.)) Dies frei­lich nicht in einer Hal­tung prin­zi­pi­el­ler Abwehr und Angst vor die­sen Medi­en, doch im Gesamt­kon­text eines ver­ant­wort­li­chen Umgangs, der nicht nur um die vie­len Chan­cen der Medi­en im Dienst des Guten weiß, son­dern auch ganz rea­li­stisch kon­kre­te Gefah­ren erkennt und ihnen mit Klug­heit und Ent­schie­den­heit zu begeg­nen weiß.
  • Die nöti­ge Selbst­dis­zi­plin im Umgang mit den Medi­en der sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on müs­sen sich gera­de auch Erwach­se­ne aneig­nen. Dabei geht es dar­um, die Medi­en nicht zu ver­teu­feln, son­dern gezielt, d.h. aber auch selek­tiv nut­zen, wie die inzwi­schen zahl­rei­chen kirch­li­chen Doku­men­te zu den Mas­sen­me­di­en, beson­ders auch zu Fern­se­hen und Inter­net aus­füh­ren. ((Vgl. 2. Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Dekret über die sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel „Inter miri­fi­ca“; Päpst­li­che Kom­mis­si­on für die Instru­men­te der sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, Pasto­ral­in­struk­ti­on „Com­mu­nio et pro­gres­sio“ über die Instru­men­te der sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, ver­öf­fent­licht im Auf­trag des 2. Vati­ka­ni­schen Öku­me­ni­schen Kon­zils am 23. Mai 1971; Päpst­li­cher Rat für die sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, Pasto­ral­in­struk­ti­on „Aeta­tis novae“ zur sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on zwan­zig Jah­re nach „Com­mu­nio et Pro­gres­sio“ vom 22. Febru­ar 1992; sowie die jähr­lich ver­öf­fent­lich­ten Papst­bot­schaf­ten zum Welt­tag der Sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel (die jüng­ste von Bene­dikt XVI. vom 24. Mai 2009 trägt den Titel „Neue Tech­no­lo­gien — neue Ver­bin­dun­gen. Für eine Kul­tur des Respekts, des Dia­logs, der Freund­schaft“). )) Oft ist weni­ger mehr. Wer alles Dar­ge­bo­te­ne unter­schieds­los kon­su­miert, kann das Gehör­te und Gese­he­ne nicht wirk­lich ver­ar­bei­ten. Er ver­liert in sei­nem Den­ken und Emp­fin­den fast unmerk­lich die Sen­si­bi­li­tät für das Wah­re und Gute. ((Vgl. Alex­an­der Kissler, Dumm­ge­glotzt. Wie das Fern­se­hen uns ver­blö­det, Güters­loh 2009.))
  • Neben­bei sei ange­merkt, daß die ver­zerr­te und ent­wür­di­gen­de Dar­stel­lung der mensch­li­chen Sexua­li­tät nicht die ein­zi­ge Gefahr ist, die von einem Miß­brauch der Medi­en droht. Ein gro­ßes Pro­blem ist der in vie­len Fil­men (und auch in Com­pu­ter­spie­len!) begeg­nen­de mas­si­ve Ein­satz von Gewalt, was auf einer ande­ren Ebe­ne zu Ver­ro­hung und Abstump­fung füh­ren kann. Auch wenn dies hier nicht unmit­tel­bar das The­ma ist, so sagt doch das Begriffs­paar „Sex and Crime“ schon genug aus über einen oft bestehen­den Zusam­men­hang von Haß, Gewalt und sexu­el­ler Dis­kri­mi­nie­rung, der noch stär­ker beach­tet wer­den soll­te.
  • An die­ser Stel­le sei ein Wort über kirch­li­che oder kir­chen­na­he Medi­en ver­lo­ren: Natür­lich ist es für katho­li­sche Chri­sten nicht not­wen­dig, sich nur auf die Nut­zung kirch­li­cher oder kir­chen­na­her Medi­en zu beschrän­ken. Wir leben nun ein­mal in die­ser Welt und müs­sen uns auch in ange­mes­se­ner Wei­se über Vor­gän­ge des öffent­li­chen Lebens infor­mie­ren. Außer­dem gibt es neben Infor­ma­ti­on und reli­gi­ös-sitt­li­cher Wei­ter­bil­dung auch ein Recht auf eine – selbst­ver­ständ­lich sitt­lich ein­wand­freie – Unter­hal­tung. Woll­te man sich nur auf „katho­li­sche“ oder kirch­li­che Medi­en beschrän­ken, so wür­de die Gefahr einer Get­toi­sie­rung dro­hen. Gera­de katho­li­sche Chri­sten sol­len und dür­fen sich im Sin­ne einer recht ver­stan­de­nen Prä­senz der Lai­en in die­ser Welt auch in säku­la­re Medi­en ein­brin­gen; sie sol­len die­se mit­ge­stal­ten und Ver­ant­wor­tungs­auf­ga­ben über­neh­men, ohne aller­dings unan­nehm­ba­re Kom­pro­mis­se zu schlie­ßen, die gegen ihr christ­li­ches Gewis­sen sind oder ihre Iden­ti­tät als katho­li­sche Chri­sten preis­ge­ben.
  • Erin­nert sei noch­mals an das über die stan­des­ge­mä­ße Keusch­heit Gesag­te: Ver­hei­ra­te­te sol­len die Bezie­hun­gen zu ihrem Part­ner in ehe­li­cher Lie­be för­dern; auch gute und sitt­lich geord­ne­te Freund­schaf­ten sind wich­tig, wie schon der hei­li­ge Franz von Sales rich­tig erkannt hat. ((Vgl. mit vie­len Zita­ten aus den Wer­ken und Brie­fen des Hei­li­gen: Andre­as Laun, Der sale­sia­ni­sche Lie­bes­be­griff. Näch­sten­lie­be, hei­li­ge Freund­schaft, ehe­li­che Lie­be, Eich­stätt 1993.))
  • Jeden­falls sind stets geist­li­che Hil­fen in Anspruch zu neh­men: das Gebet, der Emp­fang der Sakra­men­te, die geist­li­che Beglei­tung, die treue Erfül­lung der Stan­des­pflich­ten und beruf­li­chen Auf­ga­ben in einer Hal­tung der „guten Mei­nung“, d.h. zur Ehre Got­tes und zum Heil der See­len.

Schluß­im­puls

Als Chri­sten leben wir auch in einer weit­hin von Gott abge­wand­ten Welt immer in der Hoff­nung auf Got­tes Hil­fe und Bei­stand. Eine Erneue­rung der Kul­tur im christ­li­chen Sin­ne ist nicht illu­so­risch. Die Evan­ge­li­sie­rung voll­zieht sich immer nach dem Prin­zip des Sauer­teigs im Evan­ge­li­um ((Vgl. Mt 13,33.)) . Ein guter Anfang, wie immer und wo immer er geschieht, pflanzt sich fort und fin­det sei­ne Nach­ah­mer. „Exem­p­la trah­unt!“ – Gute Bei­spie­le regen an und bewe­gen. In die­sem Sinn soll­te jeder sei­ne Auf­ga­be und Ver­ant­wor­tung wahr­neh­men und nach besten Kräf­ten zu erfül­len trach­ten: Got­tes Bei­stand und Gna­de ist uns jeden­falls zuge­sagt!

Der Prie­ster Josef Spin­del­böck ist Pro­fes­sor für Moral­theo­lo­gie an der Phi­lo­so­phisch-Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le der Diö­ze­se St. Pöl­ten und Mit­glied der Gemein­schaft vom hei­li­gen Josef.