Mit kühlem Kopf an heiße Eisen. Kreuzzüge, Schwertmission und Hexenverbrennung

von Josef Bordat

Die Men­schen flüch­ten aus der Kir­che. Zumin­dest hat man den Ein­druck, schaut man sich den Mit­glie­der­schwund der Römisch-Katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land an, wie er in den letz­ten Jahr­zehn­ten die Kir­chen­bän­ke leer­te. Zwar sind heu­te immer noch 25 Mil­lio­nen Deut­sche katho­lisch, aber der Anteil an der Bevöl­ke­rung ist von etwa der Hälf­te auf etwa ein Drit­tel gesun­ken. Und der Druck steigt wei­ter: 2008 sei­en 120.000 Mit­glie­der – so vie­le wie seit Jah­ren nicht mehr – aus der Kir­che aus­ge­tre­ten, sag­te der Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Erz­bi­schof Robert Zollitsch, zur Eröff­nung der Herbst­voll­ver­samm­lung in Ful­da. Das sei „schmerz­lich“, man wer­de „der Fra­ge nach­ge­hen“, füg­te Zollitsch an.

Spricht man mit Men­schen, die zwar „irgend­wie“ an Gott glau­ben (oder an etwas „Höhe­res“), der Kir­che aber den Rücken kehr­ten oder zu keh­ren dabei sind, so ist – neben der Steu­er­erspar­nis – meist die Ver­gan­gen­heit der Kir­che aus­schlag­ge­bend, die oft in drei Punk­ten zusam­men­ge­faßt wird: 1. Kreuz­zü­ge, 2. Schwert­mis­si­on, 3. Hexen­ver­bren­nung. Oft sind die­se Phä­no­me­ne nur dem Wort, nicht aber dem Begriff nach bekannt. Das macht aber nichts, weil das Wort gewal­tig genug ist, um jede wei­te­re Dis­kus­si­on zu ersticken. Die Haß-Tri­as, die mitt­ler­wei­le jeden bra­ven und treu­en Katho­li­ken in Sack und Asche zur Kir­che gehen läßt, stets bereit, sich für die dunk­le Ver­gan­gen­heit zu ent­schul­di­gen, wird dabei meist unhin­ter­fragt geschluckt, sowohl vom Kir­chen­kri­ti­ker als auch vom Kir­chen­freund. Kreuz­zü­ge, Schwert­mis­si­on, Hexen­ver­bren­nung – das ist halt die dunk­le Sei­te der Kir­chen­ge­schich­te. Daß nicht alles ganz so dun­kel war, wie man meint, zei­gen ab und an Fil­me wie der über Hil­de­gard von Bin­gen. Aber drei Wochen nach Kino­start ist das wie­der ver­ges­sen. Was bleibt hän­gen? Kreuz­zü­ge, Schwert­mis­si­on, Hexen­ver­bren­nung. Es scheint also ange­zeigt, dar­auf einen genaue­ren Blick zu wer­fen.

1. Kreuz­zü­ge

Der Begriff „Kreuz­zug“ fin­det in den letz­ten Jah­ren wie­der häu­fi­ger Ver­wen­dung, wenn von „Kreuz­zü­gen für die Frei­heit“ die Rede ist oder poli­ti­sche Kam­pa­gnen durch die Bezeich­nung „Kreuz­zug“ in ihrer unge­wöhn­li­chen Vehe­menz und Schär­fe tref­fend beschrie­ben wer­den sol­len. Die Ver­wen­dung ist dabei teils affir­ma­tiv, teils kri­tisch bis spöt­tisch, in jedem Fall soll sie an das ver­meint­li­che Ver­ständ­nis der histo­ri­schen Kreuz­züg­ler erin­nern und ent­spre­chen­de Gefüh­le aus­lö­sen: Wer einen Kreuz­zug führt, will in der Annah­me, er sei im Besitz abso­lu­ter Wahr­heit, gewalt­sam und rück­sichts­los sei­ne Ideen durch­zu­set­zen, und zwar dort, wo sie nicht von sich aus über­zeu­gen. Para­dig­ma ist dabei die mit­tel­al­ter­li­che römi­sche Kir­che, die vom 11. bis 13. Jahr­hun­dert in die­sem Sin­ne Krieg führ­te, eben jene sie­ben Kreuz­zü­ge unter­nahm, die als sol­che in die Geschich­te ein­ge­gan­gen sind. Die Ursa­che der Kreuz­zü­ge ist dabei im Macht­va­ku­um des Römi­schen Rei­ches zu sehen, das seit dem 5. Jahr­hun­dert dazu geführt hat­te, den Papst als ein­zi­ge kon­stan­te Insti­tu­ti­on des Okzi­dents immer mehr in die welt­li­che Pflicht zu drän­gen (in der Ost­kir­che gab es dem­entspre­chend kei­ne Kreuz­zü­ge).

Bei den Kreuz­zü­gen ging es nie um Impe­ria­lis­mus, Kolo­nia­lis­mus oder Zwangs­mis­sio­nie­rung, son­dern um das Über­le­ben der Chri­sten im Süd­osten Euro­pas, in der Tür­kei und im Nahen Osten sowie um die Sicher­heit der Pil­ger nach Jeru­sa­lem. Eine Ver­wei­ge­rung des Kreuz­zugs wäre einer unter­las­se­nen Hil­fe­lei­stung gegen­über dem Not­ruf des christ­li­chen Bru­der­lan­des gleich­ge­kom­men. Die Kreuz­zü­ge haben ursäch­lich also den Cha­rak­ter einer „huma­ni­tä­ren Inter­ven­ti­on“.

Die christ­li­che Glau­bens­leh­re kennt ein Natur­recht auf Not­wehr und Selbst­ver­tei­di­gung. Das ist kei­ne Per­ver­si­on der Frie­dens­bot­schaft Chri­sti, son­dern ihre prak­ti­sche Umset­zung. Die Auf­for­de­rung Jesu zum radi­ka­len Gewalt­ver­zicht in der Berg­pre­digt (Mt 5, 38ff.) bezieht sich nicht auf kon­kre­te Hand­lun­gen, son­dern auf die inne­re Hal­tung des Men­schen, die praepa­ra­tio cor­dis (Hal­tung des Her­zens), wie Augu­sti­nus es nann­te. Die inne­re Hal­tung des Chri­sten sagt ihm: Krieg ist ein Übel, auf das nur nach Aus­schöp­fung aller fried­li­chen Mit­tel zurück­ge­grif­fen wer­den darf. Die Vor­aus­set­zung eines Krie­ges ist immer die Ver­feh­lung des Ande­ren, denn „nur die Unge­rech­tig­keit der Gegen­par­tei nötigt dem Wei­sen gerech­te Krie­ge auf“ (Augu­sti­nus). Die­ses Übel kommt in einem escha­to­lo­gi­schen Sin­ne auch dem unge­rech­ten Geg­ner zugu­te, da er so in die von ihm ver­las­se­ne Ord­nung zurück­keh­ren kann. Mit die­ser erzwun­ge­nen Umkehr ori­en­tiert man den Kriegs­aus­lö­ser wie­der auf Gott hin und trägt damit letzt­lich dadurch dem Gebot der Fein­des­lie­be Rech­nung. Lie­ße man den Unge­rech­ten gewäh­ren, ent­fern­te er sich in dem Irr­glau­ben, sei­ne Unge­rech­tig­kei­ten wür­den sich loh­nen, mehr und mehr von Gott, des­sen letz­tem Urteil er sich jedoch nicht ent­zie­hen kann.

Bei den Kreuz­zü­gen mischt sich christ­li­che Wall­fahrts­tra­di­ti­on und die­ser früh­mit­tel­al­ter­li­che bel­lum ius­tum-Topos zu einem Ver­ständ­nis von „bewaff­ne­ter Pil­ger­rei­se“, die für den frei­en Zugang zu hei­li­gen Stät­ten des Chri­sten­tums, die damals unter isla­mi­scher Herr­schaft stan­den, ins­be­son­de­re zum Schutz der Wege ins Hei­li­ge Land, auf mili­tä­ri­sche Gewalt als Mit­tel der Durch­set­zung zurück­griff.

Es ging nicht um Mis­si­on oder Erobe­rung, son­dern um Bei­stand für die christ­li­che Min­der­heit im Hei­li­gen Land und die Sicher­heit der Jeru­sa­lem-Pil­ger, die durch die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se die­ser Zeit nicht mehr gege­ben war. Es gilt dabei zu beach­ten, daß bereits Karl der Gro­ße im 9. Jh. mit Harun Al Raschid, dem Kali­fen von Bag­dad, ein Abkom­men zum Schutz der christ­li­chen Pil­ger geschlos­sen hat­te. Die sich im 10. und 11. Jh. meh­ren­den Über­grif­fe auf Pil­ger ent­lang der Rou­te ins Hei­li­ge Land und dort selbst waren somit schlicht und ergrei­fend Ver­let­zun­gen frü­her „völ­ker­recht­li­cher“ Ver­trä­ge.

Im 10. Jh. kam es im Hei­li­gen Land zu gewalt­sa­men Zusam­men­stö­ßen zwi­schen Chri­sten und Mus­li­men. 966 kam es nach der Rück­erobe­rung von Tei­len Syri­ens durch die Byzan­ti­ner zu Über­grif­fen der Mus­li­me auf Chri­sten in Jeru­sa­lem. 969 dran­gen die Fatim­iden, Ber­ber aus Marok­ko, in Ägyp­ten, Syri­en und Palä­sti­na ein. Bei der Erobe­rung Jeru­sa­lems durch den Fatim­iden-Kali­fen Ibn Moy (979) wur­de die Auf­er­ste­hungs­kir­che in Brand gesetzt, ihre Kup­pel stürz­te ein, der Patri­arch kam in den Flam­men ums Leben. Unter dem Fatim­iden-Kali­fen Abu Ali al-Man­sur al-Hakim (996‑1021) gerie­ten die Chri­sten immer stär­ker unter Druck: öffent­li­che Pro­zes­sio­nen wur­den ver­bo­ten, Chri­sten zur Annah­me des Islam gezwun­gen und etwa 30.000 Kir­chen ent­eig­net, vie­le davon geplün­dert und zer­stört, dar­un­ter die Auf­er­ste­hungs­kir­che. 1056 wur­den 300 Chri­sten aus Jeru­sa­lem aus­ge­wie­sen und euro­päi­schen Pil­gern ver­bo­ten, die Gra­bes­kir­che zu betre­ten. Als 1065 der Erz­bi­schof von Mainz und die Bischö­fe von Utrecht, Bam­berg und Regens­burg zu einer Pil­ger­rei­se ins Hei­li­ge Land auf­bra­chen, war dies nur noch mit bewaff­ne­ter Beglei­tung mög­lich. Die Pil­ger­we­ge waren nicht mehr sicher, Über­grif­fe auf fried­li­che Wall­fah­rer an der Tages­ord­nung.

Die Kreuz­zü­ge began­nen – so wird häu­fig gesagt – mit der berühmt-berüch­tig­ten „Deus lo volt“-Rede Urbans II. auf der Syn­ode von Cler­mont (1095). Stimmt das? Nein, es stimmt nicht. Abge­se­hen von der lan­gen Vor­ge­schich­te – zu den Kreuz­zü­gen kam es erst nach der Beset­zung Byzanz’ durch die Sel­dschu­ken, auf die der Hil­fe­ruf Ost-Roms folg­te.

Die Sel­dschu­ken, ein Step­pen­volk aus dem Gebiet des heu­ti­gen Turk­me­ni­stan, Vor­fah­ren der heu­ti­gen Tür­ken, bra­chen mor­dend, plün­dernd und brand­schat­zend über den Ori­ent her­ein. Obwohl sie sel­ber Mus­li­me waren, fie­len sie Anfang 1055 in Per­si­en ein und stürz­ten am Ende des­sel­ben Jah­res den Kali­fen von Bag­dad. 1071 schlu­gen sie die Byzan­ti­ner und nah­men Kai­ser Roma­nus IV. gefan­gen. 1076 erober­ten sie Syri­en, 1077 Jeru­sa­lem.

Die Rede Urbans war eine Reak­ti­on auf die­sen Hil­fe­ruf aus Byzanz. Er rief also nicht will­kür­lich zu einem Kreuz­zug auf, etwa um die Mus­li­me zu mis­sio­nie­ren oder deren Gebie­te zu erobern, son­dern for­der­te das, was wir heu­te in der Tat eine „huma­ni­tä­re Inter­ven­ti­on“ nen­nen.

Aus­füh­ren soll­te die­se Inter­ven­ti­on ein Rit­ter­heer. Die Kreuz­rit­ter waren nicht fried­li­che Men­schen, die die Kir­che mit Heils­ver­spre­chun­gen erst zum Krieg hät­te ver­füh­ren müs­sen, son­dern „Rauf­bol­de“, die ohne­hin mein­ten, ihren Anteil am Heil nur im Kampf erlan­gen zu kön­nen. Es war die auch von der heu­ti­gen Geschichts­wis­sen­schaft ihren Grün­den nach nicht voll­stän­dig erklär­te Begei­ste­rung fran­zö­si­scher, nor­man­ni­scher und flan­dri­scher Rit­ter, die selbst Urban über­rasch­te. Sie waren es, die „Deus lo volt!“ rie­fen und Urban nahm es erstaunt auf. Der Papst ter­mi­nier­te den ersten Kreuz­zug auf den 15. August 1096, die Rit­ter waren nicht zu hal­ten und gin­gen schon im April.

Auf dem Weg nach Byzanz kam es in zahl­rei­chen deut­schen Städ­ten zu Pogro­men gegen Juden. Aus­schlag­ge­bend waren auch hier die Kreuz­rit­ter, nicht die Kir­che. Die jeweils zustän­di­gen Bischö­fe ver­such­ten ver­geb­lich, die Rit­ter zu zügeln. Nur in Köln fand man eine Lösung: Die Juden wur­den bei befreun­de­ten Chri­sten ver­steckt. Die­se Ret­tungs­ak­ti­on wur­de von der Kir­che orga­ni­siert, nicht jedoch das Pogrom! Das war die Idee ein­zel­ner Rit­ter, die völ­lig unor­ga­ni­siert han­del­ten. Die­se man­geln­de Orga­ni­sa­ti­on durch­zieht die gesam­te Kreuz­zugs­ge­schich­te und führ­te bekannt­lich zu zahl­rei­chen mili­tä­ri­schen Kata­stro­phen.

Bereits bei zeit­ge­nös­si­schen Theo­lo­gen gab es wegen der Über­grif­fe Kri­tik an den Kreuz­zü­gen. Selbst der Papst, in sei­ner welt­li­chen Rol­le als Garant der Sicher­heit der Chri­sten in der Dia­spo­ra, hat Gewalt­ex­zes­se scharf kri­ti­siert, vor allem, wenn es nicht mehr um die­se Sicher­heit ging, son­dern um ande­re, etwa wirt­schaft­li­che Inter­es­sen. Der Vier­te Kreuz­zug ende­te 1204 mit der Erobe­rung und Plün­de­rung Kon­stan­ti­no­pels, der damals größ­ten christ­li­chen Stadt der Welt, durch Kreuz­rit­ter, die damit den Schiffs­trans­port durch die Flot­te Vene­digs „bezahl­ten“; der Papst, der sich ange­sichts der Gräu­el­ta­ten der Kreuz­fah­rer dar­über im Kla­ren war, daß damit eine Kir­chen­uni­on mit der Ortho­do­xie prak­tisch unmög­lich wur­de, ver­ur­teil­te die­se Akti­on auf das Schärf­ste, was jedoch fak­tisch ohne Wir­kung blieb.

Die Kreuz­zü­ge haben – ihren huma­ni­tä­ren Absich­ten zum Trotz – viel bru­ta­le Gewalt her­vor­ge­bracht, die das Ver­hält­nis von Okzi­dent und Ori­ent bis heu­te erheb­lich bela­sten. Doch sie brach­ten auch die Rit­ter­or­den her­vor (Johan­ni­ter, Temp­ler, Deutsch­rit­ter), von denen die ver­blie­be­nen Johan­ni­ter noch heu­te wich­ti­ge huma­ni­tä­re und sozia­le Dien­ste ver­rich­ten. Im frü­hen 13. Jh. misch­te sich zudem ein Kreuz­fah­rer ohne Waf­fen unter das Heer der Pil­ger: Franz von Assi­si, der 1219 in Ägyp­ten mit dem Sul­tan sprach und einen tie­fen Ein­druck hin­ter­ließ. In die­sem Sin­ne ist der inter­kul­tu­rel­le Dia­log heu­te fort­zu­set­zen.

2. Schwert­mis­si­on

Mis­si­on ist der Ver­such, Ande­re vom Wert der eige­nen Über­zeu­gung zu über­zeu­gen. Da Men­schen, die Über­zeu­gun­gen ver­tre­ten, davon aus­ge­hen, daß die­se wahr sind, dient Mis­si­on in ihren Augen stets der Ver­brei­tung der Wahr­heit. Mis­si­on ist nicht auf Reli­gio­nen beschränkt, son­dern fin­det sich auch in den Ver­su­chen, Men­schen für bestimm­te Welt­an­schau­un­gen, poli­ti­sche Ansich­ten (kon­kret: Par­tei­en, Bür­ger­initia­ti­ven) etc. zu gewin­nen. Den Anspruch, die eige­ne Über­zeu­gung Drit­ten zu ver­mit­teln, hat wohl jeder, der über­haupt von etwas über­zeugt ist.

Die Kir­che ist apo­sto­lisch, also mis­sio­na­risch ((c. 781 CICan; Vat II AG Nr. 2 und 35)), d. h. sie ist dar­auf aus­ge­rich­tet, die Bot­schaft ihres Grün­ders, Jesus Chri­stus, allen Men­schen zu ver­kün­den. Den Auf­trag zur Mis­si­on erhält sie dabei von Chri­stus selbst: „Da trat Jesus auf sie zu und sag­te zu ihnen: Mir ist alle Macht gege­ben im Him­mel und auf der Erde. Dar­um geht zu allen Völ­kern und macht alle Men­schen zu mei­nen Jün­gern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Gei­stes, und lehrt sie, alles zu befol­gen, was ich euch gebo­ten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 18–20).

Von einer Sache über­zeugt sein und davon reden, bedeu­tet nicht auto­ma­tisch, dem Gegen­über mit Into­le­ranz zu begeg­nen, auch nicht, wenn man von der abso­lu­ten (daß heißt uni­ver­sel­len) Gel­tung des eige­nen Stand­punkts über­zeigt ist. Im Gegen­teil: Wer eine eige­ne Posi­ti­on hat, von der er glaubt, sie sei unab­hän­gig von Zeit und Raum, von Kul­tur und Situa­ti­on, kann oft bes­ser ver­ste­hen, daß auch der ande­re eine Posi­ti­on hat, die er für wert­voll und wich­tig hält.

Es kommt immer dar­auf an, wie die Über­zeu­gung, mit der man den Anspruch erhebt, dem Ande­ren etwas Wah­res mit­zu­tei­len, das für die­sen nütz­lich und hilf­reich sein kann, an die­sen Ande­ren gerich­tet wird. Hier ist die Gren­ze der Mis­si­ons­tä­tig­keit in Tole­ranz dort zu sehen, wo der ande­re das Ange­bot zur Prü­fung bzw. Über­nah­me der Über­zeu­gung expli­zit ablehnt.

Daß Mis­si­on nicht mit Zwang oder gar Gewalt ein­her­ge­hen darf, macht Chri­stus sehr deut­lich, in sei­nen „Anwei­sun­gen für die Mis­si­on“ (Mt 10, 5–15). Zumin­dest für das Chri­sten­tum gilt also nicht, daß Mis­si­on into­le­rant ist, da der Mis­si­ons­be­fehl an Bedin­gun­gen geknüpft ist (Fried­fer­tig­keit der Glau­bens­wei­ter­ga­be, Frei­wil­lig­keit der Glau­bens­an­nah­me).

Die Annah­me des christ­li­chen Glau­bens kann nur frei­wil­lig voll­zo­gen wer­den, erzwun­gen wer­den kann nur die for­ma­le Mit­glied­schaft in der Glau­bens­ge­mein­schaft, der Kir­che. Da die­se theo­lo­gisch wert­los ist, soweit und solan­ge die inne­re Hal­tung zum Glau­ben fehlt, haben sich Theo­lo­gen im Rück­griff auf das Evan­ge­li­um stets gegen Zwangs­tau­fen und Gewalt­mis­si­on gewandt. Jesus for­dert eine Mis­si­on in Lie­be und durch Über­zeu­gung, die ihre Abbruch­be­din­gung im frei­en Wil­len des zu Mis­sio­nie­ren­den fin­det. So sieht das heu­te auch die Kir­che.

Die Kir­che hat in der Ver­gan­gen­heit gegen die­sen Grund­satz Jesu Zwangs­tau­fen und Gewalt­mis­si­on voll­zo­gen! Wird oft behaup­tet. Stimmt aber auch nur teil­wei­se. In den ersten drei Jahr­hun­der­ten ihrer Geschich­te gab es kei­ne Zwangs­tau­fen und kei­ne Gewalt­mis­si­on. Die Men­schen ent­schie­den sich frei­wil­lig und oft unter Ein­satz ihres Lebens für die Nach­fol­ge Chri­sti. Im Kern ihrer Begrün­dung ist die Kir­che dem­entspre­chend nicht durch Zwang und Gewalt vor­be­la­stet. Erst nach der Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de im frü­hen 4. Jh., als das Chri­sten­tum Staats­re­li­gi­on des sich auf­lö­sen­den Römi­schen Rei­ches wur­de, ver­wand­te es in die­ser Funk­ti­on Zwangs­mit­tel, um Hei­den zu chri­stia­ni­sie­ren. In dem Maße, indem die Kir­che eine staats­tra­gen­de Rol­le über­nahm (und Kir­chen­ver­tre­ter als welt­li­che Herr­scher fun­gier­ten), nutz­ten sie Zwangs­tau­fen und Gewalt­mis­si­on als Macht­mit­tel.

Grund­sätz­lich wur­den Zwangs­mis­sio­nie­run­gen, die von welt­li­chen Herr­schern ange­ord­net wur­den, von Ver­tre­tern der Kir­che sehr kri­tisch gese­hen. Zwei bedeu­ten­de Bei­spie­le dafür sind die Zwangs­tau­fen, die Karl der Gro­ße unter den Sach­sen voll­zie­hen ließ (9. Jh.), und die Gewalt­mis­si­on in Latein­ame­ri­ka im Auf­trag der spa­ni­schen Kro­ne (16. Jh.). In bei­den Fäl­len waren es welt­li­che Herr­scher, die Mis­si­on als Mit­tel der Macht­po­li­tik ein­setz­ten. Die Kri­tik an die­sem Ansin­nen kam aus Kir­chen­krei­sen, von Hof­pre­di­gern und Ordens­leu­ten, die mit bibli­schen, theo­lo­gi­schen und recht­li­chen Argu­men­ten oppo­nier­ten.

Als Karl der Gro­ße um 800 die Sach­sen unter­wor­fen hat­te, erließ er in der Capi­tu­la­tio de par­ti­bus Saxo­niae Vor­schrif­ten zur Todes­stra­fe für alle, die sich nicht tau­fen las­sen woll­ten. Der theo­lo­gi­schen Recht­mä­ßig­keit der Alter­na­ti­ve „Tau­fe oder Tod“ hat sein Hof­theo­lo­ge Alku­in ent­schie­den wider­spro­chen.

Als die „katho­li­schen Köni­ge“ mit päpst­li­chem Man­dat Ame­ri­ka erober­ten und die auto­chtho­ne Bevöl­ke­rung von den Con­qui­sta­do­res gewalt­sam chri­stia­ni­siert wur­de (Mis­si­on war die Bedin­gung für die päpst­li­che Schen­kung von 1493), stieß dies bei den Mis­sio­na­ren auf mas­si­ven Wider­spruch, für den vor allem die Domi­ni­ka­ner Anto­nio Mon­te­si­no und Bar­to­lomé de Las Casas ste­hen, die Über­zeu­gungs­ar­beit und ein christ­li­ches Leben als posi­ti­ves Bei­spiel gegen die gewalt­sa­me Mis­si­ons­po­li­tik stel­len, die in den spa­ni­schen Kolo­nien an der Tages­ord­nung war.

Oft wird behaup­tet, Ent­wick­lungs­hel­fer sei­en in Gegen­wart und Zukunft die bes­se­ren „Mis­sio­na­re“, da es kei­ne spi­ri­tu­el­le, son­dern eine mate­ri­el­le Not zu lin­dern gel­te. Dazu ist zu sagen, daß die „ech­ten“ Mis­sio­na­re in unse­rer Zeit sehr wohl auch mate­ri­ell hel­fen. Nur stel­len sie immer wie­der fest, daß die Not der Men­schen eben nicht nur eine mate­ri­el­le, son­dern auch eine spi­ri­tu­el­le ist.

Zudem müs­sen die Ursa­chen der mate­ri­el­len Not beho­ben wer­den. Die Not vie­ler Men­schen in der so genann­ten „Drit­ten Welt“ läßt sich nach­hal­tig nur erfolg­reich ein­däm­men, wenn die Kräf­te zur Selbst­hil­fe bei die­sen Men­schen mobi­li­siert wer­den. Dazu ist es oft nötig, daß sich die Prin­zi­pi­en der Wirt­schafts- und Sozi­al­ord­nung und der indi­vi­du­el­len Lebens­füh­rung ändern. Für die­se, aber auch für jene hat die Kir­che ein Ange­bot zu machen, her­aus­ra­gen­de Bei­spie­le fin­den sich im Bereich der AIDS-Prä­ven­ti­on und der Wirt­schafts­för­de­rung.

1. Wenn der Papst als Ober­haupt der Kir­che zur „Huma­ni­sie­rung der Sexua­li­tät“ auf­for­dert und dar­an erin­nert, daß der Kampf gegen AIDS mit tech­ni­schen Mit­teln (Kon­do­me) nicht zu gewin­nen ist, dann appel­liert er für die Kir­che vor dem Hin­ter­grund ihres per­so­na­len Men­schen­bil­des und ihres Ver­ständ­nis­ses von part­ner­schaft­li­cher Geschlecht­lich­keit als fester Ver­bin­dung von Sex und Lie­be an die indi­vi­du­el­le Lebens­füh­rung der Men­schen und trägt damit dazu bei, die Ursa­chen der AIDS-Pan­de­mie zu behe­ben, statt nur deren Sym­pto­me.

2. Mit der Sozia­len Markt­wirt­schaft wur­de in Deutsch­land die katho­li­sche Sozi­al­leh­re sehr erfolg­reich in die poli­ti­sche Pra­xis umge­setzt. Ihre Prin­zi­pi­en wer­den auf­grund die­ser posi­ti­ven Erfah­run­gen mit dem „Wirt­schafts­wun­der“ der Nach­kriegs­zeit von vie­len ande­ren Län­dern dank­bar auf­ge­nom­men, gera­de in einer Zeit der Kri­se, in der die rein mate­ri­el­le Sicht auf den Men­schen im Rah­men der sozio-öko­no­mi­schen Struk­tur all­ge­mein als zu eng ein­ge­schätzt wird. In vie­len Fäl­len trägt der neu erlang­te katho­li­sche Glau­be wesent­lich zur Sta­bi­li­sie­rung die­ser Prin­zi­pi­en bei.

Gera­de das kirch­li­che Enga­ge­ment in der AIDS-Prä­ven­ti­on sei doch ein Bei­spiel dafür, so heißt es dann oft wei­ter, wie Kir­che die Not der Men­schen für ihre Mis­si­ons­zwecke miss­brau­che. Doch zu unter­stel­len, die Kir­che wür­de das Elend von Men­schen zu Mis­si­ons­zwecken miss­brau­chen, ist ein­fach absurd. Gin­ge es bei der AIDS-Prä­ven­ti­on um Mis­si­on, grif­fe die Kir­che wohl kaum auf „unbe­que­me Wahr­hei­ten“ wie die Not­wen­dig­keit der Keusch­heit (Ent­halt­sam­keit außer­halb, Treue inner­halb der Ehe) zurück, die die Men­schen heu­te über­wie­gend nicht hören wol­len. Dann wür­de sie dem Zeit­geist ent­spre­chend Gra­tis­kon­do­me ver­tei­len.

Gene­rell geht es der Kir­che stets um die Wahr­heit der biblisch und kir­chen­ge­schicht­lich fun­dier­ten Glau­bens­leh­re und damit um das Wohl der Men­schen, weil sie weiß, daß dies lang­fri­stig die von Gott gewoll­te „Stra­te­gie“ ist, Men­schen an die Kir­che zu bin­den.

3. Hexen­ver­bren­nung

Oft ist zu hören, die Kir­che habe im Mit­tel­al­ter Mil­lio­nen von Frau­en in Euro­pa als Hexen ver­brannt. Es ist das Ver­dienst des Ber­li­ner Pro­te­stan­ten Richard Schrö­der, gezeigt zu haben, daß in die­ser Aus­sa­ge vier Feh­ler stecken:

  1. Der Schwer­punkt der Hexen­ver­fol­gung lag nicht in Euro­pa, son­dern liegt im heu­ti­gen Afri­ka: „Die inten­siv­ste Hexen­ver­fol­gung“, schreibt Schrö­der in „Abschaf­fung der Reli­gi­on? Wis­sen­schaft­li­cher Fana­tis­mus und die Fol­gen“, „fand 2001 statt“, und zwar im „öst­li­chen Kon­go“. Dort hat sie alles ande­re als „christ­li­che“ Grün­de.
  2. Die mei­sten Hexen­ver­bren­nun­gen gab es in Euro­pa nicht im Mit­tel­al­ter, son­dern in der frü­hen Neu­zeit; die letz­te Hexe wur­de in Deutsch­land 1775 ver­brannt.
  3. Die Opfer waren nur in Deutsch­land mehr­heit­lich Frau­en, sonst war das Ver­hält­nis min­de­stens aus­ge­gli­chen, z. T. waren die Män­ner in der Mehr­zahl; in Island waren 90%, in Est­land 60% der Opfer Män­ner.
  4. Es waren nicht „8 oder 9 Mil­lio­nen Opfer“, wie die „NS-Pro­pa­gan­da“ ver­mu­te­te, son­dern „ca. 50.000“. 50.000 Opfer – in 350 Jah­ren euro­päi­scher Hexen­ver­fol­gung (1430–1780). Die Chri­sten­ver­fol­gung allein des Jah­res 2008 führ­te zu mehr als dop­pelt so vie­len Opfern.

Inter­es­sant ist auch, wie der Hexen­wahn – in Euro­pa! – sein Ende fand. Schrö­der: „Durch die Auf­klä­rung, sagt man. Das stimmt so nicht. Er kam näm­lich schon im 17. Jahr­hun­dert weit­hin zum Erlie­gen.“ Es gab näm­lich mas­si­ven Wider­stand. „Die Geg­ner waren Theo­lo­gen und Juri­sten, die sich als Chri­sten ver­stan­den.“

Einer davon war Fried­rich von Spee. 1631 erscheint sein Haupt­werk, die Cau­tio cri­mi­na­lis („Recht­li­ches Beden­ken wegen der Hexen­pro­zes­se“), die nur weni­ge Woche nach Erschei­nen ver­grif­fen ist. In die­sem Buch ent­larvt er die Hexen­pro­zes­se als Far­ce und die Voll­streckung der Urtei­le als Mord. Im Zen­trum der Kri­tik steht die Anwen­dung der Fol­ter, die damals zur Wahr­heits­fin­dung ein­ge­setzt wur­de. Spee hält Fol­ter zwar auch für mora­lisch ver­werf­lich („Kein deut­scher Edel­mann wür­de ertra­gen kön­nen, daß man sei­nen Jagd­hund so zer­fleisch­te. Wer soll es da mit anse­hen kön­nen, daß ein Mensch so viel­mals zer­ris­sen wird?“), doch zunächst für juri­stisch untaug­lich, weil sie in der Rechts­pra­xis zur feh­ler­haf­ten Beweis­auf­nah­me füh­re.

Fol­ter ist zudem schlecht für den, der fol­tert und für die, die Fol­ter anord­nen – für die Rich­ter. Schuld fällt bei Spee nach der christ­li­chen Sün­den­theo­rie und dem escha­to­lo­gi­schen „Ver­gel­tungs­prin­zip“ nach Mt 25, 31–46 auf den Täter zurück, den die Höl­le erwar­te, in der er dann jene Fol­ter am eige­nen Lei­be erfah­re, die er zu Leb­zei­ten ande­ren zuge­mu­tet hat. „Wenn ich sün­di­gen woll­te und mir vor­ge­nom­men hät­te, durch­aus in die Höl­le zu fah­ren, so wür­de ich an Stel­le der Rich­ter dazu doch kei­nen so grau­sa­men, son­dern einen etwas erfreu­li­che­ren Weg wäh­len.“, for­mu­liert er eine Spit­ze gegen die Gerichts­bar­keit. Eine kla­re War­nung, die damals ver­fing. Hier und heu­te, wo Fol­ter wie­der in Mode kommt, ver­fängt der Gedan­ke der Ver­ant­wor­tung vor Gott nicht mehr. Doch zumin­dest das ist sicher­lich nicht Schuld der Kir­che.

Wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur

Zu „Kreuz­zü­ge“:

  • Micha­el Hese­mann (2007): Die Dun­kel­män­ner. Mythen, Lügen und Legen­den um die Kir­chen­ge­schich­te. Augs­burg.
  • Hans Eber­hard May­er (2005): Geschich­te der Kreuz­zü­ge. Stutt­gart.
  • Mar­tin Tamcke (2008): Chri­sten in der isla­mi­schen Welt. Mün­chen.
  • Tho­mas E. Woods (2006): Stern­stun­den statt dunk­les Mit­tel­al­ter. Die katho­li­sche Kir­che und der Auf­bau der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­on. Aachen.

Zu „Schwert­mis­si­on“:

  • Josef Bordat (2008): Anne­xi­on — Anbin­dung — Aner­ken­nung: Glo­ba­le Bezie­hungs­kul­tu­ren im frü­hen 16. Jahr­hun­dert. Ham­burg.
  • Gre­gor von Für­sten­berg et al. (2006): Glau­ben, leben, geben. 175 Jah­re mis­sio. Frei­burg i. Br.
  • Lutz E. von Pad­berg (1998): Die Chri­stia­ni­sie­rung Euro­pas im Mit­tel­al­ter. Dit­zin­gen.
  • Neal Piro­lo (2007): Beru­fen zum Sen­den. Gemein­de und Welt­mis­si­on. Holz­ger­lin­gen.
  • Hans Wal­den­fels et al. (2005): Die Sache geht wei­ter… Mün­chen.
  • Joa­chim Wietz­ke (Hg., 1993): Mis­si­on erklärt. Öku­me­ni­sche Doku­men­te von 1972 bis 1992. Leip­zig.
  • Klaus Wet­zel (2005): Mis­si­ons­ge­schich­te Deutsch­lands. Nürn­berg.

Zu „Hexen­ver­bren­nung“:

  • Wal­ter Nigg (1996): Fried­rich von Spee. Ein Jesu­it kämpft gegen den Hexen­wahn. Pader­born.
  • Richard Schrö­der (2009): Abschaf­fung der Reli­gi­on? Wis­sen­schaft­li­cher Fana­tis­mus und die Fol­gen. Frei­burg i. Br.