Ja zum Leben, Nein zum Leiden. Was bestimmt den Menschen?

von Josef Bordat

Die Bruch­stel­le im ethi­schen Dis­kus um Stamm­zell­for­schung, Abtrei­bung und Ster­be­hil­fe liegt bei der Ant­wort auf die Fra­ge nach unse­rem Bild vom Men­schen. Aus unse­rer anthro­po­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve läßt sich bereits die Grund­hal­tung ablei­ten, die wir gegen­über den Kern­be­rei­chen der Lebens­schutz­the­ma­tik ein­neh­men. Ob wir das tat­säch­li­che Leben des Men­schen schüt­zen oder sein ver­meint­li­ches Leid lin­dern wol­len. Eini­ge Über­le­gun­gen zur Dis­kus­si­on um die Schlüs­sel­the­men des Lebens­schut­zes sol­len die Hin­ter­grün­de der kon­trä­ren Posi­tio­nen auf­zei­gen, die sich auf unter­schied­li­che anthro­po­lo­gi­sche und ethi­sche Postu­la­te stüt­zen.

I. Zur Sache

Kein Tag ver­geht ohne Nach­rich­ten, die unmit­tel­bar das The­ma Lebens­schutz betref­fen. In Groß­bri­tan­ni­en droht eine Rege­lung Geset­zes­kraft zu bekom­men, die „Abtrei­bung auf Ver­lan­gen“ ermög­licht, das the­ra­peu­ti­sche Klo­nen för­dert und die Schaf­fung von Misch­we­sen aus Mensch und Tier erlaubt. An der Uni­ver­si­tät Stan­ford (USA) hat eine For­scher­grup­pe um Ste­phen Qua­ke ent­deckt, daß sich im Blut der schwan­ge­ren Frau Erb­gut­teil­chen des Kin­des fin­den las­sen, was Lebens­schüt­zer zu der Befürch­tung ver­an­laßt, daß dies die Zahl der Abtrei­bun­gen von „Down-Syn­drom-Kin­dern“ erhö­hen wird. Und in Deutsch­land wirbt ein ehe­ma­li­ger Spit­zen­po­li­ti­ker, Ham­burgs Ex-Justiz­se­na­tor Roger Kusch, für sei­ne „Tötungs­ma­schi­ne“, die bereits eini­ge altern­de, aber durch­aus rüsti­ge Men­schen wie Bet­ti­na S. (79) und Inge I. (84) vor einem dro­hen­den oder wei­ter andau­ern­den Auf­ent­halt im Pfle­ge­heim „erlöst“ hat.

II. Abhän­gig­keit und Auto­no­mie

Hin­ter all die­sen Nach­rich­ten, und es lie­ßen sich in die­sem Zusam­men­hang belie­big vie­le wei­te­re anfüh­ren, ste­hen höchst unter­schied­li­che Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was es heißt, ein Mensch zu sein. Dahin­ter ste­hen höchst unter­schied­li­che Ein­stel­lung zum mensch­li­chen Dasein, die sich in unse­rem Kul­tur­kreis in zwei grund­ver­schie­de­nen Men­schen­bil­dern kri­stal­li­sie­ren: in der Vor­stel­lung der Abhän­gig­keit des Men­schen von Gott als sei­nem Schöp­fer (biblisch-christ­li­ches Men­schen­bild) und der abso­lu­ten Auto­no­mie des Men­schen als ein Zufalls­pro­dukt der Evo­lu­ti­on (huma­ni­stisch-säku­la­ri­sti­sches Men­schen­bild). Dabei ist frag­lich, was den Men­schen eher zur Frei­heit befä­higt: die demü­ti­ge Aner­ken­nung sei­ner Stel­lung im Schöp­fungs­plan oder die schran­ken­lo­se Selbst­ver­wirk­li­chungs­be­mü­hung, die eigen­süch­tig und ich­be­zo­gen zur „Lebens­gier“ (Jas­pers) neigt. Doch die­se Fra­ge kön­nen wir an die­ser Stel­le nicht wei­ter ver­fol­gen.

III. Geschöpf­lich­keit: Christ­li­ches Men­schen­bild

Aus­gangs­punkt des christ­li­chen Men­schen­bil­des ist dabei die Geschöpf­lich­keit des Men­schen. Gott schuf den Men­schen als sein Abbild, so steht es gleich drei­mal hin­ter­ein­an­der in Gen 1, 26 und 27: „Dann sprach Gott: Laßt uns Men­schen machen als unser Abbild, uns ähn­lich. […] Gott schuf also den Men­schen als sein Abbild; als Abbild Got­tes schuf er ihn.“ Der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge Karl Barth beschreibt die­se Schöp­fung des Men­schen als „ein Gespräch Got­tes mit sich selbst, eine Bera­tung wie zwi­schen meh­re­ren gött­li­chen Bera­tern und eine dar­auf begrün­de­te gött­li­che Beschluß­fas­sung ((Karl Barth: Die kirch­li­che Dog­ma­tik (3. Bd., 2. Teil: „Die Leh­re von der Schöp­fung“). Zürich 1948, S. 204.)) . Der Mensch sei, so Barth, „im Bil­de“ und „nach dem Bil­de“ Got­tes geschaf­fen. ((Barth: Kirchl. Dogm., S. 206.))  Dabei ist Gott­eben­bild­lich­keit „kei­ne Qua­li­tät des Men­schen“, sie besteht nicht „in etwas, das der Mensch ist oder tut“, son­dern „sie besteht indem der Mensch sel­ber und als sol­cher als Got­tes Geschöpf besteht“. Barth sagt: „Er wäre nicht Mensch, wenn er nicht Got­tes Eben­bild wäre. Er ist Got­tes Eben­bild, indem er Mensch ist.“

Damit ist der Mensch als geschaf­fe­nes Eben­bild Got­tes von sei­nem Ursprung, sei­nem Wesen und sei­ner Ziel­be­stim­mung her nicht eigen­be­stimmt, sei­ne Wür­de ist, im Sin­ne Luthers, eine digni­tas aliena, eine „frem­de Wür­de“. Etwas, das sich im Gleich­nis vom ver­lo­re­nen Sohn zeigt, denn der Sohn hat sei­ne Sohn­schaft nur im nega­ti­ven Modus gelebt. Er kann sei­ne Bezie­hung zum Vater nicht mehr auf sei­ne eige­ne Soh­nes-Wür­de bau­en, denn die­se hat er ver­lo­ren. So bekennt er: „Vater, ich habe gesün­digt gegen den Him­mel und vor dir; ich bin hin­fort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn hei­ße.“ (Lk 15, 21). Er muß hof­fen, daß der Vater sei­ner­seits die Bezie­hung neu auf­baut. Dies tut er, in dem er von sich, von sei­ner Wür­de, von sei­nem Besitz gibt. So ant­wor­tet der Vater auf das Bekennt­nis des Soh­nes: „Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schu­he an.“ (Lk 15, 22). Gewand, Ring und Schu­he sind Besitz­tü­mer des Vaters, auf die der Sohn eigent­lich kei­nen Anspruch hat; er emp­fängt sie aus Gna­de. Hel­mut Thielicke faßt das sehr schön zusam­men, wenn er aus­führt: „Die Eben­bild­lich­keit des ver­lo­re­nen Soh­nes beruht nicht auf der Eigen­schaft des Soh­nes, Sohn geblie­ben zu sein, son­dern auf der des Vaters, Vater geblie­ben zu sein.“ ((Hel­mut Thielicke: Theo­lo­gi­sche Ethik. Tübin­gen 1972, S. 294.)) .

IV. Unab­hän­gig­keit: Huma­ni­sti­sches Men­schen­bild

Dage­gen steht das Auto­no­mie­kon­zept des Huma­nis­mus. Wir bestim­men uns als Men­schen selbst, auch über das gott­ge­woll­te Maß an Selbst­be­stim­mung hin­aus. Viel­mehr spielt eine sol­che Bemes­sung im Drang nach Selbst­ver­wirk­li­chung gar kei­ne Rol­le, da es aus der Sicht des Huma­nis­mus‘ Gott und Got­tes Wil­len nur als Kon­struk­te des Men­schen gibt. Der Mensch im Huma­nis­mus ist unab­hän­gig von jeder hete­ro­no­men Beschrän­kung.

Auto­no­mie ver­schafft dem Men­schen — um mit Kant zu spre­chen — die Fähig­keit zur „Selbst­ge­setz­ge­bung“. Daß die Auto­no­mie­vor­stel­lung bei Kant mit der christ­li­chen Anthro­po­lo­gie und dem christ­li­chen Wür­de­ver­ständ­nis in der huma­ni­tas-For­mal des Kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv kon­ver­gie­ren, wird oft über­se­hen: „Hand­le so, daß du die Mensch­heit, sowohl in dei­ner Per­son als in der Per­son eines jeden ande­ren, jeder­zeit zugleich als Zweck, nie­mals bloß als Mit­tel brauchst.“ ((Imma­nu­el Kant: Grund­le­gung der Meta­phy­sik der Sit­ten. Zit. nach der Aka­de­mie-Aus­ga­be, Bd. VI, Ber­lin 1907, S. 429.)) Der Mensch ist Zweck an sich selbst, er ist Selbst­zweck. Das heißt umge­kehrt aber auch, daß über­all dort, wo der Mensch als Mit­tel zu einem ver­meint­lich höhe­ren Zweck dient, sei­ne Wür­de ver­letzt wird.

V. Die Anthro­po­lo­gie geht der Ethik vor­aus

Gera­de die Instru­men­ta­li­sie­rung mensch­li­chen Lebens ist es, die bei Fra­gen des Lebens­schut­zes zur Debat­te steht. Das Men­schen­bild bestimmt dabei unwei­ger­lich die Mora­li­tät. Es gibt unter­schied­li­che Men­schen­bil­der, die wie­der­um mehr oder weni­ger gut begrün­det sind, aber letzt­lich auf prin­zi­pi­el­len Annah­men basie­ren, etwa: „Gott exi­stiert (nicht).“ Von die­sen Men­schen­bil­dern aus­ge­hend kann man unter­schied­li­che Ethi­ken ent­wickeln, die von die­sem Punkt an in sich völ­lig kon­si­stent sind. Wenn ich sage, eine Enti­tät X ist (k)ein Mensch, dann muß ich X auch (k)eine Wür­de zuschrei­ben, eine Zuschrei­bung, die mich ent­we­der von der Not­wen­dig­keit zur Ach­tung des Ande­ren befreit oder aber zur Ach­tung ver­pflich­tet. Das ist die gan­ze Krux des mensch­li­chen Mit­ein­an­ders: Wir spre­chen von unter­schied­li­chen Enti­tä­ten mit unter­schied­li­chen Daseins­grün­den, wenn wir „Mensch“ sagen.

Wäh­rend es sich im anthro­po­lo­gi­schen Para­dig­ma der Geschöpf­lich­keit des Men­schen (und hilfs­wei­se auch mit der deon­to­lo­gi­schen Ethik Kants) in jedem Fall pri­ma facie ver­bie­tet, den Men­schen um eines ver­meint­lich „guten Zwecks“ wil­len zum Mit­tel zu machen, stellt sich im anthro­po­lo­gi­schen Para­dig­ma des Huma­nis­mus die Fra­ge anders: Hier ist nicht das Leben selbst ein Zweck an sich, son­dern das (unter­stell­te) Inter­es­se des Leben­den wird zum Flucht­punkt ethi­scher Erwä­gun­gen. Die auto­no­me Beschluß­fas­sung über (mög­li­che) Prä­fe­ren­zen des Men­schen steht über dem Fak­tum des Lebens, das mit­hin nicht mehr unab­tast­bar ist, son­dern Gegen­stand von Ver­fü­gungs­ver­hand­lun­gen wird.

Nota bene: Auch die Argu­men­ta­ti­on von Lebens­schutz- und Behin­der­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen, die sich zu Recht dar­über ent­set­zen, daß die Dia­gno­se „Down Syn­drom“ sehr häu­fig zu einer Abtrei­bung führt, geht in die fal­sche Rich­tung. Wer dar­an erin­nert, daß Men­schen mit Down-Syn­drom ein lebens­wer­tes Leben füh­ren, und des­halb nicht abge­trie­ben wer­den soll­ten, der hat zwar zwei­fels­oh­ne Recht, umgeht aber die Abso­lut­heits­di­men­si­on mensch­li­chen Lebens als gott­ge­wollt, der unter­schlägt die Tat­sa­che, daß es sich beim Men­schen erüb­rigt, die Fra­ge nach dem Sinn des jewei­li­gen Lebens zu stel­len, weil das mensch­li­che Leben selbst die­ser Sinn ist. Zuge­spitzt: Auch wenn für einen Men­schen mit „Down Syn­drom“ oder einer ande­ren Behin­de­rung kein ange­neh­mes Leben zu erwar­ten wäre (aus unse­rer Außen­per­spek­ti­ve beur­teilt), besteht eine Art „Lebens­pflicht“, wie sie auch Kant ange­mahnt hat.

VI. Die Fra­ge nach dem Beginn des mensch­li­chen Lebens

Fak­ti­zi­tät und Ver­mu­tung sind denn auch bei der Fra­ge des Lebens­be­ginns die höchst unter­schied­li­chen Leit­mo­ti­ve.

Für die­je­ni­gen, die offen­bar kei­ne Pro­ble­me damit haben, das mensch­li­che Leben zu instru­men­ta­li­sie­ren und — nach Abwä­gung eige­ner Inter­es­sen — gege­be­nen­falls zu töten, han­delt es sich bei Embryo­nen und Föten um „Zell­hau­fen“ ohne Eigen­wert und ohne Daseins­be­rech­ti­gung. Wert und Recht des Men­schen sei­en immer und unter allen Umstän­den an der Prä­fe­renz­struk­tur des auto­no­men Sub­jekts aus­zu­rich­ten, eine etwai­ge Wür­de­zu­bil­li­gung abhän­gig von der aktu­al rea­li­sier­ten Inter­es­sens­sphä­re. Mensch­li­ches Leben begin­ne viel spä­ter, etwa dann, wenn Hirn­strö­me meß­bar sind oder auch erst nach der Voll­endung der Geburt — je nach dem, man fin­det ver­schie­de­ne Posi­tio­nen. Und es endet da, wo der selbst­be­stimm­te Mensch es für sich bzw. sei­ne Ange­hö­ri­gen enden las­sen möch­te.

Die Unbe­stimmt­heit der Ver­mu­tun­gen hin­sicht­lich des Lebens­be­ginns sind eine ent­schei­den­de Schwä­che aller Defi­ni­tio­nen, die dem Men­schen Bedin­gun­gen auf­er­le­gen, die er erfül­len muß, damit er Mensch sein darf.

Exkurs: Peter Sin­gers schie­fe Ebe­ne

Für den Vor­den­ker der Abtrei­bungs­lob­by, den austra­li­schen Phi­lo­so­phen Peter Sin­ger, hat die angeb­li­che Unfä­hig­keit von Föten, die jün­ger sind als 18 Wochen, „of fee­ling anything at all, sin­ce their ner­vous system appears to be insuf­fi­ci­ent­ly deve­lo­ped to func­tion“ ((Peter Sin­ger: Prac­ti­cal Ethics. Cam­bridge 1979, S. 118.)) die Kon­se­quenz, daß „an abor­ti­on up to this point ter­mi­na­tes an exi­stance that is of no intrin­sic value at all“ ((Ebd.)). Noch ein­mal: Es sei unwahr­schein­lich, daß Föten vor der 18. Schwan­ger­schafts­wo­che fähig sind, etwas zu emp­fin­den, weil ihr Ner­ven­sy­stem noch nicht genug ent­wickelt scheint. Des­halb been­de eine Abtrei­bung vor der 18. Schwan­ger­schafts­wo­che eine Exi­stenz, die über­haupt kei­nen Wert an sich habe. Also: Sin­ger ist der Mei­nung, wer­den­des mensch­li­ches Leben habe (selbst in die­sem Sta­di­um, nach der Hälf­te der Schwan­ger­schaft) „no intrin­sic value at all“ — „kei­nen Wert an sich“.

Hier wird die Bedin­gung der Emp­fin­dungs­fä­hig­keit in actu gestellt, als anthro­po­lo­gi­scher Hin­ter­grund einer inter­es­sen­ori­en­tier­ten uti­li­ta­ri­sti­schen Ethik. Um nach Sin­ger vom Men­schen spre­chen zu kön­nen, muß das mensch­li­che Leben emp­fin­dungs­fä­hig sein. Wohin die­se Auf­fas­sung führt, möch­te ich an Sin­gers Vor­stel­lun­gen kurz illu­strie­ren.

Das Inter­es­se, von Schmer­zen ver­schont zu blei­ben, ist Aus­druck der Lei­dens­fä­hig­keit. An die­sem Begriff unter­schei­det Sin­ger die „Wesen“: „Wenn ein Wesen lei­det, kann es kei­ne mora­li­sche Recht­fer­ti­gung dafür geben, sich zu wei­gern, die­ses Lei­den zu berück­sich­ti­gen. Es kommt nicht auf die Natur des Wesens an. Ist ein Wesen nicht lei­dens­fä­hig oder nicht fähig, Freu­de oder Glück zu erfah­ren, dann gibt es nichts zu berück­sich­ti­gen. Des­halb ist die Gren­ze der Emp­fin­dungs­fä­hig­keit die ein­zig ver­tret­ba­re Gren­ze für die Rück­sicht­nah­me auf die Inter­es­sen ande­rer.“ ((Peter Sin­ger: Prak­ti­sche Ethik. 2. Aufl., Stutt­gart 1994, S. 84 f.))

Kei­ne Emp­fin­dung, kei­ne Rück­sicht. Man kann sich vor­stel­len, daß damit dem Miß­brauch von mensch­li­chem Leben als Mit­tel zum „guten Zweck“ Tür und Tor geöff­net ist, sowie ein Mensch noch nicht oder nicht mehr „emp­fin­dungs­fä­hig“ ist.

Wer so denkt wie Sin­ger, für den ist im Umkehr­schluß auch kein Unter­schied zwi­schen Mensch und Tier zu machen: „Weit davon ent­fernt, sich für jedes Leben ein­zu­set­zen, […] zei­gen die­je­ni­gen, die gegen Abtrei­bung pro­te­stie­ren, jedoch regel­mä­ßig das Fleisch von Hüh­nern, Schwei­nen und Käl­bern ver­spei­sen, nur ein vor­der­grün­di­ges Inter­es­se am Leben von Wesen, die zu unse­rer Spe­zi­es gehö­ren. Denn bei jedem fai­ren Ver­gleich mora­lisch rele­van­ter Eigen­schaf­ten wie Ratio­na­li­tät, Selbst­be­wußt­sein, Bewußt­sein, Auto­no­mie, Lust und Schmerz­emp­fin­dung und so wei­ter haben das Kalb, das Schwein und das viel ver­spot­te­te Huhn einen guten Vor­sprung vor dem Fötus in jedem Sta­di­um der Schwan­ger­schaft und wenn wir einen weni­ger als drei Mona­te alten Fötus neh­men, so wür­de sogar ein Fisch, ja eine Gar­ne­le mehr Anzei­chen von Bewußt­sein zei­gen. Ich schla­ge daher vor, dem Leben eines Fötus kei­nen grö­ße­ren Wert zuzu­bil­li­gen als dem Leben eines nicht­mensch­li­chen Lebe­we­sens auf einer ähn­li­chen Stu­fe der Ratio­na­li­tät, des Selbst­be­wußt­seins, der Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit, der Sen­si­bi­li­tät etc.“ ((Peter Sin­ger: „Schwan­ger­schafts­ab­bruch und ethi­sche Güter­ab­wä­gung“, in: Hans-Mar­tin Sass (Hg.), Medi­zin und Ethik. 2. Aufl., Stutt­gart 1994, S.139–159, hier: S. 154 f.))

Als eine Fol­ge der Ori­en­tie­rung an Emp­fin­dungs­fä­hig­keit bzw. an dem uti­li­ta­ri­sti­schen Inter­es­se­be­griff trennt Sin­ger, wie aus dem Zitat deut­lich wird, nicht Men­schen von Tie­ren, son­dern Per­so­nen (Wesen, mit der Fähig­keit, Inter­es­sen zu ent­wickeln) von „Nicht-Per­so­nen“ (Wesen, die die­se Fähig­keit nicht haben). Dabei gehö­ren „some non­hu­man ani­mals“ ((Sin­ger: Pract. Eth., S. 97.)) in die erste Grup­pe (etwa Affen), jeder mensch­li­che Fötus jedoch in die zwei­te, denn: „no fetus is a per­son“ ((Sin­ger: Pract. Eth., S. 118.)) .

Wer auf­grund des Prin­zips der Inter­es­sen­er­wä­gung alle Wesen unter­schieds­los auf Prä­fe­renz­bil­dungs­fä­hig­keit hin unter­sucht, muß auch die letz­te Kon­se­quenz aus die­ser Argu­men­ta­ti­on zie­hen: „Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stun­den alten Säug­ling, so ver­ei­telt man kei­ne Wün­sche […], weil Schnecken und Neu­ge­bo­re­ne unfä­hig sind, sol­che Wün­sche zu haben.“ ((Sin­ger: Prakt. Eth., S. 122 f.)) Nicht das Leben des Embryo, nicht das des Fötus, son­dern das des Neu­ge­bo­re­nen, also — das ist wohl unstrei­tig — eines Men­schen, wird hier von Sin­ger mit Hil­fe eines uti­li­ta­ri­sti­schen Kon­zepts, wel­ches das Lebens­recht an die Fähig­keit bin­det, Wün­sche, Inter­es­sen und Prä­fe­ren­zen zu haben, in einer unfaß­ba­ren Wei­se degra­diert. Nur: Dahin gelangt man eben, wenn man sich auf die schie­fe Ebe­ne der ethi­schen Dif­fe­ren­zie­rung von Embryo­nen, Föten, Men­schen und Per­so­nen begibt.

Zurück zum Lebens­be­ginn

Der „wah­re“ Beginn mensch­li­chen Lebens ist nun­mehr gebun­den an die Emp­fin­dungs­fä­hig­keit — unter­stellt, Sin­gers Argu­men­ta­ti­on wür­de über­nom­men, was sie von Abtrei­bungs­be­für­wor­tern und Ster­be­hil­fe­lob­by­isten zumin­dest impli­zit tat­säch­lich wird. Zum Maß aller Din­ge wird nun die Hirn­tä­tig­keit, da die Akti­vi­tät des Gehirns für Emp­fin­dun­gen des Men­schen not­wen­dig und hin­rei­chend ist. Dabei ver­nach­läs­si­gen wir jetzt ein­mal die Pro­ble­me, die mit der festen Bin­dung des Men­schen an sei­ne Ratio grund­sätz­lich bestehen und über­ge­hen den grau­sa­men Miß­brauch des Bestim­mungs­prin­zips Ver­nunft, wie es von Ari­sto­te­les aus­ge­hend im Abend­land zu einer Abwer­tung von Men­schen ande­rer Kul­tu­ren führ­te, denen man schlicht die Ver­nunft­be­gabt­heit absprach und damit über sie nach Belie­ben ver­fü­gen konn­te. Statt des­sen beschäf­ti­gen wir uns noch ein wenig mit dem Begriff der Hirn­tä­tig­keit an sich und fra­gen kon­kret: Daß Hirn­strö­me auf­tre­ten — wann ist das der Fall? Ant­wort eines han­dels­üb­li­chen Bio­lo­gie­buchs: „In der 9. Woche.“. Daß damit ein Teil der Abtrei­bung inner­halb der 3‑Mo­nats-Frist an Föten vor­ge­nom­men wird, die sehr wohl Schmer­zen emp­fin­den kön­nen, sei hier nur am Ran­de erwähnt. Und auch um die Fra­ge, war­um Sin­ger bei sei­nen Aus­füh­run­gen den dop­pel­ten Zeit­raum nennt, soll es jetzt nicht gehen.

Es geht viel­mehr um die Fra­ge, was von der Set­zung zu hal­ten ist. Ist es eine will­kür­li­che Set­zung. Nein, denn die Ori­en­tie­rung geschieht am Grund­satz der Emp­fin­dungs­fä­hig­keit. Es gibt also ein Sach­ar­gu­ment für die Set­zung, was auch immer davon zu hal­ten ist. Ist es aber eine im Rah­men der erfor­der­li­chen Klar­heit ange­mes­se­ne Set­zung? Nein, da es sich nicht um einen Zeitpunkt, son­dern um eine Zeitspan­ne, genau­er: eine unbe­stimm­te Men­ge von Zeit­punk­ten han­delt. Denn die 9. Woche hat — wie jede ande­re Woche auch — einen Mon­tag, einen Diens­tag, einen Mitt­woch usw. Der Mon­tag hat einen Mor­gen, einen Mit­tag, einen Abend. Dies bringt Schwie­rig­kei­ten mit sich. Wenn ich sage: „Das Fuß­ball­spiel beginnt um 20:30 Uhr.“, kann sich jede und jeder, die bzw. der das Spiel sehen will, dar­auf ein­rich­ten. Wenn es aber heißt, es beginnt irgend­wann zwi­schen 19 und 21 Uhr, am Abend halt, bedeu­tet dies eine gro­ße Unsi­cher­heit hin­sicht­lich des tat­säch­li­chen Anstoß­zeit­punkts. Die Infor­ma­ti­on ist letzt­lich nur von erheb­lich begrenz­tem Wert.

Man mag ein­wen­den, daß die Tat­sa­che, ob Hirn­strö­me flie­ßen oder nicht, sich exakt mes­sen und sich damit der Zeit­punkt ein­deu­tig bestim­men läßt. Das mag für das jewei­li­ge Indi­vi­du­um gel­ten, doch es gibt Unter­schie­de von Mensch zu Mensch. Zudem gibt es Unter­schie­de bzw. könn­te es Unter­schie­de geben von Meß­ge­rät zu Meß­ge­rät, so daß bei ein- und dem­sel­ben Men­schen das Gerät von Fir­ma X anzeigt: „Ja, es gibt Hirn­strö­me.“, wäh­rend das Gerät von Fir­ma Y anzeigt: „Nein, es gibt kei­ne Hirn­strö­me.“, abhän­gig von der Qua­li­tät der Meß­tech­nik. Mensch­li­ches Leben bzw. des­sen Anfangs­be­stim­mung abhän­gig zu machen von der Sen­si­bi­li­tät der jeweils neu­sten Meß­ge­rä­te ist kei­ne beson­ders klu­ge Art und Wei­se des Umgangs mit der Fra­ge nach dem Lebens­be­ginn.

VII. Der Wür­de­be­griff

Was man sich damit jedoch — durch­aus gewollt — kon­stru­iert, das ist ein abge­stuf­ter Wür­de­be­griff das mensch­li­chen Lebens. Sehr tref­fend brach­te dies Peter Scha­ber in der Sonn­tags­zei­tung vom 19. Mai 2002 zum Aus­druck: „Es ist mei­ner Mei­nung nach kei­nes­wegs so, daß der mora­li­sche Sta­tus des Embry­os von der Befruch­tung bis zur Geburt unver­än­dert bleibt. Ich wür­de bei der Zuspre­chung von Men­schen­wür­de ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­stu­fen des Embry­os unter­schei­den. Für mich sind bestimm­te Eigen­schaf­ten wie etwa der Beginn der Gehirn­ent­wick­lung oder die ein­set­zen­de Emp­fin­dungs­fä­hig­keit mora­lisch von Belang. Je mehr sich der Embryo dem Zeit­punkt der Geburt nähert, desto mora­lisch gewich­ti­ger scheint mir das Wesen.“ Genau die­se Abstu­fung, die frei­lich nötig ist, um ohne Gewis­sens­bis­se for­schen und abtrei­ben zu kön­nen, macht das deut­sche Grund­ge­setz nicht.

Juri­sti­sche Bemer­kun­gen

Die Norm, die in Deutsch­land ein­deu­tig gegen jede Ver­wen­dung von Men­schen­le­ben zur Erfül­lung bestimm­ter Zwecke spricht, ist Art. 1, Abs. 1, Satz 1 GG: „Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar.“ Daß die Tötung eines Men­schen zum Zweck mög­li­cher Fort­schrit­te in der medi­zi­ni­schen For­schung, auch wenn die­se künf­ti­ges Leid lin­dern, des­sen „Wür­de“ ver­letzt, dürf­te i. A. unstrit­tig sein. Eben­so ist die „Wür­de“ des Men­schen ver­letzt, der im Rah­men einer Abtrei­bung getö­tet wer­den soll, wenn die­se aus einem Inter­es­se der Mut­ter erfolgt, das nicht gleich­ran­gig dem Leben des zu töten­den Men­schen ist.

Aber wer sagt denn, mag hier ein­ge­wen­det wer­den, daß es sich bei dem Embryo bzw. Fötus um einen Men­schen han­delt. Genau dies ist ja Gegen­stand der anthro­po­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zung. Also: Han­delt es bei dem, was da getö­tet wird, aus juri­sti­scher Sicht um einen Men­schen? Was bedeu­tet Mensch im Zusam­men­hang mit Art. 1 GG, Abs. 1, Satz?

Hier­zu sei an zwei Leit­sät­ze des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erin­nert: 1. „Das Recht auf Leben wird jedem gewähr­lei­stet, der ‚lebt‘; zwi­schen ein­zel­nen Abschnit­ten des sich ent­wickeln­den Lebens vor der Geburt oder zwi­schen unge­bo­re­nem und gebo­re­nem Leben kann hier kein Unter­schied gemacht wer­den.“ ((Urteil des BVerfG vom 25.02.1975, AZ 1 BvF 1/74 u. a. (BVerfGE 39, 1, ver­öf­fent­licht in: NJW 1975, 573).)) , und 2. Das Grund­ge­setz ent­hält kei­ne „dem Ent­wick­lungs­pro­zeß der Schwan­ger­schaft fol­gen­den Abstu­fun­gen des Lebens­rechts“ ((Urteil des BVerfG vom 28.05.1993, AZ 2 BvF 2/90 u. a. (BVerfGE 88, 203, ver­öf­fent­licht in: NJW 1993, 1751).)) .

Art. 1, Abs. 1, Satz 1 GG muß dem­nach so gele­sen wer­den: „Die Wür­de des mensch­li­chen Lebens ist unan­tast­bar.“ Danach stellt die Tötung (zwei­fel­los ein Fall von „Ver­let­zung der Wür­de“) von Embryo­nen (als „mensch­li­ches Leben“) unab­hän­gig von Zweck und Zusam­men­hang der Tötung einen Ver­stoß gegen Art. 1, Abs. 1, Satz 1 GG dar. Somit ver­stößt das Stamm­zell­ge­setz, das ja die­se Tötung posi­ti­viert, und jede Abtrei­bung, die die­se Tötung voll­zieht, gegen Art. 1, Abs. 1, Satz 1 GG.

Phi­lo­so­phi­sche Bemer­kun­gen

Es gibt, phi­lo­so­phisch betrach­tet, kei­nen sinn­vol­le­ren Ursprungs­zeit­punkt als den Ursprung selbst — und der liegt nun ein­mal de fac­to in der Zeu­gung. Alle ande­ren Zeit­punk­te, die die­ser Fak­ti­zi­tät zum Trotz Ver­mu­tung zu Schmerz­emp­fin­den etc. anstel­len, sind mehr oder weni­ger unbe­stimm­te Fri­sten­lö­sun­gen. Auch wenn sie nicht völ­lig will­kür­lich sind, son­dern aus Sach­ver­hal­ten ent­wickelt wer­den, könn­ten sie doch stets auch ande­res lie­gen, ohne wesent­li­che Ver­schlech­te­rung der Argu­men­ta­ti­ons­la­ge.

Wir wis­sen aber, daß der gera­de gezeug­te Mensch alles hat, was es braucht, um ein Mensch zu wer­den. Er ist nach der Zeu­gung not­wen­dig und hin­rei­chend als Indi­vi­du­um bestimmt. Und die­ser Mensch hat alles, um Per­son zu wer­den. Dabei sagt das nicht nur die katho­li­sche Kir­che vom ver­meint­lich hohen Roß des Lehr­amts. Gera­de die Gen­for­schung gibt der Kir­che in einer ihrer anthro­po­lo­gi­schen Kern­aus­sa­gen Recht: Bereits zum Zeit­punkt der Zeu­gung liegt das gesam­te Gen­ma­te­ri­al vor, der indi­vi­du­el­le Mensch und damit die Per­son ist in poten­tia ange­legt.

VIII. Fazit

Daher soll­ten wir das mensch­li­che Lebe­we­sen von Anfang zuerst und vor allem als eine poten­ti­el­le Per­son betrach­ten, die im moral­theo­re­ti­schen Kon­text wie eine Per­son zu behan­deln ist. Das schon des­halb, um nicht auf der schie­fen Ebe­ne, die Sin­ger et al. kon­stru­ie­ren, die Men­schen­wür­de ins Rut­schen zu brin­gen. Wenn er vor­schlägt, daß man über die Exi­stenz etwai­ger behin­der­ter Kin­der ja noch mal in aller Ruhe und mit ärzt­li­chem Rat nach­den­ken dür­fen soll­te, um dann die ver­paß­te Abtrei­bung viel­leicht doch noch zu voll­zie­hen, gera­de weil ein Baby für ihn kei­ne Per­son sein kann, weil es kei­ne aktua­len Inter­es­sen hat, dann bin ich doch sehr beun­ru­higt, weil es mir zeigt, daß das Pro­blem der Grenz­zie­hung, des Per­son­sta­tus‘ eines Men­schen in sei­nen Lebens­pha­sen im Bereich der Anthro­po­lo­gie und die inter­es­sen­ge­lei­te­te Abwä­gungs­pra­xis des Wür­de­be­griff im Bereich der Ethik zusam­men­ge­hö­ren. Es zeigt mir, daß das Men­schen­bild der Moral vor­aus­geht und es des­we­gen wich­tig ist, den Beginn des Lebens gut und genau, also mit  geringst mög­li­chem Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum, zu bestim­men. Hier hat die katho­li­sche Moral­leh­re auf der Basis der christ­li­chen Schöp­fungs­theo­lo­gie eine Bestim­mung vor­ge­nom­men, die zu einem kon­si­sten­ten und bei­spiel­haft strin­gen­ten Ver­ständ­nis des Men­schen führt. An ihr soll­te sich jeder, der es wirk­lich ernst meint mit abso­lu­ter Men­schen­wür­de, ori­en­tie­ren.

Nach dem Stu­di­um (Wirt­schafts­in­ge­nieur­we­sen, Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie) und der Pro­mo­ti­on zum Dr. phil. ist Josef Bordat der­zeit als frei­er Publi­zist in Ber­lin tätig.