Der Papst aus Deutschland — Vom Glaubenswächter zum Hirten der Kirche

[Bei­trag im PD-Format] 

von P. Lothar Grop­pe SJ

Inzwi­schen weiß jeder Zei­tungs­le­ser, daß mit der Wahl Kar­di­nal Ratz­in­gers zum Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che seit 482 Jah­ren erst­mals wie­der ein Deut­scher auf den Stuhl Petri erho­ben wur­de. Weni­ger bekannt jedoch dürf­te sein, daß er immer­hin sie­ben deut­sche Vor­gän­ger hat­te. Der erste Deut­sche, der die Papst­wür­de errang, war Bru­no von Kärn­ten, Sohn Her­zog Ottos von Kärn­ten, ein Uren­kel Kai­ser Ottos I. Sein Vet­ter, König Hein­rich III. ernann­te ihn, der erst 23 Jah­re zähl­te, aber bereits welt­erfah­ren war, zum Papst. Ein Vor­gang, der heu­te in mehr­fa­cher Hin­sicht unvor­stell­bar ist. Den­noch war der neue Papst für die Kir­che ein Gewinn. Er war reform­freu­dig, wur­de aller­dings bereits nach drei Jah­ren durch Mala­ria weg­ge­rafft. Das 11. Jahr­hun­dert sah vier deut­sche Päp­ste, denen aber eben­falls nur ein kur­zes Pon­ti­fi­kat beschie­den war. Meist erla­gen sie der Mala­ria. Die Pon­ti­ni­schen Sümp­fe, eine ehe­mals ver­sumpf­te Lagu­ne, waren Brut­stät­ten der blut­gie­ri­gen Sau­ger. Erst im 20. Jahr­hun­dert wur­de die etwa 800 qkm gro­ße frucht­ba­re mittel­italienische Ebe­ne unter Mus­so­li­ni mit Erfolg trockengelegt.

Den deut­schen Päp­sten ging es ent­schei­dend um die Besei­ti­gung der Simo­nie, d.h. des Kaufs gei­sti­ger Ämter, ein Umstand, der lan­ge in der Kir­che herrsch­te und Wur­zel vie­ler Übel war.

Der letz­te deut­sche Papst vor Kar­di­nal Ratz­in­ger war Hadri­an VI. Wäh­rend die Päp­ste seit Jahr­hun­der­ten nach der Thron­be­stei­gung einen neu­en Namen wähl­ten, behielt Hadri­an VI. sei­nen Tauf­na­men bei. Auf dem Reichs­tag von Nürn­berg 1522 ließ er ein Schuld­be­kennt­nis der Kir­che able­gen, das aller­dings von den mei­sten Kar­di­nä­len eben­so wie von Luther miß­ach­tet wurde.

Joseph Ratz­in­ger wur­de am 16. April 1927 als Sohn eines ein­fa­chen Gen­dar­me­rie­be­am­ten im baye­ri­schen Marktl gebo­ren. Wenn eng­li­sche Zei­tun­gen wie bei­spiels­wei­se „The Sun“ mein­ten, her­vor­he­ben zu sol­len, daß Joseph ein­mal Hit­ler­jun­ge war und fran­zö­si­sche Blät­ter mein­ten, eine Asso­zia­ti­on Rat­zi – Nat­zi her­stel­len zu sol­len, ist dies bezeich­nend für das „Niveau“ so man­cher Jour­na­li­sten. Und dies, obwohl wir heu­te von „Freun­den umge­ben sind“, wie uns unse­re Poli­ti­ker ver­si­chern. Ganz anders hin­ge­gen äußer­te sich der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Geor­ge W. Bush:

„Er ist der Mann, der Gott dient. Wir beten mit unse­ren Lands­leu­ten und Mil­lio­nen in der gan­zen Welt für anhal­ten­de Kraft und Weis­heit, wäh­rend Sei­ne Hei­lig­keit die katho­li­sche Kir­che führt.“

Ratz­in­ger wur­de schon in jun­gen Jah­ren Pro­fes­sor der Theo­lo­gie an meh­re­ren deut­schen Uni­ver­si­tä­ten. Der sei­ner­zeit über­aus popu­lä­re Erz­bischof von Köln, Kar­di­nal Frings, wur­de auf ihn auf­merk­sam und er­nannte ihn zu sei­nem theo­lo­gi­schen Bera­ter beim II. Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Für ihn schrieb Ratz­in­ger die Rede, die das Kon­zept eini­ger Konzils­väter durch­ein­an­der brach­te. Die­se woll­ten ihre vor­be­rei­te­ten Doku­men­te im wesent­li­chen von den Bischö­fen abseg­nen las­sen. Dank der Rede von Frings kam es aber zu ech­ten Dis­kus­sio­nen. Die bis­wei­len hef­ti­gen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten der Kon­zils­vä­ter erreg­ten auch das Inter­es­se von Nicht­ka­tho­li­ken. In Deutsch­land trug P. Mario v. Gal­li mit zahl­reichen Fern­seh­bei­trä­gen dazu bei, daß sich auch Nicht­ka­tho­li­ken für die The­men des Kon­zils interessierten.

Ratz­in­ger wur­de nicht zuletzt durch meh­re­re Bücher bekannt, die sich durch theo­lo­gi­sche Tie­fe aus­zeich­nen, aber auch für Nicht­aka­de­mi­ker ver­ständ­lich sind.

Bezeich­nend für ihn ist, daß er, der von sei­nen „Freun­den“ gern als „Pan­zer­kar­di­nal“ und „Groß­in­qui­si­tor“ apo­stro­phiert wird, auf die An­regung des Jour­na­li­sten Peter See­wald ein­ging, sich den Fra­gen über die Situa­ti­on der Kir­che zu stel­len. Natür­lich erkun­dig­te sich der immer­hin zwei­te Mann nach dem Papst, mit wem er es zu tun haben wür­de. See­wald arbei­te­te für die Süd­deut­sche Zei­tung und den Spie­gel, Publikations­organe, die nicht gera­de als kir­chen­freund­lich gel­ten. Zudem war er vor vie­len Jah­ren aus der Kir­che aus­ge­tre­ten und Kom­mu­nist gewor­den. So kam es zum Buch „Salz der Erde“. In ihm nahm der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ohne Scheu zu bekann­ten Tabu­the­men wie Schei­dung, Frau­en­prie­ster­tum, Abschaf­fen des Zöli­bats und den popu­lären For­de­run­gen der katho­li­schen „Volks­be­geh­ren“ Stel­lung. Da das Buch eine sehr gün­sti­ge Auf­nah­me fand, reg­te See­wald eine zwei­te Gesprächs­run­de an, um die inne­ren Fra­gen des Glau­bens aus­zu­leuch­ten. Trotz sei­ner zeit­li­chen Über­la­stung ging Ratz­in­ger auf die­sen Vor­schlag ein und so kam es zum Buch „Gott und die Welt“. See­walds per­sön­li­che Kon­se­quenz aus der Begeg­nung mit dem Prä­fek­ten der Glaubenskongre­gation war der Abschied vom kom­mu­ni­sti­schen Gedan­ken­gut und der Wie­der­ein­tritt in die katho­li­sche Kirche.

Kar­di­nal Ratz­in­ger war schon lan­ge vor sei­ner Wahl zum Papst welt­weit bekannt. Vor allem in Deutsch­land stan­den ihm aller­dings vie­le kri­tisch gegen­über. Als „Chef“ der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on war er der ober­ste Hüter des katho­li­schen Glau­bens. In einer Zeit des Rela­ti­vis­mus, wie das bekann­te Wort: „Ob Jud’, ob Christ, ob Hot­ten­tott’ wir glau­ben all’ an einen Gott“ sagt, betrach­tet er als wesent­li­che Auf­ga­be sei­nes Pon­ti­fi­kats, „den Glau­ben der Ein­fa­chen gegen die Macht der Intel­lek­tu­el­len zu ver­teidigen“, so in sei­nem Buch „Zeit­fra­gen und christ­li­cher Glaube“.

Wie kam es eigent­lich zu den Attri­bu­ten „Pan­zer­kar­di­nal“ und „Groß­in­qui­si­tor“?

Zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge müs­sen wir etwas zurück­ge­hen: „Ein aggres­si­ver Deut­scher, mit sei­nem stol­zen Auf­tre­ten, ein Asket, der das Kreuz wie ein Schwert trägt.“ – „Ein Pan­zer­kar­di­nal, der nie die prunk­vollen Gewän­der und das gol­de­ne Brust­kreuz eines Für­sten der hei­li­gen Römi­schen Kir­che abge­legt hat.“ – „Got­tes Rott­wei­ler ist der neue Papst.“ Dies sind nur eini­ge Stim­men aus der inter­na­tio­na­len Presse.

Im Janu­ar 1982 wur­de Joseph Ratz­in­ger nach Pro­fes­so­ren­tä­tig­keit in Bonn, Mün­ster, Tübin­gen und Regens­burg sowie fünf Jah­ren als Erz­bischof von Mün­chen-Frei­sing von Papst Johan­nes Paul II. zum Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ernannt, die bis 20 Jah­re zuvor die „Römi­sche und Uni­ver­sa­le Inqui­si­ti­on“ oder das „Hei­li­ge Offi­zi­um“ hieß. Sie soll der Ver­tie­fung des Glau­bens und sei­ner Rei­ner­hal­tung die­nen und ist die eigent­li­che Hüte­rin der katho­li­schen Ortho­do­xie. Nach der kon­zi­lia­ren Reform ver­lieh ihr Papst Paul VI. den Vor­rang vor allen ande­ren Kon­gregationen. Sie ist „die Kon­gre­ga­ti­on, die die wich­tig­sten Din­ge behandelt“.

Im August 1984 gewähr­te Kar­di­nal Ratz­in­ger dem bekann­ten italie­nischen Jour­na­li­sten Vit­to­rio Mess­o­ri das bis dahin läng­ste Inter­view. Mess­o­ri schreibt (in „Zur Lage des Glau­bens“), er habe bei Ratz­in­ger in den Tagen, in denen er mit ihm zusam­men war, nichts bemerkt, „was das Bild vom Dog­ma­ti­ker, vom har­ten Groß­in­qui­si­tor, das ihm eini­ge an­hängen wol­len, recht­fer­ti­gen wür­de.“ (S. 12)

Das Ein­zi­ge, was sich der Kar­di­nal in den Inter­views aus­be­dun­gen hat­te, war, die Tex­te vor der Ver­öf­fent­li­chung noch ein­mal durch­se­hen zu kön­nen, um zu sehen, ob er sich in ihnen wie­der­erken­nen könne.

1964 befand sich Pro­fes­sor Ratz­in­ger unter den Grün­dern der inter­nationalen Zeit­schrift „Con­ci­li­um“, um die sich der soge­nann­te „progres­sive“ Flü­gel der Theo­lo­gie scharte.

Wel­che Bedeu­tung hat­te die Zusam­men­ar­beit für ihn, den spä­te­ren Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on? War es gleich­sam eine „Jugend­sünde?“, wie Mess­o­ri scherz­haft frag­te. Die Ant­wort kam prompt:

„Nicht ich habe mich geän­dert, son­dern die ande­ren. Schon bei unse­ren ersten Zusam­men­künf­ten wies ich mei­ne Kol­le­gen auf zwei Erforder­nisse hin. Zum einen: Unse­re Grup­pe dür­fe in kei­ner­lei Sek­tie­rer­tum und Arro­ganz ver­fal­len, als ob wir die neue, wah­re Kir­che, ein alter­na­ti­ves Lehr­amt sei­en, das die Wahr­heit über das Chri­sten­tum gepach­tet hät­te. Zum zwei­ten: Es bedür­fe der Aus­ein­an­der­set­zung ohne ein­zel­gän­ge­ri­sche Fluch­ten nach vor­ne mit der Wirk­lich­keit des II. Vati­can­ums, mit dem ech­ten Buch­sta­ben und dem ech­ten Geist des Kon­zils, nicht mit einem ima­gi­nä­ren III. Vati­ca­num. Die­se Erfor­der­nis­se sind in der Fol­ge­zeit immer weni­ger beach­tet wor­den bis hin zu einem Wen­de­punkt, der um 1973 anzu­set­zen ist, als jemand anfing zu sagen, daß die Tex­te des II. Vati­can­ums nicht mehr der Bezugs­punkt für die katho­li­sche Theo­lo­gie sei­en. … Es sei folg­lich not­wen­dig, daß man es überwinde.“

Daher habe er sich vom Con­ci­li­um abge­setzt (S. 16 f.):

„Ich wäre nie­mals zu die­sem kirch­li­chen Amt (Prä­fekt der Glaubens­kongregation) bereit gewe­sen, wenn mei­ne Auf­ga­be vor­wie­gend im Über­wachen bestan­den hät­te. Mit der Reform fal­len unse­rer Kon­gre­ga­ti­on wohl wei­ter­hin Ent­schei­dun­gen zu, die auch dis­zi­pli­nä­re Ein­grif­fe nach sich zie­hen kön­nen. Aber sie sind doch wesent­lich einem posi­ti­ven Auf­trag zuge­ord­net, um den Ver­kün­di­gern des Evan­ge­li­ums neue Ener­gien zu geben. Wir sind natür­lich nach wie vor auch dazu auf­ge­ru­fen, zu wachen, ‚die Irr­tü­mer zu kor­ri­gie­ren und die Irren­den auf den rech­ten Weg zurück­zuführen’ .… Aber die­ser Schutz des Glau­bens muß sei­ner För­de­rung zuge­ord­net blei­ben.“ (S. 19 f.)

Die Fra­ge, ob es heu­te noch Häre­si­en gebe, beant­wor­tet der Kar­di­nal mit Canon 751 des CIC:

„Häre­sie nennt man die nach Emp­fang der Tau­fe erfolg­te beharr­li­che Leug­nung einer kraft gött­li­chen und katho­li­schen Glau­bens zu glauben­den Wahr­heit oder einem beharr­li­chen Zwei­fel an einer sol­chen Glaubenswahrheit.“

Der Häre­ti­ker ver­fällt wie der Schis­ma­ti­ker und Apostat der Ex­kommunikation latae sen­ten­tiae (d.h. ohne vor­her­ge­hen­den Richter­spruch, Anm. des Verfassers).

„Dies gilt für alle Gläu­bi­gen, aber die Maß­nah­men gegen­über einem Häre­ti­ker, der Prie­ster ist, sind gravierender.“(S. 23)

„Straf­ta­ten gegen die Reli­gi­on und die Ein­heit der Kir­che“ exi­stie­ren nach wie vor und es geht dar­um, „die Gemein­schaft vor ihnen zu schüt­zen. Das Wort der Hl. Schrift gilt für die Kir­che zu jeder Zeit …“ Des­halb gilt auch heu­te die Mah­nung des zwei­ten Petrus­brie­fes, man sol­le sich vor den fal­schen Pro­phe­ten und vor den fal­schen Leh­rern, die ver­derbliche Irr­leh­ren ver­brei­ten (2, 1) hüten. In der Ver­tei­di­gung des rech­ten Glau­bens sieht die Kir­che „auch ein sozia­les Werk zugun­sten aller Gläu­bi­gen.“ Man dürf­te aller­dings „nicht ver­ges­sen, daß die Rech­te des ein­zel­nen Theo­lo­gen geschützt wer­den müs­sen, aber auch die Rech­te in der Gemein­schaft“ (S. 23). Die Exkom­mu­ni­ka­ti­on will den Häre­ti­ker nicht bestra­fen, son­dern korrigieren.

Eine auf­schluß­rei­che Äuße­rung zur scherz­haf­ten Fra­ge Mess­o­ris, ob er lie­ber eine Kir­che mit ihrem Zen­trum in Deutsch­land statt in Ita­li­en hät­te, schie­ne ange­sichts der knap­pen Kas­sen beden­kens­wert: „Das wäre schlimm“ – mein­te er lachend – „dann hät­ten wir eine über­or­ga­ni­sier­te Kir­che … Wir hat­ten allein im Münch­ner Ordi­na­ri­at 400 Beam­te und Ange­stell­te, alle regu­lär bezahlt. Nun, man weiß, daß von Natur aus jede Behör­de die eige­ne Exi­stenz dadurch recht­fer­ti­gen muß, daß sie Doku­mente ver­ab­schie­det, Begeg­nun­gen ver­an­stal­tet, neue Struk­tu­ren plant. Zwei­fel­los haben alle das Beste gewollt. Aber oft genug konn­te es gesche­hen, daß die Pfar­rer sich durch die Viel­zahl der ‚Hil­fen’ eher be­lastet als unter­stützt fühl­ten“ (S. 67). Man denkt unwill­kür­lich an das Wort: 100 Inge­nieu­re und acht Arbei­ter! Inter­es­san­ter­wei­se zählt die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, ein­schließ­lich des Prä­fek­ten, etwa 30 Mitglieder.

Anfang 1983 sag­te Kar­di­nal Ratz­in­ger bei einer Kon­fe­renz in Frankreich:

„Ein erster schwe­rer Feh­ler (zur Glau­bens­bil­dung, Anm. d. Verf.) war es, den Kate­chis­mus abzu­schaf­fen und ganz all­ge­mein die Gat­tung ‚Kate­chis­mus’ für über­holt zu erklären.“

Und er sprach von einem „eil­fer­tig und mit gro­ßer Sicher­heit inter­national betrie­be­nen Fehl­ent­scheid.“ (S. 73). Der Ver­fas­ser erin­nert sich, daß er 1975 im Auf­trag der nord­rhein-west­fä­li­schen Bischö­fe die gängig­sten Reli­gi­ons­bü­cher zu über­prü­fen hat­te und eben­falls die Ein­füh­rung eines Kate­chis­mus for­der­te, der die wich­tig­sten Glau­bens­wahr­hei­ten un­verkürzt und unver­fälscht dar­le­gen sol­le. Die weit­ver­brei­te­ten Religions­bücher genüg­ten nicht den Min­dest­an­for­de­run­gen, die zu einem Leben aus dem Glau­ben befä­hi­gen. Zwar teil­ten die mei­sten Leser die­se Auf­fassung, aber sei­tens der Ver­fas­ser und ande­rer „Fort­schritt­li­cher“ gab es schar­fe Pro­te­ste. Kate­chis­men sei­en längst über­holt. (Vgl. mei­nen Arti­kel im Rhei­ni­schen Mer­kur im Sep­tem­ber 1975 „Kin­der, die zu kurz kommen.“)

„Die Fach­wis­sen­schaft errich­tet einen Zaun um den Gar­ten der Schrift, zu dem der Nicht-Exper­te kei­nen Zugang mehr hat.“ (S. 76)

Nicht zuletzt wegen sei­nes Ein­sat­zes für die genui­ne katho­li­sche Moral­theo­lo­gie erschien Ratz­in­ger vie­len als „Pan­zer­kar­di­nal“. In sei­ner Rede in Bogo­tà  führ­te er u. a. aus:

„Es ist natür­lich, daß sich alle For­men sexu­el­ler Befrie­di­gung in ‚Rech­te’ des ein­zel­nen ver­wan­deln. So wird, um ein heu­te beson­ders aktu­el­les Bei­spiel zu nen­nen, die Homo­se­xua­li­tät zu einem unveräußer­lichen Recht … Ihre vol­le Aner­ken­nung erscheint als ein Aspekt der Befrei­ung des Men­schen.“ (S. 85/86).

Nach sei­ner Auf­fas­sung ist

„… heu­te der Bereich der Moral­theo­lo­gie das Haupt­feld der Spannun­gen zwi­schen Lehr­amt und Theo­lo­gen gewor­den, zumal hier die Konse­quenzen am unmit­tel­bar­sten fühl­bar wer­den … Ver­schie­dent­lich wer­den vor­ehe­li­che Bezie­hun­gen, zumin­dest unter gewis­sen Bedin­gun­gen, gerecht­fer­tigt; die Mastur­ba­ti­on wird als ein nor­ma­les Phä­no­men in der Ent­wick­lung der Jugend­li­chen dar­ge­stellt; die Zulas­sung wiederverheira­teter Geschie­de­ner wird stän­dig neu gefor­dert … Selbst in Bezug auf die Fra­ge der Homo­se­xua­li­tät wer­den Recht­fer­ti­gungs­ver­su­che unter­nommen: Es ist sogar vor­ge­kom­men, daß Bischö­fe – auf­grund unge­nügender Infor­ma­ti­on oder aus einem Schuld­ge­fühl von Katho­li­ken einer ‚unter­drück­ten Min­der­heit’ gegen­über – den gays Kir­chen für ihre Veran­staltungen zur Ver­fü­gung gestellt haben. Dann gibt es noch den Fall ‚Huma­nae vitae’, die Enzy­kli­ka von Paul VI., die das ‚Nein’ zu den Kon­trazeptiva bekräf­tigt hat und die nicht ver­stan­den wor­den ist; sie ist im Gegen­teil in wei­ten kirch­li­chen Krei­sen mehr oder weni­ger offen abge­lehnt wor­den.“ (S. 87) Vgl. die König­stei­ner Erklärung.

Ein beson­ders bri­san­tes The­ma, das zum schlech­ten Ruf Kar­di­nal Ratz­in­gers bei­trug, war die „Instruk­ti­on über eini­ge Aspek­te der ‚Theolo­gie der Befrei­ung’“. Sie hat­te bereits gan­ze Sei­ten in Beschlag genom­men. Bezeich­nend war, daß vie­le Kom­men­ta­to­ren das Doku­ment beur­teil­ten, ohne es je gele­sen zu haben, besten­falls in einer unvoll­stän­di­gen Zusam­menfassung. Dar­über hin­aus wur­den nahe­zu aus­schließ­lich die poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen berück­sich­tigt und die reli­giö­sen igno­riert. Der Text war durch eine „jour­na­li­sti­sche Indis­kre­ti­on“ in die Öffent­lich­keit gelangt. Im Vor­wort der Instruk­ti­on heißt es:

„Die Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re beab­sich­tigt nicht, das wei­te The­ma der christ­li­chen Frei­heit und der Befrei­ung voll­stän­dig zu behan­deln. Sie nimmt sich vor, dies in einem spä­te­ren Doku­ment zu tun, das – in posi­ti­ver Aus­rich­tung – alle Reich­tü­mer ins rech­te Licht stellt, sowohl in der Leh­re als auch in der Pra­xis.“ (6.8.1984)

Die Instruk­ti­on betont, ihre War­nung darf

„… in kei­ner Wei­se als eine Ver­ur­tei­lung all derer aus­ge­legt wer­den, die hoch­her­zig und im authen­ti­schen Geist des Evan­ge­li­ums auf die ‚vorran­gige Opti­on für die Armen’ ant­wor­ten wol­len … Mehr denn je will die Kir­che die Miß­bräu­che, die Unge­rech­tig­kei­ten und die Ver­stö­ße gegen die Frei­heit ver­ur­tei­len, wo immer sie begeg­nen und wer immer die anzet­telt, und mit den ihr eige­nen Mit­teln bekämp­fen, um die Men­schen­rech­te, ins­besondere in der Per­son der Armen, zu ver­tei­di­gen und zu fördern.“

Kar­di­nal Ratz­in­ger betonte,

„Befrei­ung ist der Schlüs­sel­be­griff auch der rei­chen Gesell­schaf­ten Nord­ame­ri­kas und West­eu­ro­pas: Befrei­ung von der reli­giö­sen Ethik und mit ihr von den Begrenzt­hei­ten des Men­schen selbst … Von ‚Befrei­ung’ spricht man schließ­lich in Süd­ame­ri­ka, wo man sie vor allem im sozia­len, öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Sinn versteht.“

Nach einem Wort des Domi­ni­ka­ners Wolf­gang Ocken­fels hat die Befrei­ungs­theo­lo­gie die „Opti­on für die Armen“ mit der „Opti­on für den Sozia­lis­mus“ ver­wech­selt. Die­ser Streit zwi­schen „Bof­fis“ und „Ratz­is“ hat sich von selbst erle­digt durch das glo­ba­le Ereig­nis von 1989 (Jun­ge Frei­heit 15.4.2005).

Auf­ga­be des Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ist es, dar­über zu wachen, daß die Kir­che nicht ihres Fun­da­ments beraubt wird. Wer ein Dik­tat zu prü­fen hat, muß natür­lich auf Recht­schreib­feh­ler ach­ten. Muta­tis mutan­dis ist dies auch Auf­ga­be der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Es gibt einen inter­es­san­ten Arti­kel von Han­nes Stein in der „Welt“ vom 19.9.2000: „Die Tole­ranz Kar­di­nals Ratz­in­gers“. In ihm heißt es:

„Tout le mon­de hat sich dar­über auf­ge­regt, daß er (Ratz­in­ger) erklär­te, die katho­li­sche Kir­che kön­ne die ver­schie­de­nen pro­te­stan­ti­schen Konfes­sionen nicht als ihr eben­bür­tig aner­ken­nen. Die Auf­re­gung war ver­blüffend; ich sehe kaum, wie ein Katho­lik anders über die­ses The­ma den­ken könn­te. Die Kir­che Roms ver­steht sich selbst als Fort­set­zung Isra­els. Und so wie from­me Juden sich um die Tho­ra-Rol­len aus Perga­ment scha­ren, die sie für die Schrift gewor­de­ne Offen­ba­rung Got­tes hal­ten, so stellt sich die katho­li­sche Kir­che schüt­zend um ihre Dog­men her­um, aus denen ihrer Mei­nung nach das Licht der rei­nen Wahr­heit strahlt. Was ist dar­an verwerflich?“

Es geht um die Enzy­kli­ka „Domi­nus Jesus“, die auch im katho­li­schen Raum viel Staub auf­ge­wir­belt hat. Das Bemer­kens­wer­te ist, daß Han­nes Stein Jude ist.

Die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on – und in erster Linie natür­lich ihr Prä­fekt – hat kein Amt zum Schmu­sen und für pasto­ra­le Lie­bens­wür­dig­kei­ten, son­dern wie Heinz-Joa­chim Fischer in der FAZ schrieb „für klir­ren­de Klar­heit ange­sichts des Laufs der Welt.“

Ein vor­dring­li­ches Anlie­gen Bene­dikts ist es, Spal­tun­gen zu ver­meiden und Ein­heit zu schaf­fen. Dies könn­te die schwer­ste Last wer­den, die er zu schul­tern hat. In das welt­wei­te Echo zu sei­ner Wahl, das zumeist posi­tiv war, misch­ten sich die Stim­men jener, die sich von ihm als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on unge­recht behan­delt wähn­ten. So klag­te Hans Küng, dem 1980 die katho­li­sche Lehr­erlaub­nis ent­zo­gen wur­de, die Wahl sei eine „gro­ße Ent­täu­schung“. Der jah­re­lan­ge Medi­en­star Eugen Dre­wermann bezwei­fel­te jeg­li­chen Reform­wil­len des neu­en Pap­stes. Dage­gen ste­hen des­sen kla­re Worte:

„Wir dür­fen nicht ein­fach see­len­ru­hig alles ande­re ins Hei­den­tum her­un­ter­fal­len las­sen, son­dern müs­sen Wege fin­den, das Evan­ge­li­um wie­der neu auch in die Räu­me der Nicht­glau­ben­den hineinzubringen.“

Als eine der größ­ten Gefah­ren unse­rer Zeit betrach­tet Papst Bene­dikt den Rela­ti­vis­mus, wie er in sei­ner Pre­digt zu Beginn des Kon­kla­ves ausführte:

„Wie­vie­le Win­de der Leh­re haben wir in den letz­ten Jahr­zehn­ten erlebt! Wie­vie­le ideo­lo­gi­sche Strö­mun­gen, wie­vie­le Moden des Den­kens … vom Mar­xis­mus zum Libe­ra­lis­mus, bis zur Liber­ti­na­ge; vom Kollekti­vismus zum radi­ka­len Indi­vi­dua­lis­mus; vom Athe­is­mus zu einer vagen reli­giö­sen Mystik; vom Agno­sti­zis­mus zum Syn­kre­tis­mus und so wei­ter. Jeden Tag ent­ste­hen neue Sek­ten … Einen kla­ren Glau­ben zu haben, gemäß dem Cre­do der Kir­che, wird häu­fig als Fun­da­men­ta­lis­mus etiket­tiert. Dabei erscheint der Rela­ti­vis­mus, das heißt, das Sich-trei­ben-las­sen hier­hin und dort­hin, von jed­we­dem Wind der Leh­re, als die ein­zi­ge Hal­tung auf der Höhe der Zeit. Es bil­det sich eine Dik­ta­tur des Relati­vismus her­aus, die nichts als defi­ni­tiv aner­kennt und die als ein­zi­ges Maß nur das eige­ne Ich und sei­ne Wün­sche gel­ten läßt.“

Daß Papst Bene­dikt sich nicht in den Elfen­bein­turm des Gelehr­ten zurück­ge­zo­gen hat, wird aus sei­nen Stel­lung­nah­men zu höchst aktu­el­len Pro­ble­men der Gegen­wart deut­lich. Bekannt­lich wur­de in Deutsch­land im Zei­chen der Gleich­be­rech­ti­gung gefor­dert, in der Bun­des­wehr auch Frau­en zuzu­las­sen, die nicht nur im Sani­täts­dienst und in Musik­korps, son­dern auch in Kampf­ver­bän­den tätig sein soll­ten. Kar­di­nal Ratz­in­ger mein­te hierzu:

„Es schau­dert mich per­sön­lich immer noch, wenn man die Frau­en zu Sol­da­ten machen will. Oder daß Frau­en nun auch das ‚Recht’ haben, Müll­ab­fuhr zu machen und ins Berg­werk zu gehen, alles, was man ihnen eigent­lich aus Respekt vor ihrer Grö­ße, ihrem grö­ße­ren Anders­sein, ihrer eige­nen Wür­de nicht antun soll­te, das wird ihnen nun im Namen der Gleich­heit auferlegt.“

Beson­ders die Hei­mat­ver­trie­be­nen soll­ten nicht ver­ges­sen, daß sich Papst Bene­dikt, damals noch Erz­bi­schof von Mün­chen, am Pfingst­sonn­tag 1979 ganz ent­schie­den zu den Hei­mat­ver­trie­be­nen bekannt hat:

„Wenn Sie der ver­lo­re­nen Hei­mat geden­ken, dann steht das Unrecht der Ver­trei­bung wie­der vor Ihren Augen, das 15 Mil­lio­nen Deut­schen nach dem Krieg oft unter schreck­li­chen Begleit­um­stän­den wider­fah­ren ist. Die Welt­öf­fent­lich­keit hört aus vie­len Grün­den nicht gern davon, es paßt nicht in ihr Geschichts­bild hin­ein. Sie drängt dazu, die­ses Unrecht zu ver­schweigen, und auch Wohl­ge­sinn­te mei­nen, daß man um der Ver­söh­nung wil­len nicht mehr davon spre­chen soll­te. Aber eine Lie­be, die den Ver­zicht auf die Wahr­heit vor­aus­setzt, ist kei­ne wah­re Lie­be. Sie hät­te ein schlech­tes Fundament.

Aus der Psy­cho­lo­gie wis­sen wir, daß Ver­schwie­ge­nes und Ver­dräng­tes im Men­schen wei­ter­wirkt und, wenn es kei­nen Aus­weg fin­det, zur Ver­giftung von innen wird. Was im Leben des Ein­zel­nen gilt, das gilt auch für die Völ­ker. Unter­drück­te Wahr­hei­ten wer­den zu gefähr­li­chen Mäch­ten, die den Orga­nis­mus von innen ver­gif­ten und irgend­wo aus­bre­chen. Lie­be braucht Wahr­heit und darf nicht ohne sie sein.

Aber umge­kehrt gilt auch: Nur die Lie­be ist die rech­te Ant­wort auf die Wahr­heit, nur durch die Lie­be wird die Wahr­heit sinn­voll. Des­we­gen kann es nicht genü­gen, nach rück­wärts zu schau­en und das Unrecht zu benen­nen, es muß in Ver­söh­nung umge­wan­delt wer­den. Nur die Ver­söhnung kann die Ket­te des Bösen abbre­chen. Haß kann den Haß nicht über­win­den, Unrecht nicht das Unrecht besei­ti­gen: Das wis­sen Sie selbst aus Ihrer leid­vol­len Geschich­te am besten … ich möch­te in die­ser Stun­de ganz beson­ders all denen von Ihnen – ein­zel­nen und Grup­pen – dan­ken, die bewußt nach allem Erlit­te­nen in den Dienst der Ver­söh­nung, der Über­win­dung des Ver­gan­ge­nen getre­ten sind.“

Die Sor­ge man­cher, die lie­ber einen „pro­gres­si­ven“ Nach­fol­ger für Papst Johan­nes Paul II. gese­hen hät­ten, weil sie bei Bene­dikt kei­ne Ansät­ze zu not­wen­di­gen Refor­men zu erken­nen mei­nen, hält der jet­zi­ge Bischof von Augs­burg, Wal­ter Mixa, der als Nach­fol­ger von Erz­bi­schof Dyba zusätz­lich zu sei­nem Bis­tum das Amt des Mili­tär­bi­schofs beklei­det, für nicht begründet:

„Wer den neu­en Papst reform­feind­lich nennt, der kennt ihn nicht richtig.“

Und Ratz­in­gers lang­jäh­ri­ger aka­de­mi­scher Kol­le­ge, der ehe­ma­li­ge Tübin­ger Dog­ma­tik­pro­fes­sor Peter Hüner­mann, will über­ra­schen­de Wen­dun­gen bei Bene­dikt XVI. nicht ausschließen:

„Bei uns ist nie­mand vor Ein­flü­ste­run­gen des hei­li­gen Gei­stes gefeit.“

Das reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­che Insti­tut in Bolo­gna hat­te bereits vor 30 Jah­ren einen Refor­men­ka­ta­log aus­ge­ar­bei­tet, der bis­her noch nicht ent­sprechend behan­delt wor­den ist. The­men wie Sexu­al­mo­ral, Zöli­bat, Demo­kra­ti­sie­rung, Kol­le­gia­li­tät, Geschie­de­nen­seel­sor­ge, Abendmahl­gemeinschaft und die Stel­lung der Frau tre­ten in einem kon­fes­sio­nell gemisch­ten Land wie Deutsch­land deut­li­cher her­vor als etwa in Ita­li­en, Irland oder Polen. Es han­delt sich aber nicht um typisch deut­sche Pro­ble­me. Sie stel­len sich, gra­du­ell ver­schie­den, auf der gan­zen Welt. Papst Bene­dikt könn­te mit der ihm als Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che eige­nen Voll­macht die römi­sche Kir­chen­zen­tra­le, die Kurie, umge­stal­ten. So könn­ten bei­spiels­wei­se die Bischö­fe mehr Ent­schei­dungs­frei­heit erhal­ten. Kar­di­nal Ratz­in­ger selbst hat­te noch eini­ge Mona­te vor sei­ner Wahl zum Papst erklärt, daß die Kir­che, die welt­weit etwa 1,1 Mil­li­ar­den Katho­li­ken zählt, nicht mehr wie eine Mon­ar­chie geführt wer­den kön­ne. Aus lang­jäh­ri­ger Erfah­rung an der Kurie kennt er die römi­schen Seil­schaften, die unter sei­nem Vor­gän­ger schon allein wegen des­sen zahl­reichen Rei­sen in alle Welt oft nach eige­nem Gut­dün­ken schalteten.

Die Bolo­gne­ser Refor­mer den­ken an eine Art Regie­rungs­ka­bi­nett aus Bischö­fen, die wöchent­lich ein- bis zwei­mal mit dem Papst bera­ten und gemein­sam mit ihm, aber nie gegen ihn, ent­schei­den. Die Aus­füh­rung blie­be dann der Kurie überlassen.

Das größ­te Ärger­nis der Chri­sten­heit ist ihre Zer­ris­sen­heit. Bei aller Pro­fi­lie­rung des katho­li­schen Glau­bens, der kei­ne Wischi­wa­schi-Öku­­me­ne dul­det, liegt Papst Bene­dikt die Ein­heit der Chri­sten als vordring­liches Anlie­gen am Her­zen. Dabei weiß er sich dem Auf­trag Chri­sti ver­pflichtet. In sei­nem Den­ken ist er stark vom eng­li­schen Kon­ver­ti­ten, Kar­dinal John Hen­ry New­man, geprägt. Die­ser schrieb an den Her­zog von Nor­folk, dem Haupt des eng­li­schen Laienkatholizismus:

„Es hängt kei­nes­wegs von der Lau­ne des Pap­stes noch von sei­nem Belie­ben ab, ob er die­se oder jene Leh­re zum Gegen­stand einer Lehrent­scheidung macht. Er ist durch die gött­li­che Offen­ba­rung und durch die Wahr­hei­ten, die jene Offen­ba­rung ent­hält, gebun­den und begrenzt. Er ist gebun­den und begrenzt durch die Glau­bens­be­kennt­nis­se, die schon in Kraft sind, und durch die vor­her­ge­hen­den Leh­rent­schei­dun­gen der Kirche.“

Daß selbst ein als „Kon­ser­va­ti­ver“ gel­ten­der Mann der Kir­che nach reif­li­cher Über­le­gung in einer wich­ti­gen Fra­ge sei­ne Mei­nung ändern kann, macht deut­lich, daß Papst Bene­dikt kei­nes­wegs in fest­ge­fah­re­nen Glei­sen denkt. Ursprüng­lich war er der Ansicht, der schwer­kran­ke Papst Johan­nes Paul II. sol­le zurück­tre­ten, was ja auch vie­le kir­chen- und papst­treue Katho­li­ken mein­ten. Die­se Über­le­gung hat­te übri­gens seiner­zeit auch der schwer­kran­ke Papst Pius XII. ange­stellt. Von ihm stammt das Wort:

„Ein Papst muß gesund oder tot sein.“

In den letz­ten Wochen vor dem Kon­kla­ve gelang­te Kar­di­nal Ratzin­ger jedoch zur Über­zeu­gung, der umju­bel­te, aber zurück­ge­tre­te­ne Karol Woj­ty­la kön­ne zum Gegen­pol sei­nes Nach­fol­gers wer­den. Schließ­lich kennt die Kir­chen­ge­schich­te meh­re­rer Gegen­päp­ste mit je eige­ner Anhän­ger­schaft, die der Glaub­wür­dig­keit der Kir­che schwe­ren Scha­den zufügten.

Wenn Kar­di­nal Ratz­in­ger, der sei­nem Vor­gän­ger per­sön­lich eng ver­bunden war, den­noch nicht als neu­en Namen etwa Johan­nes Paul III. wähl­te, son­dern Bene­dikt XVI., so hat­te dies ganz wesent­lich mit sei­ner Bewun­de­rung für Papst Bene­dikt XV. zu tun, der von 1914 bis 1922 die Kir­che lei­te­te. Er war ein „Kämp­fer der Ver­söh­nung“ und woll­te den „Selbst­mord der Völ­ker“ ver­hin­dern. Unmit­tel­bar nach sei­ner Thronbe­steigung am 3.9.1914 hat­te er sich – lei­der eben­so ver­geb­lich wie Pius XII. 1939 – bemüht, die Völ­ker der Erde vor einem Welt­krieg zu bewah­ren. Bei aller Wah­rung strik­ter Neu­tra­li­tät gegen­über den Kriegs­par­tei­en sag­te er deut­lich, was er von dem über­all mit patrio­ti­scher Begei­ste­rung beglei­teten wech­sel­sei­ti­gen Gemet­zel hielt: Der Krieg sei eher „eine Schlächte­rei“ als ein Kampf unter Männern.

Bene­dikt möch­te ver­söh­nen, nicht spal­ten. Wie auch immer die ent­scheidenden Sta­tio­nen sei­nes Pon­ti­fi­kats ver­lau­fen, sie wer­den geprägt sein von sei­ner Besin­nung auf das Wesent­li­che, denn nur so kann man sich der „Got­tes­kir­che“ stel­len, die Papst Bene­dikt XVI. als die gro­ße Her­aus­for­de­rung der Chri­sten­heit am Beginn des drit­ten Jahr­tau­sends sieht. Eben­so wie Bene­dikt XV. möch­te er ein „Papst der Ver­stän­di­gung und der Ver­söh­nung“ sein.

Pater Lothar Grop­pe SJ, gebo­ren 1927 in Mün­ster. Nach Kriegs­ein­satz stu­dier­te er zunächst Rechts­wis­sen­schaft und trat 1948 in den Jesuiten­orden ein. Eini­ge Jah­re war er an den Ordens­gym­na­si­en in Ber­lin und Büren/Westfalen tätig. Ab 1962 im Dienst der Mili­tär­seel­sor­ge, von 1963–71 Mili­tär­pfar­rer und Dozent an der Füh­rungs­aka­de­mie der Bun­des­wehr in Ham­burg (Mili­tär­de­kan), anschlie­ßend im Bis­tum Essen tätig. Von 1973–87 Vor­le­sun­gen und Semi­na­re für die öster­rei­chi­schen General­stabslehrgänge, zwi­schen­zeit­lich Lei­ter der deut­schen Sek­ti­on von Radio Vati­kan, Stu­den­ten- und Leh­rer­seel­sor­ger sowie Gemein­de­pfar­rer in Öster­reich. Ab 1978 Mit­glied des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­ra­tes der Gesell­schaft für poli­tisch-stra­te­gi­sche Stu­di­en Wien/Madrid. Seit 1982 Kranken­hausseelsorger und schrift­stel­le­ri­sche Tätig­keit. Ab 1991 Mit­glied des Kura­to­ri­ums „Kon­ser­va­ti­ve Kul­tur und Bil­dung“. Seit 1998 Mit­glied im Kura­to­ri­um „Ver­brau­cher­ver­ei­ni­gung Medi­en“ und im Bei­rat der „Staats- und Wirt­schafs­po­li­ti­schen Gesellschaft“.

Der Bei­trag wur­de mit freund­li­cher Geneh­mi­gung dem Buch: Zum 80. Geburts­tag — Fest­schrift der Gesell­schaft zur För­de­rung öffent­li­cher Ver­ant­wor­tung e.V. für den Hei­li­gen Vater Papst Bene­dikt XVI., hrsg. von Georg Ratz­in­ger und Roger Zörb, Ham­burg 2007, entnommen.