Migration, Klugheit und das verlorene Gedächtnis der Christen

Nächstenliebe ohne Illusionen


Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten bedeutete keine Emigration in einen anderen Staat, da sowohl Judäa als auch Ägypten Teil des Römischen Reichs waren. Der Verweis auf die Heilige Familie eignet sich daher nicht zur Rechtfertigung der heutigen Migrationsagenda.
Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten bedeutete keine Emigration in einen anderen Staat, da sowohl Judäa als auch Ägypten Teil des Römischen Reichs waren. Der Verweis auf die Heilige Familie eignet sich daher nicht zur Rechtfertigung der heutigen Migrationsagenda.

Die gegen­wär­ti­ge kirch­li­che Spra­che zur Migra­ti­on ist von mora­li­scher Über­zeich­nung und histo­ri­scher Ver­kür­zung geprägt. Kaum ein ande­res The­ma wird so häu­fig in abso­lu­te Kate­go­rien gepreßt: Wer für offe­ne Gren­zen plä­diert, gilt als christ­lich; wer auf Ord­nung, Recht und kul­tu­rel­le Selbst­be­haup­tung ver­weist, wird rasch unter Gene­ral­ver­dacht gestellt. Jack Rigert wider­spricht die­ser Ver­en­gung im poli­ti­schen und kirch­li­chen Dis­kurs ent­schie­den. In sei­nem Bei­trag Cha­ri­ty Wit­hout Illu­si­on: Immi­gra­ti­on, Pru­dence, and the Chri­sti­an Memo­ry („Näch­sten­lie­be ohne Illu­sio­nen. Ein­wan­de­rung, Klug­heit und das Gedächt­nis der Chri­sten“) legt er den Fin­ger auf einen neur­al­gi­schen Punkt der kirch­li­chen Debat­te: den Ver­lust von Klug­heit, geschicht­li­chem Gedächt­nis und begriff­li­cher Klar­heit. Ver­öf­fent­licht wur­de Rigerts Bei­trag vom tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Cri­sis maga­zi­ne in den USA.

Die Heilige Familie – ein mißbrauchtes Bild

Beson­ders scharf kri­ti­siert Rigert den infla­tio­nä­ren Rück­griff auf die Flucht der Hei­li­gen Fami­lie nach Ägyp­ten. Die­se wer­de heu­te als unhin­ter­frag­ba­res mora­li­sches Urbild moder­ner Migra­ti­on instru­men­ta­li­siert. Die impli­zi­te Bot­schaft lau­te: Wer die Auf­nah­me von Migran­ten begrenzt oder ord­net, hand­le gegen das Evangelium.

Doch die­se Les­art hält einer histo­ri­schen Prü­fung nicht stand. Ägyp­ten war zur Zeit Jesu kei­ne frem­de Nati­on, son­dern seit 30 v. Chr. eine römi­sche Pro­vinz. Joseph über­schritt kei­ne Staats­gren­ze im moder­nen Sinn, son­dern beweg­te sich inner­halb des­sel­ben poli­ti­schen Macht­be­reichs. Die Hei­li­ge Fami­lie floh vor einem loka­len Tyran­nen – Hero­des –, nicht vor einer „Kul­tur“ oder einem „System“. Sie ver­lang­te kei­ne Umge­stal­tung der auf­neh­men­den Gesell­schaft und stell­te kei­ne poli­ti­schen Forderungen.

Rigert bringt es nüch­tern auf den Punkt:

„They were dis­pla­ced per­sons see­king safe­ty, not sym­bols for ideo­lo­gi­cal abstraction.“

„Sie waren Ver­trie­be­ne auf der Suche nach Sicher­heit, kei­ne Sym­bo­le für ideo­lo­gi­sche Abstraktionen.“

Die Hei­li­ge Fami­lie eig­net sich daher gera­de nicht als mora­li­sche Keu­le gegen jede Form legi­ti­mer Grenzpolitik.

Emigranten und Immigranten – eine folgenreiche Verwechslung

Einen zen­tra­len Bezugs­punkt bil­det Johan­nes Paul II. In sei­ner Bot­schaft zum Welt­mi­gra­ti­ons­tag 1995 mach­te er auf eine sub­ti­le, aber fol­gen­rei­che Ver­schie­bung der Spra­che auf­merk­sam. Immer häu­fi­ger wer­de nur noch vom „Ein­wan­de­rer“ gespro­chen – also vom Pro­blem im Auf­nah­me­land –, nicht mehr vom „Aus­wan­de­rer“, der durch Krieg, Kor­rup­ti­on oder wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruch aus sei­ner Hei­mat gedrängt wurde.

Die­se begriff­li­che Umkeh­rung ver­schlei­ert Ver­ant­wor­tung. Denn:

  • Der Aus­wan­de­rer ist das Opfer zer­stör­ter Ordnungen.
  • Der Ein­wan­de­rer ist der­sel­be Mensch, aber los­ge­löst von den Ursa­chen sei­ner Flucht.

Damit gera­ten nicht mehr die ver­sa­gen­den poli­ti­schen und mora­li­schen Eli­ten der Her­kunfts­län­der in den Blick, son­dern aus­schließ­lich die Auf­nah­me­län­der – vor­zugs­wei­se die west­li­chen, christ­lich gepräg­ten Gesell­schaf­ten. Johan­nes Paul II. warn­te aus­drück­lich vor die­ser Ver­kür­zung. Ech­te Soli­da­ri­tät bestehe nicht dar­in, Men­schen umzu­ver­tei­len, son­dern Unrecht an der Wur­zel zu bekämpfen.

Rigert for­mu­liert zuge­spitzt: Wer unbe­grenz­te Auf­nah­me for­dert, ohne Refor­men in den Her­kunfts­län­dern ein­zu­for­dern, ver­wei­ge­re sich der Fra­ge nach Ver­ant­wor­tung – das sei kei­ne Näch­sten­lie­be, son­dern mora­li­sche Flucht.

Keine christliche Lehre von offenen Grenzen

Ent­ge­gen man­cher kirch­li­cher Rhe­to­rik lehr­ten weder Johan­nes Paul II. noch der Kate­chis­mus jemals eine Pflicht zu offe­nen Gren­zen. Im Gegen­teil: Der Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che hält aus­drück­lich fest, daß Staa­ten das Recht und die Pflicht haben, Migra­ti­on zu regu­lie­ren (KKK 2241). Migran­ten besit­zen Wür­de und Rech­te – aber auch Pflich­ten gegen­über dem Gemein­we­sen, das sie aufnimmt.

Die eigent­li­che Tra­gik der heu­ti­gen Debat­te liegt für Rigert in der fal­schen Alter­na­ti­ve: Ent­we­der Mit­ge­fühl oder Ord­nung. Ent­we­der Barm­her­zig­keit oder Sicher­heit. Die­se Gegen­über­stel­lung ist der christ­li­chen Tra­di­ti­on fremd.

Augustinus und Thomas von Aquin: Ordnung als Voraussetzung der Liebe

Um die­se Tra­di­ti­on frei­zu­le­gen, greift Rigert auf Augu­sti­nus zurück. Für ihn ist Frie­den nicht bloß Gewalt­lo­sig­keit, son­dern tran­quil­li­tas ordi­nis – die Ruhe der Ord­nung (De civi­ta­te Dei, XIX,13). Poli­ti­sche Auto­ri­tät dient dem Schutz die­ser Ord­nung. Eine Gesell­schaft, die sich selbst nicht mehr schützt, wird nicht barm­her­zi­ger, son­dern ver­letz­li­cher – und trifft am Ende gera­de die Schwächsten.

Tho­mas von Aquin prä­zi­siert die­sen Gedan­ken mit dem Begriff der Klug­heit (pru­den­tia). Klug­heit ist „rech­te Ver­nunft im Han­deln“ (STh II–II, q.47, a.2). Sie ent­schei­det, wie all­ge­mei­ne mora­li­sche Prin­zi­pi­en unter kon­kre­ten Bedin­gun­gen anzu­wen­den sind. Auch die Lie­be folgt einer Ord­nung: Der Mensch hat beson­de­re Pflich­ten gegen­über denen, für die er unmit­tel­bar Ver­ant­wor­tung trägt (STh II–II, q.26).

Dar­aus folgt: Ein Staat darf Gren­zen sichern, Zuwan­de­rung begren­zen, Assi­mi­la­ti­on ver­lan­gen und Gefah­ren abweh­ren, ohne gegen die Näch­sten­lie­be zu ver­sto­ßen – sofern dies ohne Haß und unter Ach­tung der Men­schen­wür­de geschieht.

Migration aus islamischen Ländern – zwischen Person und Geschichte

Beson­ders sen­si­bel ist Rigerts Abschnitt zur Migra­ti­on aus mus­li­misch gepräg­ten Gesell­schaf­ten. Sei­ne Argu­men­ta­ti­on ist aus­drück­lich kei­ne pau­scha­le Ver­ur­tei­lung von Per­so­nen, son­dern ein Plä­doy­er für histo­risch infor­mier­te Klugheit.

Seit dem 7. Jahr­hun­dert wur­den gro­ße christ­li­che Kern­län­der – Nord­afri­ka, der Nahe Osten, Klein­asi­en – isla­misch erobert. Das Dhim­mi-System degra­dier­te Chri­sten zu Bür­gern zwei­ter Klas­se. Die­se Geschich­te ende­te nicht im Mit­tel­al­ter. Auch heu­te sind Chri­sten die welt­weit am stärk­sten ver­folg­te Reli­gi­ons­grup­pe, beson­ders in mus­li­mi­schen Mehr­heits­staa­ten. Über 380 Mil­lio­nen Chri­sten leben laut aktu­el­len Berich­ten unter hoher oder extre­mer Verfolgung.

Dar­aus folgt kei­ne kol­lek­ti­ve Schuld, wohl aber ein legi­ti­mes Recht auf Vor­sicht. Rigert for­mu­liert klar:

„Infor­med cau­ti­on shaped by histo­ri­cal expe­ri­ence is not bigo­try; it is prudence.“

„Eine infor­mier­te Vor­sicht, geprägt durch histo­ri­sche Erfah­rung, ist kein Fana­tis­mus; sie ist Klugheit.“

Die christliche Alternative

Am Ende kehrt Rigert zur Hei­li­gen Fami­lie zurück. Sie such­te Schutz, ohne For­de­run­gen zu stel­len. Sie bedroh­te nie­man­den. Sie ver­lang­te kei­ne kul­tu­rel­le Kapi­tu­la­ti­on, kei­ne Unter­wer­fung. Gera­de des­halb taugt ihr Schick­sal nicht zur Dele­gi­ti­mie­rung poli­ti­scher Verantwortung.

Christ­li­che Sozi­al­ethik kennt weder schran­ken­lo­se Uni­ver­sa­li­tät noch kal­te Abschot­tung. Sie kennt Ord­nung und Lie­be, Erin­ne­rung und Barm­her­zig­keit, Klug­heit und Mitgefühl.

Rigerts Fazit ist eben­so nüch­tern wie unbequem:

  • Wer die Geschich­te ver­gißt, wird naiv.
  • Wer die Per­son ver­gißt, wird ungerecht.
  • Wer die Klug­heit ver­gißt, ver­liert beides.

Der Weg nach vorn liegt nicht in uto­pi­schem Mora­lis­mus, son­dern in Gesell­schaf­ten, die fähig sind, Frem­de auf­zu­neh­men, ohne ihre eige­nen gei­sti­gen und kul­tu­rel­len Grund­la­gen preis­zu­ge­ben – jene Grund­la­gen, die ech­te Gast­freund­schaft über­haupt erst mög­lich machen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

2 Kommentare

  1. Schon die Kanz­le­rin Mer­kel ver­such­te die völ­li­ge Öff­nung der Gren­zen und den damit ver­bun­de­nen Mas­sen­ein­fall ins­be­son­de­re von jun­gen männ­li­chen Moham­me­da­nern mit dem Ver­weis auf die Flucht der hl. Fami­lie nach Ägyp­ten zu recht­fer­ti­gen und zu begrün­den. Sie, die auch mal sag­te: Mein Vater ist „Fah­rer“. Allein die­ser Aus­spruch zeigt Ihre Unernst­haf­tig­keit sowie die Ver­ne­be­lung und Ver­wi­schung in Bezug auf Wahr­heit und Klarheit.
    Lei­der wer­den die Lügen auch von ver­ant­wort­li­cher Stel­le in der Kir­che uner­müd­lich vor­ge­bracht und an erster Stel­le war das der ver­ehr­te Papst Franziskus.
    Wie konn­te es dazu kom­men? Was immer auch die Grün­de gewe­sen sein mögen, eines steht fest: die für die Frem­den para­dies­ähn­li­chen Zustän­de wer­den nicht mehr lan­ge andau­ern, da sich der Kol­laps des Systems bereits in Sicht­wei­te befin­det. Dem gei­sti­gen folgt auch der wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Zusam­men­bruch. Das Volk treibt sich nicht nur ab, es ist auch anson­sten immer ver­su­del­ter und ruch­lo­ser gewor­den, ob von links oder rechts.
    Dem­ge­gen­über sind vie­le Zuwan­de­rer, ob Afri­ka­ner, Inder, Ukrai­ner oder ande­re wie auch vie­le Mos­lems tat­säch­lich weit gesit­te­ter und respekt­vol­ler als sehr vie­le der Ein­hei­mi­schen. Gay­ro­pa ist so ein tref­fen­der Begriff für die Miß­lich­keit der Übel.

  2. Ein wei­te­rer Punkt ver­dient Beach­tung: die Hei­li­ge Fami­lie kehr­te in ihre Hei­mat zurück, nach­dem die Ursa­che zur Flucht ver­schwun­den war.
    Viva Cri­sto Rey!

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