Marianische Miterlösung und Metaphysik der Teilhabe

Die Marientitel Miterlöserin und Mittlerin sind weit entfernt, die Einzigartigkeit des Erlösers zu verdunkeln


Von Cri­stia­na de Magistris

Im phi­lo­so­phi­schen und theo­lo­gi­schen Den­ken des hei­li­gen Tho­mas von Aquin nimmt ein The­ma von außer­or­dent­li­cher Bedeu­tung eine zen­tra­le Stel­lung ein: die Mit­wir­kung des Geschöp­fes an der gött­li­chen Regie­rung. So sehr, daß Tho­mas in der Sum­ma con­tra gen­ti­les erklärt, „etwas von der Ursäch­lich­keit der Geschöp­fe weg­zu­neh­men bedeu­tet, etwas von der Herr­lich­keit Got­tes wegzunehmen“.

Gott hat wirk­li­che Wesen geschaf­fen, die fähig sind zu han­deln, da die Hand­lung die Mani­fe­sta­ti­on des Seins ist. Auf die­se Wei­se ver­leiht Gott den Geschöp­fen die Fähig­keit, ihrer­seits Ursa­che des Guten in der Welt zu sein. Damit betont Tho­mas die Bedeu­tung von Ver­mitt­lun­gen sowohl in der natür­li­chen als auch in der über­na­tür­li­chen Ordnung.

In der Sum­ma con­tra gen­ti­les wider­legt Tho­mas den Okka­sio­na­lis­mus, der beson­ders in der isla­mi­schen Welt ver­brei­tet war und der – um die Tran­szen­denz Got­tes zu wah­ren – jeg­li­che Art von Geschöp­fur­säch­lich­keit ver­warf. Tho­mas hin­ge­gen erklärt, Gott fin­de sein Wohl­ge­fal­len nicht dar­in, das Geschöpf zu ver­dun­keln, son­dern ihm die Wür­de der Ursäch­lich­keit mit­zu­tei­len. „Wenn Gott den Geschöp­fen sei­ne Ähn­lich­keit im Sein mit­ge­teilt hat, indem er ihnen erlaub­te, ihrer­seits zu sein, dann hat er ihnen auch sei­ne Ähn­lich­keit im Han­deln mit­ge­teilt, so daß die Geschöp­fe eben­falls eine ihnen eige­ne Tätig­keit besit­zen“ (SCG, III, 69). Denn ein Wesen zu erschaf­fen, das fähig ist, wei­ter­zu­ge­ben, was es emp­fan­gen hat, ist herr­li­cher, als ein­fach nur zu geben. Der Leh­rer, der die Schü­ler so unter­rich­tet, daß auch sie Leh­rer wer­den, ist gewiß bes­ser als jener, der sie ledig­lich auf der Ebe­ne von Schü­lern beläßt.

Gott ist jedoch der Hand­lung des Geschöp­fes nicht fremd. Im Gegen­teil: Das Geschöpf han­delt über­haupt nur, und han­delt um so bes­ser, als es von Got­tes Wir­ken getra­gen wird, der es im Sein erhält und zum Han­deln bewegt (phy­si­sche Prä­be­we­gung). Gott, so sagt der Aqui­na­te, hät­te alles aus sich selbst her­aus tun kön­nen. Doch aus Über­fül­le sei­ner Güte woll­te er den Geschöp­fen eine sol­che Ähn­lich­keit mit sich selbst mit­tei­len, daß sie nicht nur exi­stie­ren, son­dern auch Ursa­che für ande­re sein kön­nen. Natür­lich ste­hen das Wir­ken Got­tes und das des Geschöp­fes nicht auf der­sel­ben Ebe­ne, denn Gott ist Erst­ur­sa­che und das Geschöpf Zweit­ur­sa­che. „Es ist klar, daß eine und die­sel­be Wir­kung nicht ihrer natür­li­chen Ursa­che und Gott so zuge­schrie­ben wird, als ob ein Teil von Gott und ein ande­rer vom natür­li­chen Han­deln­den wäre; sie ist ganz dem einen und ganz dem ande­ren zuzu­schrei­ben (totus ab utro­que), jedoch auf unter­schied­li­che Wei­se. Ähn­lich wie eine Wir­kung ganz dem Werk­zeug und ganz der Haupt­ur­sa­che zukommt“ (SCG, III, 70).

Gott durch­dringt die Hand­lung des Geschöp­fes voll­stän­dig, indem er ihm das Sein und die Bewe­gung ver­leiht. Des­halb ist die­se Hand­lung ganz Got­tes und ganz des Geschöp­fes, jedoch auf ver­schie­de­nen Ebe­nen: totus ab utro­que. Gott als Erst­ur­sa­che, die Geschöp­fe als Zweit­ur­sa­chen. Das Gemäl­de ist ganz das Werk des Künst­lers und ganz das des Pin­sels, doch nicht auf der­sel­ben Ebe­ne. Den­noch wirkt Gott im Han­deln der Geschöp­fe, ohne ihnen die Wür­de der Ursäch­lich­keit zu neh­men, ja viel­mehr indem er sie ihnen ver­leiht, so wie der Künst­ler den Pin­sel benutzt, um sein Mei­ster­werk zu schaffen.

Im Licht die­ses Prin­zips ver­steht man, war­um Gott für die Mensch­wer­dung ein Geschöpf erwählt hat, das sei­ne Mut­ter sein soll­te. Er hät­te es nicht tun müs­sen. Er hät­te wie Adam in die Welt kom­men kön­nen, ohne Vater und Mut­ter. Doch er woll­te es nicht, weil es für ihn herr­li­cher ist, einem Geschöpf die Wür­de zu ver­lei­hen, sei­ne Mut­ter zu sein. Das­sel­be Prin­zip gilt für die maria­ni­sche Mit­er­lö­sung und Mitt­ler­schaft. Chri­stus hät­te die Welt ohne Mit­wir­kung irgend jeman­des erlö­sen kön­nen; doch wäre es für ihn weni­ger herr­lich gewe­sen, so wie er die Gna­den auch allein aus­tei­len könn­te, was aber wie­der­um weni­ger herr­lich gewe­sen wäre. Denn etwas von der Ursäch­lich­keit der Geschöp­fe weg­zu­neh­men, bedeu­tet, etwas von der Herr­lich­keit Got­tes wegzunehmen.

Mit­er­lö­sung und Mitt­ler­schaft Mari­ens voll­zie­hen sich selbst­ver­ständ­lich auf einer ande­ren Ebe­ne: Chri­stus als Haupt­ur­sa­che und Maria als Zweit­ur­sa­che, aber totus ab utro­que. Wie Papst Pius X. in sei­ner Enzy­kli­ka Ad diem illum gut erklärt hat: „Weil Maria an Hei­lig­keit und an der Ver­ei­ni­gung mit Jesus Chri­stus alle ande­ren über­trifft und weil sie von Jesus Chri­stus dem Erlö­sungs­werk zuge­ord­net wur­de, ver­dient sie uns de con­gruo – aus Ange­mes­sen­heit –, wie die Theo­lo­gen sagen, was Jesus Chri­stus uns de con­di­g­no – in stren­ger Gerech­tig­keit – ver­dient hat, und sie ist die höch­ste Ver­wal­te­rin der Spen­dung der Gna­den.“ Das Ver­dienst Chri­sti ist stren­ge Gerech­tig­keit (de con­di­g­no), da es aus der hypo­sta­ti­schen Uni­on her­vor­geht; das Ver­dienst Mari­ens ist Ange­mes­sen­heit (de con­gruo), da es aus ihrer gött­li­chen Mut­ter­schaft stammt. Aber totus ab utro­que.

Im Lich­te die­ser knap­pen Über­le­gun­gen, die auf­grund der Kom­ple­xi­tät des The­mas einer weit­aus aus­führ­li­che­ren Ver­tie­fung wür­dig wären, ergibt sich, daß der Leit­ge­dan­ke, der die bekann­te lehr­mä­ßi­ge Note Mater Popu­li fide­lis durch­zieht, näm­lich die angeb­li­che „Ver­dun­ke­lung“ der Erlö­sung durch die dok­tri­nä­re Auf­fas­sung der Mit­er­lö­sung, irrig und trü­ge­risch erscheint. Denn wie der Aqui­na­te sagt: „etwas von der Ursäch­lich­keit der Geschöp­fe weg­zu­neh­men, bedeu­tet, etwas von der Herr­lich­keit Got­tes weg­zu­neh­men“. Dar­aus folgt, daß die Titel Mit­erlö­se­rin und Mitt­le­rin, weit davon ent­fernt, die Ein­zig­keit des Erlö­sers zu ver­dun­keln, ihn viel­mehr ver­herr­li­chen. Der Erlö­ser wäre weni­ger glor­reich ohne die Mit­erlö­se­rin und Mitt­le­rin, und sei­ne ein­zig­ar­ti­ge Erlö­sung erstrahlt im geschaf­fe­nen Uni­ver­sum um so hel­ler, da an sei­ner Sei­te sei­ne Mut­ter steht, Mit­erlö­se­rin und Mitt­le­rin des Menschengeschlechtes.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

1 Kommentar

  1. Der auf­merk­sa­me Leser wird sich sicher­lich fra­gen: Ja, wo ist denn die­se Gott­ähn­lich­keit zu fin­den, die dem Men­schen ver­hei­ßen ist? Und die­se Fra­ge ist berech­tigt. Kön­nen wir sie über­haupt finden? 

    Auf­schluß gibt uns das Gleich­nis vom ver­lo­re­nen Sohn. Der jün­ge­re Sohn zieht in die Welt aus. Er ent­spricht Jakob und der älte­re Sohn wäre Esau. Aber das Erbe bekommt Jakob unter dem neu­en Namen Isra­el. Nun zieht Isra­el also in die Welt aus und kommt in schwer­ste Bedräng­nis. In der Welt, in der alles auf Mate­ri­el­les aus­ge­rich­tet ist, geht er unter. Zuletzt hütet er Schwei­ne und erlebt sich in einer Situa­ti­on, die ihm schlim­mer erscheint, als die der Schwei­ne. Allem beraubt, was er beim Aus­zug aus der Obhut des Vaters (im Him­mel) hat­te, kehrt er zurück. Der Vater emp­fängt ihn mit aller Lie­be und Zuwen­dung. Es ist alles ver­ge­ben, Isra­el ist die Freu­de des Vaters. 

    Dies ist die Geschich­te jedes ein­zel­nen Men­schen und der gesam­ten Menschheit. 

    Schau­en wir nun auf die Gott­ähn­lich­keit. Wenn wir die über­lie­fer­te Geschich­te betrach­ten, fin­den wir zunächst die Patri­ar­chen. Sie wer­den als Gerech­te bezeich­net, weil sie die Besten waren. Kei­ner die­ser wagt es, in die Nähe einer Got­tes­er­schei­nung zu tre­ten. Sogar Moses nähert sich erst auf Befehl Got­tes. Der Mensch des Alter­tums hat noch kei­ne Lie­be zum Vater. Er flüch­tet vor ihm. Der Mensch steht des­halb unter dem stren­gen Gesetz des Mose, weil er vor Gott flüch­tet. Der alte Mensch kann ledig­lich gerecht wer­den. Mehr ist ohne die Lie­be nicht mög­lich. Vom Men­schen als Eben­bild Got­tes ist noch nicht viel zu sehen. 

    Im Juden­tum der Zeit­wen­de sind Gerech­te, die, die sich dem Wil­len Got­tes unter­ord­nen. Joa­chim, der Vater Mari­as, ord­ne­te sich ohne Auf­leh­nung allem unter, was das Gesetz vor­schrieb. Aber er hat­te die Lie­be noch nicht. Auch Sau­lus war ein Gerech­ter, auch, wenn er den Jesus Chri­stus zunächst falsch ver­stand. Aber er hat­te die Lie­be noch nicht. Alle die­se sind noch nicht als Eben­bild Got­tes zu ver­ste­hen. Wo fin­den wir Schöp­fungs­ta­ten der her­aus­ra­gen­den unter die­sen Menschen? 

    Dann kommt Maria. Sie wird am Tem­pel auf­ge­zo­gen und hat eine ganz ande­re Natur. Die Über­lie­fe­rung drückt nicht expli­zit aus, daß Maria die Lie­be hat­te. Sie muß sie aber gehabt haben. Etwas ganz außer­ge­wöhn­li­ches pas­siert. Aus ihrem Kör­per wird der Erlö­ser gebo­ren, ohne dass sie einen Mann „kann­te“. Unter der Wir­kung des hei­li­gen Gei­stes emp­fängt sie. Der Anteil des Man­nes ist dabei ihrer. Sie wirkt gott­ähn­lich, weil aus ihr etwas her­vor­geht, daß über die Natur her­aus geht. 

    In den drei Jah­ren strahlt Jesus die Lie­be auf sei­ner Jün­ger aus. Kur­ze Zeit sind sie wie­der ver­las­sen. Dann wird an Pfing­sten der hei­li­ge Geist für alle aus­ge­gos­sen. Die Lie­be ist da! Pfing­sten ist eine Neu­schöp­fung des Men­schen. Ab jetzt sucht der Mensch aus sich selbst her­aus den Vater. 

    Der hei­li­ge Geist über­strahlt die Grün­dung der Urkir­che. Aber er zieht sich wie­der zurück. Der Geist war noch so stark, daß er die Men­schen im ersten Jahr­hun­dert über­wäl­tigt hat. Die Frei­heit wäre ein­ge­schränkt geblie­ben. Zun­gen­re­den, ohne zu wis­sen, was man sagt, ist eine Ein­schrän­kung der Freiheit. 

    Hier beginnt das Gleich­nis vom ver­lo­re­nen Sohn. Der Mensch zieht in die mate­ri­el­le Welt aus. Er wen­det sich vom Vater ab. Weni­ge in jedem Zeit­al­ter blie­ben Leuch­ten. Die Mensch­heit aber zog in die Welt her­aus. Die Welt ver­strick­te sich immer stär­ker im Mate­ri­el­len. Tief­punkt war die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts. Damals war die Situa­ti­on der Arbei­ter so schlimm, wie es im Gleich­nis der ver­lo­re­ne Sohn emp­fin­det, als er das Schwei­ne­fut­ter für bes­ser hielt, als sein eige­nes Dasein. Die indu­stri­el­le Revo­lu­ti­on erzeug­te die Illu­si­on vom ewi­gen Fort­schritt. Der Kom­mu­nis­mus sprach aus: Gott ist tot. 

    Im Jahr 2025 ist der ver­lo­re­ne Sohn umge­kehrt. Der Mensch, allem beraubt, was sein Dasein erhell­te, will zum Vater zurück. Was wird er dort erhal­ten? Er bekommt die Gott­ähn­lich­keit, die ver­hei­ßen ist. Wie sie aus­se­hen wird, ist uns noch völ­lig unbe­kannt. Wir wis­sen ledig­lich, wenn Jesus in sei­ner gan­zen Macht zurück­er­scheint, ist es soweit. 

    Bis dahin ist Maria bei uns. Die erste, die die Lie­be hat­te. Die erste, die mehr her­vor­ge­bracht hat, als es die gewöhn­li­che Natur kann. Für uns gibt es eine Anstren­gung. Wir müs­sen uns das ver­die­nen, was uns am Tag der Herr­lich­keit gege­ben wer­den kann. 

    Jesa­ja 35,4: „Sagt den Ver­zag­ten: Habt Mut, fürch­tet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Got­tes wird kom­men und sei­ne Ver­gel­tung; er selbst wird kom­men und euch erret­ten. Dann wer­den die Augen der Blin­den geöff­net, auch die Ohren der Tau­ben sind wie­der offen. Dann springt der Lah­me wie ein Hirsch, die Zun­ge des Stum­men jauchzt auf. In der Wüste bre­chen Quel­len her­vor und Bäche flie­ßen in der Step­pe. Der glü­hen­de Sand wird zum Teich und das dur­sti­ge Land zu spru­deln­den Quel­len. An dem Ort, wo jetzt die Scha­ka­le sich lagern, gibt es dann Gras, Schilf­rohr und Bin­sen. Eine Stra­ße wird es dort geben; man nennt sie den Hei­li­gen Weg. Kein Unrei­ner darf ihn betre­ten. Er gehört dem, der auf ihm geht.“

    Lukas 15,20: „(Der Vater) lief dem Sohn ent­ge­gen, fiel ihm um den Hals und küß­te ihn.“

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