Eine erste, spontane Reaktion zum Neuen Dokument über die Ausübung des Petrusamtes

Klarstellungen 5


Christus übergab dem Petrus die Schlüssel zum Himmelreich
Christus übergab dem Petrus die Schlüssel zum Himmelreich

Von Msgr. Mari­an Eleganti*

Anzei­ge

Die Akzep­tanz des römisch-katho­li­schen, päpst­li­chen Juris­dik­ti­ons­pri­mats durch die ande­ren Chri­sten als Kri­te­ri­um für sei­ne Gül­tig­keit und Legi­ti­mi­tät zu sehen und das Papst­tum ent­spre­chend (neu, anders) zu ver­ste­hen oder aus­zu­üben als bis­her, ist mei­nes Erach­tens falsch. 

Es kann nicht dar­um geben, das Petrus­amt so lan­ge her­ab­zu­stu­fen, bis es für mög­lichst vie­le getrenn­te Chri­sten akzep­ta­bel wird, aber nicht mehr das ist, was es nach dem Wil­len Chri­sti zu sein hat. Das Kri­te­ri­um ist also, ob es in sei­ner jet­zi­gen Gestalt die­sem Wil­len und der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums ent­spricht, eine Stif­tung durch Chri­stus (also gött­li­chen Rechts) bleibt, und ob sei­ne Ent­wick­lung und Dog­ma­ti­sie­rung im Lau­fe der Zeit im Hei­li­gen Geist erfolg­te oder nicht. Wir waren immer davon über­zeugt, dass der Hl. Geist die Kir­che in die vol­le Wahr­heit führt und sie in der Wahr­heit erhält, wes­halb sie als unfehl­bar gilt. Des­halb glau­ben wir in der Pro­fes­sio Fidei auch an die Kir­che zusam­men mit dem Hei­li­gen Geist. Ausser­dem liegt eine unfehl­ba­re Dog­ma­ti­sie­rung des Petrus­am­tes vor. Inso­fern kann die Beant­wor­tung der Fra­ge, wor­in das Petrus­amt besteht, und wie es aus­ge­übt wird (vor allem, ob es für alle Chri­sten juris­dik­tio­nell ver­bind­lich ist oder nicht) kein Ergeb­nis von Ver­hand­lun­gen sein, die nach dem gröss­ten oder klein­sten gemein­sa­men Nen­ner suchen. Das Eigent­li­che, das bis­her Erreich­te, näm­lich das, was Chri­stus woll­te, kann nicht wie­der ahi­sto­risch zur Dis­po­si­ti­on gestellt wer­den nach dem Mot­to «Zurück an den Start!». Die Wahr­heit bzw. der Wil­le Got­tes, nicht der Kon­sens mit den getrenn­ten Brü­dern, muss hier den Aus­schlag geben. Die Fra­ge ist von grund­sätz­li­cher Natur. Sie rührt an die Wur­zeln der röm.-kath. Ekkle­sio­lo­gie: Hat sich das Papst­tum in der röm.-katholischen Kir­che authen­tisch und unter der Füh­rung des Hl. Gei­stes ent­wickelt bis zur Dog­ma­ti­sie­rung durch das Vati­ka­num I, oder sieht man mit den ande­ren christ­li­chen, kirch­li­chen Gemein­schaf­ten und Deno­mi­na­tio­nen die­se Ent­wick­lung im Wesent­li­chen als eine Fehl­ent­wick­lung an und als eine Über­frem­dung des Evan­ge­li­ums, als ein Abrücken von der durch Chri­stus gestif­te­ten und ursprüng­lich gewoll­ten Urform des Petrus­am­tes? Das ist für die Kir­che eine Fra­ge von Sein und Nicht­sein, eine fun­da­men­tal ekkle­sio­lo­gi­sche Fra­ge, näm­lich nach dem Wo bzw. der Ver­or­tung der einen, wah­ren und sicht­ba­ren Voll­ge­stalt der Kir­che Chri­sti. Kurz: Wo ist (exi­stit) die eine, wah­re und sicht­ba­re Kir­che Chri­sti? Die römisch-katho­li­sche Ant­wort dar­auf ken­nen wir: die römisch-katho­li­sche Kir­che. Es gibt aus unse­rer Sicht auch nach dem Vati­ka­num II kei­ne ande­re und wird es auch nicht geben. Da aber wer­den die ande­ren «Kir­chen» sicher nie zustim­men. Sie sind ja aus die­sem Grund von uns – min­de­stens juris­dik­tio­nell – sicht­bar getrennt.

Wenn man die Ent­wick­lung des kirch­li­chen Amtes seit den Tagen der Apo­stel als ein Kon­ti­nu­um sieht, das vom Hei­li­gen Geist inspi­riert und geführt wur­de, kann man die­se Ent­wick­lung bis zu den Spit­zen­aus­sa­gen über das Petrus­amt des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils nicht rück­ab­wickeln auf angeb­lich ein­fa­che­re Vor­stu­fen, auf denen ande­re Kir­chen und christ­li­che Deno­mi­na­tio­nen ste­hen geblie­ben oder von ihnen über­haupt abge­kom­men sind, weil sie auf­grund ihres dies­be­züg­li­chen Dis­sen­ses mit dem römisch-katho­li­schen Ver­ständ­nis von Kir­che im All­ge­mei­nen und dem uni­ver­sa­len Juris­dik­ti­ons­pri­mat des Bischofs von Rom im Beson­de­ren nicht ein­ver­stan­den waren und bei ihrem dies­be­züg­li­chen Dis­sens geblie­ben sind.

Damit stellt sich – wie bereits gesagt – die Grund­fra­ge nach der wah­ren und sicht­ba­ren Kir­che und ihrer Unteil­bar­keit, jene Kir­che, die Chri­stus gemeint hat, auf Petrus, dem Fel­sen, gegrün­det hat, und die an Pfing­sten in Jeru­sa­lem ihre Geburts­stun­de erlebt hat und im Lauf der Zeit sich selbst treu geblie­ben ist. Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil beant­wor­te­te die­se Fra­ge mit sei­nem pro­ble­ma­ti­schen und erklä­rungs­be­dürf­ti­gen «sub­si­stit in». Die Kon­zils­vä­ter waren zwar immer noch davon über­zeugt, dass die römisch-katho­li­sche die sicht­ba­re Voll­ge­stalt der Kir­che Chri­sti ist (exi­stit), haben aber die­sen unauf­heb­ba­ren Anspruch seman­tisch ver­we­delt (sub­si­stit), um mehr inklu­siv und weni­ger exklu­siv auf­zu­tre­ten, kei­ne Gefüh­le zu ver­let­zen und die gül­ti­gen Ele­men­te der Wahr­heit und sakra­men­ta­len Struk­tu­ren der von ihr getrenn­ten Chri­sten anzu­er­ken­nen und ins Licht zu rücken.

Nun will man die­se Büch­sen in einem neu­en Anlauf wie­der auf­ma­chen und die Lehr­ent­wick­lung und Ämter­theo­lo­gie, ins­be­son­de­re in Bezug auf das Petrus­amt und sei­ne Aus­übung, wie­der in Fra­ge stel­len. Die Rich­tung soll syn­odal oder biblisch-evan­ge­lisch sein, das Mensch­li­che in die­ser kom­ple­xen Wirk­lich­keit vom Gött­li­chen getrennt wer­den, damit das Papst­tum in neu­er Akzep­tanz und in einer neu­en Form sei­nes Selbst­ver­ständ­nis­ses und sei­ner Aus­übung erscheint. Das ist ekkle­sio­lo­gisch bedenk­lich. Etwas salopp und mit ande­ren Wor­ten: «Ver­gesst die Dog­ma­ti­sie­rung des römi­schen Juris­dik­ti­ons­pri­ma­tes auf dem Vati­ka­num I und kehrt in die Refor­ma­ti­ons­zeit, ins erste Jahr­tau­send oder über­haupt in die apo­sto­li­sche Zeit zurück! Rela­ti­viert jene dog­ma­ti­schen Spit­zen­aus­sa­gen eines öku­me­ni­schen Kon­zils des latei­ni­schen Westens als eine sei­ner kul­tu­rel­len Beson­der­hei­ten, die in sei­ner gan­zen juris­dik­tio­nel­len Zuspit­zung nur für die latei­ni­sche Kir­che gilt! Gebt die­ses spal­ten­de Joch auf, das der römi­sche Papst ex sese (aus sich selbst) und nicht ex con­sen­su (auf­grund der Zustim­mung einer Mehr­heit) nicht allen Chri­sten auf­er­le­gen kann. Ein Ein­heits­amt wird gewollt, aber syn­odal, d. h. mehr­heits­fä­hig und nur ver­bind­lich, wenn die Mehr­heit der Betei­lig­ten (das sind alle Chri­sten) eine Sache so ent­schie­den hat: der Papst als Mode­ra­tor und Syn­oden­lei­tung, mehr nicht, besten­falls als glaub­wür­di­ger Zeu­ge, dem natür­lich auch wider­spro­chen wird. Wie gut bzw. wie schlecht das funk­tio­niert, kann man gera­de bei den getrenn­ten Brü­dern sehr gut sehen (vgl. Angli­ka­nis­mus). Wir ver­ste­hen nun, wes­halb der Titel «Patri­arch des Westens» als Attri­but des römi­schen Pap­stes wie­der ein­ge­führt wur­de, nach­dem Bene­dikt XVI. ihn fal­len gelas­sen hat­te! Ist das ein Gewinn? Ich per­sön­lich hal­te es für einen Rück­schritt und für eine in Bezug auf das Petrus­amt bedenk­li­che Selbst­auf­he­bung der römisch-katho­li­schen Lehr­ent­wick­lung, die in unse­rer Fra­ge immer schon Stein des Ansto­sses war und zwar nicht nur auf­grund des mora­li­schen Ver­sa­gens von Päp­sten, son­dern viel grund­sätz­li­cher und theo­lo­gi­scher bzw. kir­chen­po­li­ti­scher. Nun neu zu behaup­ten, das Papst­tum sei gött­li­chen und mensch­li­chen Rechts, um durch letz­te­re Ergän­zung vor allem sei­ne juris­dik­tio­nel­le Aus­übung histo­risch-kri­tisch rela­ti­vie­ren zu kön­nen, bedeu­tet für mich, nicht an die Kir­che als gött­li­che Insti­tu­ti­on zu glau­ben. Noch ein­mal: «Ich glau­be an den Hei­li­gen Geist, die eine, hei­li­ge, katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che». Letz­te­re ist in der Fra­ge des Petrus­am­tes ein­deu­tig römisch und bil­det im Sym­bo­lum mit dem Hei­li­gen Geist ein «iunc­tim» (eine Ein­heit). Dies in Fra­ge zu stel­len, bedeu­tet nach römisch-katho­li­schem Ver­ständ­nis der Dog­men­ent­wick­lung die Unfehl­bar­keit der Kir­che Chri­sti im All­ge­mei­nen und des Pap­stes im Beson­de­ren (bestimm­te Bedin­gun­gen vor­aus­ge­setzt) in Fra­ge zu stellen.

Ich den­ke abschlie­ssend, dass auf die­se dis­kur­siv-syn­oda­le Wei­se auch in die­ser Fra­ge mit den getrenn­ten Chri­sten kei­ne Kir­che zu machen ist, so wenig wir dies­be­züg­lich in der Ver­gan­gen­heit mit ihren Ver­wer­fun­gen (vgl. die Refor­ma­ti­ons­zeit) auf einen grü­nen Zweig gekom­men sind. Eine Rück­keh­r­ö­ku­me­ne (aus Sack­gas­sen kommt man nur durch Umkehr) darf es ja erklär­ter­ma­ssen nicht geben, obwohl die gan­ze Wahr­heit es mei­ner Mei­nung nach ver­lan­gen wür­de. Man könn­te auch von Wie­der­ver­ei­ni­gung spre­chen. Aber eine sol­che müss­te in der Wahr­heit erfol­gen, und nicht als eine Form des Ehren­pri­ma­tes des römi­schen Pap­stes eine wei­ter­hin aus­ein­an­der­drif­ten­de Chri­sten­heit weiss über­tün­chen, die de fac­to und juris­dik­tio­nell sicht­bar getrennt bleibt und auch nicht in wesent­li­chen, ekkle­sio­lo­gi­schen und dog­ma­ti­schen Fra­gen zu einem Kon­sens gelangt. Die regio­na­le Umset­zung des gemein­sa­men Glau­bens (ist er das?) wür­de wei­ter­hin (wie bis­her) dif­fe­rie­ren. Den­ken wir nur an die kirch­li­chen Gemein­schaf­ten aus dem Pro­te­stan­tis­mus. Nein, der durch das neue Doku­ment vor­ge­schla­ge­ne Weg ist für mich eine «Fata mor­ga­na» sui gene­ris, die ins Cha­os führt oder das bereits Bestehen­de abseg­net. Mit die­sem State­ment bin ich natür­lich defi­ni­tiv «aussen vor». Man muss die Fra­ge im eige­nen Gewis­sen ent­schei­den. So wie Jesus pes­si­mi­stisch (?) oder rea­li­stisch ange­kün­digt hat, dass es Krie­ge immer geben wird, so wird der Dis­sens in der Chri­sten­heit in Fra­gen wie dem Petrus­amt und ande­ren lei­der eine Rea­li­tät blei­ben, ganz zu schwei­gen von der pasto­ra­len Pra­xis (die sog. «Lebens­wirk­lich­keit» der «Kir­chen») auf­grund ihres ande­ren Amts- und Sakra­men­ten­ver­ständ­nis­ses. Wir blei­ben Sün­der, und der neue Vor­schlag bzw. die neue Dis­kus­si­ons­grund­la­ge ist nicht mehr als ein kraft­lo­ser Kohä­si­ons­ver­such, aber kei­ne Ein­heit in der unteil­ba­ren Wahr­heit, die für alle gilt. Für uns ist die­se Wahr­heit ganz klar römisch-katho­lisch, oder wollt Ihr behaup­ten, dass die röm.-katholische Kir­che von der Wahr­heit Chri­sti und von Sei­nem Wil­len im 19. Jahr­hun­dert auf dem Vati­ka­num I mit sei­ner Dog­ma­ti­sie­rung des uni­ver­sa­len Juris­dik­ti­ons­pri­ma­tes des Pap­stes (ex sese non ex con­sen­su) abge­kom­men ist? Dabei ging es doch gera­de um die Unfehlbarkeit!

*Msgr. Mari­an Ele­gan­ti OSB, der pro­mo­vier­te Theo­lo­ge war von 1999 bis 2009 Abt der Bene­dik­ti­ner­ab­tei St. Otmars­berg im Kan­ton Sankt Gal­len, dann von 2009 bis 2021 Weih­bi­schof der Diö­ze­se Chur.

Bild: Chri­stus über­gibt Petrus die Schlüs­sel von Peru­gi­no (1481), Six­ti­ni­sche Kapel­le (Wiki­com­mons)

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