„Diese Teufel im Vatikan greifen Benedikt an“

Der Tod von Benedikt XVI. zerbricht ein prekäres Gleichgewicht in der Kirche

Am 2. Januar wurde der Leichnam Benedikts XVI. in den Petersdom übergeführt.
Am 2. Januar wurde der Leichnam Benedikts XVI. in den Petersdom übergeführt.

Die Wor­te sei­nes per­sön­li­chen Sekre­tärs Georg Gäns­wein sind unmiß­ver­ständ­lich: Die 2005 im Kon­kla­ve unter­le­ge­ne „Par­tei“ führ­te Krieg gegen Papst Bene­dikt XVI. Sein Tod zer­bricht ein pre­kä­res Gleich­ge­wicht in der Kir­che, so der katho­li­sche Publi­zist Loren­zo Ber­toc­chi in sei­ner Ana­ly­se.

Für Pro­fa­ne könn­te alles nur eine mensch­li­che Erklä­rung haben, aber in Wirk­lich­keit betrifft der Kampf letzt­lich die „Gei­ster der Lüf­te“, die über die mate­ri­el­le Welt hin­aus­ge­hen, so Ber­toc­chi. In die­sen Tagen vor dem Begräb­nis des „eme­ri­tier­ten“ Pap­stes Bene­dikt XVI. besteht die Gefahr, daß das Kli­ma der Trau­er und der auf­rich­ti­gen Ergrif­fen­heit, das in der Kir­che und in den Kom­men­ta­ren herrscht, „ver­deckt, was der Kir­che schon immer wider­fah­ren ist: das Wir­ken des ‚Spal­ters‘, des Dia­bal­lo, des­je­ni­gen, der Zwie­tracht sät, kurz­um, des Teufels.“

Msgr. Georg Gäns­wein, der lang­jäh­ri­ge Sekre­tär von Papst Joseph Ratz­in­ger, sprach es in einem gestern von La Repubbli­ca ver­öf­fent­lich­ten Inter­view aus, als ihn Ezio Mau­ro frag­te: In den Jah­ren des Pon­ti­fi­kats von Bene­dikt XVI., den Jah­ren von Vati­leaks, des Miß­brauchs­skan­dals, der Vatik­an­bank IOR, „haben Sie da die Gegen­wart des Teu­fels gespürt?“

„Ich habe ihn sehr gespürt in dem Wider­spruch gegen Papst Bene­dikt“, ant­wor­te­te Don Georg trocken und gab der Sache damit eine ganz ande­re Note. Die Ant­wort läßt tie­fer blicken.

In einem Inter­view mit der deut­schen Tages­post nahm Gäns­wein noch eine Klar­stel­lung vor, indem er sag­te, daß Bene­dikt XVI. „mit Schmerz im Her­zen“ das Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des gele­sen habe, mit dem Papst Fran­zis­kus im Som­mer 2021 das Motu pro­prio Sum­morum Pon­ti­fi­cum sei­nes Vor­gän­gers eliminierte.

Das Repubbli­ca-Inter­view, das gestern unter dem Titel „Im Vati­kan hat der Teu­fel gegen Bene­dikt XVI. agiert“ ver­öf­fent­licht, aber bereits weni­ge Tage vor dem Tod des eme­ri­tier­ten Pap­stes gege­ben wur­de, betont vor allem und zum x‑ten Mal, daß der Rück­tritt von Bene­dikt XVI. nicht unter einer Art Erpres­sung erfolg­te. Sein Amts­ver­zicht sei „frei“ erfolgt und wur­de von einer per­sön­li­chen Ein­schät­zung Ratz­in­gers dik­tiert, der kör­per­lich nicht mehr in der Lage gewe­sen sei, das Amt wei­ter aus­zu­üben. Vie­le der Freun­de Bene­dikts XVI. waren mit die­ser Ent­schei­dung gar nicht ein­ver­stan­den, nicht ein­mal Gäns­wein selbst, wie er im sel­ben Inter­view sagt. Der Rück­tritt hat vor allem die Geg­ner Bene­dikts XVI. glück­lich gemacht, aber nicht etwa wegen klein­li­cher Macht­fra­gen, son­dern gera­de wegen der Bedeu­tung für die Ekkle­sio­lo­gie und die Inter­pre­ta­ti­on der Figur des Pap­stes selbst. Es geht um radi­ka­le Fra­gen, tie­fe Bruch­li­ni­en und Ver­wer­fun­gen, vor denen die Kir­che zit­tert. Dar­auf stür­zen sich die „Gei­ster der Lüf­te“ mit Begei­ste­rung und aller Wut.

Die Wahl von Papst Fran­zis­kus im Kon­kla­ve 2013, das ein­be­ru­fen wur­de, um die Sedis­va­kanz nach dem Amts­ver­zicht von Bene­dikt XVI. zu been­den, wur­de immer wie­der als Rache jener „Par­tei“ bezeich­net, die im Kon­kla­ve 2005 besiegt wor­den war, wenn man es so nen­nen kann. Msgr. Gäns­wein selbst sag­te, die Wahl Bene­dikts XVI. sei das Ergeb­nis „eines dra­ma­ti­schen Kamp­fes zwi­schen der soge­nann­ten ‚Salz der Erde“-Parteiung um die Kar­di­nä­le López Tru­jíl­lo, Rui­ni, Her­ranz, Rou­co Vare­la und Medi­na und der soge­nann­ten St.-Gallen-Gruppe um die Kar­di­nä­le Dan­neels, Mar­ti­ni, Sil­ve­st­ri­ni, Kas­per, Leh­mann und Mur­phy-O’Con­nor. Die Agen­da des Jesui­ten­kar­di­nals Car­lo Maria Mar­ti­ni, die er auf der Bischofs­syn­ode von 1999 kurz und bün­dig for­mu­lier­te, wird in gewis­ser Wei­se als Mani­fest der Libe­rals angesehen:

  • Locke­rung der Moral­leh­re (mit Aus­höh­lung der Enzy­kli­ken Hum­a­nae vitae von Paul VI. und Veri­ta­tis sple­ndor von Johan­nes Paul II.);
  • neue Rol­le (Ämter) für die Frau;
  • Wei­he ver­hei­ra­te­ter Priester;
  • eine Kir­che der per­ma­nen­ten Synode.

Die­se Hin­wei­se rei­chen aus, um zu ver­ste­hen, war­um der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster bereits im Okto­ber 2013, weni­ge Mona­te nach der Wahl von Jor­ge Mario Berg­o­glio, titel­te: „Papst Mar­ti­ni, ein Wirk­lich­keit gewor­de­ner Traum“.

Der Bruch ist, wie gesagt, abgrund­tief und kann nicht geleug­net wer­den. Fran­zis­kus ist der regie­ren­de Papst und Bene­dikt war seit zehn Jah­ren der „eme­ri­tier­te“ Papst. Sie haben sich gegen­sei­tig respek­tiert und aner­kannt und eine schein­bar ruhi­ge und koope­ra­ti­ve Koexi­stenz auf­ge­baut, aber sie blie­ben zwei ganz unter­schied­li­che und weit von­ein­an­der ent­fern­te Per­sön­lich­kei­ten. Nicht ein­mal Bene­dikt XVI. hat­te, wie er sei­nem Bio­gra­phen Peter See­wald anver­trau­te, mit der Wahl von Kar­di­nal Berg­o­glio gerech­net, viel­leicht, wie unvor­sich­ti­ger­wei­se gera­de Kar­di­nal Mar­ti­ni sag­te, weil er erwar­te­te, daß „es ein Kon­kla­ve geben wird, das viel­leicht [Ange­lo] Sco­la“ wäh­len wür­de (Mar­ti­ni in einem Dia­log mit Rena­ta Pat­ti, einem ehe­ma­li­gen Mit­glied der Fokolar-Bewegung).

Jeden­falls hat das gan­ze bis­he­ri­ge Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus mit den zehn Jah­ren von Ratz­in­gers Leben als „Eme­ri­tus“ koexi­stiert. Zehn Jah­re, in denen die bei­den See­len der tel­luri­schen Bruch­li­nie in der Kir­che sofort auf­ein­an­der­ge­prallt sind und zwar kon­kret seit der Dop­pel­syn­ode über die Fami­lie in den Jah­ren 2014 und 2015. In gewis­ser Wei­se hat Papst Bene­dikt, wenn auch weit­ge­hend schwei­gend, als Gegen­ge­wicht zum Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus gewirkt, und das nicht nur in einer pola­ri­sie­ren­den jour­na­li­sti­schen Inter­pre­ta­ti­on, son­dern gera­de auch inner­halb des Kir­chen­kör­pers. Für die einen war Bene­dikt eine lästi­ge reak­tio­nä­re Brem­se, für die ande­ren aber ein „Kat­echon“, das wei­ter­hin wirkte.

Das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI. wur­de von Vati­leaks, dem Miß­brauchs­skan­dal – zu des­sen Auf­ar­bei­tung übri­gens Bene­dikt als Kar­di­nal und als Papst die stärk­sten und maß­geb­lich­sten Anstö­ße gege­ben hat, nicht Fran­zis­kus –, schließ­lich Skan­da­len bei der Vatik­an­bank IOR über­schat­tet, all das ist an die Ober­flä­che gedrun­gen, weil der Dämon, den Gäns­wein „gegen Papst Bene­dikt“ in Akti­on sah, in der Welt wohnt, und dem „pasto­re tedes­co“ nichts „durch­ge­hen“ ließ, um jenes nie­der­träch­ti­ge Urteil über den 2005 gera­de neu­ge­wähl­ten Papst Bene­dikt XVI. anzu­spre­chen, das Ber­toc­chi in Erin­ne­rung ruft und das erklärt wer­den muß. 

Es han­del­te sich um ein übles Wort­spiel, das die kom­mu­ni­sti­sche Tages­zei­tung Il Mani­festo am Tag nach der Wahl Bene­dikts zusam­men mit einem Bild des neu­en Pap­stes auf die Titel­sei­te setz­te. Das Wort­spiel konn­te sowohl als „deut­scher Hir­te“, aber viel wahr­schein­li­cher, da umgangs­sprach­lich geläu­fig, als „Deut­scher Schä­fer­hund“ gele­sen wer­den. Genau das war beab­sich­tigt. Die radi­ka­le Lin­ke, die heu­te als Fuß­trup­pe und Sturm­ab­tei­lung den höch­sten Eta­gen des glo­ba­li­sti­schen Estab­lish­ments dient, begrüß­te Bene­dikt XVI. mit sei­ner Her­ab­wür­di­gung als Hund. Papst Fran­zis­kus hin­ge­gen knüpf­te schnell beste Kon­tak­te zum Mani­festo, von dem er sogar eines sei­ner Bücher her­aus­ge­ben und ver­trei­ben ließ.

„Dem Teu­fel gefällt es, um den Altar her­um­zu­strei­fen und die Gestalt eines kirch­li­chen Deep Sta­te anzu­neh­men, der nicht nur an der Römi­schen Kurie lau­ert, son­dern sich in den Epi­sko­pa­ten, Uni­ver­si­tä­ten, Semi­na­ren, Bewe­gun­gen und Ver­ei­ni­gun­gen ein­ge­ni­stet hat und den tie­fen Bruch über das Kir­chen­ver­ständ­nis und die Wei­ter­ga­be des Glau­bens, sei­ner Tra­di­ti­on und Ver­tie­fung oder sei­ner Wei­ter­ent­wick­lung, sowie die Bezie­hung zwi­schen Glau­ben und Geschich­te nährt und för­dert. Hier hat Ratz­in­ger sei­ne Wider­sa­cher und sei­nen ärg­sten Feind gefun­den“, so Bertocchi.

Papst Paul VI. sag­te nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil, es sei „durch irgend­ei­nen Spalt der Rauch Satans in den Tem­pel Got­tes ein­ge­drun­gen“. Und heute?

Der Tod von Bene­dikt XVI. könn­te das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus in man­cher Hin­sicht noch schwie­ri­ger machen, nicht so sehr wegen wer weiß wel­cher Angrif­fe von Kon­ser­va­ti­ven, son­dern wegen der nun feh­len­den Dyna­mik, sodaß eini­ge sei­ner „Freun­de“ sich end­gül­tig ent­täuscht abwen­den könn­ten. Dabei ist, Ber­toc­chi erwähnt es nicht, schwer zu sagen, was schwe­rer wiegt, daß Fran­zis­kus und sein Hof­staat nun „freie Fahrt“ haben, oder daß sich ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Kir­che voll­ends ver­waist fühlt.

Ber­toc­chi ist zuzu­stim­men, wenn er sagt, daß man mit Blick auf ein neu­es Kon­kla­ve schon seit eini­ger Zeit von gro­ßen Manö­vern hört, aber sich das Pan­ora­ma der Papst­wäh­ler heu­te als von schwie­ri­ger Les­art erweist. Papst Fran­zis­kus hat durch exo­ti­sche und eigen­wil­li­ge Ernen­nun­gen den Wahl­kör­per so umge­baut, daß Pro­gno­sen nach den bis­her bekann­ten Kate­go­rien von 2005 und 2013 kaum mög­lich sind. Von den aktu­ell 125 Kar­di­nä­len (126 mit Kar­di­nal Ange­lo Becciu), die zur Papst­wahl berech­tigt sind, wur­den 81 bzw. 82 von Fran­zis­kus ernannt.

Sicher ist, daß die gro­ße Bruch­li­nie, die die Kir­che seit über einem hal­ben Jahr­hun­dert mar­tert, wei­ter­hin vor­han­den und noch tie­fer gewor­den ist. Den­noch sind Über­ra­schun­gen immer mög­lich, denn ein bekann­tes römi­sches Sprich­wort sagt: Der Teu­fel macht den Topf, aber nicht den Deckel.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shot)

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1 Kommentar

  1. Die­ser Arti­kel ist extrem gut, denn er zeigt sehr deut­lich auf, nicht in allen Ein­zel­hei­ten, um was es geht und wo die Front­li­ni­en verlaufen.
    Es ist nicht zu 100% aus­ge­schlos­sen, daß die noch von Bene­dikt ernann­ten Kar­di­nä­le ein Kon­kla­ve ein­be­ru­fen und einen der ihren zum Nach­fol­ger des „Pap­stes eme­ri­tus“ wäh­len werden.
    Auf jeden Fall wer­den die Bene­dikt-treu­en Kar­di­nä­le und Bischö­fe nicht mehr alles mit­ma­chen oder Din­ge zu ver­klei­stern suchen wie es lei­der Kar­di­nal Mül­ler bei Amo­ris Lae­ti­tia zu tun ver­such­te- und damit geschei­tert war und ist; mit „lustig“ ist jeden­falls Schluß. Der Tod von Bene­dikt gibt ihnen dazu soz. freie Hand. Die Zeit der Gegen­re­vo­lu­ti­on ist m.Er. ange­bro­chen und das betrifft über die Kir­che hin­aus auch die Welt.

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