Die Synodalität – Ein Schlüsselwort unter der Lupe

Von Pedro Arrupe über Carlo Maria Martini bis Papst Franziskus

Jesuitengeneral Pedro Arrupe, Kardinal Carlo Maria Martini und Papst Franziskus, ein Weg zur "Vervollständigung" des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Jesuitengeneral Pedro Arrupe, Kardinal Carlo Maria Martini und Papst Franziskus, ein Weg zur "Vervollständigung" des Zweiten Vatikanischen Konzils.

(Rom) „Syn­oda­li­tät“ ist ein Schlüs­sel­wort des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus. Anfangs dach­ten selbst ein­ge­fleisch­te Vati­ka­ni­sten an einen Lap­sus, als der neue Papst die­ses bis dahin unbe­kann­te Wort im Mund führ­te. Sogar im vati­ka­ni­schen Pres­se­amt war man der Ansicht, er mei­ne damit „Kol­le­gia­li­tät“, ein Begriff, der sich in kei­nem Doku­ment des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils fin­det, aber in der Nach­kon­zils­zeit zu einem pro­gres­si­ven Code­wort wur­de. Fran­zis­kus hielt jedoch an sei­ner Wort­schöp­fung fest. Erst ver­zö­gert begann die katho­li­sche Welt wahr­zu­neh­men, daß der argen­ti­ni­sche Papst damit tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen meint, die der Kir­che ein „neu­es Gesicht“ geben sollen.

Katho​li​sches​.info schrieb im Novem­ber 2018: „Von Mar­ti­nis Kol­le­gia­li­tät zu Ber­go­gli­os Syn­oda­li­tät“. In der Tat besteht ein inne­rer Zusam­men­hang. Die bei­den Begrif­fe lie­gen auf einer Linie, letz­te­rer aller­dings als Wei­ter­ent­wick­lung von ersterem.

Von Martinis Kollegialität zu Bergoglios Synodalität

Die Kol­le­gia­li­tät war ein Schlüs­sel­wort von Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni (1927–2012), Erz­bi­schof von Mai­land von 1979 bis 2002, Vor­sit­zen­der des Rates der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen und Jesu­it wie Ber­go­glio. Mar­ti­ni war fast 20 Jah­re lang der Spi­ri­tus rec­tor der gehei­men Grup­pe von Sankt Gal­len, eines Zusam­men­schlus­ses höch­ster pro­gres­si­ver Kir­chen­män­ner, um das Pon­ti­fi­kat von Johan­nes Paul II. zu sabo­tie­ren und einen ihnen geneh­men Nach­fol­ger zu instal­lie­ren. Der ver­län­ger­te Arm die­ser Grup­pe wur­de 2013 als Team Ber­go­glio aktiv. Am kom­men­den 31. August jährt sich Mar­ti­nis Todes­tag zum zehn­ten Mal. Er war es, der Bene­dikt XVI. im Juni 2012 hin­ter ver­schlos­se­nen Türen noch ener­gisch zum sofor­ti­gen Rück­tritt auf­ge­for­dert hat­te. Weni­ge Mona­te spä­ter tat der deut­sche Papst, Mar­ti­ni war inzwi­schen ver­stor­ben, tat­säch­lich und über­ra­schend genau das.

Im Kon­kla­ve 2005 hat­te sich Mar­ti­ni selbst Hoff­nun­gen auf den Papst­thron gemacht, muß­te aber die Aus­sichts­lo­sig­keit erken­nen. Dar­auf­hin brach­te er Kar­di­nal Ber­go­glio ins Spiel, um zumin­dest die Wahl von Bene­dikt XVI. zu verhindern.

Mar­ti­ni und Ber­go­glio, obwohl bei­de Ange­hö­ri­ge der Gesell­schaft Jesu, waren sich nicht ganz grün, das hat­te vor allem cha­rak­ter­li­che Grün­de. Mar­ti­ni ent­stamm­te einem ganz ande­ren sozia­len Umfeld und war dem Argen­ti­ni­er intel­lek­tu­ell über­le­gen – und selbst davon über­zeugt. Bei­de hat­ten jedoch eine Gemein­sam­keit: Sie waren Schütz­lin­ge des­sel­ben Man­nes gewe­sen, von Jesui­ten­ge­ne­ral Pedro Arru­pe, der den Orden von 1965 bis 1981/​83 lei­te­te und zu sei­nem Scha­den revolutionierte.

Mar­ti­ni war der erklär­te Gegen­spie­ler von zwei Päp­sten, von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. Sich selbst sah der Kar­di­nal dabei schon im Vor­zim­mer zum Papst­thron, wes­halb er sich in einem koket­ten Wort­spiel nicht als Anti-Papst (Gegen­papst), aber als Ante-Papst bezeich­ne­te. Die Anspie­lung war den­noch expli­zit. Zum Papst schaff­te es Mar­ti­ni 2005 zwar nicht, den­noch bewahr­hei­te­te sich sei­ne Selbst­ein­schät­zung, wenn auch in einem etwas ande­ren Sinn: Er wur­de zum Ante-Papst, zu dem, der dem Papst sei­ner Wahl vor­aus­ging. Weni­ge Mona­te nach sei­nem Tod ging die­ser Wunsch im Kon­kla­ve von 2013 in Erfül­lung. Der Avve­ni­re, die Tages­zei­tung der ita­lie­ni­schen Bischö­fe, titel­te vor drei Tagen, am 17. Mai, daß Mar­ti­ni „Papst Fran­zis­kus vor­weg­nahm“. In der Tat war es auch Mar­ti­ni, der als erster sag­te, daß Gott „nicht katho­lisch“ sei. Auch in die­sem Punkt folg­te Fran­zis­kus in sei­nem ersten, spek­ta­ku­lä­ren Inter­view mit Euge­nio Scal­fa­ri für La Repub­bli­ca im Herbst 2013 bereits einem vor­ge­zeich­ne­ten Weg.

Die Synodalität nimmt Gestalt an

Im Herbst 2014 begann die „Syn­oda­li­tät“ Gestalt anzu­neh­men, indem die erste Fami­li­en­syn­ode statt­fand. Schnell zeig­te sich, daß sich der Wind gedreht hat­te. Die Spiel­re­geln der Syn­ode wur­den geän­dert. Der Papst beton­te die „freie Rede“. Das war aber nur Schein für die Öffent­lich­keit. In Wirk­lich­keit, was nur weni­ge mit­be­ka­men, wur­de die Syn­ode von der päpst­li­chen Regie bis ins letz­te Detail auf ein bestimm­tes Ergeb­nis getrimmt. Gegen­tei­li­ge Mei­nun­gen wur­den behin­dert und nach außen hin versteckt.

War das die „Syn­oda­li­tät“, die Fran­zis­kus mein­te? Nur eine opti­sche Täu­schung, aber in Wirk­lich­keit ein zurecht­ge­zim­mer­tes Macht­in­stru­ment zur Durch­set­zung sei­ner Linie? Beob­ach­ter der kirch­li­chen Ereig­nis­se ver­such­ten zu ver­ste­hen. Doch Fran­zis­kus ist auf­grund sei­ner For­mung durch Per­so­nen und Ideen im lin­ken Den­ken ver­wur­zelt. Es geht dem­nach um struk­tu­rel­le Veränderungen.

Am 18. Sep­tem­ber 2018 ver­öf­fent­lich­te der Vati­kan die drei Tage zuvor von Fran­zis­kus unter­zeich­ne­te Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on Epi­scopa­lis com­mu­nio. Ein Doku­ment von gera­de­zu explo­si­ver Trag­wei­te, das aber kaum Beach­tung fand und auch noch nicht ange­wandt wur­de. Bis­her hat­te die 1965 von Papst Paul VI. ein­ge­führ­te Bischofs­syn­ode nur bera­ten­den Cha­rak­ter. Seit Epi­scopa­lis com­mu­nio kann sie auch lehr­amt­li­che Befug­nis haben. Papst Fran­zis­kus leg­te im Art. 18 der neu­en Kon­sti­tu­ti­on bezüg­lich Schluß­be­richt der Syn­ode fest:

„Wenn es vom Papst aus­drück­lich appro­biert wird, ist das Schluß­do­ku­ment Teil des ordent­li­chen Lehr­am­tes des Petrus-Nachfolgers.“

„Soll­te der Papst der Syn­oden­ver­samm­lung beschlie­ßen­de Voll­macht gemäß Can. 343 des Codex des Kir­chen­rech­tes über­tra­gen haben, ist das Schluß­do­ku­ment Teil des ordent­li­chen Lehr­am­tes des Petrus-Nach­fol­gers, sobald es von ihm rati­fi­ziert und pro­mul­giert ist.“

Die Vor­ge­hens­wei­se erin­nert an die EU, wie sie vom dama­li­gen EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten Jean-Clau­de Juncker ent­hüllt wurde:

„Wir beschlie­ßen etwas, stel­len das dann in den Raum und war­ten eini­ge Zeit ab, was pas­siert. Wenn es dann kein gro­ßes Geschrei gibt und kei­ne Auf­stän­de, weil die mei­sten gar nicht begrei­fen, was da beschlos­sen wur­de, dann machen wir wei­ter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

Aus einem bera­ten­den Gre­mi­um wur­de (bei Bedarf) ein beschlie­ßen­des Gre­mi­um. Zugleich beton­te Papst Fran­zis­kus ver­däch­tig oft, daß er nichts ändern, son­dern nur Pro­zes­se ansto­ßen wol­le – aller­dings mög­lichst irrever­si­ble.

Epi­scopa­lis com­mu­nio wur­de in die­sem Sin­ne zu einer Rechts­norm auf Vor­rat, für den geeig­ne­ten Moment. Sie kann jeder­zeit zur Anwen­dung gebracht werden.

Der nächste Schritt

Unter­des­sen wur­de am 19. März 2022 mit der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Pra­e­di­ca­te Evan­ge­li­um der näch­ste Schritt gesetzt. Im Zuge der Neu­ord­nung der Römi­schen Kurie und der damit ver­bun­de­nen Neu­ver­tei­lung von Zustän­dig­kei­ten sind zwei Wör­ter weg­ge­fal­len. Eine auf den ersten Blick leicht zu über­se­hen­de Klei­nig­keit – eine ver­meint­li­che Klei­nig­keit. Die­se Kon­sti­tu­ti­on, mit der die Kuri­en­re­form umge­setzt wur­de, die Fran­zis­kus zu einem Haupt­an­lie­gen sei­nes Pon­ti­fi­kats erklärt hat­te und die vor allem von pro­gres­si­ven Kir­chen­krei­sen seit Jah­ren und Jahr­zehn­ten gefor­dert wur­de, ging letzt­lich gera­de­zu „beschei­den“ über die Büh­ne. Doch der Teu­fel steckt bekannt­lich im Detail. Wer liest schon ger­ne Geset­ze und Geschäfts­ord­nun­gen. Zudem liegt die­se zen­tra­le Kon­sti­tu­ti­on zur Neu­ord­nung der Römi­sche Kurie bis heu­te nur in ita­lie­ni­scher Fas­sung vor.

Die Ver­än­de­rung? Statt der „Syn­ode der Bischö­fe“, wie es in den ita­lie­ni­schen Doku­men­ten bis­her hieß, ist in Pra­e­di­ca­te Evan­ge­li­um nur mehr von „Syn­ode“ die Rede. Damit wur­de der Weg auf­ge­tan zu einem unde­fi­niert wei­ter gefaß­ten Syn­oden­ver­ständ­nis, wie es der ortho­do­xen Kir­che völ­lig fremd ist und der katho­li­schen Kir­che bis­her war. Mit Aus­nah­men. Im deut­schen Sprach­raum wur­den in den 70er Jah­ren Expe­ri­men­te im Sin­ne eines pro­te­stan­ti­schen Syn­oden­ver­ständ­nis­ses durch­ge­führt, vor allem die Würz­bur­ger Syn­ode 1971–1975, die dann von Johan­nes Paul II. aber gestoppt wur­den. Mit dem „Syn­oda­len Weg“ unter­nimmt die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz einen erneu­ten Anlauf, mit den zu erwar­ten­den kata­stro­pha­len Fol­gen.

Der Unter­schied? Nicht nur Bischö­fe ver­sam­meln sich und sind stimm­be­rech­tigt, son­dern auch Lai­en. Das pro­te­stan­ti­sche Ver­ständ­nis von „Ver­samm­lung“ wird auf die Lei­tungs­ebe­ne der Kir­che übertragen.

Das deckt sich mit einer ande­ren, nicht min­der ein­schnei­den­den Neue­rung durch Pra­e­di­ca­te Evan­ge­li­um. Die Auto­ri­tät folgt nicht mehr aus der Bischofs­wei­he, son­dern aus der Mis­sio cano­ni­ca, der kirch­li­chen Beauf­tra­gung. Das ist eine dop­pel­te Ach­sen­ver­schie­bung, nach unten und zur Sei­te. Jeder Prie­ster, jeder Theo­lo­gie­pro­fes­sor und jeder Reli­gi­ons­leh­rer ist mit einer sol­chen aus­ge­stat­tet. Jeder kann damit auch höch­ste Kurien­äm­ter lei­ten und alle kön­nen an Syn­oden teil­neh­men und stimm­be­rech­tigt sein.

Bei­de Ver­än­de­run­gen zei­gen in der Stoß­rich­tung die Absicht, die hier­ar­chi­sche Ver­fas­sung der Kir­che im Sin­ne pro­te­stan­ti­scher und demo­kra­ti­scher Ele­men­te umzu­bau­en. Dadurch wird aller­dings das Wesen der Kir­che ange­ta­stet. Dem Zeit­geist ent­spre­chend hat alles inklu­siv zu sein.

Die „synodale Kirche“

Wenn die Kir­che „syn­odal“ ist – Fran­zis­kus sprach wie­der­holt von einer „syn­oda­len Kir­che“ –, dann impli­ziert dies, daß die Syn­ode das zen­tra­le Ele­ment die­ser Kir­che ist. Anfangs dach­ten eini­ge, Fran­zis­kus wol­le das Papst­tum schwä­chen zugun­sten eines kol­le­gia­len Lei­tungs­gre­mi­ums der Bischö­fe, wie die ortho­do­xe Kir­che es im Hei­li­gen Syn­od kennt. Fran­zis­kus denkt jedoch weit dar­über hinaus.

Im päpst­li­chen Umfeld wur­de Syn­oda­li­tät bereits als Zustand der „per­ma­nen­ten Syn­ode“ defi­niert. Die Lei­tungs­ge­walt gin­ge unter Anwen­dung von Epi­scopa­lis com­mu­nio auf eine stän­dig tagen­de Syn­ode über, die eine Art inklu­si­ves Par­la­ment wäre. Auch die­se Idee einer „stän­di­gen Syn­ode“ geht auf Kar­di­nal Mar­ti­ni zurück, wor­auf Kar­di­nal Micha­el Czer­ny, eben­falls Jesu­it und enger Ver­trau­ter von Papst Fran­zis­kus, am Mon­tag mit Genug­tu­ung in Mai­land ver­wies. Anlaß war die Prä­sen­ta­ti­on von Mar­ti­nis Gesam­mel­ten Wer­ken, die von der nach Mar­ti­ni benann­ten Stif­tung im Ver­lag Bom­pia­ni ver­legt werden. 

Im April 2019 wur­de Fran­zis­kus von dem von ihm geschaf­fe­nen Kar­di­nal­s­rat unter­stützt, die „Syn­oda­li­tät“ auf allen Ebe­nen ein­zu­füh­ren und Frau­en zu allen Füh­rungs­po­si­tio­nen zuzu­las­sen. Die­se prak­ti­zier­te Geschlech­ter­gleichs­tel­lung ver­birgt, daß es in der Fra­ge nicht um Frau­en oder Män­ner, son­dern um Kle­ri­ker oder Lai­en und um Bischö­fe oder Nicht-Bischö­fe geht. Dabei schim­mert die unter Fran­zis­kus bemerk­ba­re Zurück­drän­gung des Wei­he­sa­kra­ments und des Petrusam­tes durch. Letz­te­res erscheint para­dox, da Fran­zis­kus zugleich auto­ri­tä­rer regiert als alle sei­ne unmit­tel­ba­ren Vorgänger.

Den Weg dort­hin geht Fran­zis­kus durch die Ein­be­ru­fung von ordent­li­chen und außer­or­dent­li­chen Syn­oden, von Dop­pel­syn­oden, Vor­syn­oden, der Emp­feh­lung von Lan­des­syn­oden und auch mehr­jäh­ri­gen Syn­oden, wie der bis 2023 dau­ern­den Bischofs­syn­ode über die Syn­oda­li­tät, der soge­nann­ten „Syn­oden­syn­ode“.

Die Synode als Werkstatt für Experimente

Es ist bekannt, daß Kar­di­nal Jor­ge Mario Ber­go­glio vor sei­ner Wahl zum Papst römi­sche Inter­ven­tio­nen, Kor­rek­tu­ren, Ergän­zun­gen und Strei­chun­gen in Syn­oden­do­ku­men­ten miß­fie­len. Man­che ver­mu­ten, daß er des­halb zum unge­wöhn­li­chen Mit­tel griff und alle Para­gra­phen des Arbeits­pa­piers ver­öf­fent­li­chen ließ, auch jene, die kei­ne Zwei­drit­tel­mehr­heit fan­den. Alle wur­den auf sein Geheiß hin ver­öf­fent­licht und auch das jewei­li­ge Abstim­mungs­er­geb­nis. Eine Vor­ge­hens­wei­se, die nicht ohne Kri­tik blieb, da man­che dar­in die För­de­rung einer Pola­ri­sie­rung erkann­ten, die dem bis­her prak­ti­zier­ten Syn­oden­prin­zip der Gemein­schaft und Ein­heit widerspricht.

Die Pola­ri­sie­rung wur­de von Fran­zis­kus mit der Ein­be­ru­fung der Ama­zo­nas­syn­ode, die im Okto­ber 2019 statt­fand, und den Umstän­den ihres Zustan­de­kom­mens und ihrer ein­sei­ti­gen, wenig ver­trau­ens­er­wecken­den Vor­be­rei­tung noch ver­schärft. Ins­ge­samt war die Ama­zo­nas­syn­ode zu kei­nem Zeit­punkt auf Kon­sens aus­ge­rich­tet, son­dern eine weit­ge­hend ein­sei­ti­ge Ver­an­stal­tung eines bestimm­ten Teils der Kir­che. Früh wur­de daher der Vor­wurf laut, die Syn­ode sei gar nicht zur Lösung von Pro­ble­men gedacht, son­dern zur För­de­rung einer bestimm­ten pro­gres­si­ven Agenda.

Fran­zis­kus zog im letz­ten Moment die Not­brem­se. Wie es dazu kam, ist nicht ganz klar. Tat­sa­che ist, daß Kar­di­nal Robert Sarah zusam­men mit Bene­dikt XVI. zum gro­ßen Ärger von San­ta Mar­ta ein Plä­doy­er für den Zöli­bat und das Prie­ster­tum ver­öf­fent­lich­te. Nach­dem Fran­zis­kus jah­re­lang in den genann­ten Krei­sen Erwar­tun­gen genährt hat­te, den Zöli­bat für Prie­ster zu besei­ti­gen und das Prie­ster­tum für Lai­en, ins­be­son­de­re Frau­en zu öff­nen, folg­te für die­se eine her­be Ent­täu­schung. Die Zustim­mung zu sei­nem Pon­ti­fi­kat ist seit­her wei­ter gesunken.

Für alle wur­de damit sicht­bar, daß Syn­oda­li­tät tat­säch­lich kein Syn­oym für Kol­le­gia­li­tät ist, daß Papst Fran­zis­kus viel­mehr die Syn­oda­li­tät als Werk­statt für Expe­ri­men­te betrach­tet, auch zu Lasten der Kol­le­gia­li­tät. Dabei ach­tet er sehr hell­hö­rig, aus­zu­lo­ten, wie weit er gehen kann, ohne sich zu gro­ßen Wider­stän­den und mehr noch schwe­ren Anschul­di­gun­gen der Hete­ro­do­xie aus­zu­set­zen. Fran­zis­kus han­delt über­legt und strategisch.

Aller­dings ist sei­ne Per­son von den struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen zu unter­schei­den, die er durch die bei­den Kon­sti­tu­tio­nen Epi­scopa­lis com­mu­nio und Pra­e­di­ca­te Evan­ge­li­um vor­nahm. Ein Nach­fol­ger könn­te es ande­res sehen und die von Fran­zis­kus eröff­ne­ten Mög­lich­kei­ten radi­ka­ler zur Anwen­dung brin­gen. Die Vor­aus­set­zun­gen dafür wur­den vom argen­ti­ni­schen Papst geschaffen.

Synodenschlußbericht ohne Abstimmung und deutscher Sonderweg

Apro­pos Zwei­drit­tel­mehr­heit: Bis­her galt bei Bischofs­syn­oden, die ein Pro­dukt des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils sind und alle drei Jah­re statt­fin­den, daß an den Papst für des­sen nach­syn­oda­les Schrei­ben nur wei­ter­ge­lei­tet wird, was sich auf die Zustim­mung von min­de­stens zwei Drit­teln der Syn­oden­vä­ter stüt­zen kann. Die ganz ande­re Pra­xis von Fran­zis­kus bleibt nicht ohne Kon­se­quen­zen. So for­der­te Kar­di­nal Mario Grech, seit 2020 Gene­ral­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode, daß das Schluß­do­ku­ment der Bischofs­syn­ode nach neu­en Spiel­re­geln zustan­de­kom­men soll­te, näm­lich ohne Schluß­ab­stim­mung. Alle Para­gra­phen soll­ten den Bischofs­kon­fe­ren­zen über­mit­telt, deren Ände­rungs­an­trä­ge ein­ge­holt und dann erst ver­öf­fent­licht werden.

Kar­di­nal Grech war zuvor Bischof von Gozo (Mal­ta) und ein beson­ders eif­ri­ger Par­tei­gän­ger von Papst Fran­zis­kus. Einen Namen in San­ta Mar­ta mach­te er sich 2016 mit der Umset­zung des umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia.

Und wie auch zu ande­ren Punk­ten bedeu­tet das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus eine Unter­stüt­zung des deut­schen „Son­der­we­ges“. Nicht von unge­fähr stamm­ten zwei der vier Kar­di­nä­le des soge­nann­ten Teams Ber­go­glio, das sei­ne Wahl zum Papst orga­ni­sier­te, aus der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Man scheint sich im Vor­feld des Kon­kla­ve in den wesent­li­chen Punk­ten einig gewor­den zu sein. In allen Schrit­ten, die von der Mehr­heit der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz in Rich­tung ihrer Revo­lu­ti­on gesetzt wer­den, nützt sie Türen, die von Fran­zis­kus zuvor auf­ge­schlos­sen wur­den, ob zur Homo-Agen­da, der Inter­kom­mu­ni­on oder der „Syn­oda­li­tät“.

Genau so wünscht es sich Fran­zis­kus. Er gibt den Anstoß und erwar­tet sich, daß ande­re den Ball wei­ter­spie­len. Dabei will er aber, das ist eine cha­rak­ter­li­che Eigen­heit, die Kon­trol­le über das Spiel behal­ten. Dies­be­züg­lich läuft zwi­schen ihm und den deut­schen Pro­gres­si­ven, die die Kir­che im deut­schen Sprach­raum fest im Wür­ge­griff haben, nicht immer alles ganz glatt.

Der „Syn­oda­le Weg“ in Deutsch­land wie die Lan­des­syn­oden in Irland und Austra­li­en gehen auf Fran­zis­kus zurück. In Ita­li­en for­der­te der Papst im März 2019 sogar laut­stark eine Syn­ode, weil er mit der Ent­wick­lung unzu­frie­den war.

Von ihm wur­de die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net und ein „Pro­zeß“ mit unab­seh­ba­ren Fol­gen ange­sto­ßen, denn jede die­ser ber­go­glia­ni­schen Syn­oden stellt eine poten­ti­el­le Bedro­hung der Ein­heit der Kir­che dar, die deut­sche ganz beson­ders. Und wie immer hält sich Fran­zis­kus zurück, tritt nach außen selbst kaum in Erschei­nung und mischt sich nicht ein. Dem liegt ein Hegel­sches Prin­zip zugrunde.

Von Mar­ti­nis Kol­le­gia­li­tät zu Ber­go­gli­os Syn­oda­li­tät führt der­sel­be Weg. Es geht um die „Ver­voll­stän­di­gung“ des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, wie es die Jesui­ten im Geist von Pedro Arru­pe umge­setzt haben.

Der von Fran­zis­kus zum Kar­di­nal erho­be­ne Jesu­it Micha­el Czer­ny sag­te es am 16. Mai so: 

„Kar­di­nal Mar­ti­ni war ein Pro­phet. Sei­ne Visio­nen haben Wege in der Kir­che vorweggenommen.“ 

Papst Fran­zis­kus ist es, der die­se Wege geht. Dabei habe Mar­ti­ni, so Czer­ny, „das getan, was das Kon­zil von ihm verlangte“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/​MiL

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