Treffen sich Papst Franziskus und Patriarch Kyrill im Libanon?

Einst die Schweiz des Orients, heute instabil und zerbrechlich

Der Libanon: Religionskarte des französischen Mandatsgebietes 1935.
Der Libanon: Religionskarte des französischen Mandatsgebietes 1935.

(Rom) Anfang April wur­de bekannt, daß Papst Fran­zis­kus im kom­men­den Juni den Liba­non besu­chen möch­te. Nun wur­de ein mög­li­cher Hin­ter­grund die­ser Rei­se genannt: Im Liba­non könn­te das ange­streb­te Tref­fen von Fran­zis­kus mit dem rus­sisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen Kyrill statt­fin­den. Eine im Zusam­men­hang mit der Ukrai­ne­kri­se mög­li­cher­wei­se bedeut­sa­me Begeg­nung, da Fran­zis­kus zwi­schen den Kriegs­par­tei­en zu ver­mit­teln ver­sucht, um den Frie­den wiederherzustellen.

Am 5. April emp­fing der liba­ne­si­sche Staats­prä­si­dent Gene­ral Michel Aoun den Apo­sto­li­schen Nun­ti­us Msgr. Joseph Spi­te­ri. Der Nun­ti­us über­reich­te dem Staats­ober­haupt die schrift­li­che Mit­tei­lung, daß Papst Fran­zis­kus im kom­men­den Juni den Liba­non besu­chen möch­te. Um eine genaue Ter­min­ab­stim­mung mit dem Hei­li­gen Stuhl wur­de gebeten.

Staats­prä­si­dent Aoun, ein maro­ni­ti­scher Christ, zeig­te sich sehr erfreut, daß sei­ne Ein­la­dung vom katho­li­schen Kir­chen­ober­haupt ange­nom­men wur­de, die der Gene­ral am 21. März bei sei­nem Emp­fang im Vati­kan aus­ge­spro­chen hatte.

Der Liba­non, ein viel­fach zer­ris­se­nes und geschun­de­nes Land, erwar­te den Besuch des Pap­stes mit Freu­de und Hoff­nung, so Aoun. Man wis­se um die Wert­schät­zung, die Fran­zis­kus für den Liba­non und sei­ne Men­schen hege, und um sei­ne Initia­ti­ven und Gebe­te für die Her­stel­lung von Frie­den und Sta­bi­li­tät in dem Land am öst­li­chen Mittelmeer.

Der Liba­non ist ein reli­gi­ös und poli­tisch zer­ris­se­nes Land. 18 Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind aner­kannt. Die Ver­fas­sung des seit 1943 unab­hän­gi­gen Staa­tes ver­sucht den Aus­gleich zwi­schen den ver­schie­de­nen Gemein­schaf­ten. Die­ser geriet seit 1975 aus dem Gleich­ge­wicht, als die palä­sti­nen­si­sche Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on PLO die Macht im Liba­non an sich rei­ßen woll­te. Der Liba­non hat­te den Groß­teil der palä­sti­nen­si­schen Flücht­lin­ge und Ver­trie­be­nen auf­ge­nom­men und 1970 auch akzep­tiert, daß die PLO ihr Haupt­quar­tier im Land auf­schlägt. Eine fata­le Ent­schei­dung. Als die PLO nach dem Sechs­ta­ge­krieg die Aus­sich­ten schwin­den gese­hen hat­te, den Staat Isra­el in abseh­ba­rer Zeit zu besie­gen und nach Palä­sti­na zurück­keh­ren zu kön­nen, ver­such­te sie sich einen Nach­bar­staat als Ope­ra­ti­ons­grund­la­ge zu schaf­fen. Nach­dem ein Putsch­ver­such in Jor­da­ni­en ver­ei­telt wur­de, ver­such­te die PLO-Füh­rung im Liba­non an die Macht zu gelan­gen. Das Ergeb­nis war ein lang­jäh­ri­ger Bür­ger­krieg, der das zuvor blü­hen­de Land, das als „Schweiz der Levan­te“ bekannt war, in ein Armen­haus verwandelte.

Der christliche Orient

Leid­tra­gen­de der Ent­wick­lung waren vor allem die Chri­sten, die zuvor die tra­gen­den Posi­tio­nen im Staat, vor allem in der Wirt­schaft inne­hat­ten. 1956 stell­ten die Chri­sten mit 56 Pro­zent noch die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit. Auch sie zer­fal­len in ver­schie­de­ne Kon­fes­sio­nen, deren größ­te die Maro­ni­ten sind, eine mit Rom unier­te Ost­kir­che. Heu­te wird der Anteil der Mus­li­me auf 60 Pro­zent geschätzt, wobei Sun­ni­ten und Schii­ten gleich stark sind. Vie­le Chri­sten wan­der­ten seit den 70er Jah­ren in den Westen aus, was ihre Prä­senz im Land schwäch­te. Heu­te leben mehr liba­ne­si­sche Chri­sten über die gan­ze Welt ver­streut als im Liba­non. Allein in Bra­si­li­en wird ihre Zahl auf sie­ben Mil­lio­nen geschätzt.

Ins­ge­samt hat der gan­ze christ­li­che Ori­ent, in dem es mit dem Liba­non sogar einen christ­li­chen Staat in direk­ter Nach­bar­schaft zum Hei­li­gen Land gab, seit dem Beginn des 20. Jahr­hun­derts, ins­be­son­de­re seit 1945, einen unge­heu­ren Ader­laß erlebt.

Die katho­lisch-chaldäi­sche Kir­che der Mel­ki­ten, so der offi­zi­el­le Namen der maro­ni­ti­schen Kir­che, ent­stand im 7. Jahr­hun­dert als Abspal­tung der syrisch-ortho­do­xen Kir­che von Antio­chi­en. Nach­dem die Mus­li­me im 10. Jahr­hun­dert ihr Zen­trum, das Klo­ster des hei­li­gen Maron in Syri­en, zer­stört hat­ten, kam es zu einer Flucht­be­we­gung in den Liba­non, wo die Maro­ni­ten inmit­ten des isla­misch gewor­de­nen Ori­ents ein christ­li­ches Gebiet schu­fen. Im 12. Jahr­hun­dert unter­stell­ten sie sich dem Schutz der Kreuz­rit­ter, wodurch erste Ver­bin­dun­gen zu Rom ent­stan­den. Nach dem Ende der Kreuz­fah­rer­staa­ten und isla­mi­scher Ver­fol­gung kam es 1445 zur offi­zi­el­len Uni­on mit Rom. Seit­her erken­nen die Maro­ni­ten den Papst als Kir­chen­ober­haupt an.

Da die Schii­ten des Lan­des in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten durch eine über­durch­schnitt­lich hohe Gebur­ten­ra­te ihren Anteil an der Bevöl­ke­rung aus­bau­en konn­ten, kam es zu Ver­schie­bun­gen, die den in der Ver­fas­sung fest­ge­leg­ten Pro­porz aus dem Gleich­ge­wicht brin­gen, was nur not­dürf­tig kaschiert wird, indem kei­ne offi­zi­el­len Reli­gi­ons­er­he­bun­gen mehr statt­fin­den. Die Fol­ge waren neue Span­nun­gen. Nach­dem seit 1970 die PLO den Liba­non in einen Gegen­satz zum süd­li­chen Nach­barn brach­te, gilt das seit den 80er Jah­ren und vor allem heu­te für die eng mit dem Iran ver­bun­de­ne schii­ti­sche Hisbollah-Miliz.

Der Liba­non wur­de nach dem Ersten Welt­krieg vom Osma­ni­schen Reich unab­hän­gig und zunächst ein fran­zö­si­sches Man­dats­ge­biet. 1943 folg­te schließ­lich die Zuer­ken­nung der vol­len Sou­ve­rä­ni­tät. Das Land war innen­po­li­tisch sta­bil, von der christ­li­chen Mehr­heit bestimmt und sehr euro­pä­isch geprägt. Nach Jahr­zehn­ten der bewaff­ne­ten Kämp­fe im Inne­ren, von Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen Isra­els und Syri­ens und der Ein­mi­schung von außen durch den Iran und die USA ist das Land insta­bil gemacht gewor­den. Die Lage ist in vie­ler­lei Hin­sicht prekär.

Laut Ver­fas­sung stel­len die Chri­sten den Staats­prä­si­den­ten. Die­ses Amt hat seit 2016 Gene­ral Michel Aoun inne, der zuvor Ober­be­fehls­ha­ber der liba­ne­si­schen Streit­kräf­te war. 1990 bis 2005 ver­brach­te er bis zum Abzug der syri­schen Trup­pen aus dem Land im fran­zö­si­schen Exil.

Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill im Libanon

Die offi­zi­ell vom Vati­kan noch nicht bestä­tig­te Liba­non-Rei­se von Papst Fran­zis­kus scheint noch einen zwei­ten Grund zu haben. Dort könn­te bei die­ser Gele­gen­heit das ange­streb­te Tref­fen mit dem rus­sisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen Kyrill von Mos­kau statt­fin­den. Ent­spre­chen­de Spe­ku­la­tio­nen gab es schon zuvor, doch nun nahm auch die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che dazu Stel­lung, was einer indi­rek­ten Bestä­ti­gung gleich­kommt. In der wöchent­li­chen Sen­dung „Kir­che und Welt“ des rus­si­schen Fern­seh­sen­der Ros­si­ya 24 nahm Metro­po­lit Hil­ari­on von Wolo­ko­lamsk dazu Stel­lung. Er ist für die Außen­be­zie­hun­gen des Mos­kau­er Patri­ar­chats zustän­dig. Der Metro­po­lit sag­te, auf die Papst­rei­se in den Liba­non angesprochen:

„Der Papst und der Patri­arch woll­ten sich von Anfang an dort tref­fen, wo es Pro­ble­me gibt, wo die christ­li­che Bevöl­ke­rung Hil­fe braucht, und natür­lich wird der Nahe Osten als eine der Prio­ri­tä­ten für ein sol­ches Tref­fen angesehen.“

Und wei­ter:

„In der gegen­wär­ti­gen kom­pli­zier­ten poli­ti­schen Situa­ti­on müs­sen nicht nur Fra­gen zum Inhalt des Tref­fens zwi­schen dem Papst und dem Patri­ar­chen, son­dern auch Fra­gen der Sicher­heit, des Trans­ports und der Logi­stik sehr sorg­fäl­tig aus­ge­ar­bei­tet werden.“

Wei­te­re Ein­zel­hei­ten nann­te Metro­po­lit Hil­ari­on nicht.

Das erste Tref­fen zwi­schen Fran­zis­kus und Kyrill fand am 13. Febru­ar 2016 in Havan­na auf Kuba statt. Eine Begeg­nung der bei­den Kir­chen­ober­häup­ter stün­de der­zeit nicht nur im Zei­chen des öku­me­ni­schen Dia­logs, son­dern vor allem des Ukrai­ne­krie­ges und der sich nicht zuletzt dar­aus erge­ben­den Welt­la­ge. Zwi­schen dem Mos­kau­er Patri­ar­chat und der rus­si­schen Staats­füh­rung unter Prä­si­dent Wla­di­mir Putin besteht ein enges Nähe­ver­hält­nis. Papst Fran­zis­kus bemüht sich als Ver­mitt­ler zwi­schen den Kriegs­par­tei­en um die Wie­der­her­stel­lung des Friedens.

Metro­po­lit Hil­ari­on in der Sen­dung „Kir­che und Welt“ (Ros­si­ya 24)

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Youtube/​Portal Jesus (Screen­shot)

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