Die Häretiker der frühen Jahrhunderte und der römische Geist

"Um nicht in diesen sektiererischen Fanatismus zu verfallen"

Der heilige Augustinus, Bischof von Hippo (396–430].
Der heilige Augustinus, Bischof von Hippo (396–430).

Von Rober­to de Mattei*

Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te hat die katho­li­sche Kir­che immer gegen die gegen­sätz­li­chen Ent­stel­lun­gen ihrer Moral­leh­re gekämpft. Auf der einen Sei­te die Lax­heit, d. h. die Ver­leug­nung der abso­lu­ten Moral im Namen eines Vor­rangs des Gewis­sens; auf der ande­ren Sei­te der Rigo­ris­mus, d. h. die Ten­denz, Geset­ze und Vor­schrif­ten zu schaf­fen, die die katho­li­sche Moral nicht vor­sieht. Heu­te hat die Lax­heit ihren Aus­druck in der moder­ni­sti­schen „Situa­ti­ons­ethik“, wäh­rend der Rigo­ris­mus eine sek­tie­re­ri­sche Ver­su­chung für den Tra­di­tio­na­lis­mus dar­stellt. Vor die­ser letz­te­ren Gefahr möch­te ich war­nen, indem ich dar­an erin­ne­re, was in den ersten Jahr­hun­der­ten der Kir­che mit den Irr­leh­ren der Mon­ta­ni­sten, der Nova­tia­ner und der Dona­ti­sten geschah.

Die Mon­ta­ni­sten zum Bei­spiel ver­tra­ten die Ansicht, daß das Mar­ty­ri­um bewußt ange­strebt wer­den soll­te, ohne es jemals ver­mei­den zu wol­len. Die Hal­tung der wah­ren Chri­sten war ganz anders: Sie such­ten nicht den Mär­ty­rer­tod, aber wenn sie vor die Wahl gestellt wur­den, zöger­ten sie nicht, den Tod der Apost­asie vor­zu­zie­hen. Die Mär­ty­rer­ak­ten zei­gen den Unter­schied zwi­schen dem Ver­hal­ten von Quin­tus Phry­gius und dem von Poly­karp, Bischof von Smyr­na, im Jahr 155 n. Chr. Quin­tus bekann­te sich zum Chri­sten­tum, fiel aber dann unter Dro­hun­gen und Fol­ter vom Glau­ben ab. Poly­karp hin­ge­gen wur­de vom Pro­kon­sul Sta­ti­us Qua­dra­tus gefan­gen­ge­nom­men und erlang­te die Mär­ty­rer­pal­me, obwohl er sie nicht gesucht hatte.

Der Mon­ta­nis­mus wur­de von der Kir­che ver­ur­teilt, aber sein stren­ger Geist tauch­te hun­dert Jah­re spä­ter in der soge­nann­ten Lap­si-Fra­ge wie­der auf. Im Jahr 250 erließ Kai­ser Deci­us ein Edikt, in dem er anord­ne­te, daß alle Bür­ger des Rei­ches unter Andro­hung der Todes­stra­fe vor heid­ni­schen Göt­tern Weih­rauch ver­bren­nen soll­ten. Als Lap­si (Abge­fal­le­ne) wur­den jene Chri­sten bezeich­net, die, um ihr Leben zu ret­ten, den christ­li­chen Glau­ben ver­leug­ne­ten, aber nach Been­di­gung der Ver­fol­gung dar­um baten, wie­der in die Gemein­schaft der Kir­che auf­ge­nom­men zu werden.

Eini­ge afri­ka­ni­sche Bischö­fe ver­wei­ger­ten den Lap­si den Zugang zu den Sakra­men­ten, ein­schließ­lich des Buß­sa­kra­ments. In Rom wur­de die­se mora­li­sche Stren­ge von Nova­ti­an (ca. 220–258) über­nom­men, einem ehr­gei­zi­gen Prie­ster, der eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung im Kle­rus ein­nahm. Nach Nova­ti­an konn­ten die Sün­den der Lap­si von Gott ver­ge­ben wer­den, nicht aber von der Kir­che, die sie auch auf dem Ster­be­bett nicht wie­der auf­neh­men konnte.

Papst Cor­ne­li­us (251–253) ent­schied, daß die Lap­si, die öffent­lich Buße getan hat­ten, wie­der in die Kir­che auf­ge­nom­men wer­den konn­ten. Nova­ti­an bestritt die Gül­tig­keit der Wahl des Cor­ne­li­us und bean­spruch­te, nach­dem er sich durch einen Betrug zum Bischof wei­hen hat­te las­sen, das Papst­tum für sich, wobei er im gan­zen Reich eine inten­si­ve Pro­pa­gan­da betrieb. Er gilt als der erste „Gegen­papst“.

Hat­te Nova­ti­an den Aposta­ten die Abso­lu­ti­on ver­wei­gert, so dehn­ten sei­ne kon­se­quen­te­ren Anhän­ger die­sen Irr­tum auf alle schwe­ren Sün­den aus: Göt­zen­dienst, Mord und Ehe­bruch, die ihrer Mei­nung nach nicht von der Kir­che, son­dern nur von Gott ver­ge­ben wer­den könn­ten. Die­se Ideen wur­den unter Dio­kle­ti­an (301–303) von den Dona­ti­sten auf­ge­grif­fen, benannt nach Dona­tus, Bischof von Casae Nigrae in Afrika.

Bei sei­ner letz­ten Ver­fol­gung ord­ne­te der Kai­ser an, daß jede Hei­li­ge Schrift der Kir­che abzu­lie­fern war und öffent­lich ver­brannt wer­den soll­te. Die­je­ni­gen, die sich die­sem Edikt unter­war­fen, wur­den von ande­ren Chri­sten Tra­di­to­res genannt, weil sie sich der Tra­di­tio schul­dig gemacht hat­ten, d. h. der Über­ga­be von hei­li­gen Schrif­ten und Gegen­stän­den an die Ver­fol­ger. Bischof Dona­tus behaup­te­te, die Wei­he des Bischofs von Kar­tha­go, Ceci­lia­nus, sei ungül­tig, weil sie von einem Ver­rä­ter, Felix von Apt­un­ga, vor­ge­nom­men wor­den war. Für Dona­tus und sei­ne Anhän­ger gehör­ten weder Häre­ti­ker noch öffent­li­che und offe­ne Sün­der zur wah­ren Kir­che, und die von ihnen gespen­de­ten Sakra­men­te waren ungül­tig. Der Wert der Sakra­men­te hing für sie von der Hei­lig­keit des Spen­ders ab.

Der größ­te Geg­ner des Dona­tis­mus war der hei­li­ge Augu­sti­nus, Bischof von Hip­po, der inner­halb von zwan­zig Jah­ren, zwi­schen 391 und 411, mehr als zwan­zig Abhand­lun­gen gegen die Sek­te ver­faß­te. Auf dem Kon­zil von Kar­tha­go im Jahr 411 sprach Augu­sti­nus mehr als sieb­zig Mal in drei Sit­zun­gen, deren Pro­to­kol­le uns über­lie­fert sind, und wider­leg­te ihre Lehre.

Die Nova­tia­ner und Dona­ti­sten hat­ten nicht die Absicht, das Buß­sa­kra­ment abzu­schaf­fen; indem sie aber bestrit­ten, daß die Kir­che es in bestimm­ten Fäl­len spen­den kön­ne, öff­ne­ten sie den Weg für sei­ne Abschaf­fung durch Luther und Cal­vin. Aus die­sem Grund bekräf­tig­te das Kon­zil von Tri­ent am 25. Novem­ber 1551 die Ver­ur­tei­lung der Nova­tia­ner und Dona­ti­sten (Den­zin­ger-Hüner­mann, Nr. 1670), indem es fest­stell­te, daß jeder, der nach dem Emp­fang der Tau­fe in Sün­de fällt, die­se immer durch wah­re Buße wie­der­gut­ma­chen kann. Das­sel­be Kon­zil defi­nier­te die Gül­tig­keit der Sakra­men­te, unab­hän­gig vom Gna­den­stand oder der Sün­de des Spen­ders (DH, Nr. 1612).

Die Leug­nung der kirch­li­chen Befug­nis, nach der Tau­fe began­ge­ne Sün­den zu ver­ge­ben, führ­te unwei­ger­lich zur Ableh­nung der insti­tu­tio­nel­len Dimen­si­on des mysti­schen Lei­bes Chri­sti. Die Mon­ta­ni­sten bezeich­ne­ten sich selbst als „spi­ri­tu­ell“ und träum­ten von einer Kir­che der pro­phe­ti­schen Inspi­ra­ti­on und der direk­ten gött­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on; die Nova­tia­ner nann­ten sich selbst Katha­roi, d. h. „die Rei­nen“, ein Begriff, der dann im Mit­tel­al­ter von den albi­gen­si­schen Häre­ti­kern ver­wen­det wur­de, um sich von den Ange­hö­ri­gen der hier­ar­chi­schen Kir­che zu unter­schei­den; die Dona­ti­sten lie­ßen sich vom glei­chen Para­dig­ma der „unsicht­ba­ren Kir­che“ inspi­rie­ren. Die Sek­ten, die sich im 16. Jahr­hun­dert links von Luther aus­brei­te­ten, grif­fen die Irr­tü­mer der Mon­ta­ni­sten, der Nova­tia­ner und der Dona­ti­sten auf und stell­ten ihre Kon­ven­ti­kel der von Jesus Chri­stus gegrün­de­ten katho­li­schen Kir­che entgegen.

Um nicht in die­sen sek­tie­re­ri­schen Fana­tis­mus zu ver­fal­len, bedurf­ten die Chri­sten der ersten Jahr­hun­der­te der Abwä­gung und der Ausgeglichenheit.

Ein begab­ter Histo­ri­ker, Mon­si­gno­re Umber­to Benig­ni (1862–1934), stellt fest, daß die ersten Chri­sten sich vor allem bewußt und ent­schlos­sen waren:

„Sie wuß­ten, was sie zu wol­len hat­ten, und sie woll­ten es stark und bestän­dig. Sie wur­den zudem auch gegen­über den anar­chi­schen oder sepa­ra­ti­sti­schen Ten­den­zen der ‚Illu­mi­na­ten‘, der Hitz­köp­fe und der Indi­vi­dua­li­sten dis­zi­pli­niert; die bischöf­li­che Mon­ar­chie über­wand sofort die olig­ar­chi­schen Ten­den­zen eini­ger Pro­phe­ten oder Pres­by­ter; und der päpst­li­che Supre­mat bil­de­te sich gegen die Ober­ho­heit eini­ger sezes­sio­ni­sti­scher Bischö­fe her­aus. (…) Schließ­lich waren die frü­hen Chri­sten aus­ge­gli­chen. Das heißt, sie lie­ßen sich nicht mit­rei­ßen von den Exzes­sen der Rech­ten und der Lin­ken, von den Rigo­ri­sten und den Laxi­sten von Kar­tha­go, von den mon­ta­ni­sti­schen Erschüt­te­run­gen und den alex­an­dri­ni­schen Abstru­si­tä­ten, von der Eng­stir­nig­keit der Juda­i­sten und der gno­sti­schen Anar­chie. Die­se aus­ge­wo­ge­ne Men­ta­li­tät ermög­lich­te es ihnen, ihre Zeit zu ver­ste­hen und sie kom­pro­miß­los und ohne Scheu zu beglei­ten, weder hin­kend noch galop­pie­rend, immer bereit, sich anzu­pas­sen, aber um zu gewin­nen, nicht um zu kapi­tu­lie­ren. Als Kon­stan­tin sie rief, die römi­sche Gesell­schaft zu erneu­ern, muß­ten sie sich weder beei­len noch ihre Rei­se ver­lang­sa­men, son­dern nur auf dem kai­ser­li­chen Wagen den Weg fort­set­zen, den sie bis dahin zu Fuß zurück­ge­legt hat­ten“ (Sto­ria socia­le del­la Chie­sa, Vall­ar­di, Mai­land 1906, Bd. I, S. 423f).

Bewußt und ent­schlos­sen, dis­zi­pli­niert und aus­ge­gli­chen müs­sen die Katho­li­ken heu­te sein und die Gefahr des Cha­os und der Zer­split­te­rung, die sie bedroht, zurück­wei­sen. Ein Arti­kel des Prie­sters (und spä­te­ren Kar­di­nals) Nicho­las Wise­man in der Dub­lin Review, in dem er die Posi­ti­on der afri­ka­ni­schen Dona­ti­sten mit der der Angli­ka­ner ver­glich, öff­ne­te Kar­di­nal John-Hen­ry New­man, der von dem von Wise­man zitier­ten Satz des hei­li­gen Augu­sti­nus beein­druckt war, den Weg zur Bekeh­rung: „Secu­rus iudi­cat orbis ter­rar­um“ („Sicher urteilt der Erd­kreis“, in: Con­tra Epi­stu­lam Par­me­nia­ni, Lib. III, Kap. 3). Die­ser Satz bringt den römi­schen Geist der ersten Jahr­hun­der­te auf den Punkt.

Nur die Kir­che hat das Recht, ein mora­li­sches Gesetz und des­sen ver­bind­li­chen Cha­rak­ter zu defi­nie­ren. Wer den Anspruch erhebt, sich an die Stel­le der kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten zu set­zen, indem er nicht exi­stie­ren­de mora­li­sche Nor­men auf­er­legt, ris­kiert, in Schis­ma und Häre­sie zu ver­fal­len, wie es in der Geschich­te lei­der schon gesche­hen ist.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017 und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana

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