„Unzureichend progressiv“?

Die Nachfolge in Turin und Umbaupläne an der Glaubenskongregation

Glaubenspräfekt Kardinal Ladaria SJ und Sekretär Erzbischof Giacomo Morandi bilden seit 2017 die Spitze der Glaubenskongregation. 2021 könnten beide ausgewechselt werden.
Glaubenspräfekt Kardinal Ladaria SJ (re.) und Sekretär Erzbischof Giacomo Morandi bilden seit 2017 die Spitze der Glaubenskongregation. Das dürfte sich noch 2021 ändern.

(Rom) Das Erz­bis­tum Turin wird noch in die­sem Jahr einen neu­en Erz­bi­schof erhal­ten. Vor­ge­se­hen scheint dafür Kuri­en­erz­bi­schof Gia­co­mo Moran­di, der Sekre­tär der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Des­sen Weg­be­för­de­rung aus Rom zeich­net sich ab, da Msgr. Moran­di in San­ta Mar­ta für „unzu­rei­chend pro­gres­siv“ gilt.

Erz­bi­schof Cesa­re Nosiglia voll­ende­te im Okto­ber 2019 sein 75. Lebens­jahr und reich­te gemäß Kir­chen­recht sei­nen Rück­tritt ein. Papst Fran­zis­kus gewähr­te ihm eine Ver­län­ge­rung um zwei Jah­re, die am 5. Okto­ber 2021 mit Nosigli­as 77. Geburts­tag endet. Im kom­men­den Herbst, spä­te­stens zum Jah­res­wech­sel, wird in Turin mit der Ernen­nung eines Nach­fol­gers gerechnet.

Der Bibel­wis­sen­schaft­ler Erz­bi­schof Nosiglia war Lei­ter des Kate­che­ti­schen Amtes der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, ehe er 1991 von Papst Johan­nes Paul II. zum Weih­bi­schof von Rom ernannt wur­de. 2003 folg­te die Beru­fung zum Bischof von Vicen­za und 2010 durch Papst Bene­dikt XVI. zum Erz­bi­schof von Turin. Obwohl der Bischofs­stuhl von Turin seit 1883 mit der Kar­di­nal­s­wür­de ver­bun­den war, wur­de Erz­bi­schof Nosiglia von Papst Fran­zis­kus nicht in den Kar­di­nal­s­rang erhoben.

Die Diö­ze­se geht auf das 4. Jahr­hun­dert zurück. Ihr Bischof war ein Suf­fra­gan des Erz­bi­schofs von Mai­land. 1515 erfolg­te die Erhe­bung zum Erz­bis­tum und zum Metro­po­litan­sitz. Am 6. Juni 1453 ereig­ne­te sich an Fron­leich­nam in der Stadt ein berühm­tes eucha­ri­sti­sches Wun­der. Seit jenem Jahr befand sich die Sacra Sin­do­ne, das Grab­tuch Jesu Chri­sti, im Besitz der Her­zö­ge von Savoy­en. Nach­dem die­se ihre Haupt­stadt von Cham­bé­ry nach Turin ver­legt hat­ten, wird die Sacra Sin­do­ne seit 1578 in Turin auf­be­wahrt. Als Umber­to II. starb, der letz­te König von Ita­li­en, ver­erb­te er als Ober­haupt des Hau­ses Savoy­en das Grab­tuch dem Papst. Im Auf­trag des Pap­stes ist der Erz­bi­schof von Turin seit­her der Kustos der Sin­do­ne. 2015 wur­de sie zuletzt anläß­lich der Erhe­bung zum Erz­bis­tum vor 500 Jah­ren öffent­lich ausgestellt.

Im 19. Jahr­hun­dert leb­ten und wirk­ten in der Stadt zahl­rei­che Hei­li­ge wie Don Bos­co, Dome­ni­co Savio, Giu­sep­pe Cot­to­len­go, Giu­sep­pe Cafas­so und ande­re mehr.

Das Erz­bis­tum war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch Schau­platz zwei­fel­haf­ter Aktio­nen und rebel­li­scher Prie­ster. Erz­bi­schof Nosiglia ver­mied öffent­li­che Konflikte.

Papst Fran­zis­kus mit Msgr. Morandi

Als aus­sichts­rei­cher Kan­di­dat für sei­ne Nach­fol­ge gilt Msgr. Gia­co­mo Moran­di, Prie­ster des Erz­bis­tums Mode­na. Moran­di stu­dier­te wie Nosiglia Bibel­wis­sen­schaf­ten und spe­zia­li­sier­te sich auch in Mis­si­ons­wis­sen­schaf­ten. Nach eini­gen Jah­ren in der Seel­sor­ge und der Lei­tung der diö­ze­sa­nen Bibel­stel­le wur­de er 2005 Bischofs­vi­kar und 2010 Gene­ral­vi­kar des Erz­bis­tums Modena.

2015 berief ihn Papst Fran­zis­kus als Unter­se­kre­tär an die römi­sche Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. 2017, mit der Ent­las­sung von Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler und der Beför­de­rung des Sekre­tärs der Kon­gre­ga­ti­on, Msgr. Luis Ladar­ia Fer­rer SJ, zum Prä­fek­ten, ernann­te Fran­zis­kus Moran­di zum Titu­lar­erz­bi­schof von Cae­re (Cer­ve­te­ri), einem 1050 erschlos­se­nen Bis­tum in Lati­um, und beför­der­te ihn zum Sekre­tär der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on.

Die mög­li­che Beför­de­rung von Msgr. Moran­di zum Erz­bi­schof von Turin signa­li­siert grund­le­gen­de Umbau­plä­ne an der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Sol­che wer­den ohne­hin erwar­tet, da Kar­di­nal Ladar­ia bereits im 78. Lebens­jahr steht. Wird auch sein Sekre­tär ent­fernt, steht ein kom­plet­ter Umbau der Kon­gre­ga­ti­ons­spit­ze bevor.

Als Grund für Msgr. Moran­dis mög­li­che Beför­de­rung nach Turin wird in Rom genannt, daß Papst Fran­zis­kus ihn in jüng­ster Zeit für „unzu­rei­chend pro­gres­siv“ hält. 

Was bedeu­tet eine sol­che Ein­schät­zung für die von San­ta Mar­ta beab­sich­tig­te „Ori­en­tie­rung“ der Glaubenskongregation?

Papst Fran­zis­kus emp­fängt rou­ti­ne­mä­ßig den Glau­bens­prä­fek­ten alle zwei Wochen, um sich über aktu­el­le Fra­gen infor­mie­ren zu las­sen. Am 14. Mai such­te Msgr. Moran­di in Ver­tre­tung von Kar­di­nal Ladar­ia den Papst auf. Ob Fran­zis­kus ihm bei die­ser Gele­gen­heit mit­teil­te, neue Plä­ne mit ihm zu haben?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/VaticanMedia (Screen­shot)

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