Was ist das – die Inkulturation nach Jesuitenart?

Pachamama, der Papst und die Areopagrede

Der Areopag von der Akropolis aus gesehen / Die Ruinen der Akropolis Der Areos pagos (dt. Ares-Fels) ist ein 115 m hoher Hügel inmitten Athens neben der Akropolis. In der Antike tagte hier der oberste Rat der Stadt, gleichfalls Areopag genannt.
Der Areopag von der Akropolis aus gesehen (links) / Die Ruinen der Akropolis (rechts). Der Areos pagos (dt. Ares-Fels) ist ein 115 m hoher Hügel inmitten Athens neben der Akropolis. In der Antike tagte hier der oberste Rat der Stadt, gleichfalls Areopag genannt.

Von End­re A. Bár­d­os­sy*

Der Anstoß für die­se Arbeit war, wie es unter Auf­zäh­lung der Tat­sa­chen § 3. ange­ge­ben ist, die 34. General­audienz am 6. Novem­ber 2019. Zu sei­ner Recht­fer­ti­gung berief sich der regie­ren­de Papst im aku­ten Erklä­rungs­not­stand zum PACHAMAMA-SKANDAL auf die Areo­pag-Rede des hl. Pau­lus und unter­stell­te ihm den Ver­such einer „Inkul­tu­ra­ti­on“ mit dem Schluß­satz:

„Bit­ten wir den Hei­li­gen Geist auch heu­te, uns zu leh­ren, Brücken mit der Kul­tur zu schla­gen, mit denen, die nicht glau­ben oder mit denen, die ein ande­res Cre­do haben als wir. Bit­ten wir ihn um die Fähig­keit, die Bot­schaft des Glau­bens zart zu inkul­turie­ren [?] und den­je­ni­gen, die sich in der Unwis­sen­heit Chri­sti befin­den, einen kon­tem­pla­ti­ven Blick zuzu­wen­den, bewegt von einer Lie­be, die selbst die ver­här­tet­sten Her­zen erwärmt.“

Dar­aus geht klar her­vor, daß es in der Mis­sio­nie­rung der Hei­den nicht auf das Cre­do ankommt, son­dern auf die Herz­lich­keit der Plau­de­rei („DIALOG“) und auf die inhalt­lo­se Phil­an­thro­pie… Nicht­glau­ben und etwas ande­res Glau­ben soll­ten also mit dem wah­ren Glau­ben auf glei­che Augen­hö­he nivel­liert wer­den. Gegen die Ver­wäs­se­rung des Glau­bens nach alter Jesui­ten­ma­nier haben wir seit eh und je unse­re Vor­be­hal­te ein­zu­wen­den – mit der glei­chen Ent­schlos­sen­heit des jun­gen Man­nes, der die höl­zer­nen Ido­le in den rei­ßen­den Tiber gewor­fen hat. 

Die empö­ren­de (zar­te) „Inkul­tu­ra­ti­on“ der PACHAMAMA möge zum Anlaß die­nen, um den prä­zi­sen eng­li­schen Begrif­fen ENCULTURATION und ACCULTURATION nach­zu­se­hen. Dabei läßt sich fest­stel­len, daß im Spa­ni­schen das Begriffs­paar (ledig­lich ortho­gra­phisch modi­fi­ziert) gleich­be­deu­tend an die eng­li­sche Ver­si­on gut her­an­kommt (incul­tu­ra­ción, accul­tu­ra­ción). Wäh­rend der deut­sche, moder­ni­sti­sche Gebrauch der Inkul­tu­ra­ti­on in geo­graphische (süd­ame­ri­ka­ni­sche, afri­ka­ni­sche, euro­päi­sche…) und in epo­cha­le Auf­split­te­run­gen (prä­kon­zi­li­ar… post­kon­zi­li­ar) zer­stückelt ist.

Kultur ist die fleischgewordene Religion eines Volkes

Kul­tur ist nach T. S. Eli­ot nicht nur der Ober­be­griff für die Pro­duk­te der Kunst, der Wis­sen­schaft, der guten Manie­ren, oder der fei­nen Kuli­na­rik („Eßkul­tur, Koch­kunst“). Kul­tur ist also nicht das Inven­tar der soge­nann­ten Kul­tur­gü­ter der Grie­chen und Römer, der Phö­ni­zi­er, Kel­ten oder der India­ner, son­dern die gesam­te Lebens­wei­se eines Men­schen, wel­che selbst­ver­ständ­lich in die fleisch­ge­wor­de­ne Reli­gi­on sei­nes Vol­kes ein­ge­bet­tet ist. (Notes Towards the Defi­ni­ti­on of Cul­tu­re, 1949) Kul­tur als Lebens­wei­se ist immer wie­der ein lebens­lan­ger Pro­zeß der Ein­bin­dung des Kin­des in die umge­ben­de Kul­tur wie sie im eng­li­schen Lehn­wort Encul­tu­ra­ti­on vor­bild­lich geprägt ist, und in der Verb­form encul­tu­ra­te („ein­kul­turie­ren“) noch­mals bekräf­tigt wird. Dem ame­ri­ka­ni­schen Autor Mel­vil­le J. Her­s­ko­vits ver­dan­ken wir die­se Wort­schöp­fung, die aus sei­nem Werk um die Welt gegan­gen ist (Man and His Works: The Sci­ence of Cul­tu­ral Anthro­po­lo­gy, 1948). Im Inter­net fin­det man auch Hör­bei­spie­le für die Aus­spra­che die­ser selt­sa­men Wör­ter.

ENCULTURATION ist somit ein „Hin­ein­wach­sen“ des Kin­des in die „Con­di­ti­on huma­na“ wie es sei­ner Zeit, Raum und Lage ent­spricht. Es geht um einen Pro­zeß, in dem das Neu­ge­bo­re­ne zunächst von sei­nen Eltern all­mäh­lich den tra­di­tio­nel­len Inhalt der umge­ben­den Kul­tur lernt und ihre Prak­ti­ken und Wer­te assi­mi­liert.

Der Pro­zeß ist teils ein unge­steu­er­tes Wach­sen und Gedei­hen, das weit­ge­hend unbe­wußt und unmerk­lich vor sich geht. Größ­ten­teils ist er aber ein gelenk­tes Ein­bin­den mit plan­vol­len Inten­tio­nen der Fami­lie, Schu­le, Kir­che, Öffent­lich­keit, mit dem macht­vol­len Instru­men­ta­ri­um geschrie­be­ner und unge­schrie­be­ner Geset­ze, Spra­che, Geschich­te, Tra­di­ti­on, die ihre mar­kan­ten Züge zur Erzie­hung und Ver­fe­sti­gung bei­tra­gen. Das ist die übli­che, fried­li­che Ent­wick­lung des natür­li­chen Men­schen zu einer mono­glot­ten Kul­tur der Mas­sen.

In allen bekann­ten Kul­tu­ren gibt es für die Bewah­rung des fried­li­chen Zusam­men­le­bens zen­tral gele­ge­ne „Göt­ter oder Güter“ und auch bei athe­isti­schen Reli­gi­ons­lo­sig­keit zumin­dest eini­ge zen­tral gesetz­te, eifer­süch­tig, nötigen­falls mit Waf­fen­ge­walt ver­tei­dig­te, pro­fa­ne „Wer­te“. Die­se sind Hüter der Tra­di­ti­on und Ord­nung, die jeder­mann unbe­dingt ange­hen und einer jeden Kul­tur ihre eigen­ar­ti­ge Kon­si­stenz ver­lei­hen.

Zwei Herzen in einer Brust

Eine gewal­ti­ge Ände­rung der fleisch­ge­wor­de­nen, gut ein­ge­spiel­ten („ein­kul­turier­ten“) Ord­nung ist mög­lich, aber kon­flikt­ge­la­den. Im Erwach­se­nen­al­ter heißt dann die­se kom­ple­xe Umstel­lung

ACCULTURATION (ad-cul­tu­ra­ti­on) und bedeu­tet die frei­wil­li­ge oder erzwun­ge­ne Adap­tie­rung eines Men­schen oder Vol­kes an eine frem­de Kul­tur, Glau­ben oder Ver­hal­tens­wei­se mit tief­grei­fen­den Fol­gen.

Das Wort wur­de erst­mals vom ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten, Ent­decker und Geo­lo­gen John Wes­ley Powell ver­wen­det (Intro­duc­tion to the Stu­dy of Indian Lan­guages, 1880). Zu jener Zeit wur­den die Ame­ri­ka­ner nicht nur auf Grund der Schwie­rig­kei­ten der sprach­li­chen Ver­stän­di­gung des­sen gewahr, daß eine Akkul­tu­ra­ti­on der hete­ro­gen durch­ge­misch­ten Ein­wan­de­rer zum ame­ri­ka­ni­schen „Way of life“ ein hoch­dra­ma­ti­sches, unkal­ku­lier­ba­res Pro­blem mit viel­fäl­ti­gen Schlüs­sen ist. Dabei geht es nicht um auf­re­gen­de Studien‑, nütz­li­che Geschäfts- oder nied­li­che Urlaubs­rei­sen – son­dern um eine Rei­se ohne Rück­kehr, d. h. um die defi­ni­ti­ve Ver­le­gung des Lebens­mittelpunktes auf Dau­er nicht nur räum­lich, son­dern auch gei­stig. Die übli­chen Beweg­grün­de dafür sind

  • Flucht vor poli­ti­scher Ver­fol­gung, Krieg, Revo­lu­ti­on oder Natur­ka­ta­stro­phen,
  • Aus­wan­de­rung aus wirt­schaft­li­cher Not,
  • Kon­ver­si­on aus Grün­den der reli­giö­sen Über­zeu­gung und Welt­an­schau­ung,
  • Lie­bes­hei­rat zwi­schen Part­nern aus zwei weit aus­ein­an­der lie­gen­den Wel­ten… Die­se kann unter kon­ti­nen­ta­len, natio­na­len oder unter gewal­ti­gen Stan­des­un­ter­schie­den zustan­de­kom­men wie wir sie zwi­schen der „Königs­toch­ter & dem tüch­ti­gen Bau­ern­bur­schen“ aus der Mär­chen­welt noch gut in Erin­ne­rung haben.

Dafür ist die Poly­glot­tie oder zumin­dest die Über­nah­me einer Son­der­spra­che (Jar­gon, Mund­art, Fremd- oder Fach­spra­che) die mil­de­ste Form der Akkul­tu­ra­ti­on und die Vor­stu­fe einer dro­hen­den oder ersehn­ten, jeden­falls umgrei­fen­den Anwand­lung der zukom­men­den Lebens­wei­se.

Ent­ge­gen einer ver­lei­ten­den, fal­schen Volks­ety­mo­lo­gie das Wort „Indi­gena“ aus dem Latei­ni­schen lei­tet sich nicht von den vor­ko­lum­bia­ni­schen „India­nern“ ab, son­dern bedeu­tet schlicht und ein­fach „Inlän­der“ (lat. Urein­woh­ner, Ein­hei­mi­sche, Ein­ge­bo­re­ne, Boden­stän­di­ge).

Folg­lich, und sehr all­ge­mein gespro­chen, die „Indi­ge­nen“ (Inlän­der) und ande­rer­seits die „Immi­gran­ten“ (Aus­län­der, Zuwan­de­rer, Frem­de) kön­nen sich viel­fach über­ein­an­der und mit­ein­an­der, bunt gemischt wer­den, durch:

  • Anpas­sung der einen Kul­tur an die ande­re;
  • Anlei­hen von Merk­ma­len (bor­ro­wing traits) in die eine aus der ande­ren Kul­tur;
  • kom­plet­te Ver­schmel­zung zwei­er Kul­tu­ren infol­ge län­ge­rer Kon­tak­te des Zusam­men­le­bens.

Je nach Kon­si­stenz und Resi­stenz der In- und Aus­län­der­an­tei­le ist es vor­der­grün­dig klar, was die inter­kul­tu­rel­len Kon­tak­te bewir­ken kön­nen:

Erstens eine Ver­drän­gung, wel­che die Über­zeu­gun­gen, Usan­cen und die tra­di­tio­nel­len Prak­ti­ken der Unter­le­ge­nen mit dem Recht der Stär­ke­ren und der Zahl­rei­che­ren unter Druck gra­vie­rend ver­än­dert, aus­löscht oder zumin­dest rela­ti­viert, wobei die Gewalt oft bis zu einer poli­ti­schen, demo­kra­ti­schen, aber auch bewaff­ne­ten Erobe­rung oder Expan­si­on eska­lie­ren kann und das Leben der Indi­ge­nen auch nicht unbe­dingt ver­scho­nen muß.

Zwei­tens ist dage­gen die Anglei­chung (Assi­mi­la­ti­on) ein Pro­zeß unter Indi­vi­du­en und Grup­pen frem­der Her­kunft, wel­che die grund­le­gen­den Gewohn­hei­ten, Ein­stel­lun­gen und Lebens­wei­sen einer ant­ago­ni­sti­schen, stark unter­schied­li­chen Kul­tur fried­lich anneh­men und die vor­he­ri­gen eige­nen Posi­tio­nen all­mäh­lich auf­ge­ben.

Anhand der histo­ri­schen Erin­ne­run­gen der Völ­ker­wan­de­rung in der Anti­ke und der jün­ge­ren Erfah­run­gen der mas­sen­haf­ten euro­päi­schen Aus­wan­de­run­gen zuerst nach His­pa­no- und spä­ter nach Anglo-Ame­ri­ka, kön­nen wir heu­te auf ana­lo­ge Wei­se unse­re Zukunft unter ver­än­der­ten Vor­zei­chen erah­nen: Wer den Tenor der Ein­wan­de­rer, wer die Sta­ti­sten­rol­len der unter­ge­hen­den Auto­chtho­nen spie­len wird, das läßt sich schon heu­te erah­nen. Die­se Vor­ah­nun­gen wur­den bereits von Goe­the in sei­nem Koph­ti­schen Lied unwi­der­leg­bar besun­gen:

Geh, gehor­che mei­nen Win­ken,
Nut­ze dei­ne jun­gen Tage,
Ler­ne zei­tig klü­ger sein:
Auf des Glückes gro­ßer Waa­ge
Steht die Zun­ge sel­ten ein;
Du mußt stei­gen oder sin­ken,
Du mußt herr­schen und gewin­nen,
Oder die­nen und ver­lie­ren,
Lei­den oder tri­um­phie­ren,
Amboß oder Ham­mer sein
.

Amboß oder Ham­mer. Ter­ti­um non datur: Eine simp­le Koexi­stenz, die sich auf eine belie­bi­ge, wahl­lo­se Ver­mi­schung zwei­er (oder meh­re­ren) ant­ago­ni­sti­schen Kul­tu­ren bezieht, die auf län­ge­re Zeit in der Schwe­be ver­blei­bend, sowohl auf ein ver­drän­gungs- wie auch assi­mi­la­ti­ons­frei­es Neben­ein­ader gro­ßer Bevöl­ke­rungs­grup­pen abzielt, ist kaum denk­bar und erst recht kon­flikt­träch­tig. Das Hin­aus­schie­ben einer defi­ni­ti­ven Lösung für grund­le­gen­de, unter­schwel­li­ge Dif­fe­ren­zen för­dert nur ihre Rela­ti­vie­rung mit den Ris­ken vul­kan­ar­ti­ger Aus­brü­chen der Aggres­si­on.

Verballhornung der Begriffe

Das Stamm­wort des Kul­tur­wan­dels infol­ge einer Kon­ver­si­on ist zwei­fels­oh­ne der Begriff der „ACCULTURATION“ (1880), die ursprüng­lich – bei J. W. Powell, dem Erst­an­wen­der des Wor­tes – auch den Pro­zeß in sich schloß, durch den das Kind mit der Mut­ter­spra­che die Kul­tur sei­ner bestim­men­den Umge­bung erlangt.

  • Die spä­te­re Dif­fe­ren­zie­rung dank M. J. HERSKOVITS (1948), wel­che die erste, natür­li­che „Ad-cul­tu­ra­ti­on“ des her­an­wach­sen­den Kin­des unter dem Namen „En-cul­tu­ra­ti­on“ vom sekun­dä­ren Kul­tur­wech­sel der Erwach­se­nen trenn­te, war eine spe­zi­fi­sche Ver­bes­se­rung des Begrif­fes, die naht­los in die Human­wis­sen­schaf­ten ein­ge­gan­gen ist.
  • Auch die schlich­ten Lau­tan­pas­sun­gen von „ENCULTURATION“ etwa auf Spa­nisch „Incul­tu­ra­ción“ oder Deutsch „Inkul­tu­ra­ti­on“ sind selbst­ver­ständ­li­che Anwand­lun­gen der Ortho­gra­phie ohne jeden Abstrich der Bedeu­tung.
  • Ein­ma­li­ger Son­der­fall aller Zei­ten war das Anein­an­der­pral­len der jun­gen, weit­ge­hend jüdisch gepräg­ten Christen­heit mit der grie­chisch-römi­schen Kul­tur. Dank des Völ­ker­apo­stels Pau­lus haben wir die alt­jü­di­schen Klei­der und Geset­ze recht­zei­tig abge­legt. Der ver­fe­stig­te christ­li­che Glau­be fand jedoch in der anti­ken Zivi­li­sa­ti­on einen kon­ge­nia­len Reso­nanz­bo­den, da die grie­chi­schen Mär­chen, Sagen und Göt­zen­bil­der seit Sokra­tes, Pla­ton und Ari­sto­te­les bereits weit­ge­hend ange­schla­gen und zuneh­mend ent­my­tho­lo­gi­siert waren. Der fleisch­ge­wor­de­ne und wie­der auf­er­stan­de­ne Logos der jun­gen Chri­sten, die Tugen­den der Klug­heit, Mäßi­gung, Gerech­tig­keit und Tap­fer­keit des besinn­li­chen Grie­chen­tums, die Ratio der Römer hat­ten einen gemein­sa­men Nen­ner und Resonanz­boden gebo­ten. Die­se gott­ge­ge­be­ne, gemein­sa­me Wel­len­län­ge, die wir heu­te unwie­der­hol­bar und unein­hol­bar unse­re christ­li­che Exi­stenz nen­nen dür­fen, ist die Garan­tie einer gesi­cher­ten Zukunft. Der Vor­sprung der euro­zentrischen Geschich­te ist so groß, daß die letz­ten pri­mi­ti­ven Stam­mes­kul­tu­ren sich dar­an nur beleh­ren las­sen, aber nicht zu Lehr­mei­stern erhe­ben kön­nen. Neben oder ohne euro­zen­tri­sche Chri­sten­heit kann es kein frei­schwebendes Sek­tie­rer­tum geben. Die Kir­che kann in viel­fa­cher Hin­sicht geläu­tert, aber grund­sätz­lich nicht an der gro­ßen Tra­di­ti­on vor­bei neu­ge­grün­det wer­den. Jeder Ver­such in der Hin­sicht rui­niert sich selbst.

Die Kon­se­quen­zen einer Ver­schlimm­bes­se­rung der chao­tisch aus­ufern­den Enkul­tu­ra­ti­ons- und Akkulturations­prozesse began­nen erst, als Mis­si­ons­wis­sen­schaft­ler und Theo­lo­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils der ortho­gra­phi­schen Neu­fas­sung der EN- und AD-KULTURATION als „INKULTURATION“ auch ihre inhalt­li­chen Moder­nis­men inha­lie­ren woll­ten.

Sie möch­ten der unum­geh­ba­ren Alter­na­ti­ve „Ham­mer oder Amboß“ des wah­ren Glau­bens und der unter­le­ge­nen Göt­zen­bil­der der letz­ten Pri­mi­ti­ven aus dem Wege gehen. Die Rudi­men­te der unter­le­ge­nen, heid­ni­schen Kul­tu­ren las­sen sich jedoch mit der christ­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und Reli­gi­on nicht mehr in Ein­klang und auf Vor­der­mann brin­gen. Die nicht christ­li­chen Reli­gio­nen neh­men immer mehr – in Isra­el, Islam, Bud­dhis­mus, Hin­du­is­mus, und von den Ama­zo­nas-India­nern erst gar nicht zu reden – die Cha­rak­ter­zü­ge einer eth­ni­schen Reli­gi­on an. Eth­nisch wird eine Reli­gi­on genannt, wenn sie ledig­lich durch Ritua­le über­le­ben kann, kei­nen nen­nens­wer­ten dok­tri­nä­ren Inhalt hat und ihre Anhän­ger jeweils nur einer eth­ni­schen Grup­pe ange­hö­ren; z. B. Ange­hö­ri­ge der jüdi­schen Reli­gi­on sind immer eth­ni­sche Juden. Ihr eth­ni­scher Zusam­men­halt ist um ein viel­fa­ches kräf­ti­ger als die spi­ri­tu­el­le Kohä­renz ihrer theo­lo­gi­schen Leh­ren. Je schnel­ler die säku­la­re Zivi­li­sa­ti­on der glo­ba­li­sier­ten Welt vor­an­schrei­tet, desto schnel­ler wer­den die eth­nisch ver­fe­stig­ten, aber inhalt­lich-theo­lo­gisch ver­arm­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten dem säku­la­ren Ver­fall, ins­be­son­de­re unter den immer skep­ti­scher wer­den­den Jugend­li­chen preis­ge­ge­ben. Das höl­zer­ne Eisen einer Amal­ga­mie­rung einer „Pach­a­ma­ma“ mit der Zivi­li­sa­ti­on muß unwei­ger­lich an ihrer Lächer­lich­keit und Unverträg­lichkeit mit dem logi­schen Den­ken schei­tern.

Aufgaben der Mission

Die authen­ti­schen Auf­ga­ben der christ­li­chen Mis­si­on aller Zei­ten waren stets dop­pel­ter Art. Erstens im Zei­chen des Kreu­zes die fro­he Bot­schaft der Auf­er­ste­hung ohne Kom­pro­miß zu ver­kün­den und zwei­tens die Errun­gen­schaf­ten der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on für die Bar­ba­ren zu ver­mit­teln. Es han­del­te sich um eine müh­sa­me, nicht ungefährli­che, im höch­sten Maße opfer­rei­che Arbeit und um eine ver­ant­wor­tungs­vol­le, heik­le Erzie­hung von Unmün­di­gen und Pri­mi­ti­ven zur Frei­heit und zum Gebrauch der eige­nen Ver­nunft. Somit gehör­ten zum voll­stän­di­gen Bild einer jeder Mis­si­ons­sta­ti­on neben dem geweih­ten Tem­pel auch die Insti­tu­tio­nen der Volks­schu­len, in geglück­ten Aus­nahmefällen sogar auch Mit­tel- und Hoch­schu­len; und last not least die christ­li­chen Spi­tä­ler, die ärzt­li­che Versor­gung und die Sicher­stel­lung der Ernäh­rung im all­ge­mei­nen. Die­se euro­zen­tri­schen, als „Inva­si­on“ beschimpf­ten Bene­fi­zi­en waren also eine gei­sti­ge, soma­ti­sche und eine im besten Sin­ne des Wor­tes ein­sei­ti­ge Strö­mung, sozu­sa­gen eine Ein­bahn­stra­ße der „guten, alten, wei­ßen“ Ordens­män­ner und Ordens­frau­en, die mit ihren viel­sei­ti­gen Gaben die not­lei­den­de Welt ohne Gegen­lei­stung reich­lich beschenk­ten. Mut­ter Tere­sa darf in die­sem Zusam­men­hang als leuch­ten­des Bei­spiel erwähnt wer­den.

Nach dem Nie­der­gang des Römi­schen Rei­ches an der Hand der Van­da­len, und aller­lei Hor­den von Ost‑, West- und Visi-Goten muß­te erst ein­mal, dank der inner­eu­ro­päi­schen Mis­si­on der Bene­dik­ti­ner, die Rekon­struk­ti­on der Zivi­li­sa­ti­on begon­nen wer­den, die mit dem Kreuz, dem Pflug und dem latei­ni­schen Alpha­bet aus dem Trüm­mer­hau­fen der Völ­ker­wan­de­rung das Abend­land wie­der errich­tet haben. Unter dem Mot­to des hl. Bene­dikts von Nur­sia (480–547) erstrahl­te ein neu­es, blü­hen­des Mit­tel­al­ter: Ora et labo­ra – Bete und arbei­te! Ihre euro­pa­weit gele­ge­nen Abtei­en und Biblio­the­ken sind bis zum heu­ti­gen Tage die leben­di­gen Zeug­nis­se ihrer uner­müd­li­chen Mis­si­ons­ar­beit und gro­ßen Mis­si­ons­er­fol­ge.

Missionierung der Jesuiten im Fernen Osten und in Lateinamerika

Die Aben­teu­er der Jesui­ten in Chi­na und Japan wur­den von Anfang an viel bewun­dert, aber bis zur höch­sten Instanz der Päp­ste auch hef­tig bestrit­ten und ver­bo­ten. Die kar­ne­val­es­ke Vor­lie­be die­ser erha­be­nen Män­ner für eine schau­spie­le­ri­sche Ver­klei­dungs­lust ist in der Tat erstaun­lich. Indes leg­ten die Eli­ten der fern­öst­li­chen Völ­ker samt aller Ein­ge­bo­re­nen der Welt schnel­ler einen Anzug mit Kra­wat­te an, als die katho­li­schen Non­nen einen Kimo­no. Die glo­ba­le, ins­be­son­de­re die tech­ni­sche Zivi­li­sa­ti­on über­deck­te alle indi­ge­nen Völ­ker, – ob in Afri­ka, Asi­en, Austra­li­en oder His­pa­no-Ame­ri­ka, – so schnell mit den euro­zen­tri­schen Bräu­chen, Gewohn­hei­ten, Sit­ten und Unsit­ten, daß eine „Berei­che­rung“ der römisch-katho­li­schen Reli­gi­on durch die soge­nann­te Inkul­tu­ra­ti­on aus dem anti­quier­ten Brauch­tum der pri­mi­ti­ven Völ­ker zwei­fel­los ein Ana­chro­nis­mus gewor­den ist. Lei­der haben das die Jesui­ten unter der Füh­rung von Don Pedro Arru­pe (Ordens­ge­ne­ral 1965–1981) und Papst Fran­zis­kus bis heu­te noch nicht wahr­ge­nom­men.

Moti­viert durch die roman­ti­schen Illu­sio­nen Jean-Jac­ques Rous­se­aus (1712–1778) bezüg­lich der Edlen Wil­den und der Guten Sit­ten in einem glück­li­chen Urwald oder auf einer fried­li­chen Insel (Robin­son Cru­soe) glau­ben die Väter und Nach­fol­ger des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zis seit über 50 Jah­ren, daß man die Christ­li­che Leh­re ins Vaku­um einer jed­we­den indi­ge­nen (Un- oder Sub-) Kul­tur hin­ein­ver­set­zen kann, ohne die „akkul­tu­ra­ti­ven“ Pro­zes­se in Gang zu set­zen, die zu den unver­zicht­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen bzw. Kon­se­quen­zen des Chri­sten­tums gehö­ren.

Internierung der Amazonas-Indianer in die Sippenhaft – dank der Befreiungstheologie

Um den Preis der kit­schi­gen Über­trei­bung, die zu stei­gern nicht mehr mög­lich ist, sind die Ama­zo­nas-India­ner die letz­ten Opfer, die von Ber­go­glio in ein Reser­vat zivi­li­sa­ti­ons­fer­ner, musea­ler Iso­lie­rung ein­ge­wie­sen wer­den. Aber wet­ten wir! Wenig­stens die Jugend­li­chen unter ihnen seh­nen sich eher nach einer heiz­ba­ren Stadt­woh­nung mit Fließ­was­ser und Fern­se­hen anstel­le eines Baum­hau­ses oder Zelt­la­gers im Urwald.

Dar­aus fol­gen das Ärger­nis und der schlich­te Non­sens, wenn man den Ver­such unter­nimmt, eine Reli­gi­on (das Chri­sten­tum, Juden­tum, den Islam oder eine ande­re Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, ja sogar nur einen säku­la­ren Lebens­mit­tel­punkt z. B. den Sozia­lis­mus), ohne eine ent­spre­chen­de Akkul­tu­ra­ti­on der zuge­hö­ri­gen Wer­te oktroy­ie­ren oder frei­wil­lig anneh­men will. Wer Christ, Jude, Moham­me­da­ner oder sonst­was wer­den möch­te, der muß sich unwei­ger­lich bereit befin­den, sei­ne Lebens­wei­se, Ein­stel­lun­gen, Ansich­ten, Wert­schät­zun­gen – und somit sein Herz und sei­ne kom­plet­te Kul­tur – signi­fi­kant zu reor­ga­ni­sie­ren, zu ändern und neu­er­lich „flei­schwer­den“ zu las­sen. Er muß noch mal, neu gebo­ren („ein­kul­turiert“) wer­den wie es bei Johan­nes (3:3–4) ver­langt wird:

Wahr­lich wahr­lich ich sage dir:
Wer nicht von oben her gebo­ren wird, kann das Reich Got­tes nicht sehen.

Dar­auf erwi­der­te der ver­dutz­te Niko­de­mus:

Wie kann ein Mensch gebo­ren wer­den, wenn er ein Greis ist?
Kann er etwa zum zwei­ten­mal in den Schoß sei­ner Mut­ter ein­ge­hen und gebo­ren wer­den?“

Doch muß alles unter neu­en Blick­win­keln „ein­kul­turiert“ wer­den! Die alte, abge­leg­te Reli­gi­on (oder Religionslosig­keit) samt vor­he­ri­ger Lebens­wei­se wird man neu erset­zen müs­sen. Jede Kon­ver­si­on zieht einen lan­gen Pro­zeß der „Ad-kul­tu­ra­ti­on…“ nach sich. Bei anspruchs­vol­len Reli­gio­nen und grund­ver­schie­de­nen Lebens­weisn geht es also nicht nur um eine ober­fläch­li­che Anpas­sung der Kon­ven­tio­nen. Der Apo­stel Pau­lus erklärt zur Sache:

Also: wenn einer in Chri­stus ist, so ist er ein neu­es Geschöpf. Das Alte ist ver­gan­gen; sie­he, Neu­es ist gewor­den. (2 Korin­ther­brief 5:17)

Es geht um eine exi­sten­ti­el­le Anwand­lung: Adäqua­ti­on (Anglei­chung) der fleisch­ge­wor­de­nen Daseins an die Wahr­heit der neu gewon­ne­nen reli­giö­sen Lebens­mit­te.

Triumphzug des Relativismus und Synkretismus

Kon­ver­si­on, zu wel­cher Lebens­mit­te (=Reli­gi­on) auch immer, gibt es also nicht ohne „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“, ohne Erneue­rung der kom­plet­ten Iden­ti­tät. Das wis­sen sogar die chi­ne­si­schen Kom­mu­ni­sten! Tut der Kon­ver­tit das nicht, so bleibt er nur ein „Tauf­schein­ka­tho­lik“, ein Pseu­do… Jude, ein Pseu­do… Moham­me­da­ner, ein Pseu­do… Kom­mu­nist oder ein Pseu­do… Sonst­was.

LEITKULTUR kön­nen wir also jene Kul­tur­ver­fas­sung nen­nen, wel­che von der ange­streb­ten Lebens­mit­te ver­mit­telt wird. Je anspruchs­vol­ler die­se Ziel-Reli­gi­on, und je anspruchs­lo­ser der abge­lehn­te Reli­gi­ons­er­satz auch sein mag, umso radi­ka­ler wird auch der Lebens- und Kul­tur­wan­del sein. Der Pro­zeß ist kein Instant­pro­zeß oder Zau­ber­stab, son­dern ein gei­stig-leib­li­ches Hin­ein­wach­sen, teils unge­steu­ert (durch unge­schrie­be­ne Geset­ze!), teils plan­voll inten­diert durch Fami­lie, Schu­le, Spra­che, Kir­che und Staat, Poli­tik und Gesetz­ge­bung, Geschich­te und Tra­di­ti­on, etc.

SUBKULTUR, in die­sem Zusam­men­hang all­ge­mein gefaßt, könn­ten wir die unter­drück­te bzw. von sich selbst unter­ge­hen­de, alte Lebens­wei­se des Göt­zen­dien­stes nen­nen.

Die IRREGELEITETE INKULTURATION der Jesui­ten behaup­tet und rekla­miert dage­gen, daß die über­ge­ord­ne­te christ­li­che Leit­kul­tur auf die inad­äqua­ten Gedan­ken und Ansich­ten der abge­leg­ten, pri­mi­ti­ven, indi­ge­nen Sub­kul­tur Rück­sicht zu neh­men hat. Die Über­lap­pun­gen des Neu­en und Alten Men­schen sol­len die Rudi­men­te und Remi­nis­zen­zen von Aber­glau­ben und Ver­hal­tens­mu­stern par­al­lel bewah­ren und pfle­gen. Inkul­tu­ra­ti­on ist somit das zen­tra­le Schlag­wort Befrei­ungs­theo­lo­gie für Gleich­heit und Demo­kra­tie unter den Reli­gio­nen, für Rela­ti­vis­mus und Syn­kre­tis­mus ohne Cre­do, nicht zuletzt frei­lich mit allen Res­sen­ti­ments bela­den gegen Kolo­nia­lis­mus und Impe­ria­lis­mus.

Fiasko der säkularen Aufklärung

Weder die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on (1789) noch die Ter­ror­herr­schaft Napo­lé­ons von Paris über das ein­ge­knick­te Wien als Haupt­stadt des Deutsch-Römi­schen Rei­ches bis nach Mos­kau, aber schluß­end­lich bis zu sei­ner ver­dien­ten Ver­nich­tung in Water­loo (1815) brach­ten die soge­nann­te säku­la­re „Auf­klä­rung“ zum Durch­bruch. James Watts Dampf­ma­schi­ne (1773) und das welt­wei­te Eisen­bahn­netz der eng­li­schen Inge­nieu­re von Man­che­ster nach Liver­pool, von Kap­stadt in Rich­tung Mit­tel­meer, in Indi­en, Argen­ti­ni­en, Austra­li­en… waren die tat­kräf­ti­gen Pio­nie­re einer wirk­lich bes­ser wer­den­den Welt – zumin­dest in tech­ni­scher und wirt­schaft­li­cher Hin­sicht.

Damit lan­den wir beim welt­li­chen Arm der christ­li­chen Mis­si­ons­ar­beit: dem berüch­tig­ten, zu Recht kri­tisch beäug­ten Kolo­nia­lis­mus des christ­li­chen Westens in der Welt. Mit par­ti­el­lem Vor­be­halt zugun­sten des halb­wegs erfolg­rei­chen, maß­vol­len Bri­tish Empi­re, die Aus­brei­tung der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on in der Welt war ein kolos­sa­ler Miß­ge­schick des mora­li­schen, maß­lo­sen, unchrist­li­chen Ver­sa­gens. Las­sen wir jedoch die lan­ge Geschich­te der Schand­ta­ten und schwar­zen Legen­den in den Fuß­stap­fen der heu­te all­seits ver­haß­ten „alten, wei­ßen Män­ner“, die immer­hin nichts weni­ger als eine welt­weit begehr­te Zivi­li­sa­ti­on zuwe­ge brach­ten.

Nach dem histo­ri­schen Ablauf­da­tum der bösen Kolo­nia­li­sten und Impe­ria­li­sten haben wir ja nun­mehr den kom­mer­zi­el­len Neo-Kolo­nia­lis­mus der Volks­re­pu­blik Chi­na in der Welt, vor allem in Afri­ka: Aber auch die schwe­di­sche Auto­mar­ke Vol­vo gehört bereits den chi­ne­si­schen Kom­mu­ni­sten! Wir haben auch den poli­tisch kor­rek­ten Mei­nungs­im­pe­ria­lis­mus der Grü­nen und die zuge­hö­ri­gen Migran­ten­strö­me, die aus den Elends­vier­teln der Welt auf bemer­kens­wer­te Wei­se immer wie­der nur nach West-Euro­pa und Nord-Ame­ri­ka wan­dern. Denn in der ver­damm­ten „wei­ßen“ Zivi­li­sa­ti­on zu leben ist nicht nur ein mär­chen­haf­ter Traum, son­dern auch ein „Men­schen­recht…“ Kaum einer sehnt sich danach, in die Drit­te Welt oder gar in den schat­ti­gen Dschun­gel des Ama­zo­nas abge­scho­ben zu wer­den.

Nun schau­en wir also lie­ber genau an, was der heut­zu­ta­ge en vogue befind­li­che Rück­schlag der nega­ti­ven Zivi­li­sa­ti­on unter dem Ban­ner der „Inkul­tu­ra­ti­on“ spe­zi­ell in der Kir­che anrich­ten kann. Es ist eine brand­neue Sün­de der Roman­ti­sie­rung, wenn die in Wohl­stand schwel­gen­den Moder­ni­sten einer­seits den Armen und Unge­bil­de­ten der Welt die Segen der Zivi­li­sa­ti­on vor­ent­hal­ten, ande­rer­seits aber ihre bunt schil­lern­de Pri­mi­ti­vi­tät in gekün­stel­ter Manie­riert­heit erhal­ten möch­ten.

Aufzählung der Tatsachen

§ 1. Mit Aus­nah­me der besten katho­li­schen Blog­ger, die unver­züg­lich in Bild und Wort berich­tet haben, herrsch­te tage­lang ein gro­ßes Schwei­gen unter den Ober­hir­ten und in der Medi­en­land­schaft dar­über, daß Papst Fran­zis­kus in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten, in sei­nen Amts­räu­men, Kir­chen und Syn­oda­len Ver­samm­lun­gen genüß­lich lächelnd der Ver­eh­rung der PACHAMAMA mit wohl­wol­len­der Tole­ranz zuge­schaut hat. Das höl­zer­ne Göt­zen­bild der Erd­göt­tin, die in Süd­ame­ri­ka land­auf, land­ab bekannt ist, wur­de in Anwe­sen­heit des Pap­stes und hoher Prä­la­ten in Pro­zes­si­on her­um­ge­tra­gen. Auf Anfra­ge ahnungs­lo­ser Euro­pä­er wur­de aber die gebüh­ren­de Aus­kunft über die Iden­ti­tät der Holz­fi­gur zunächst ein­mal ver­wei­gert.

§ 2. Als­dann pas­sier­te die zwei­te Ent­glei­sung des Pap­stes: Wie ein Got­tes­ge­richt aus hei­te­rem Him­mel, ein beher­zig­ter jun­ger Mann und sei­ne Hel­fers­hel­fer waren nicht mehr wil­lens, dem Trei­ben mut­los wei­ter zuzu­se­hen. Auf lei­sen Füßen, unter dem Schutz der Mor­gen­däm­me­rung ent­fern­ten sie das Sakri­leg aus der Kir­che und war­fen es dort­hin, wo es hin­ge­hört, näm­lich in den rei­ßen­den Tiber. Vor­sorg­lich hiel­ten sie die Wohl­tat für die brei­te Welt­öf­fent­lich­keit auch fil­misch fest. Ber­go­glio ent­schul­dig­te sich für das Mal­heur im nach­hin­ein bei den Fal­schen, näm­lich bei Pachamama’s belei­dig­ten Ver­eh­rern.

§ 3. Wenn das noch nicht genug wäre, setz­te der Papst in sei­ner Eigen­schaft als gestan­de­ner Befrei­ungs­theo­lo­ge noch ein drit­tes Unge­mach dar­auf. Kur­ze Zeit spä­ter, in aku­tem Erklä­rungs­not­stand berief er sich auf die Areo­pag­re­de des hl. Pau­lus und inter­pre­tier­te die Pach­a­ma­ma-Ver­eh­rung als „Inkul­tu­ra­ti­on“. Am 6. Novem­ber in der 34. Gene­ral­au­di­enz miß­brauch­te Ber­go­glio die­se berühm­te Rede, eine der schön­sten Stel­len der Apo­stel­ge­schich­te, als Vor­wand für sei­ne plat­ten Inkulturationshypo­thesen. Denn dem hl. Pau­lus auf dem Areo­pag ging es kei­ne Sekun­de lang um die „Inkul­tu­ra­ti­on“ (Ver­klei­dung) des wah­ren christ­li­chen Glau­bens in die ver­lot­ter­ten Trach­ten der heid­ni­schen Vor­stel­lungs­welt. Mit missionari­schem Mut und Klug­heit, Höf­lich­keit und rhe­to­ri­schem Geschick lud er die per­ple­xen Grie­chen ein, um den einen, wah­ren Gott zu pro­kla­mie­ren, der in Athen frei­lich ganz und gar unbe­kannt war. Die evi­den­te Absicht und Kon­se­quenz der Pau­li­ni­schen Mis­si­on war – wie es aus der Areo­pag­re­de klar her­vor­geht, – die Kon­ver­si­on samt dem zuge­hö­ri­gen Lebens­wan­del sei­ner Zuhö­rer­schaft zur Annah­me der Bot­schaft Jesu Chri­sti und Ver­drän­gung der zahl­rei­chen heid­ni­schen Göt­zen.

Aus der Apostelgeschichte (Kapitel 17): Paulus in Athen in der Schilderung nach Lukas

16 Wäh­rend Pau­lus auf [auf sei­ne Beglei­ter] in Athen war­te­te, ward er inner­lich tief erregt, als er die Stadt vol­ler Göt­zen­bil­der sah. 17 Er hielt Anspra­chen in der Syn­ago­ge an die Juden und Got­tes­fürch­ti­gen, aber auch täg­lich auf dem Mark­te an jene, die er dort antraf. 18 Dabei gerie­ten eini­ge epi­kurei­sche und stoi­sche Phi­lo­so­phen mit ihm in Streit. Eini­ge mein­ten: „Was will die­ser Schwät­zer?“ Ande­re: „Er scheint ein Ver­kün­der frem­der Göt­ter zu sein“, weil er Jesus und die Auf­er­ste­hung ver­kün­de­te.

19 Sie nah­men ihn nun, führ­ten ihn auf den Areo­pag und frag­ten: „Dür­fen wir erfah­ren, was das für eine neue Leh­re ist, die du ver­kün­dest? 20 Du gibst uns ja selt­sa­me Din­ge zu hören. Dar­um möch­ten wir ger­ne wis­sen, was es damit auf sich hat.“ 21 Alle Athe­ner und die dort ansäs­si­gen Frem­den hat­ten ja für nichts mehr Zeit als Neuig­keiten zu erzäh­len oder zu hören.

22 So trat denn Pau­lus in die Mit­te des Areo­pags und sprach: „Ihr Män­ner von Athen, ich fin­de, daß ihr in jeder Hin­sicht sehr reli­gi­ös seid; 23 denn als ich umher­ging und eure Hei­lig­tü­mer betrach­te­te, fand ich auch einen Altar mit der Inschrift: Dem unbe­kann­ten Gott. Was ihr da ver­ehrt, ohne es zu ken­nen, das ver­kün­de ich euch.

24 Der Gott, der die Welt und alles in ihr geschaf­fen hat, der Herr des Him­mels und der Erde, wohnt nicht in Tem­peln, die von Men­schen­hand erbaut sind; 25 auch läßt er sich nicht von Men­schen­hand bedie­nen, als ob er etwas bedür­fe, gibt er doch sel­ber allem Leben, Odem und alles ande­re. 26 Er hat aus einem Men­schen das gan­ze Men­schen­ge­schlecht her­vor­ge­hen las­sen, daß es woh­ne auf der gan­zen Erde, und hat bestimm­te Zei­ten und die Gren­zen für ihre Wohn­sit­ze fest­ge­setzt. 27 Sie soll­ten Gott suchen, ob sie ihn füh­len und fin­den könn­ten, ist er doch nicht fern von einem jeden von uns. 28 Denn in ihm leben wir, bewe­gen wir uns und sind wir. So haben ja auch eini­ge von euern Dich­tern gesagt: Wir sind von sei­nem Geschlech­te.

29 Sind wir also von Got­tes Geschlecht, so dür­fen wir nicht mei­nen, die Gott­heit sei gleich dem Gold, Sil­ber oder Stein, einem Gebil­de mensch­li­cher Kunst und Erfin­dung.

30 Nun hat Gott über die Zei­ten der Unwis­sen­heit hin­weg­ge­se­hen; jetzt aber läßt er den Men­schen kund­tun, daß über­all alle sich bekeh­ren sol­len. 31 Denn er hat einen Tag bestimmt, an dem er die Welt in Gerech­tig­keit rich­ten wird durch einen Mann, den er dazu bestellt und durch die Auf­er­ste­hung von den Toten bei allen beglau­bigt hat.“

32 Als sie von der Auf­er­ste­hung der Toten hör­ten, spot­te­ten eini­ge, ande­re sag­ten: „Dar­über wol­len wir dich ein ande­res mal fra­gen.“ 33 So ging Pau­lus aus ihrer Mit­te hin­weg. 34 Eini­ge aber schlos­sen sich ihm an und wur­den gläu­big; unter ihnen Dio­ny­si­us, Mit­glied des Areo­pags, eine Frau mit Namen Dama­ris und noch eini­ge ande­re.

Wir sind von seinem Geschlechte

Ara­tos von Soloi (310–245 vor Chr.), ein grie­chi­scher Autor aus dem klein­asia­ti­schen Kili­ki­en (heu­te Ana­to­li­en, Tür­kei), stamm­te aus einer vor­neh­men Fami­lie und stu­dier­te in Athen stoi­sche Phi­lo­so­phie, Phy­sik (Natur­kun­de) und Mathe­ma­tik. Sei­ne Wer­ke in latei­ni­scher Über­set­zung durch Cice­ro und Ger­ma­ni­cus waren bewähr­te Schul­bü­cher der anti­ken Wis­sen­schaft. Sei­ne Nomen­kla­tur des Ster­nen­him­mels ist größ­ten­teils heu­te noch in Gebrauch. Aus dem Pro­log des ein­zig erhal­te­nen Lehr­ge­dichts „Phä­no­me­ne“ (Hg. Man­fred Erren, 1971, S. 7) ent­stammt das Zitat in der Areo­pag­re­de (Vers 28b), das unter den Gebil­de­ten der dama­li­gen Zeit geläu­fig war:

Gedenktafel der Areopagrede des hl. Paulus auf der gleichnamiger Felswand in Athen
Gedenk­ta­fel der Areo­pag­re­de des hl. Pau­lus auf der gleich­na­mi­ger Fels­wand in Athen

Mit Zeus laßt uns begin­nen,
den wir Men­schen nie­mals unge­sagt las­sen:
voll von Zeus sind alle Stra­ßen,
voll alle Plät­ze der Men­schen,
voll das Meer und die Häfen; über­all brau­chen wir alle Zeus.
Wir sind ja auch sein Geschlecht.
Er aber, den Men­schen freund­lich, gibt gün­sti­ge Zei­chen,
weckt das Volk zur Arbeit
und erin­nert ans Lebens­nö­ti­ge;
er sagt, wann die Schol­le am besten
ist für die Och­sen und für die Hacken,
sagt, wann die gün­sti­gen Zei­ten,
die Pflan­zen zu umhäu­feln
und alle Saa­ten zu säen.

Ara­tos meint natür­lich, daß wir vom Geschlecht des ZEUS sind; dage­gen Pau­lus lei­tet unse­re Deszen­denz frei­lich von GOTTES Geschlecht ab. Doch welch gewal­ti­ger Unter­schied! Hier tut sich der gan­ze Riß zwi­schen dem christ­li­chen Gott und den heid­ni­schen Göt­zen auf:

Sind wir also von Got­tes Geschlecht, so dür­fen wir nicht mei­nen, die Gott­heit sei gleich dem Gold, Sil­ber oder Stein, einem Gebil­de mensch­li­cher Kunst und Erfin­dung (Vers 29).

Pau­lus ver­langt somit von den Grie­chen eine kom­pro­miß­lo­se Abkehr vom Poly­the­is­mus und eine radi­ka­le Umkehr von der Bil­der­ver­eh­rung, die aber mit den höl­zer­nen Figu­ren der Pach­a­ma­ma in den Vati­kan Ein­zug gehal­ten hat. Von einer gegen­sei­ti­gen Durch­drin­gung, von Inte­gra­ti­on und Dia­log paga­ner Ele­men­te im christ­li­chen Glau­ben und Brauch­tum ist auf dem Areo­pag kei­ne Rede.

Das end­lo­se Geschwätz der Dia­lo­ge blieb sowohl in Athen wie im Vati­kan höf­lich, aber letzt­lich zurück­hal­tend, ableh­nend. Am Ende gibt es kei­ne Über­ein­stim­mung im soge­nann­ten inter­re­li­giö­sen und inter­kon­fes­sio­nel­len Gespräch, weil es sie nicht geben kann. Der Erst­fall ruft zur per­sön­li­chen Umkehr auf. Und die radi­ka­le Neu­be­sin­nung heißt ein Ent­we­der – Oder jen­seits der unver­bind­li­chen Plau­de­rei. Unse­re Wor­te blei­ben vage, solan­ge sie nicht durch Wer­ke und Taten bezeugt sind.

Text: End­re A. Bár­d­os­sy. Zum Autor sie­he.
Bild: Gemein­frei


Von Prof. Bár­d­os­sy zuletzt ver­öf­fent­licht: Chri­sten­tum: Uto­pie und Rea­li­tät. In Vor­be­rei­tung befin­det sich der Auf­satz: Selt­sa­me Zusam­men­hän­ge – Eine klei­ne Refle­xi­on über die Christ­li­che Demo­kra­tie, Kolo­nia­lis­mus, Impe­ria­lis­mus, Libe­ra­lis­mus und Sozia­lis­mus.

2 Kommentare

  1. Er redet vom hl. Geist, scheint aber selbst von allen guten Gei­stern ver­las­sen zu sein.
    Etwas Schlech­tes wird nicht gut, nur weil eine Mehr­heit davon redet und die Kri­ti­ker mund­tot macht.
    Die­ser Papst mag Papst sein, er benimmt sich wie ein Herr­scher einer Bana­nen­re­pu­blik.

  2. Ein her­vor­ra­gen­der Auf­satz. Besten Dank an den Autor und die Redak­ti­on.
    Die Fra­ge, die sich auf­drängt, ist ja wirk­lich: Was bezwecken bestimm­te, offen­sicht­lich seit den 60er Jah­ren im Jesui­ten­or­den sehr ein­fluß­rei­che Krei­se. Die Wen­de stell­te die Wahl von P. Arru­pe zum Gene­ral­su­pe­ri­or dar. Johan­nes Paul II. setz­te zwar ein ande­ren Obe­ren ein, aber die Aus­rich­tung des Ordens änder­te sich damit nicht. Der Orden ach­te­te nur stär­ker dar­auf, sich kei­nen Bann­strahl aus dem Vati­kan zuzu­zie­hen. Das ist erfolg­reich geglückt, muß­te aber sofort wie­der ins Gegen­teil umschla­gen, sobald sich die Rah­men­be­din­gun­gen ändern, und das ist mit der Wahl von Papst Fran­zis­kus gesche­hen. Da mit Kar­di­nal Mar­ti­ni und Kar­di­nal Ber­go­glio gleich zwei Jesui­ten als Papst-Kan­di­da­ten einer inner­kirch­li­chen Rich­tung auf­ge­bo­ten wur­den, kann, ja muß dar­aus wohl der Schluss gezo­gen wer­den, dass die genann­te Richt­gung im Jesui­ten­or­den auch wirk­lich selbst die höch­ste Stu­fe in der Kir­che erklim­men und die Macht über­neh­men woll­te. Und auch das ist geglückt. Die „Jesui­ten­art“, von der der Autor spricht, wird nun der gan­zen Kir­che auf­ge­drückt.

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