Das Geheimarchiv der Päpste und seine „Legenden“

Der „antisemitische" Pius XII. ist eine sowjetische Erfindung

Der Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs, Msgr. Sergio Pagano, sprach über die Öffnung des Privatarchivs von Pius XII. im kommenden Jahr und „Legenden“ rund um das Geheimarchiv.
Der Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs, Msgr. Sergio Pagano, sprach über die Öffnung des Privatarchivs von Pius XII. im kommenden Jahr und „Legenden“ rund um das Geheimarchiv.

(Rom) Der Prä­fekt des Vati­ka­ni­schen Geheim­ar­chivs, der Barn­abi­ten­pa­ter Ser­gio Paga­no, bekräf­tig­te, daß die Sowjet­uni­on nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Schwar­ze Legen­de vom „anti­se­mi­ti­schen“ Papst Pius XII. in Umlauf brach­te.

Der in Genua 1948 gebo­re­ne Paga­no trat 1966 in den Barn­abi­ten­or­den ein und wur­de 1977 in Rom zum Prie­ster geweiht. In der Theo­lo­gie spe­zia­li­sier­te er sich auf die Lit­ur­gik, zugleich absol­vier­te er ein Fach­stu­di­um der Archi­vi­stik, Diplo­ma­tik und Paläo­gra­phie. Er unter­rich­te­te an der Päpst­li­chen Diplo­ma­ti­schen Aka­de­mie, an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät und ande­ren Hoch­schu­len. Seit 1978 arbei­tet er im Geheim­ar­chiv des Vati­kans, des­sen Lei­tung ihm Papst Johan­nes Paul II. 1997 über­trug. Papst Bene­dikt XVI. ernann­te ihn 2007 zum Titu­lar­bi­schof von Cele­ne im heu­te spa­ni­schen Gali­ci­en und weih­te ihn selbst im Peters­dom zum Bischof. Im ver­gan­ge­nen Jahr beging P. Paga­no sein 40. Prie­ster­ju­bi­lä­um. Der Barn­abi­ten­or­den ent­stand 1530 als Ant­wort auf die Kir­chen­kri­se und pro­te­stan­ti­sche Kir­chen­spal­tung am Beginn der Neu­zeit. Wie so vie­le Orden hat­ten auch die Regu­lar­ka­no­ni­ker vom hei­li­gen Pau­lus (CRSP), so ihr offi­zi­el­ler Name, im 20. Jahr­hun­dert zah­len­mä­ßig ihren Höhe­punkt in den Jah­ren unmit­tel­bar vor dem Kon­zil und wäh­rend des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils erreicht. Heu­te zählt der Orden etwas mehr als 300 Prie­ster.

Am 30. Mai wur­de Msgr. Paga­no die Ehre­dok­tor­wür­de des Ate­neu Uni­ver­si­ta­ri Sant Pacià, einer 2015 gegrün­de­ten, katho­li­schen Uni­ver­si­tät in Bar­ce­lo­na ver­lie­hen, die nach dem hei­li­gen Paci­an von Bar­ce­lo­na benannt ist. Die Ver­lei­hung war für die kata­la­ni­sche Tages­zei­tung La Van­guar­dia Anlaß, ein Inter­view mit dem Geehr­ten zu füh­ren, das am 31. Mai ver­öf­fent­licht wur­de.

Der Prä­fekt erklär­te dar­in zunächst den für heu­ti­ge Ohren eher ver­wir­ren­den Begriff Geheim­ar­chiv, womit zur Zeit der Renais­sance ein Pri­vat­ar­chiv gemeint war zum Unter­schied von einem öffent­li­chen Archiv. Anders als ger­ne ver­mu­tet, gehe es daher nicht dar­um, Doku­men­te, die dar­in auf­be­wahrt wer­den, „geheim­zu­hal­ten“. Es han­delt sich viel­mehr um die Pri­vat­ar­chi­ve der Päp­ste, nicht um das Archiv des Vati­kans oder der Kir­che. Der Name wer­de bei­be­hal­ten, weil das Archiv unter ihm seit Jahr­hun­der­ten inter­na­tio­nal bekannt, inzwi­schen auch regi­striert ist und in wis­sen­schaft­li­chen Wer­ken so zitiert wird.

Zugang, so Msgr. Paga­no, haben nur titu­lier­te Wis­sen­schaft­ler, die einen For­schungs­be­darf nach­wei­sen kön­nen. Der Zugang wird jeweils für drei Mona­te erteilt, kann aber immer wie­der ver­län­gert wer­den. Täg­lich wer­de das Archiv von rund 60 For­schern genützt. Für mehr Ein­laß feh­le das Per­so­nal, um die Such­an­fra­gen zeit­na­he bear­bei­ten zu kön­nen.

Papst Fran­zis­kus hat­te im Früh­jahr ange­kün­digt, daß ab dem 2. März 2020 das Pri­vat­ar­chiv von Pius XII., der von 1939–1958 regier­te, geöff­net wird. Der Lei­ter des Geheim­ar­chivs bremst jedoch ein wenig.

„Wir ver­fü­gen nur über 58 Mit­ar­bei­ter und waren nicht dar­auf vor­be­rei­tet. Wenn das Archiv geöff­net wird, wird noch nicht alles per­fekt sein. Die Bestän­de eini­ger Nun­tia­tu­ren wer­den noch geord­net.“

Die inter­es­sier­te Fach­welt kön­ne aber bereits ver­schie­de­ne Aspek­te des Pon­ti­fi­kats beleuch­ten, dar­un­ter beson­ders das Ver­hält­nis zu den Juden und zu Adolf Hit­ler und den Natio­nal­so­zia­li­sten, aber auch zu Fran­cis­co Fran­co und Spa­ni­en und zu den Dik­ta­tu­ren in Süd­ame­ri­ka dar­un­ter auch Argen­ti­ni­en.

„Die neu zugäng­li­che Doku­men­ta­ti­on kann, wenn sie von seriö­sen Histo­ri­kern auf­merk­sam stu­diert wird, die­se Aspek­te klä­ren. Sie kann den histo­ri­schen und poli­ti­schen Kon­text erhel­len, in dem Pius XII. sich beweg­te, und zu sei­nem Dilem­ma, ob er zur Ver­tei­di­gung der Juden und gegen die Ver­fol­gung des Vol­kes Isra­el öffent­lich Stel­lung neh­men soll­te. Pius XII. plan­te eine öffent­li­che Erklä­rung und behan­del­te die Fra­ge mit ver­schie­de­nen Bot­schaf­tern, zöger­te dann aber aus Angst, daß eine öffent­li­che Erklä­rung zur Ver­tei­di­gung der Juden, wie im Fall der Nie­der­lan­de, eine noch furcht­ba­re­re Ver­fol­gung der Juden und der Katho­li­ken aus­lö­sen könn­te. Damit konn­te er die Juden nicht ret­ten und brach­te auch noch die Chri­sten in Schwie­rig­kei­ten. Bis zu sei­nem Lebens­en­de bela­stet die Fra­ge sein Gewis­sen, wenn­gleich er zur Über­zeu­gung gelang­te, daß die ein­zig mög­li­che Akti­on dar­in bestand, so vie­le Juden als mög­lich direkt zu ret­ten, aber eine öffent­li­che Erklä­rung nichts nüt­ze. Die Wis­sen­schaft­ler wer­den ent­schei­den müs­sen, ob das ange­mes­sen war oder nicht.“

Die Ret­tung so vie­ler Juden als mög­lich ließ sich der Papst aber sehr ange­le­gen sein. Er akti­vier­te Abtei­len, Klö­ster, Diö­ze­sen und auch den Vati­kan, um Juden Zuflucht zu ver­schaf­fen. Die Juden dank­ten ihm die­sen Ein­satz. Das gilt nicht nur für den frü­he­ren Ober­rab­bi­ner von Rom, der zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tier­te und zum Dank den Tauf­na­men des Pap­stes, Euge­nio, annahm. Auch der 1948/1949 gegrün­de­te Staat Isra­el ehr­te Pius XII. für sei­nen Ein­satz zugun­sten der Juden wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges.

Wie konn­te es dann aber zur Schwar­zen Legen­de kom­men, daß aus­ge­rech­net Pius XII. der „Papst Hit­lers“ gewe­sen sei?

„Die­se Legen­de ent­stand in der Sowjet­uni­on. Nach dem Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zeß wur­de die Idee in Umlauf gebracht, der Papst sei schuld, die Juden nicht ver­tei­digt zu haben. Wie ver­schie­de­ne Stu­di­en inzwi­schen nach­ge­wie­sen haben, ver­brei­te­te sich die­se Idee über die jüdi­sche und ame­ri­ka­ni­sche Pres­se und erwei­ter­te sich zur Ankla­ge, Pius XII. habe die Juden durch sein Schwei­gen zum Tod ver­ur­teilt.“

Die ab März 2020 zugäng­li­chen Bestän­de des Geheim­ar­chivs bie­ten auch Ein­blick in das Ver­hält­nis zwi­schen dem Papst und der Fran­co-Regie­rung in Spa­ni­en. Msgr. Paga­no erwähnt in die­sem Zusam­men­hang eine ande­re Sor­ge von Pius XII., der eine sowje­ti­sche Inva­si­on von Euro­pa mit Hil­fe der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­en in den ver­schie­de­nen Staa­ten für rea­li­stisch hielt.

Auch zur Fra­ge der kata­la­ni­schen Unab­hän­gig­keits­be­we­gung kön­ne das Pri­vat­ar­chiv viel­leicht neue Erkennt­nis­se brin­gen. Die Bestän­de, so Msgr. Paga­na, erlau­ben mit Sicher­heit ein detail­lier­tes Nach­zeich­nen der Hal­tung von Pius XII. gegen­über Gene­ral Fran­co und even­tu­el­le Ver­än­de­run­gen in die­ser Hal­tung.

Zu den zahl­rei­chen Legen­den, die sich um das Geheim­ar­chiv ran­ken, winkt der Prä­fekt ab. Das sei­en „Albern­hei­ten“, die jemand mit etwas Bil­dung „nicht glau­ben kann“.

„Es heißt auch, wir ver­wah­ren die sie­ben­ar­mi­ge, gol­de­ne Meno­ra, die im Jeru­sa­le­mer Tem­pel stand, in Wirk­lich­keit aber von Kai­ser Titus zer­stört wur­de. Es wur­de sogar geschrie­ben, wir wür­den Köp­fe von Mars­men­schen und Hin­wei­se auf UFOs auf­be­wah­ren.“

Die Behaup­tung des Schrift­stel­lers Dan Brown, man habe ihm den Zugang zum Geheim­ar­chiv ver­wei­gert „ist eine Lüge“, so Msgr. Paga­no.

„Dan Brown hat nie ange­fragt, das Archiv betre­ten zu dür­fen. Er hat allen nur denk­ba­ren Unsinn geschrie­ben, ohne jede Grund­la­ge, ein­fach nur um Geld zu machen. Wenn er über die nöti­gen Titel ver­fügt, kann er ger­ne kom­men, wenn er dann die Wahr­heit sieht, könn­te er natür­lich nicht mehr bestimm­te gehei­me Orte und Türen und nicht vor­han­de­ne Laby­rin­the erfin­den.“

Ein aus­ge­klü­gel­tes Sicher­heits- und Feu­er­schutz­sy­stem schüt­ze das Geheim­ar­chiv. Vie­le Doku­men­te wer­den in einem neu­en Bun­ker auf­be­wahrt.

„Soll­te es zu einem Brand kom­men, wüß­te ich aller­dings wirk­lich nicht, wel­che der bedeu­ten­den Doku­men­te zuerst geret­tet wer­den soll­ten. Es sind wirk­lich vie­le!“

Wenn das Pri­vat­ar­chiv eines Pap­stes geöff­net wird, „wer­den alle Doku­men­te zugäng­lich gemacht, wie es das vati­ka­ni­sche Gesetz erlaubt. Aus­ge­nom­men sind Ehe­pro­zes­se aus Rück­sicht auf die betrof­fe­nen Per­so­nen, die Unter­la­gen zu Bischofs­er­nen­nun­gen, weil der Papst in der Regel aus einem Drei­er­vor­schlag aus­wählt, und die Nicht-Ernann­ten natür­lich Ver­wand­te und eine Pfar­rei haben. Aus­ge­klam­mert blei­ben rein per­sön­li­che Doku­men­te, die beim Tod von Kar­di­nä­len, Bischö­fen und Kuri­en­mit­ar­bei­tern vor­ge­fun­den wer­den.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

2 Kommentare

  1. Vie­len lie­ben Dank!
    Über fast alle „Vor­bil­der“ die­ser Zeit kommt in die­sen Tagen viel drecki­ge Wahr­heit ans Licht, nur über die katho­li­sche Kir­che nicht, da kommt das Gegen­teil ans Licht und die Heu­che­lei ihrer Anklä­ger wird immer offen­sicht­li­cher!
    Dan­ke für die­sen ein­fa­chen, kla­ren und so aus­sa­ge­kräf­ti­gen Arti­kel!

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