Der Vatikan wäscht auch die Pharisäer rein

Die Nächsten bitte: Franziskus, Chagall und neue jüdische Wünsche



Erteilt Papst Franziskus auch den Pharisäern die Absolution?

(Rom) Papst Franziskus betreibt seit seiner Wahl eine Art von „Reinigung“ und Imagepflege. Man könnte auch von einer Rehabilitierungswelle sprechen. Wessen Image poliert das argentinische Kirchenoberhaupt auf? Wessen Bild wäscht er rein? Die Liste hat bereits eine beachtliche Länge erreicht und wurde nun um einen neuen Punkt erweitert.

Die Liste, hier unvollständig wiedergegeben, umfaßt Martin Luther, Judas Iskariot, Gay Priests und Befreiungstheologen, lebende und verstorbene, indirekt sogar die Freimaurer. Alle Genannten stehen, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen, für ganze Strömungen, und alle betreffen Abirrungen. Immer geht es letztlich um Denkrichtungen, die Hand an die Substanz leben.

Luther „hatte recht“, wiederholte Franziskus im Juni 2016 auf dem Rückflug von Armenien, was Kardinal Walter Kasper erklärt hatte. „Er war ein Reformator. Er machte eine Medizin für die Kirche.“

Judas Iskariot wurde von Jesus gerettet, zitierte Franziskus die freie Imagination des abgefallenen Priesters Eugen Drewermann, der vor einigen Jahren durch Austritt der Kirche den Rücken kehrte.

Für weit weniger Nachsicht gegenüber homosexuellen Priestern, als sie Franziskus bisher gegenüber homosexuellen Bischöfen übte, wurden Bischöfe von weltlichen Gerichten wegen Vertuschung und Begünstigung verurteilt.

Manche Befreiungstheologen empfing Franziskus in Audienz, andere lobte er mit Worten, wieder anderen gewährte er ohne Vorleistungen die Aufhebung der gegen sie verhängten Sanktionen, und einige erhob er als Höhepunkt sogar zu den Altären, wie jüngst Bischof Enrique Angelelli.

Die Freimaurer erwähnt Franziskus nie, „rehabilitierte“ aber zentrale Aspekte ihres Denkgebäudes. Zunächst tat er das im direkten Gespräch mit dem aus einer Familie mit langer freimaurerischer Tradition stammenden Atheisten Eugenio Scalfari (totale Gewissensfreiheit, keine Notwendigkeit der Bekehrung, Abschaffung von Sünde und Hölle). In Abu Dhabi erklärte Franziskus die „menschliche Brüderlichkeit“ zum höchsten Gut und bekannte sich zum religiösen Relativismus. „Alle Freimaurer der Welt schließen sich dem Aufruf des Papstes an“, jubelten die Logenbrüder.

„Neue Art, das Wort Pharisäer zu lesen“

Nun wird das Spektrum der päpstlichen Reinwaschungen um eine weitere Gruppe erweitert: die Pharisäer.

Die italienische Tageszeitungsausgabe des Osservatore Romano veröffentlichte heute einen Bericht über die Studientagung „Jesus und die Pharisäer. Eine interdisziplinäre Neuüberprüfung“, die vom 7. Mai bis heute an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom stattfindet. Die Universität bewarb die Veranstaltung auf Facebook ebenso wie die Tageszeitung der Italienischen Bischofskonferenz mit dem Hinweis: „Wer waren die Pharisäer? Und was bedeutet ihr Name wirklich?“

Durchgeführt wird die Tagung vom Päpstlichen Bibelinstitut aus Anlaß seiner 110. Gründung. Mitorganisatoren sind unter anderem das Centro Cardinal Bea per gli Studi Giudaici (Zentrum Kardinal Bea für jüdische Studien) an der Gregoriana, das American Jewish Commitee und die Italienische Bischofskonferenz.

Der Osservatore Romano titelt heute von einer „neuen Lesart des Begriffs ‚Pharisäer‘“.

Zu den drei Studientagen haben sich jüdische, protestantische und katholische Wissenschaftler aus Argentinien, Österreich, Kanada, Kolumbien, Deutschland, Indien, Israel, Italien, den Niederlanden und den USA versammelt. Heute vormittag wurden die Teilnehmer von Papst Franziskus in Privataudienz empfangen.

„Jüdische Yankee-Feministin“ neue Mitarbeiterin des Osservatore Romano

Der Osservatore Romano veröffentlichte heute als „Vorabdruck“ das Referat der jüdischen Bibelwissenschaftlerin Amy-Jill Levine. Levine wurde kürzlich in die neu aufgestellte Redaktion der Frauenbeilage der „Tageszeitung des Papstes“ berufen. Die bisherige Redaktion unter Leitung von Lucetta Scaraffia war Ende März unter Protest geschlossen zurückgetreten.

Amy-Jill Levine bezeichnet sich selbst als „jüdische Yankee-Feministin“, die an einer „vorwiegend protestantischen Bibelschule am Übergang zum Bible Belt“ unterrichtet. In ihrer Biographie auf der Internetseite der Vanderbilt Universität heißt es: Sie „vereint historisch-kritische Strenge, literarisch-kritische Sensibilität und viel Humor mit dem Engagement, antisemitische, sexistische und homophobe Theologien zu beseitigen“.

Offensichtlich also eine „Idealbesetzung“ für die neue Frauenredaktion des Osservatore Romano. Ihr Vortrag an der Gregoriana ist offenbar ihr Einstandgeschenk an die Kirche.

Amy-Jill Levines Referat-Abdruck trägt die Überschrift: „Beginnen wir neu bei Chagall“. Dazu wurde das Bild „Weiße Kreuzigung“ von Marc Chagall von 1938 abgedruckt. Kein Zufall: Papst Franziskus liebt Chagall, und die „Weiße Kreuzigung“ ist sein Lieblingsbild.

Levine beklagt, daß „trotz der Fortschritte in der historischen Arbeit über die Pharisäer“, diese jüdische Strömung zur Zeit Jesu „in der Verkündigung in der ganzen christlichen Welt weiterhin“ negativ dargestellt werden. Levine nennt sie „jüdische Lehrmeister“, die von den Christen fälschlich als „fremdenfeindlich, elitär, Paragraphenreiter, Liebhaber des Geldes und heuchlerische Moralisten“ gezeichnet werden. „Pharisäer“, so Levine, werde von den Christen oft als Synonym für die Juden verwendet.

Die Titulierungen, die von der Autorin beklagt werden, klingen vertraut. Man kennt sie von Papst Franziskus, der sie allerdings nicht den Pharisäern oder „den Juden“ zum Vorwurf macht, sondern glaubenstreuen Katholiken.

Worum geht es also Levine? Kritische Anmerkungen zu Juden sind gesellschaftlich geächtet und stehen unter dem Generalverdacht des „Antisemitismus“. Sie sind nur Juden erlaubt. Doch das genügt offenbar nicht mehr. Nicht nur die Juden, sondern auch die Pharisäer sollen von Christen nicht mehr negativ erwähnt werden, so schreibt Levine:

„Auch wenn die Christen den Begriff ‚Pharisäer‘ verwenden, um den Klerikalismus im kirchlichen Bereich anzuklagen, tun sie nichts anderes, als das Vorurteil gegen die Juden zu verstärken.“

Levine nimmt eine Gleichsetzung von Pharisäern mit Juden und von anti-pharisäisch mit antijüdisch vor.

Doch der Reihe nach. Der Grund, weshalb Priester und Hirten noch immer die Pharisäer erwähnen, so die Referentin an der Gregoriana und neue Mitarbeiterin des Osservatore Romano, sei die „Unfähigkeit“ der Priesterseminare, Leitlinien zu bieten, wie über biblische Stellen gepredigt werden soll. Dahinter stecke die „Unfähigkeit der Homiletiker, ihre Stereotypisierungen“ zu erkennen. Doch nicht genug: Schuld daran seien auch „die Texte der Evangelien selbst“.

Levine nennt sieben Wege, um die Verkündigung über die Phärisäer „zu verbessern“.

Vorschlag 1

Die katholische Kirche sollte ihr Meßlektionar ändern. Als Beispiel nennt Levine das Sonntagsevangelium des kommenden 20. Juli (Novus Ordo). Darin heißt es:

„In jener Zeit faßten die Pharisäer den Beschluß, Jesus umzubringen“ (Mt 12,14).

Sollten die Priester und Prediger die Stelle einfach ignorieren, fragt Levine, doch das „beseitigt nicht das Problem“. Sollten sie nur von „einigen Pharisäern“ sprechen, womit dennoch „die Mehrheit verurteilt“ wäre. Abgesehen davon spreche Matthäus eben nicht von „einigen“, so die Autorin.
Am 26. August werde die Sache „noch komplizierter“, wobei Levine allerdings für das Novus-Ordo-Lesejahr ein Datumsfehler unterlaufen sein dürfte. Sie bezieht sich nämlich auf Matthäus 23, 23–26. An dieser Stelle soll zwar nicht das ganze 23. Kapitel des Matthäusevangeliums über die Pharisäer zitiert werden, aber der Sache wegen ein größerer Ausschnitt (Mt 23, 12–39), weil darin eine prophetische Rede Jesu enthalten ist:

„Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr laßt auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.          

Weh euch, ihr seid blinde Führer! Ihr sagt: Wenn einer beim Tempel schwört, so ist das kein Eid; wer aber beim Gold des Tempels schwört, der ist an seinen Eid gebunden.        

Ihr blinden Narren! Was ist wichtiger: das Gold oder der Tempel, der das Gold erst heilig macht?

Auch sagt ihr: Wenn einer beim Altar schwört, so ist das kein Eid; wer aber bei dem Opfer schwört, das auf dem Altar liegt, der ist an seinen Eid gebunden.              

Ihr Blinden! Was ist wichtiger: das Opfer oder der Altar, der das Opfer erst heilig macht?          

Wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt.

Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt.   

Und wer beim Himmel schwört, der schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.             

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und laßt das Wichtigste im Gesetz außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muß das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.  

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von dem, was ihr in eurer Maßlosigkeit zusammengeraubt habt.

Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein.        

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.

So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.               

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten  

und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden.      

Damit bestätigt ihr selbst, daß ihr die Söhne der Prophetenmörder seid.   

Macht nur das Maß eurer Väter voll!    

Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?     

Darum hört: Ich sende Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch; ihr aber werdet einige von ihnen töten, ja sogar kreuzigen, andere in euren Synagogen auspeitschen und von Stadt zu Stadt verfolgen.            

So wird all das unschuldige Blut über euch kommen, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, Barachias Sohn, den ihr im Vorhof zwischen dem Tempelgebäude und dem Altar ermordet habt.    

Amen, das sage ich euch: Das alles wird über diese Generation kommen.  

Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.              

Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen.    

Und ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr ruft: Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!

Levine kritisiert, daß die von ihr genannte Stelle der Verse 23–26 in katholischen Predigten als Beispiel zur Selbstkritik genützt und auf Christen bezogen werde: „Wir alle sind Pharisäer“. Doch auch das „funktioniert nicht“, so die Autorin, denn die Gläubigen in den Kirchenbänken wüßten ja, daß sie im Gegensatz zu den Pharisäern getaufte Mitglieder der Kirche sind. Damit würde der Text immer „die Sünden der Juden“ bekennen, nicht die des christlichen Zuhörers.

Vorschlag 2

Laut Levine bräuchten die „offiziellen Orientierungen“ der Kirche eine Aktualisierung („aggiornamento“). Das Konzilsdokument Nostra aetate (1965), Orientierungen und Empfehlungen zu dessen Anwendung (1974), die Handreichung zur korrekten Darstellung der Juden und des Judentums in Predigt und Katechese der katholischen Kirche (1985) und weitere Dokumente, die Levine nennt, unterstreichen, „daß antijüdische Lehren zu vermeiden sind. Dennoch bieten sie, so die Autorin keine Anweisungen, wie die relevanten Texte [des Evangeliums] zu verkünden sind. Schlimmer noch, ab und an verstärken diese Quellen die negativen Stereotype.“ Der Versuch der Päpstlichen Bibelkommission, die Evangeliumstexte anhand der Mishna neu zu interpretieren, sei „gescheitert“. „Hätte die Päpstliche Bibelkommission die Juden vor ihren Verlautbarungen konsultiert, hätten diese und andere Probleme vermieden werden können.“
Als Positivbeispiel nennt Levine die Erklärung „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung“ der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum von 2015. Dabei handelt es sich um ein Dokument ohne lehramtliche Bedeutung, das hochproblematische Stellen enthält, besonders jene, in der ein Verzicht auf Bekehrung der Juden erklärt wird, obwohl Jesus selbst anderes sagt, wie Matthäus 23, 39 zeigt.

Vorschlag 3

Die Kirche bzw. das Christentum habe sicherzustellen, daß die Seminaristen auf der ganzen Welt „sensibler für das Problem“ werden. „Der Haß gegen die Juden“ sei vielschichtigen Ursprungs. Laut der Autorin reiche das Spektrum von „der Idee, daß die Juden die Banken kontrollieren, über die Lüge der Protokolle der Weisen von Zion, jener infamen Fälschung, laut der die Juden die Welt beherrschen wollen, bis zum Angriff gegen Juden als verfälschten Versuch, die Palästinenserrechte verteidigen zu wollen“. Doch – und hier verblüfft Levines Dreistigkeit vollends – „hinter diesem Haß gegenüber den Juden, besonders in Europa und in der westlichen Hemisphäre, steht die antijüdische Lehre, die man in der Kirche hört“.
Laut der „jüdischen Yankee-Feministin“ ist 2019 die Kirche bzw. das Christentum schuld am Antisemitismus, was zugleich wohl sagen will, daß sie immer schuld am Antisemitismus war, auch an dem der Nationalsozialisten. Levine wörtlich:

„Ein Klerus, der sich des Hasses nicht bewußt ist, den der Text [des Evangeliums] und die Predigt hervorbringen können, wird diesen Haß verewigen“.

Vorschlag 4

Der vierte Vorschlag betrifft die Erziehung der Kinder, „da das Vorurteil schnell eingetrichtert“ sei. In den USA würden viele protestantische Kinder singen: „Ich will kein Pharisäer sein, weil sie nicht gerecht sind“. Dazu Levine: „Die Lehrer und die Eltern müssen die Bücher über Jesus und die Evangelien anschauen, die die Kinder lesen. Eventuell könnten die christlichen Kinder Erzählungen hören, daß Gott die Pharisäer liebt“, so ihr Vorschlag.

Vorschlag 5

Die klassische Catholic Encyclopedia von 1913, die jetzt im Internet verfügbar ist, „behauptet, daß die Pharisäer ‚einen engen, auschließenden Nationalismus geschaffen haben‘“. Dieses und andere Beispiele sieht Levine als Beleg „negativer Stereotype“, sprich antijüdischer Positionen, denen die Christenheit „noch immer“ anhänge. Sie seien ein Beweis, daß die Priester ohne Hilfsmittel gelassen werden, um die Texte des Evangeliums verkünden zu können, ohne diese „Stereotype“ zu verkünden. „Die Handbücher in der ganzen christlichen Welt sind nicht besser, wie sich zeigt, wenn man im Internet nach den Stichwörtern ’Pharisäer und Predigten‘ sucht.“

Vorschlag 6

Einige Hinweis „in der Kultordnung oder in den Mitteilungsblättern könnten hilfreich“ sein. Als Beispiel nennt Levine die Episkopalkirche in den USA (Anglikaner), die auf die Titelseite ihrer Publikation für die Feier des Karfreitags 2019 die „Weiße Kreuzigung“ von Chagall drucken ließ. In einer Anmerkung im Inneren wurde vor Antisemitismus gewarnt. „Besser noch wäre, wenn eine Kommission kurze Anmerkungen zu jeder Stelle im Lektionar vorschlagen könnte, in denen die Pharisäer genannt werden.“

Vorschlag 7

Schließlich sollten die Priester und Pastoren sich vorstellen, daß in der ersten Kirchenbank jüdische Kinder sitzen, um so „alles zu vermeiden, was diese Kinder verletzen könnte oder Mitglieder der Kirche veranlassen könnte, sie zu verletzen. Sollte diese Vorstellung nicht reichen, sollten sie sich mich in der letzten Bank vorstellen. Wenn ich tendenziöse Kommentare höre, bleibe ich nicht still sitzen. Tendenziöse Kommentare verzerren das Evangelium. Wenn es mir so wichtig ist, wie das Evangelium gepredigt wird, um so mehr müßte es den Personen noch wichtiger sein, die Jesus Herr und Erlöser nennen.“

Die jüdische Theologin liest der Kirche die Leviten und möchte bestimmen wollen, was die Kirche zu lehren und wie sie das Evangelium zu verkünden hat. Denn alles andere sei „tendenziös“, und wenn „Tendenziöses“ zu hören sei, „werde sie nicht still sitzenbleiben“. Über diese Anmaßung dürften in diesen Tagen an der Gregoriana und heutige Leser des Osservatore Romano nicht wenig gestaunt haben. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, daß man die Kirche so respektlos umgehen kann.

Worum geht es aber in der Sache?

Einen Hinweis liefert der Besuch von Papst Franziskus Anfang Januar 2016 in der römischen Hauptsynagoge. Der Besuch hatte eine lange Vorgeschichte, von der hier nur ein Punkt herausgegriffen werden soll. Der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni erzählte in einem Interview, Papst Franziskus ersucht zu haben, die Pharisäer nicht mehr zu erwähnen:

„Und er hat es getan!“

Seinen Wunsch begründete Di Segni, seit 2002 Oberrabbiner von Rom, damit, daß das heutige Judentum aus dem Pharisäertum hervorgegangen ist.

Tatsächlich waren die Pharisäer zur Zeit Jesu nur eine Strömung im Judentum neben anderen, den Sadduzäern, den Essener, den Zeloten, dazu gab es noch die hellenistischen Juden. Mit der Stiftung der Kirche durch Jesus Christus, der Zerstörung des Tempels und dem Scheitern der jüdischen Aufstände lösten sich die anderen Strömungen in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christi Geburt der Reihe nach auf. Übrigblieben die Pharisäer. Das heutige Judentum ist deshalb nicht mit dem vorchristlichen Judentum identisch, beruft sich aber darauf.

Die Pharisäer, die Christus wiederholt streng tadelten, sind die direkten „Väter“ und Lehrmeister des heutigen Judentums. Dieses fühlt sich durch die Kritik an den Pharisäern angegriffen. Von diesen Lehrmeistern stammen die Lehrsätze im Talmud. Vielleicht sollte Levine, bevor sie die nächsten Forderungen an das Christentum erhebt, im Talmud nachlesen, welche entsetzlichen Scheußlichkeiten dort gegen Jesus Christus angehäuft sind. Der deutsche Judaist Peter Schäfer konnte ein ganzes Buch damit füllen und 2007 im Verlag der Universität Princeton veröffentlichen. Eine deutsche Ausgabe erschien im selben Jahr. Selbst hartgesottenen Männern, sprich gestandenen Christen dürfte wegen der unglaublichen Ansammlung von abscheulichen Gräßlichkeiten die Lektüre des ganzen Buches unmöglich sein.

Oberrabbiner Di Segni sagte: „Und der Papst tat“, was er wünschte. In der Tat gebraucht Franziskus den Hinweis auf die Pharisäer nur selten. Wenn, dann nie auf die Juden bezogen, sondern nur um den Christen schlechte Eigenschaften oder Fehler vorzuhalten.

Mit der Studientagung an der Gregoriana könnte sich auch das ändern. Amy-Jill Levine hält selbst einen indirekten Rückgriff auf die biblische Darstellung der Pharisäer, um den Christen einen Spiegel vorzuhalten, für inakzeptabel, da ihrer Ansicht nach „antijüdisch“ und „vorurteilsfördernd“.

Kurzum, über Juden sollten Christen, wahrscheinlich insgesamt Nicht-Juden, am besten gar nicht reden.

Das aber ist für Christen unmöglich, da Jesus Christus ausführlich mit den Pharisäern zu tun hatte und sie wiederholt erwähnt und wie dargestellt besonders hart tadelte. Die Kirche kann das Evangelium nicht ändern. Dergleichen von der Kirche zu verlangen, wie es Levine an der Päpstlichen Universität Gregoriana tut, ist gelinde ausgedrückt eine Unfreundlichkeit. Noch unfaßbarer ist es, daß der Osservatore Romano ihren Thesen breiten Raum gibt.

Sind diese Thesen von Santa Marta bereits abgesegnet worden?

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Avvenire (Screenshot)

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5 Kommentare

  1. Man wird weder dem Evangelium noch dem Talmud gerecht, wenn man fundamentale Unterschiede zu verwischen sucht.
    Für Christen kann es keine Abstriche geben: Das Heil kommt allein durch Jesus Christus.
    Das Gebet, dass auch das jüdische Volk Jesus Christus als seinen Erlöser erkennen möge, ist deshalb absolut folgerichtig, es ist sogar Ausdruck der Liebe gegenüber dem jüdischen Volk.
    Aber:
    Man darf sich dennoch nichts vormachen: Jahrhundertelange negative Erfahrungen mit Menschen, die sich als Christen verstanden – man denke nur an Martin Luther -, haben auf jüdischer Seite die von Anfang an bestehenden Vorbehalte gegenüber der christlichen Botschaft zusätzlich massiv verstärkt.
    Es können deshalb nur Liebe und Empathie sein, die die immer noch weitghend verschlossene Tür mit Gottes Hilfe zu öffnen vermag:
    Empathie gegenüber jüdischer Kultur, Weisheit und Lebenserfahrung, gegenüber jedem konkreten jüdischen Menschen, gegenüber Israel, von dessen endlicher Wiederherstellung die Prophetie sowohl des Alten wie Neuen Testaments fest ausgeht. Gott hält am Bund mit seinem störrischen Volk für immer fest, was nach allen Irr- und Abwegen am Ende sichtbar werden wird.

  2. Von Mt 22:15 bis Mt 23:39 (schließt Mt 23,12–39 ein) wird im Orthros des Kardienstags gelesen.

  3. Zunächst sind die Jesuiten gefordert, die besonders gerne bekennen “wir sind Pharisäer“ und zwar auf sich bezogen im negativen Sinn und sah ich die Abgrenzung der Pharisäer zu den Sadduzäern die laut Markus 12,18 nicht an die Auferstehung glauben, als für die Pharisäer sprechend und habe ich so glaube ich als röm. kath. Katholik einen jüdischen Glauben, weil Jesus Christus (ebenso wie alle Apostel) als Sohn einer jüdischen Mutter Jude war
    siehe auch:
    http://www.hagalil.com/archiv/2006/09/vater-juden.htm
    einen jüdischen Glauben, den viele Juden nicht angenommen haben.
    Diese Verwerfung des Ecksteins,
    war eine totale Fehlleistung,
    die man sich offensichtlich bis heute nicht eingestehen will:
    Jesus Christus wollte das Auserwählte Volk
    – indem er lehrte auch die Feinde zu lieben
    (und keine Anschläge zu machen bzw. sich nicht zur Wehr zu setzen)
    und das Gute in den Anderen zu erkennen,
    mit u. A. der Frau am Brunnen und dem Samariter als Fallbeispiele –
    vor nachfolgendem (durch Verwerfung seiner Weisung eingetretenem) Übel bewahren.
    Der römische Feldherr und spätere Kaiser Titus ließ 70 n. Chr. täglich 500 und mehr vor Hunger flüchtende Juden während des Jüdischen Krieges
    vor der Stadtmauer Jerusalems geißeln, foltern und dann kreuzigen,
    um die Widerstandskraft der Belagerten zu schwächen.
    Schon Varus ließ um 4 v. Chr. jüdische Aufständische, die ein jüdisches Königtum aufrichten wollten, massenhaft kreuzigen (Flavius Josephus, Bellum Judaicum 2,75; Antiquitates 17,296).
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung#R%C3%B6misches_Reich

    Der große Jüdische Krieg gegen die Römer begann im Jahr 66 n. Chr. in Judäa und endete im Jahr 70 mit der Eroberung Jerusalems
    und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels.
    Im Jüdischen Krieg verloren, nach Angabe von Flavius Josephus, ca. 1,1 Millionen Juden ihr Leben [1]. Unzählige wurden in die Sklaverei verschleppt. Wegen des Überangebots auf den Sklavenmärkten brachen die Preise ein.

    https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Krieg

    Der Aufstand gegen das Römische Reich von 132 bis 135 n. Chr. nach dem ersten Jüdischen Krieg 66–73 führte schließlich zur Zerstörung der letzten Reste eines größeren, geschlossenen jüdischen Siedlungsgebiets in der römischen Provinz Judäa und löste die Diaspora des Judentums bis in die Gegenwart
    bzw. bis zur Gründung des Staates Israel 1948 aus.
    Die römische Provinz Judäa wurde in Syria Palaestina umbenannt und behielt diesen Namen
    bis zur Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bar-Kochba-Aufstand

    Diese Vertreibung aus dem Heiligen Land ist nicht die Schuld der Christen.

    Die im Hebräerbrief genannte „Ordnung des Melchisedek“ sollte man wieder mehr berücksichtigen, des allumfassenden zölibatären Priesters ohne Stammbaum, ethnischer Zugehörigkeit und leiblicher Nachkommenschaft.

  4. Bis ca. In die Mitte der Sechzigerjahre durften brave Katholiken nur Bücher lesen, die ein „Nihil obstat“ des zuständigen Bischofs aufwiesen und nicht im „Index librorum prohibitorum“ verzeichnet waren.
    Etwa ein halbes Jahrhundert genossen wir eine gewisse geistige Freiheit der Kinder GOttes.
    Doch ab jetzt ziehen wieder Zensur und Kontrolle ein, etwa durch eine Art Synhedrion unter dem Vorsitz von Amy-Jill Levine…

  5. Auf welch einem Niveau sind wir inzwischen angelangt ?
    Der Proletarismus kämpft weiter für eine totale Nivellierung von Allem und hat im Klerus glühende Verfechter.
    Aber ich bin sicher, es geht noch schlimmer !

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