Vor 30 Jahren starb Giuseppe Kardinal Siri, der vier Mal fast Papst wurde

Vom Thronanwärter zum einsamen Bewahrer

Giuseppe Siri (1906-1989), Anwärter auf den Stuhl Petri in vier Konklaven.
Giuseppe Siri (1906-1989), Anwärter auf den Stuhl Petri in vier Konklaven.

(Rom) Am kom­men­den 2. Mai jährt sich zum 30. Mal der Todes­tag von Giu­sep­pe Kar­di­nal Siri, der vie­len Zeit­ge­nos­sen als „Kron­prinz“ von Pius XII. galt. Papst wur­de aber Johan­nes XXIII. Eine Rich­tungs­ent­schei­dung, die seit­her die Kir­che prägt und zu einem bei­spiel­lo­sen Nie­der­gang in West­eu­ro­pa führ­te. Siri selbst wur­de vom Thron­an­wär­ter zum ein­sa­men Bewahrer.

Der erst 38 Jah­re alte Dog­ma­ti­ker Giu­sep­pe Siri wur­de mit­ten im Zwei­ten Welt­krieg, als sich in Ita­li­en deut­sche und alli­ier­te Trup­pen gegen­über­stan­den und ein Bür­ger­krieg zwi­schen Par­ti­sa­nen und Faschi­sten tob­te, von Pius XII. zum Weih­bi­schof des Erz­bis­tums Genua ernannt. Von 1946 bis 1987 lenk­te er die­ses Erz­bis­tum 41 Jah­re lang als Ober­hir­te. 1953 erhob ihn Papst Pius XII., der den Metro­po­li­ten beson­ders schätz­te, zum Kar­di­nal und wies ihm die römi­sche Titel­kir­che San­ta Maria del­la Vit­to­ria (Unse­re Lie­be Frau vom Sieg) zu, deren Patro­zi­ni­um auf die Schlacht am Wei­ßen Berg im 30jährigen Krieg zurück­geht, die einen ent­schei­den­den Sieg der Katho­li­ken brachte. 

Kar­di­nal Siri war ein über­zeug­ter Ver­tei­di­ger der lit­ur­gi­schen und dok­tri­nel­len Tra­di­ti­on der Kir­che. Er war auch ein ent­schie­de­ner Geg­ner der tota­li­tä­ren Ideo­lo­gien des 20. Jahr­hun­derts, ob Kom­mu­nis­mus oder Natio­nal­so­zia­lis­mus, deren Unver­ein­bar­keit mit dem katho­li­schen Glau­ben er erkannte. 

Sei­ne her­aus­ra­gen­de Intel­li­genz und sei­ne Wort­ge­walt öff­ne­ten ihm eine stei­le Kar­rie­re als einer der jüng­sten Bischö­fe und mit 47 Jah­ren auch einer der jüng­sten Kardinäle.

Kardinalserhebung von Msgr. Siri
Kar­di­nal­s­er­he­bung von Msgr. Siri

Er nahm in sei­ner lan­gen Amts­zeit an vier Kon­kla­ven teil und galt jeweils als Papa­bi­le. Kar­di­nal Siri stand Pius XII. sehr nahe und war einer sei­ner eng­sten Bera­ter. Dar­aus ergab sich für vie­le Beob­ach­ter, aber auch Kar­di­nä­le, daß er nach dem Tod des Pap­stes sein natür­li­cher Nach­fol­ger sein wer­de. Im Kon­kla­ve von 1958 wur­de dann aller­dings über­ra­schend Ange­lo Giu­sep­pe Kar­di­nal Ron­cal­li, der Patri­arch von Vene­dig gewählt. 

Spä­ter wur­de behaup­tet, Kar­di­nal Siri sei im Kon­kla­ve zum Papst gewählt, aber dann zum Ver­zicht gezwun­gen wor­den. Die­se Theo­rie stützt sich auf die Rauch­zei­chen, die aus der Six­ti­ni­schen Kapel­le aufstiegen. 

Am Abend des 25. Okto­ber 1958 waren die Kar­di­nä­le in der berühm­ten, mit den Fres­ken Michel­an­ge­los aus­ge­schmück­ten Kapel­le ein­ge­schlos­sen wor­den. Damals galt noch kei­ne Alters­be­schrän­kung und die Kar­di­nä­le wohn­ten für die Dau­er des Kon­kla­ves in der Sixtina. 

Am Mor­gen des 26. Okto­ber begann die Wahl. Um 11.53 Uhr stieg „dich­ter und ganz wei­ßer Rauch auf, der sich vom blau­en Him­mel abhob“, wie es in einem zeit­ge­nös­si­schen Zei­tung­be­richt hieß. Die Men­schen waren über­zeugt, der neue Papst sei gewählt, als nach kur­zer Zeit schwar­zer Rauch auf­stieg.
Um 17.55 Uhr des­sel­ben Tages stieg erneut Rauch auf, der weiß schien. Den Schwei­zer Gar­di­sten wur­de Befehl erteilt, sich für das Aus­rücken aus der Kaser­ne vor­zu­be­rei­ten, um die Begrü­ßung des neu­en Pap­stes auf dem Peters­platz vor­zu­neh­men. Die Medi­en mel­de­ten, daß der neue Papst sich in Kür­ze dem Volk zei­gen wer­de. Die Men­schen ström­ten vor dem Peters­dom zusam­men. Doch es tat sich nichts. Auch Fürst Sigis­mondo Chi­gi, der Mar­schall des Kon­kla­ves, der zuvor bereits drei Kon­kla­ve erlebt hat­te, war ratlos. 

Am 28. Okto­ber wur­de die Wahl von Patri­arch Ron­cal­li bekannt­ge­ge­ben, der den Namen Johan­nes XXIII. annahm. Kar­di­nal Siri selbst nähr­te die Ver­mu­tung nicht, er sei in Wirk­lich­keit zum Papst gewählt wor­den. Offen­sicht­lich wünsch­te die Mehr­heit der Kar­di­nä­le kei­ne Fort­set­zung des Pon­ti­fi­kats von Pius XII., wofür Siri gestan­den wäre. Aus­schlag­ge­bend dürf­te vor allem die Jugend des Kar­di­nals gewe­sen sein, die ein sehr lan­ges Pon­ti­fi­kat anneh­men ließ. Die Kar­di­nä­le, so die all­ge­mei­ne Inter­pre­ta­ti­on, bevor­zug­ten jedoch einen Kar­di­nal wie Ron­cal­li, des­sen Wahl alters­be­dingt ein Über­gangs­pon­ti­fi­kat ver­sprach. Tat­säch­lich regier­te Johan­nes XXIII. nur fünf Jah­re, schrieb aber mit der über­ra­schen­den Ein­be­ru­fung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils uner­war­tet Kir­chen­ge­schich­te. 2014 wur­de er von Papst Fran­zis­kus wegen die­ses „Ver­dien­stes“ wun­der­los heiliggesprochen. 

Die Gerüch­te um die angeb­li­che Wahl Siris hiel­ten sich so hart­näckig, daß 1961 das FBI ein eige­nes Dos­sier dar­über erstell­te. Selbst die­ser Anga­be muß jedoch ein „angeb­lich“ vor­an­ge­stellt wer­den. Die Behaup­tung geht auf den FBI-Bera­ter Paul Wil­liams zurück, der das Dos­sier 1994 nach Auf­he­bung der Sperr­frist gele­sen habe. Wil­liams publi­zier­te dar­über 2003 in sei­nem Buch The Vati­can Expo­sed. Dar­in bekräf­tigt er unter Beru­fung auf das Dos­sier die Behaup­tung, Siri sei gewählt wor­den, habe sogar sei­nen Papst­na­men bekannt­ge­ge­ben, sei dann aber zum Ver­zicht gezwun­gen wor­den. Das Dos­sier selbst aber läßt sich nicht fin­den. Wil­liams ist damit sein ein­zi­ger Zeu­ge, oder sein Erfinder. 

Der Erz­bi­schof von Genua sei, lau die­ser Theo­rie, von einer ent­schlos­se­nen Min­der­heit wegen sei­nes Anti-Kom­mu­nis­mus und sei­ner Kom­pro­miß­lo­sig­keit unter Druck gesetzt wor­den. Sei­ne Wahl, so deren Behaup­tung, wür­de das schlech­te Ver­hält­nis zur kom­mu­ni­sti­schen Welt voll­ends kip­pen las­sen und dort eine Chri­sten­ver­fol­gung auslösen. 

Die Behaup­tung läßt sich man­gels kon­kre­ter Bele­ge kaum auf­recht­erhal­ten. Das stärk­ste Argu­ment gegen sie ist der Kar­di­nal selbst, der bis zu sei­nem Tod am 2. Mai 1989 für die­se Theo­rie kei­ne Nah­rung lie­fer­te. Ent­spre­chend erwähnt kei­ner sei­ner direk­ten Bio­gra­phen eine angeb­li­che Wahl zum Papst.

Tat­sa­che ist, wie immer das Kon­kla­ve von 1958 ver­lau­fen sein mag, daß die Nicht-Wahl Siris und die Wahl Ron­cal­lis eine ein­schnei­den­de Rich­tungs­ent­schei­dung waren. Heu­te gilt es als unbe­strit­ten, daß es sich sogar um den Beginn einer radi­ka­len Rich­tungs­än­de­rung han­del­te, wie sie die Kir­che noch nie erlebt hatte.

Aus­rei­chend belegt ist hin­ge­gen, daß Siri die Kan­di­da­tur von Gio­van­ni Bat­ti­sta Kar­di­nal Mon­ti­ni, Erz­bi­schof von Mai­land, im Kon­kla­ve von 1963 ablehn­te. Siri berich­te­te, daß der Kir­chen­di­plo­mat Mon­ti­ni aus dem Vati­kan nach Mai­land „weg­be­för­dert“ wor­den war, weil Pius XII. das Ver­trau­en in den Sub­sti­tu­ten des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs ver­lo­ren hat­te. Der spä­te­re Papst Paul VI. hat­te den Vor­sit­zen­den der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der ita­lie­ni­schen Katho­li­schen Akti­on pro­te­giert, der sich für eine Öff­nung der Kir­che Rich­tung Sozia­lis­mus ein­setz­te. Belegt ist auch, Iro­nie des Schick­sals, daß Johan­nes XXIII., der in sei­nem Zukunfts­op­ti­mis­mus die Tür zur gro­ßen Kir­chen­kri­se auf­ge­sto­ßen hat­te, am Ster­be­bett auf eine schnel­le Been­di­gung des Kon­zils dräng­te, als wol­le er die Büch­se der Pan­do­ra so rasch als mög­lich schlie­ßen, die er geöff­net hat­te. Der dama­li­ge Erz­bi­schof von Liver­pool und spä­te­re Kar­di­nal John Car­mel Heen­an, über­lie­fer­te sogar, daß der ster­ben­de Papst, sei­ne Hoff­nun­gen auf Kar­di­nal Siri als Nach­fol­ger setzte. 

Der „Enthua­si­as­mus“, wie Bene­dikt XVI. spä­ter die Stim­mung im pro­gres­si­ven Lager über das Kon­zil beschrei­ben soll­te, mach­te 1963 aber die 1958 noch mög­li­che Kan­di­da­tur eines pro­non­cier­ten „Kon­ser­va­ti­ven“ wie Siri oder Otta­via­ni aus­sichts­los. Ihre Posi­tio­nen befan­den sich seit 1959 in der Defen­si­ve und soll­ten immer mehr an Boden verlieren.

Wäh­rend des Kon­zils stand Siri dem kon­ser­va­ti­ven Coe­tus Inter­na­tio­na­lis Patrum nahe, ohne sich ihm aber anzu­schlie­ßen. Die Zuge­hö­rig­keit zu einer Par­tei­ung war ihm zuwi­der. In der Öffent­lich­keit blieb er Zeit sei­nes Lebens eins bedin­gungs­los treu­er Die­ner der Kirch und des regie­ren­den Pap­stes. Er ging spä­ter soweit, sich als Ver­tei­di­ger des Kon­zils zu bezeich­nen, des­sen Doku­men­te aller­dings, wie er sag­te, „auf den Knien zu lesen sind“. Die­se frü­he Form einer „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ blieb aller­dings iso­liert und wur­de in der Wir­kung von sei­nem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis behin­dert, das unter „Kon­ser­va­ti­ven“ weit­ver­brei­tet war, nicht öffent­lich als inner­kirch­li­cher Kri­ti­ker aufzutreten.

Des­halb wur­de er auch nicht zum öffent­li­chen Gegen­spie­ler der ein­schnei­den­den Refor­men, wenn­gleich er sich bemüh­te, die Ortho­do­xie im Rah­men der Neue­run­gen zu bewah­ren. In die­sem Sin­ne för­der­te er, und das ist eines sei­ner Ver­dien­ste, Kan­di­da­ten, Prie­ster und Prie­ster­ver­ei­ni­gun­gen, die sich um die Bewah­rung der Recht­gläu­big­keit bemüh­ten. Dazu gehört unter ande­rem die 1976 erfolg­te kano­ni­sche Errich­tung der Com­mu­n­au­té Saint-Mar­tin tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner, fran­zö­si­scher Prie­ster, die nach der Aberken­nung des kano­ni­schen Sta­tus der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) deren Weg „in das Schis­ma“, „zu einer Sek­te“, wie es damals abschät­zig in Kir­chen­krei­sen ver­brei­tet hieß, nicht mit­ge­hen woll­ten. Nach dem Tod Siris muß­te die Gemein­schaft Genua auf Druck des neu­en Erz­bi­schofs ver­las­sen und ver­leg­te ihren Sitz 1993 nach Frank­reich, wo er sich heu­te in der Abtei d’E­vron befindet.

Über­haupt wur­de von den Nach­fol­gern viel von dem abge­baut und besei­tigt, was Siri bewahrt hat­te. Sehen wir, was das war:

Siri bekämpf­te sowohl das anthro­po­zen­tri­sche Den­ken von Karl Rah­ner und Hans Küng als auch die Idee einer Über­win­dung der Gren­zen zwi­schen Natür­li­chem und Über­na­tür­li­chem von Hen­ri de Lub­ac und Jac­ques Maritain.

Die Lit­ur­gie­re­form woll­te er im Ein­klang mit dem umge­setzt wis­sen, was seit Jahr­hun­der­ten Gül­tig­keit hat­te. Eine sol­che Sicht­wei­se konn­te er nur in sei­nem Juris­dik­ti­ons­be­reich durch­set­zen, soweit die päpst­li­chen Instruk­tio­nen von Paul VI. dazu Spiel­raum lie­ßen. So ver­bot er in sei­nem Erz­bis­tum die Auf­stel­lung von Volks­al­tä­ren. Nur für den Fall von Kon­ze­le­bra­tio­nen soll­ten sol­che gebraucht wer­den dür­fen, hat­ten aber im Anschluß an die Mes­se wie­der aus dem Altar­raum ent­fernt zu wer­den. Damit dekre­tier­te er impli­zit, daß Kon­ze­le­bra­tio­nen eine sel­te­ne Aus­nah­me blei­ben sollten.

Auf dem Altar hat­ten immer Ker­zen­leuch­ter und das Kreuz zu ste­hen, da sie das ent­schei­den­de Unter­schei­dungs­merk­mal zwi­schen einem katho­li­schen und einem nicht-katho­li­schen Altar sei­en. Eine Anwei­sung, die erst Papst Bene­dikt XVI. wie­der für die Welt­kir­che einschärfte. 

Dem Taber­na­kel müs­se „immer die größ­te Bedeu­tung“ zukom­men. Im Erz­bis­tum hat­ten die Prie­ster wei­ter­hin den Talar zu tra­gen. Der Gre­go­ria­ni­sche Cho­ral, die latei­ni­sche Kir­chen­spra­che und die lit­ur­gi­schen Gewän­der hat­ten im bis­he­ri­gen Sinn gepflegt zu wer­den. Die Kom­mu­ni­ons­pen­dung durch soge­nann­te „außer­or­dent­li­che Kom­mu­ni­on­hel­fer“ erlaub­te Siri wäh­rend sei­ner gan­zen Amts­zeit nicht. Der Kom­mu­nion­emp­fang hat­te wei­ter­hin als knien­de Mund­kom­mu­ni­on zu erfol­gen. Soll­ten Gläu­bi­ge aus ande­ren Bis­tü­mern zur Kom­mu­ni­on gehen, so Siris Anwei­sun­gen, hät­te die Prie­ster sie höf­lich, aber ent­schie­den hin­zu­wei­sen, daß die Kom­mu­ni­on nur kniend und in den Mund emp­fan­gen wer­den könne. 

Gleich­zei­tig ver­wei­ger­te er aber der Kur­zen kri­ti­schen Unter­su­chung des neu­en „Ordo Mis­sae“ der Kar­di­nä­le Alfre­do Otta­via­ni und Anto­nio Bac­ci sei­ne Unter­schrift, mit der sie im Hebst 1969 die von Anni­ba­le Bugni­ni aus­ge­ar­bei­te­te und von Paul VI. appro­bier­te Lit­ur­gie­re­form kri­ti­sier­ten. Siri ver­mied auch in die­sem Fall, was ihn in der ita­lie­ni­schen Kir­che oder der Welt­kir­che öffent­lich als akti­ven Par­tei­gän­ger erschei­nen las­sen konn­te. Dabei wur­de er von der Annah­me gelei­tet, auf­grund sei­nes Ran­ges und als ein­zi­ger Diö­ze­san­bi­schof neben Kuri­en­kar­di­nä­len, als Anfüh­rer einer sol­chen Par­tei­ung gese­hen zu wer­den, was er ent­schie­den ablehnte.

Als der dama­li­ge Erz­bi­schof von Mün­chen und Frei­sing, Joseph Ratz­in­ger, 1977 von Paul VI. zum Kar­di­nal kre­iert wur­de, wur­de das von Kar­di­nal Siri wie folgt kom­men­tiert. Unter den neu­en Kar­di­nä­le gefal­le ihm Ratz­in­ger am besten, denn die­ser sage das­sel­be wie er selbst, nur habe er, Siri, es schon viel frü­her gesagt.

Im Umgang mit katho­li­schen Orga­ni­sa­tio­nen griff er not­falls auch zum Mit­tel der Auf­lö­sung. Als im Zuge der 68er-Revol­te die Katho­li­sche Akti­on in sei­nem Erz­bis­tum nach links kipp­te und sich von den kirch­li­chen Posi­tio­nen ent­fern­te, löste er sie kur­zer­hand auf und errich­te­te sie zwei Tage spä­ter mit ande­rem Füh­rungs­per­so­nal neu.

1978 war Kar­di­nal Siri ein letz­tes Mal der Kan­di­dat der „Kon­ser­va­ti­ven“. Ihm stand Gio­van­ni Kar­di­nal Benel­li, der Erz­bi­schof von Flo­renz, als Kon­tra­hent gegen­über. Da kei­ner von ihnen das erfor­der­li­che Quo­rum erreich­ten konn­te, wur­de Albi­no Kar­di­nal Lucia­ni, der Patri­arch von Vene­dig als Johan­nes Paul I. gewählt, wie im Som­mer 2017 Kar­di­nal Gio­van­ni Bat­ti­sta Re in einem Inter­view bestä­tig­te. Was Re damals nicht erwähn­te: Der gewich­tig­ste Für­spre­cher Lucia­nis war Benel­li, der damit zumin­dest die Wahl Siris ver­hin­dern wollte. 

Grab von Kardinal Siri in der Kathedrale von Genua, im Bild Kardinal Angelo Bagnasco.
Grab von Kar­di­nal Siri in der Kathe­dra­le von Genua, im Bild Kar­di­nal Ange­lo Bagnasco.

Kur­ze Zeit dar­auf wie­der­hol­te sich noch im sel­ben Jahr das Sze­na­rio: Erneut stan­den sich, nach dem frü­hen Tod von Johan­nes Paul I., Benel­li und Siri gegen­über. Die Patt­si­tua­ti­on wur­de durch die Wahl von Karol Kar­di­nal Woj­ty­la, dem Erz­bi­schof von Kra­kau über­wun­den, der den Namen Johan­nes Paul II. annahm.

Es gehört zu den Beson­der­hei­ten von Papst Fran­zis­kus, des „Pap­stes der Gesten“, daß er 2014 zur Über­ra­schung sei­ner Zuhö­rer ein­zig Kar­di­nal Siri in einer Anspra­che an die Voll­ver­samm­lung der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on zur Fra­ge nach den not­wen­di­gen Eigen­schaf­ten eines guten Bischofs zitier­te, wäh­rend er gleich­zei­tig Rom von den „Siria­nern“ säu­ber­te und vor­wie­gend Kan­di­da­ten zu Bischö­fen ernennt, die Kar­di­nal Siri kaum gemeint haben dürfte. 

Kar­di­nal Siri kommt der Pri­mat zu, in vier Kon­kla­ven zwi­schen 1958 und 1978 nicht nur Papa­bi­le, son­dern aus­sichts­rei­cher Anwär­ter auf den Papst­thron gewe­sen zu sein. Die­se „ewi­ge“ Anwär­terschaft unter­schied sich aller­dings grund­le­gend von jener des 2012 ver­stor­be­nen Car­lo Maria Kar­di­nal Mar­ti­ni SJ, der von 1979–2002 Erz­bi­schof von Mai­land war. Siri war tat­säch­lich in meh­re­ren Kon­kla­ven Kan­di­dat mit rea­li­sti­schen Chan­cen. Mar­ti­ni nahm nur an einem ein­zi­gen Kon­kla­ve teil, dem von 2005, und blieb gleich im ersten Wahl­gang chan­cen­los abge­schla­gen. Vor allem wider­sprach es dem Kir­chen­ver­ständ­nis Siris, und sei­nem Selbst­ver­ständ­nis, sich als Papst in spe zu sehen, oder sich gar so zu ver­hal­ten. Ganz anders Mar­ti­ni: Der Jesu­it bezeich­ne­te sich selbst als „Ante-Papa“ als „kom­men­den Papst“. Dabei nahm er die Wort­ähn­lich­keit mit „Anti-Papa“, also Gegen­papst, nicht nur bil­li­gend in Kauf, son­dern koket­tier­te damit. Schließ­lich posi­tio­nier­te er sich selbst als Gegen­spie­ler von Papst Johan­nes Paul II. und woll­te auch als sol­cher gese­hen werden .

Eine Hal­tung, die Kar­di­nal Siri fremd war. Bis zum Herbst 1987 lei­te­te er sein Erz­bis­tum, in den letz­ten Mona­ten als Apo­sto­li­scher Admi­ni­stra­tor. Am 2. Mai 1989 ver­starb er kurz vor der Voll­endung sei­nes 83. Lebens­jah­res. Er wur­de in der Kathe­dra­le von Genua beigesetzt.

Santo Stefano in Genua
San­to Ste­fa­no in Genua

Am 2. Mai wird zum 30. Todes­tag des Kar­di­nals in Genua in der Kir­che San­to Ste­fa­no um 18 Uhr ein fei­er­li­ches Requi­em im über­lie­fer­ten Ritus zele­briert. Dazu laden die Pfar­rei San­to Ste­fa­no, Una Voce Genua und das Komi­tee Papa Pacel­li.

Die Kir­che San­to Ste­fa­no geht auf das fünf­te Jahr­hun­dert zurück, als an ihrer Stel­le bis zur Zer­stö­rung durch die Mus­li­me im Jahr 936 eine dem Erz­engel Micha­el geweih­te Kir­che stand. Die wie­der­auf­ge­baut und ver­grö­ßer­te Kir­che wur­de dem hei­li­gen Ste­pha­nus geweiht und war von 972 bis zur Auf­he­bung von 1797, als die fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­trup­pen die Stadt ein­nah­men, Teil einer Bene­dik­ti­ner­ab­tei. In der Kir­che, die zu den bedeu­tend­sten der Stadt zählt, wur­de Chri­stoph Kolum­bus getauft. Wegen der Reno­vie­rung, die 1904 began­nen und schwe­ren Schä­den durch alli­ier­te Luft­an­grif­fe im Zwei­ten Welt­krieg, blieb die Kir­che mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert geschlos­sen. Kar­di­nal Siri dräng­te, als er Erz­bi­schof von Genua wur­de, die Restau­rie­rungs­ar­bei­ten wie­der­auf­zu­neh­men. 1955 konn­te er die Wei­he der Kir­che vor­neh­men. Der Pfar­rer der Pfar­rei trägt noch heu­te den Titel eines Abtes. 

Santo Stefano, Inneres
San­to Ste­fa­no, Inneres

In der Kir­che San­to Ste­fa­no wird heu­te an jedem Sonn- und Fei­er­tag um 9.30 Uhr und an jedem ersten Frei­tag und ersten Sams­tag im Monat um 9 Uhr die Hei­li­ge Mes­se im über­lie­fer­ten Ritus zelebriert.

Kar­di­nal Ange­lo Bag­nas­co, der amtie­ren­de Erz­bi­schof von Genua, wird am 16. Mai eine Gedenk­mes­se im Neu­en Ritus für sei­nen ver­stor­be­nen Vor­gän­ger in der Mari­en­wall­fahrts­kir­che San­tua­rio di Nostra Signo­ra del­la Guar­dia auf dem Mon­te Figo­gna zelebrieren

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Una Voce/Wikicommons/Youtube (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Darf ich Sie auf mei­ne in fran­zö­si­scher Spra­che ver­fass­te Stu­die: „Aux sources de l’al­ter­n­an­ce dans l’Eg­li­se catho­li­que“ hin­wei­sen. In die­ser Stu­die behand­le ich ein­ge­hend den Fall Siri. Abbé Clau­de Bar­t­he hat mir ihre Gründ­lich­keit bestätigt.

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