Der lateinische Rosenkranz – eine Parabel

Ausharren in der Kirche












Erzengel Michael
Erzengel Michael

Aldo Maria Valli, Vatikanist des italienischen Staatsfernsehens RAI 1, veröffentlichte vor einem Jahr eine Parabel. Sie enthält tatsächlich zugetragene Elemente und will sensibilisieren für das Ausharren.

Ich betrete eine Kirche, knie mich in eine Kirchenbank und beginne den Rosenkranz auf Latein zu beten.

Da nähert sich ein Mann in salopper Alltagskleidung.

Er sagt:

„An Deiner Stelle würde ich das lassen“.

Ich schaue ihn an und frage:

„Und wer sind Sie bitte?“

„Ein Priester.“

„Ein Priester?“

„Ja.“

Ich bin etwas verwirrt. Meine erste Reaktion:

„Und warum sind Sie nicht wie ein Priester gekleidet?“

„Oh! Das ist doch nicht mehr üblich. Wir müssen willkommen heißen…”

 „Und Sie können nicht willkommen heißen, wenn Sie als Priester gekleidet sind?“

„Du machst gern Witze, stimmt‘s!?“

„Nein, ich scherze nicht!“

„Jedenfalls wirst Du ja nicht den Rosenkranz gegen die Einwanderer beten, wie sie es in Polen gemacht haben…“

„Um genau zu sein, bete ich ihn für die armen Seelen im Fegefeuer.“

„Im Fegefeuer?“

„Ja, warum?“

„Bist Du sicher, daß es das gibt?“

„Was?“

„Das Fegefeuer“

„Ja, natürlich!”

„Hm, ich wäre mir da nicht so sicher.”

„Wie meinen Sie das?“

„Ein Überbleibsel aus dem Mittelalter… Gott als Richter, das Strafgericht, wenig Barmherzigkeit. Wer sind wir denn, um zu urteilen?… Und überhaupt: Warum auf Latein?“

„Weil ich es mag.”

„Und warum magst Du es?”

„Weil es mich Gott näher sein läßt.“

„Hmm…“

„Was ist?“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

„Worüber?“

„Daß Latein Dich Gott näherbringt.“

„Es ist ja nicht das Latein an sich. Es ist das Latein als Sakralsprache, als Sprache des Heiligen.“

„Des Heiligen?“

„Ja.“

„Hmm…“

„Und was ist jetzt?“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

„Worüber?“

„Was Du über das Heilige sagst.“

„Das heißt?“

„Das Heilige…, das ist ein altes Konzept. Man muß doch nicht an einem bestimmten Ort sein und in einer bestimmten Haltung.“

„Nun gut, wie Sie meinen. Kann ich meinen Rosenkranz weiterbeten?

„Mach nur, mach nur… Aber bezüglich…“

„Was noch!?”

„Bist Du sicher?”

„Worüber?“

„Von dem, was Du sagst.“

„Natürlich bin ich mir sicher!“

„Auch wenn Du das Vaterunser betest?“

„Ja, sicher!“

„Hmm…“

„Was ist?“

„Aber damals gab es ja noch kein Tonbandgerät. Wie kannst Du Dir dann sicher sein?“

„Hören Sie, ich möchte gerne meinen Rosenkranz beten.“

„Jedenfalls, wenn ich Du wäre…“

„Was ist dann?“

„Ich würde ihn an Deiner Stelle nur leise beten.“

„Aber warum denn!?“

„Sonst halten sie Dich am Ende vielleicht noch für einen Polen…“

„Bitte, tun Sie mir einen Gefallen, und lassen Sie mich in Frieden.“

„Frieden?“

„Ja, in Frieden, Danke!“

„Hmm…“

„Was ist denn jetzt wieder!?“

„Ein echter Christ ist immer unruhig…“

„Hören Sie, Freund… Ich habe nicht soviel Zeit und möchte gerne beten.“

„Ah, die Zeit… Weißt Du nicht, daß sie über dem Raum steht?

„Wovon reden Sie denn?“

„Das sage nicht ich…“

„Wie Sie meinen, aber bitte: Ich möchte gerne den Rosenkranz beten.“

„Auf Latein?“

„Ja, das habe ich ja schon gesagt.“

„Hmm… Weißt Du, ich möchte ja nicht…“

„Was denn?“

„Daß man Dich am Ende vielleicht nicht nur für einen Polen, sondern auch noch für einen Traditionalisten hält…“

„Hören Sie, das ist mir völlig egal, soll man mich eben halten, wofür man will.“

„Wenn Du damit einverstanden bist..!?“

„Ja, ja…“

„Auch wenn…“

„Was denn?“

„…im Namen der Parrhesie…“

„Was?“

„… ich Dich… also, ich Dich als Traditionalist anzeigen müßte.“

„Wovon reden Sie denn?“

„Ich werde auf alle Fälle barmherzig sein…“

Was?“

„Und ich gebe Dir einen Rat, als Freund: Es ist besser, wenn Du nicht kniest.“

„Und warum?“

„Der Pharisäer kniet… der Heuchler…“

„Was reden Sie denn!?“

„Na, die Vorschriften…nicht wahr!?“

„Welche Vorschriften denn? Ich knie, weil ich knien will. Das ist Hingabe, Andacht…“

„Ah, ich würde eher Devotionalismus sagen…“

„Ich muß schon bitten!“

„Wie dem auch sei, mein Freund, sprechen Sie leise. Geben Sie kein Ärgernis…“

„Das wird ja immer bunter! Ich soll Ärgernis geben…?“

„Ja, natürlich, mit solchen Praktiken aus der Vergangenheit, während sich alles verändert. Man muß die Zeichen der Zeit erkennen! Es braucht Unterscheidung!

„Ja, genau, sehr gut: Sie unterscheiden, und ich kann inzwischen den Rosenkranz beten.“

„Und dann fühlst Du Dich gut?“

„Ich fühle mich dann nicht gut, aber besser.“

„Ja, mit einem solchen Essiggurkengesicht!

„Was erlauben Sie sich!?“

„Fröhlich…, wir müssen fröhlich sein! Stattdessen, Ihr Unglückspropheten…“

„Ein Unglücksprophet sind vielleicht Sie, aber nicht…“

„Ah, da haben wir sie, diese typische Aggressivität des Traditionalisten!“

„Ich bin nicht aggressiv. Ich bin nur diesen Unsinn leid und möchte gerne meinen Rosenkranz beten.

„Ah, und hartherzig noch dazu…“

„Sie sind ja nicht ganz bei Trost!“

„Wissen Sie nicht, daß der Christ ein Missionar der Barmherzigkeit ist?“

„Ach lassen Sie mich doch in Frieden!“

„Ein Mensch der Freude, das ist der Christ! Nicht intolerant und fundamentalistisch…“

„Ich bin nicht intolerant. Und Fundamentalist bin ich nur in dem Sinn, daß mir die fundamentalen, die grundlegenden Dinge wichtig sind.“

„Hier fehlt es an Unterscheidung, das ist klar…“

„Sie sind wirklich unglaublich…“

„Ein richtiger Salonchrist…“

„Ach was, von wegen Salon…“

„Doch, man sieht es, ein Salonchrist: verschlossen, streng…“

„Ich bin nicht verschlossen, sonst würde ich ja nicht mit Ihnen reden! Ich werde es aber, wenn ich Leuten wie Ihnen begegne!

„Ja, ja… Ihr wollt als Gläubige durchgehen und denkt aber nur an Euch… außen weißgestrichene Gräber…

„Oh Herr, hilf mir!“

„Was tun Sie?“

„Ich bitte den Herrn, daß Er mir hilft, daß Er mir Kraft gibt und mich davon abhält…!“

„Wovon?“

„Sie auf den Mond… Sie wissen schon…“

Der Mann beginnt zu lachen und zwinkert mir zu.

Dann sagt er:

„Bravo: Prüfung bestanden.“

“Wie? Ich verstehe nicht!”

„Du hast die Prüfung bestanden, der ich Dich unterzogen habe. Ab und zu machen wir das.“

„Wer ‚wir‘?“

„Wir vom GPS.“

„GPS?“

„Glaubensprüfstelle. Wir stellen Fragen und bewerten. Beten Sie nun ruhig weiter, und entschuldigen Sie bitte die Störung.“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir fehlen die Worte. Mir kommt nur ein Flüstern über die Lippen:

„Gut, danke.“

Der Mann ist zufrieden. Sein Gesicht strahlt plötzlich. Er sagt:

„Ah, ich hätte es fast vergessen… das Zeugnis.“

Er überreicht mir eine Statue: Sie zeigt den Erzengel Michael, den Verteidiger des Glaubens, mit seinem Schwert.

Ich bin noch immer ganz überrascht und will mich umdrehen, um mich zu bedanken, doch der Mann ist verschwunden.

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL

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