„wende dich an Gott, indem du ihn »Vater« nennst“

Mittwochskatechese von Papst Franziskus

Generalaudienz

Lie­be Brü­der und Schwe­stern,
guten Tag!

Wir set­zen unse­ren Weg fort und wol­len immer bes­ser ler­nen zu beten, wie Jesus es uns gelehrt hat. Wir müs­sen beten, wie er es uns zu tun gelehrt hat. Er hat gesagt: Wenn du betest, dann tritt in die Stil­le dei­ner Kam­mer ein, zieh dich von der Welt zurück und wen­de dich an Gott, indem du ihn »Vater« nennst. Jesus will, dass sei­ne Jün­ger nicht wie die Heuch­ler sind, die auf­recht an den Stra­ßen­ecken ste­hen, um von den Men­schen bewun­dert zu wer­den (vgl. Mt 6,5). Jesus will kei­ne Heu­che­lei. Das wah­re Gebet ist jenes, das in der Ver­bor­gen­heit des Gewis­sens, des Her­zens voll­zo­gen wird: uner­gründ­lich, nur für Gott sichtbar.

Ich und Gott. Es mei­det die Falsch­heit: Bei Gott ist es unmög­lich, sich zu ver­stel­len. Es ist unmög­lich, bei Gott gibt es kei­nen Trick, der Macht hat, Gott kennt uns so, unser blo­ßes Gewis­sen; man kann sich nicht ver­stel­len. An der Wur­zel des Zwie­ge­sprächs mit Gott liegt ein stil­les Zwie­ge­spräch, wie die Begeg­nung der Blicke zwei­er Men­schen, die ein­an­der lie­ben: Die Blicke des Men­schen und Got­tes begeg­nen ein­an­der, und das ist Gebet. Gott anblicken und sich von Gott anblicken las­sen: Das ist beten. »Aber Vater, ich sage kei­ne Wor­te…« Blicke Gott an und lass dich von ihm anblicken: Das ist ein Gebet, ein schö­nes Gebet!

Obgleich das Gebet des Jün­gers sehr ver­trau­lich ist, wird es jedoch nie zur rei­nen Inner­lich­keit. In der Ver­bor­gen­heit des Gewis­sens lässt der Christ die Welt nicht drau­ßen vor der Tür sei­ner Kam­mer, son­dern er trägt die Men­schen und die Situa­tio­nen, die Pro­ble­me, vie­le Din­ge im Her­zen. Er trägt alle im Gebet.

Bezeich­nen­der­wei­se fehlt im Text des »Vater­un­sers« etwas. Und wenn ich euch fra­gen  wür­de, was es ist, das im Text des »Vater­un­sers« bezeich­nen­der­wei­se fehlt? Es ist nicht leicht zu beant­wor­ten. Es fehlt ein Wort. Denkt ein­mal alle dar­über nach: Was fehlt im »Vater­un­ser«? Denkt dar­über nach, was fehlt? Ein Wort. Ein Wort, auf das in unse­rer Zeit – viel­leicht auch immer – alle Men­schen gro­ßen Wert legen. Wel­ches Wort fehlt im »Vater­un­ser«, das wir jeden Tag beten? Um Zeit zu spa­ren, nen­ne ich es euch: Es fehlt das Wort »ich«. Nie wird gesagt: »ich«. Jesus lehrt, vor allem mit dem »Du« auf den Lip­pen zu beten, denn das christ­li­che Gebet ist Dia­log: »Gehei­ligt wer­de ›dein‹ Name, ›dein‹ Reich kom­me, ›dein‹ Wil­le gesche­he.« Nicht »mein« Name, »mein« Reich, »mein« Wil­le. Nicht »ich«, das geht nicht.

Und dann geht er über zum »Wir«. Der gan­ze zwei­te Teil des »Vater­un­sers« ist in der ersten Per­son Plu­ral dekli­niert: »›Unser‹ täg­li­ches Brot gib ›uns‹ heu­te, ver­gib ›uns‹ unse­re Schuld, lass ›uns‹ nicht in Ver­su­chung gera­ten, erlö­se ›uns‹ von dem Bösen.« Sogar die ele­men­tar­sten Bit­ten des Men­schen – wie die Bit­te, Brot zu haben, um den Hun­ger zu stil­len – ste­hen alle im Plu­ral. Im christ­li­chen Gebet bit­tet kei­ner um Brot für sich selbst: Gib »mir« das heu­ti­ge Brot, nein. Gib »uns«, er bit­tet für alle dar­um, für alle Armen der Welt. Das darf man nicht ver­ges­sen, es fehlt das Wort »ich«. Man betet mit dem Du und mit dem Wir. Das ist eine gute Leh­re Jesu, ver­gesst das nicht.

War­um? Weil es im Gespräch mit Gott kei­nen Raum für den Indi­vi­dua­lis­mus gibt. Es gibt kei­ne Zur­schau­stel­lung der eige­nen Pro­ble­me, so als sei­en wir die Ein­zi­gen auf der Welt, die lei­den. Es gibt kein Gebet, das zu Gott erho­ben wird, das nicht das Gebet einer Gemein­schaft von Brü­dern und Schwe­stern – des »Wir« – wäre. Ein­mal hat mir ein Gefäng­nis­seel­sor­ger eine Fra­ge gestellt: »Vater, sagen Sie mir: Was ist das Gegen­teil von ›ich‹?« Und ich habe ganz naiv gesagt: »du«. »Das ist der Beginn des Krie­ges. Das Gegen­teil von ›ich‹ ist ›wir‹, wo der Frie­de ist, alle gemein­sam.« Das ist eine schö­ne Leh­re, die jener Prie­ster mir erteilt hat.

Im Gebet trägt ein Christ alle Schwie­rig­kei­ten der Men­schen, die in sei­nem Umfeld leben: Wenn es Abend wird, berich­tet er Gott von den Schmer­zen, denen er an jenem Tag begeg­net ist; er stellt vie­le Gesich­ter – freund­lich, aber auch feind­lich gesinn­te – vor sein Ange­sicht; er ver­treibt sie nicht wie gefähr­li­che Ablenkungen.

Wenn jemand nicht merkt, das in sei­nem Umfeld vie­le Men­schen sind, die lei­den, wenn er mit den Trä­nen der Armen kein Mit­leid hat, wenn er an alles gewöhnt ist, dann bedeu­tet das, dass sein Herz… Wie ist es dann? Ver­dorrt? Nein, schlim­mer: Es ist aus Stein. In die­sem Fall ist es gut, den Herrn zu bit­ten, dass er uns mit sei­nem Geist anrüh­ren und unser Herz erwei­chen möge: »Herr, erwei­che mein Herz.« Das ist ein schö­nes Gebet: »Herr, erwei­che mein Herz, damit es ver­ste­hen und sich aller Pro­ble­me, aller Schmer­zen der ande­ren anneh­men kann.«

Chri­stus ist nicht unbe­tei­ligt am Elend der Welt vor­über­ge­gan­gen: Immer, wenn er eine Ein­sam­keit, einen Schmerz des Lei­bes oder des Gei­stes wahr­ge­nom­men hat, hat er star­kes Mit­leid emp­fun­den, wie eine Mut­ter tief in ihrem Innern.

Die­ses »Mit­leid emp­fin­den« – ver­ges­sen wir nicht die­ses so christ­li­che Wort: Mit­leid emp­fin­den – ist eines der Schlüs­sel­wor­te des Evan­ge­li­ums: Es ist das, was den barm­her­zi­gen Sama­ri­ter drängt, sich dem ver­letz­ten Men­schen am Stra­ßen­rand zu nähern, im Gegen­satz zu den ande­ren, die ein har­tes Herz haben.

Wir kön­nen uns fra­gen: Wenn ich bete, öff­ne ich mich dann für den Schrei vie­ler naher und fer­ner Men­schen? Oder hal­te ich das Gebet für eine Art Betäu­bung, um ruhi­ger sein zu kön­nen? Ich stel­le die Fra­ge in den Raum, jeder möge sie für sich beant­wor­ten. In die­sem Fall wäre ich einem schreck­li­chen Irr­tum zum Opfer gefal­len. Gewiss wäre mein Gebet kein christ­li­ches Gebet mehr. Denn jenes »Wir«, das Jesus uns gelehrt hat, hin­dert mich dar­an, allein für mich in Frie­den zu leben, und lässt mich spü­ren, dass ich für mei­ne Brü­der und Schwe­stern ver­ant­wort­lich bin. Es gibt Men­schen, die Gott schein­bar nicht suchen, aber Jesus lässt uns auch für sie beten, denn Gott sucht die­se Men­schen mehr als alle anderen.

Jesus ist nicht für die Gesun­den, son­dern für die Kran­ken, für die Sün­der gekom­men (vgl. Lk 5,31) – also für alle, denn wer meint, gesund zu sein, ist es in Wirk­lich­keit nicht. Wenn wir uns für die Gerech­tig­keit ein­set­zen, dann dür­fen wir uns nicht bes­ser füh­len als die ande­ren: Der Vater lässt sei­ne Son­ne auf­ge­hen über Guten und Bösen (vgl. Mt 5,45). Der Vater liebt alle! Ler­nen wir von Gott, der immer alle gut behan­delt, im Gegen­satz zu uns, die wir nur eini­ge gut behan­deln – eini­ge, die wir mögen.

Brü­der und Schwe­stern, Hei­li­ge und Sün­der, wir sind alle Geschwi­ster, die vom sel­ben Vater geliebt wer­den. Und am Ende des Lebens wer­den wir über die Lie­be gerich­tet, dar­über, wie wir geliebt haben. Kei­ne rein sen­ti­men­ta­le Lie­be, son­dern eine barm­her­zi­ge und kon­kre­te Lie­be, nach der Regel des Evan­ge­li­ums – ver­gesst das nicht! –: »Was ihr für einen mei­ner gering­sten Brü­der getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). So spricht der Herr. Danke.

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Einen herz­li­chen Gruß rich­te ich an die Pil­ger deut­scher Spra­che. Wer glaubt, ist nie allein! Das gilt ganz beson­ders auch im Gebet. Machen wir uns bewusst, dass wir immer in Gemein­schaft mit unse­ren Brü­dern und Schwe­stern vor dem Vater ste­hen. Gott behü­te euch und alle Men­schen, mit denen ihr im Gebet ver­bun­den seid!

Bild: Vatican.va (Screen­shot)