Der römische Primat vom Nachfolger des Petrus entstellt

Papst Franziskus Papsttum Petrus

Von Rober­to de Mattei*

Die beein­drucken­de Schnel­lig­keit, mit der sich die Din­ge in der Kir­che ereig­nen, läßt dar­an den­ken, daß das nicht nur einer Dyna­mik der Beschleu­ni­gung der Geschich­te geschul­det ist, son­dern auf eine bewuß­te Ent­schei­dung der Agen­ten des Cha­os zurück­geht, um die Ver­wir­rung und Läh­mung der Kräf­te zu ver­stär­ken, die der vor­rücken­den Flut zu wider­ste­hen ver­su­chen.

Am 22. Sep­tem­ber gaben der Hei­li­ge Stuhl und die Volks­re­pu­blik Chi­na in einer gemein­sa­men Erklä­rung die Unter­zeich­nung eines „pro­vi­so­ri­schen“ Abkom­mens über die Ernen­nung der katho­li­schen, chi­ne­si­schen Bischö­fe bekannt. Der Text wur­de aller­dings nicht ver­öf­fent­licht, wes­halb sein Inhalt unbe­kannt ist.

Der eme­ri­tier­te Bischof von Hong Kong, Kar­di­nal Joseph Zen, ließ Asia­News fol­gen­de Erklä­rung zukom­men:

„Die so sehr erwar­te­te Erklä­rung des Hei­li­gen Stuhls ist ein Mei­ster­werk der Krea­ti­vi­tät, mit vie­len Wor­ten nichts zu sagen. Sie besagt, daß das Abkom­men pro­vi­so­risch ist, ohne etwas über die Dau­er sei­ner Gül­tig­keit zu sagen; sie sagt, daß peri­odi­sche Über­prü­fun­gen vor­ge­se­hen sind, ohne zu sagen, wann die erste fäl­lig sein wird. Abge­se­hen davon kann jedes Abkom­men als pro­vi­so­risch bezeich­net wer­den, weil eine der Sei­ten immer einen Grund fin­den kann, eine Ände­rung oder Annul­lie­rung des Abkom­mens zu for­dern. Die wich­ti­ge Sache ist dabei aber, daß sich die­ses Abkom­men, auch wenn nur pro­vi­so­risch, solan­ge nie­mand eine Ände­rung oder Annul­lie­rung for­dert,  in Gel­tung bleibt. Das Wort ‚pro­vi­so­risch‘ besagt nichts.  ‚Das Abkom­men behan­delt die Ernen­nung der Bischö­fe.‘ Das hat der Hei­li­ge Stuhl schon oft und schon lan­ge gesagt. Was ist also das Ergeb­nis die­ser lan­gen Mühe? Was ist die Ant­wort auf unser lan­ges War­ten? Dazu sagt man nichts! Ist es geheim!? Die gan­ze Erklä­rung läßt sich auf die­se Wor­te redu­zie­ren: ‚Es wur­de ein Abkom­men zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Volks­re­pu­blik Chi­na über die Ernen­nung der Bischö­fe unter­zeich­net‘. Der gan­ze Rest sind nur sinn­lee­re Wor­te. Wie lau­tet also die Bot­schaft, die der Hei­li­ge Stuhl den Gläu­bi­gen in Chi­na sen­det? ‚Habt Ver­trau­en in uns und akzep­tiert, was wir beschlos­sen haben‘? Und was wird die chi­ne­si­sche Regie­rung den Katho­li­ken in Chi­na sagen? ‚Gehorcht uns, der Hei­li­ge Stuhl hat uns schon zuge­stimmt.‘“

Der Kern des Abkom­mens dürf­te fol­gen­der sein: Die Bischofs­kan­di­da­ten wer­den von der offi­zi­el­len chi­ne­si­schen Kir­che aus­ge­wählt, die von der Patrio­ti­schen Ver­ei­ni­gung kon­trol­liert wird, die ein ver­län­ger­ter Arm der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei ist. Die chi­ne­si­schen Stel­len wer­den dem Hei­li­gen Stuhl Kan­di­da­ten vor­schla­gen, die der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei genehm sind.

Was aber geschieht, wenn der Papst damit nicht ein­ver­stan­den sein soll­te? P. Ber­nar­do Cer­vel­le­ra kom­men­tier­te die­se Even­tua­li­tät am 24. Sep­tem­ber bei Asia­News wie folgt:

„Bis­her war die Rede von einem befri­ste­ten Veto­recht des Pap­stes: Der Papst habe inner­halb von drei Mona­ten sei­ne Ableh­nung zu begrün­den. Soll­te die Regie­rung aber die päpst­li­che Ableh­nung für unbe­grün­det hal­ten, wür­de sie die Ernen­nung und die Wei­he ihres Kan­di­da­ten fort­set­zen. Da wir den Text des Abkom­mens nicht ken­nen, wis­sen wir nicht, ob die­se Klau­sel bei­be­hal­ten wur­de, ob also der Papst wirk­lich das letz­te Wort zu den Ernen­nun­gen und Wei­hen hat, oder ob sei­ne Auto­ri­tät nur for­mal aner­kannt wur­de.“

Soll­te das Veto befri­stet sein und das letz­te Wort der chi­ne­si­schen Regie­rung zukom­men, wäre dies ein schwe­rer, von der Kir­che ver­ur­teil­ter Feh­ler. Pius VII. zum Bei­spiel ver­leug­ne­te das mit Napo­le­on am 25. Janu­ar 1813 unter­zeich­ne­te Kon­kor­dat von Fon­taine­bleau, gera­de weil es vor­sah, daß die Bischofs­er­nen­nung des Kan­di­da­ten des fran­zö­si­schen Kai­ser­rei­ches auto­ma­tisch als bestä­tigt galt, wenn nicht inner­halb von sechs Mona­ten die päpst­li­che Bestä­ti­gung ein­ge­he.

Doch auch wenn das Veto unbe­fri­stet wäre, wür­de die Rol­le des Pap­stes auf die eines blo­ßen Notars redu­ziert. Sie wür­de sich dar­auf beschrän­ken, die Ernen­nung zu rati­fi­zie­ren, wenn er ein Tau­zie­hen mit den poli­ti­schen Macht­ha­bern ver­mei­den will, mit denen er krampf­haft das Ein­ver­neh­men such­te. Das „Veto“ könn­te nur eine Aus­nah­me sein, aber sicher nicht die Regel. In jedem Fall erle­ben wir eine Neu­auf­la­ge der Ost­po­li­tik von Paul VI., die den Katho­li­ken in den Län­dern Ost­eu­ro­pas so gro­ßen Scha­den zufüg­te.

Es besteht lei­der ein enger Zusam­men­hang zwi­schen dem unheil­vol­len Abkom­men mit Chi­na und der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Epi­scopa­lis com­mu­nio über die Struk­tur der Bischofs­syn­ode, die von Papst Fran­zis­kus am 15. Sep­tem­ber unter­zeich­net und am 18. Sep­tem­ber ver­öf­fent­licht wur­de. Mit die­sem Doku­ment, wie Ste­fa­nia Falas­ca im Avve­ni­re vom 18. Sep­tem­ber erklär­te,

„wird nun die Pra­xis der Syn­oda­li­tät als stän­di­ge Form des Weges der Kir­che nor­miert und mit ihr der Grund­satz, der die Etap­pen die­ses Pro­zes­ses regelt: Hören, Volk Got­tes, Bischofs­kol­le­gi­um, Bischof von Rom: der eine hört die ande­ren und die ande­ren hören den Hei­li­gen Geist“.

Auf wel­che Wei­se endet die­ser Pro­zeß des cha­ris­ma­ti­schen Hörens? Die Arti­kel 17 und 18 der apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on erklä­ren es. Die Schluß­fol­ge­run­gen der Syn­oden­ver­samm­lung wer­den in einem Schluß­do­ku­ment zusam­men­ge­faßt. Nach­dem es von einer eige­nen Kom­mis­si­on geneh­migt wur­de, „wird es dem Papst über­ge­ben, der über sei­ne Ver­öf­fent­li­chung ent­schei­det. Wenn es aus­drück­lich vom Papst geneh­migt wird, ist das Schluß­do­ku­ment Teil des ordent­li­chen Lehr­am­tes des Nach­fol­gers Petri (Art. 18, § 2). Soll­te der Papst der Syn­oden­ver­samm­lung gemäß Can. 343 des Codex des Kir­chen­rech­tes beschlie­ßen­de Voll­macht gewährt haben, ist das Schluß­do­ku­ment Teil des ordent­li­chen Lehr­am­tes, sobald es vom Nach­fol­ger des Petrus rati­fi­ziert und pro­mul­giert wird. In die­sem Fall wird das Schluß­do­ku­ment mit der Unter­schrift des Pap­stes zusam­men mit jener der Mit­glie­der ver­öf­fent­licht (Art. 18, § 3).

In jedem Fall ist das Syn­oden­do­ku­ment „Teil des ordent­li­chen Lehr­am­tes des Nach­fol­ger des Petrus“. Die lehr­amt­li­che Trag­wei­te der Doku­men­te wie Amo­ris lae­ti­tia und der Schluß­fol­ge­run­gen der kom­men­den Syn­oden über die Jugend und den Ama­zo­nas wird bestä­tigt. Wel­che Rol­le spielt aber Petrus bei der Aus­ar­bei­tung der Syn­oden­do­ku­men­te? Es ist, wie bei der Ernen­nung der chi­ne­si­schen Bischö­fe, die Rol­le eines blo­ßen Notars, des­sen Unter­schrift not­wen­dig ist, um den Beschluß in Kraft zu set­zen, ohne daß er aber inhalt­lich Autor des­sel­ben ist.

Die Kir­che ist drauf und dran eine Repu­blik zu wer­den – nicht eine prä­si­dia­le Repu­blik, son­dern eine par­la­men­ta­ri­sche, in der dem Staats­ober­haupt nur die Rol­le eines Garan­ten der poli­ti­schen Tei­le und als Reprä­sen­tant der natio­na­len Ein­heit zukommt – und auf die Mis­si­on des Pap­stes als abso­lu­ter Mon­arch und ober­ster Gesetz­ge­ber zu ver­zich­ten. Um die­ses „demo­kra­ti­sche“ Pro­jekt zu ver­wirk­li­chen, setzt der Nach­fol­ger des Petrus aller­dings dik­ta­to­ri­sche Macht­mit­tel ein, die nichts mit der Regie­rungs­tra­di­ti­on der Kir­che zu tun haben.

Im Zuge der Pres­se­kon­fe­renz, auf der das päpst­li­che Doku­ment vor­ge­stellt wur­de, erklär­te Kar­di­nal Loren­zo Bal­dis­se­ri, der Gene­ral­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode, daß „die Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on Epi­scopa­lis com­mu­nio von Papst Fran­zis­kus eine regel­rech­te ‚Neu­grün­dung‘ des syn­oda­len Orga­nis­mus dar­stellt“, und daß „in einer syn­oda­len Kir­che auch der Pri­mat des Petrus mehr Licht bekom­men kann. Der Papst steht nicht allein über der Kir­che, son­dern in ihr als Getauf­ter unter Getauf­ten und im Bischofs­kol­le­gi­um als Bischof unter Bischö­fen, zugleich geru­fen – als Nach­fol­ger des Apo­stels Petrus – die Kir­che von Rom zu lei­ten, die in der Lie­be allen Kir­chen vor­steht“ (Vati­can Insi­der, 18. Sep­tem­ber 2018).

Die ortho­do­xen Theo­lo­gen kön­nen die Schwe­re die­ser Aus­sa­gen beur­tei­len, die den Anspruch erhe­ben, das munus Petri „neu­zu­grün­den“ und „zu refor­mie­ren“.

Noch nie wur­de der römi­sche Pri­mat mehr geleug­net und ent­stellt als in die­sem Moment, einem Moment, indem eine Wel­le des Schmut­zes die Braut Chri­sti zu ver­sen­ken scheint.

Wer das Papst­tum wirk­lich liebt, hät­te die Pflicht, es von den Dächern zu schrei­en. Es scheint aber, daß das Schwei­gen nicht nur Papst Fran­zis­kus betrifft. Auch die Bischö­fe und die Kar­di­nä­le, die die Kir­che lei­ten, schei­nen ange­sichts der Skan­da­le und Irr­tü­mer, die sie heu­te beu­teln, zu wie­der­ho­len: „Ich wer­de kein Wort dazu sagen.“((Antwort von Papst Fran­zis­kus am 26. August 2016 auf dem Rück­flug von Dub­lin nach Rom auf die Fra­ge der Jour­na­li­sten, was er zum Dos­sier des ehe­ma­li­gen Apo­sto­li­schen Nun­ti­us, Msgr. Car­lo Maria Viganò, sagt, das am sel­ben Tag ver­öf­fent­licht wur­de und Papst Fran­zis­kus schwer bela­stet. Erz­bi­schof Viganò for­der­te sogar sei­nen Rück­tritt; Anm. Katholisches.info.))

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons