Erwin Kräutler: Habt Mut! – Aber zu was?

Verheiratete Ex-Priester bei...
Verheiratete Ex-Priester in Argentinien bei...

(Bra­si­lia) Der öster­rei­chi­sche Mis­sio­nar vom Kost­ba­ren Blut, Erwin Kräut­ler, folg­te sei­nem Onkel nicht nur in den Orden und zur Mis­si­on nach Bra­si­li­en, son­dern auch auf den Bischofs­stuhl von Xin­gu, einer Ter­ri­to­ri­al­prä­la­tur im Ama­zo­nas-Regen­wald. Von 1981–2015 übte er dort als Prä­lat die Amts­ge­wal­ten eines Bischofs aus. Als öster­rei­chi­sche Medi­en Jagd auf „zu kon­ser­va­ti­ve“ Bischö­fe mach­ten, war der sozi­al-und öko-enga­gier­te Urwald­bi­schof hin­ge­gen ihr Lieb­ling. Kräut­ler ist der Pro­to­typ des 68er-Bischofs, der mit poli­ti­scher Kor­rekt­heit kein Pro­blem hat, son­dern sich viel­mehr mit dem „Gut­men­schen­tum“, dem links­li­be­ra­len Ersatz­kon­strukt für das Christ­sein, wahr­schein­lich sogar iden­ti­fi­zie­ren kann. Kräut­ler wur­de von Papst Fran­zis­kus mit der Vor­be­rei­tung der Ama­zo­nas­syn­ode 2019 beauf­tragt und ist seit Jahr­hun­der­ten die wahr­schein­lich größ­te Bedro­hung für das Wei­he­sa­kra­ments.

Bischof Kräutler auf einer Demonstration
Bischof Kräut­ler auf einer Demon­stra­ti­on

Im 77. Lebens­jahr wur­de Kräut­ler Ende 2015 von Papst Fran­zis­kus als Prä­lat von Xin­gu eme­ri­tiert. Seit­her wid­met er sich sei­nem „größ­ten“ Pro­jekt: der Ama­zo­nas­syn­ode, die er in der soge­nann­ten „Ama­zo­nas-Werk­statt“ vor­be­rei­tet. Die Umset­zung die­ses Pro­jekts war unter Papst Johan­nes Paul II. und Bene­dikt VI. undenk­bar, wäh­rend Fran­zis­kus ihr mit Emp­feh­lung von Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes die Tore öff­ne­te. Macht „muti­ge“ und „küh­ne“ Vor­schlä­ge, hat­te Fran­zis­kus dem Mis­si­ons­bi­schof im April 2014 gesagt.

Das ließ sich Kräut­ler nicht zwei­mal sagen.

Im Herbst 2014 war er mit Kar­di­nal Hum­mes einer der Grün­der von Repam, einem pan-ama­zo­ni­schen Kir­chen­netz­werk und über­nahm den Vor­sitz von Repam-Bra­si­li­en. Mit der Eme­ri­tie­rung ver­schaff­te Fran­zis­kus dem öster­rei­chi­schen Mis­sio­nar den nöti­gen Frei­raum, eine neue Auf­ga­be mit offi­ziö­sem Auf­trag zu erfül­len: die Vor­be­rei­tung der Ama­zo­nas­syn­ode. Kräut­ler erfüllt die Auf­ga­be mit gro­ßem Ein­satz.

Amazonassynode: Die Drahtzieher Kardinal Hummes und Bischof Kräutler
Ama­zo­nas­syn­ode: Die Draht­zie­her Kar­di­nal Hum­mes und Bischof Kräut­ler

Im Ama­zo­nas-Urwald soll unter weit­ge­hen­dem Des­in­ter­es­se der Welt­öf­fent­lich­keit, der das Gebiet fast so fern und fremd und besten­falls kli­schee­be­la­den wie Grön­land oder Tuva­lu ist, soll eine „ande­re Kir­che“ und ein „ande­res Prie­ster­tum“ expe­ri­men­tiert wer­den. Aus­gangs­punkt sind spe­zi­fi­sche, loka­le Gege­ben­hei­ten, vor allem die erst ober­fläch­li­che Chri­stia­ni­sie­rung der Urwald-Indi­os, die noch kei­ne eige­nen Prie­ster­be­ru­fun­gen her­vor­brin­gen. Das eigent­li­che Marsch­ge­päck ist jedoch das euro­päi­sche Den­ken der kirch­li­chen 68er-Genera­ti­on, die hoch­be­tagt ihre letz­te Chan­ce sieht, ihre For­de­run­gen doch noch umzu­set­zen. Dazu gehört vor allem die Auf­he­bung des Zöli­bats und die Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster, aber auch das Frau­en­prie­ster­tum.

Im kom­men­den Jahr wird es ernst.

Papst Fran­zis­kus hat für Okto­ber 2019 eine Ama­zo­nas­syn­ode ein­be­ru­fen. Die Ver­wirk­li­chung von Kräut­lers- und Hum­mes-Traum scheint zum Grei­fen nahe. Wel­che Hal­tung Fran­zis­kus zur Zöli­bats­fra­ge ein­nimmt ist ver­schwom­men, weil das Kir­chen­ober­haupt – wie bereits zu ande­ren Fra­gen – wider­sprüch­li­che Signa­le aus­sen­det. Sei­ne Ver­tei­di­gung des Zöli­bats der Prie­ster war bis­her per­sön­li­cher, aber nicht theo­lo­gi­scher oder dis­zi­pli­nä­rer Natur. Er selbst habe „kein Pro­blem“ mit dem Zöli­bat. Das ist aller­dings nicht die Fra­ge. In Kolum­bi­en wider­sprach er im Sep­tem­ber 2017 Gerüch­ten einer Zöli­bats­ab­schaf­fung. Was er damit aber wirk­lich sagen woll­te, blieb den­noch unklar. Das hat damit zu tun, daß Kir­chen­krei­se, die etwas an der kirch­li­chen Ord­nung und/oder der Glau­bens­leh­re ändern wol­len, sich dia­lek­ti­scher Tricks bedie­nen, um ihre hete­ro­do­xen Posi­tio­nen zu ver­schlei­ern oder sogar als recht­gläu­big erschei­nen zu las­sen. Für die Kir­che ist das kein neu­es Phä­no­men. Der Streit um die Homou­sie, der im 4. Jahr­hun­dert um die Wesens­gleich­heit zwi­schen Gott Vater und Jesus Chri­stus aus­ge­tra­gen wur­de, ist eines der bekann­te­sten Bei­spie­le dafür. Es ging „nur“ um ein Jota.

Vorstellung des Vorbereitungsdokumentes zur Amazonassynode
Vor­stel­lung des Vor­be­rei­tungs­do­ku­men­tes zur Ama­zo­nas­syn­ode

Die Zöli­bats­geg­ner wider­spre­chen ener­gisch, wenn man ihnen die Absicht zur Zöli­bats­ab­schaf­fung vor­wirft. Sie möch­te „nur“ den „Pflicht­zö­li­bat“ abschaf­fen, nicht aber den Zöli­bat. Wer wei­ter­hin zöli­ba­tär leben wol­le, kön­ne dies ger­ne tun. Die ortho­do­xe Kir­che zeigt, wohin die­ser Weg führt: der gesam­te Weltk­le­rus ist dort ver­hei­ra­tet und nur mehr der Orden­skle­rus lebt zöli­ba­tär. Da die latei­ni­sche Kir­che aber west­lich geprägt ist und nicht in der Tra­di­ti­on der Ost­kir­che steht, ist noch mit einer viel wei­ter­ge­hen­den Auf­lö­sung zu rech­nen (Schei­dung und Zweit­ehe von Prie­stern, homo­se­xu­el­le Bezie­hun­gen, Ehe­mög­lich­keit nicht nur vor Emp­fang des Wei­he­sa­kra­ments, son­dern jeder­zeit usw.). Das Vor­bild der kirch­li­chen 68er-Bewe­gung ist nicht die Ost­kir­che, son­dern der libe­ra­le Pro­te­stan­tis­mus.

In der Dis­kus­si­on fehlt fast zur Gän­ze eine theo­lo­gi­sche Dimen­si­on, die her­aus­streicht, daß der Zöli­bat nicht nur ein Gesetz der Kir­che und damit ver­än­der­bar ist, son­der ein Wesens­merk­mal des Prie­ster­tums nach dem Vor­bild der Ehe­lo­sig­keit Jesu Chri­sti und dem zöli­ba­tä­ren Leben der apo­sto­li­schen Tra­di­ti­on.

Amazonassyonode
Kräut­ler-Buch: Habt Mut

Papst Fran­zis­kus stell­te im Zusam­men­hang mit der Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur Kom­mu­ni­on unter Beweis, daß er zur Errei­chung eines selbst­ge­steck­ten Zie­les ver­schlei­erndmani­pu­lie­rend, tar­nend und sogar unehr­lich agiert. Die Kir­che ist seit­her ein gebrann­tes Kind. Sie muß damit rech­nen, daß Fran­zis­kus in der Zöli­bats­fra­ge und ins­ge­samt in der Fra­ge des Wei­he­sa­kra­ments ähn­lich zwei­glei­sig agiert: Mit einer­of­fi­zi­el­len und nach außen sicht­ba­ren, und mit einer zwei­ten, gehei­men, der eigent­li­chen Agen­da.

Was Fran­zis­kus also wirk­lich zur Zukunft des Prie­ster­tums denkt läßt sich am ehe­sten an der Tat­sa­che able­sen, daß er sei­nen per­sön­li­chen Freund, Kar­di­nal Hum­mes, und Bischof Kräut­ler, und damit aus­ge­rech­net zwei über­zeug­te Ver­fech­ter der Zulas­sung von ver­hei­ra­te­ten Män­nern und von Frau­en zum Prie­ster­tum damit beauf­trag­te, die Ama­zo­nas­syn­ode vor­zu­be­rei­ten.

Kurz nach sei­ner Eme­ri­tie­rung ver­öf­fent­lich­te Kräut­ler im Febru­ar 2016 sein Buch: „Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kir­che ver­än­dern“. Die deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Histo­ri­ke­rin Mai­ke Hick­son führ­te sich das Buch zu Gemü­te und fand eine Rei­he aus­sa­ge­kräf­ti­ger Stel­len, um zu ver­ste­hen, wel­che Gedan­ken­welt den Mann antreibt, der im Auf­trag von Papst Fran­zis­kus maß­geb­lich die Ama­zo­nas­syn­ode vor­be­rei­tet.

Hier eini­ge Aus­zü­ge:

Aber einer der bedeu­tend­sten Höhe­punk­te mei­nes Lebens ist die Enzy­kli­ka „Lau­da­to si’“. Sie ist ein Segen für Ama­zo­ni­en. Es ist für die indi­ge­nen Völ­ker in Bra­si­li­en ganz wun­der­bar, dass Papst Fran­zis­kus alle Anlie­gen auf­ge­grif­fen hat, die ich ihm am 4. April 2014 in Rom unter­brei­ten konn­te. Für Ama­zo­ni­en ist die­se Enzy­kli­ka ein poli­ti­scher Sieg son­der­glei­chen. Ins­be­son­de­re Num­mer 38 ist für uns eine unge­heu­re Bestä­ti­gung und Stär­kung. Dazu kommt der Absatz 146, den Fran­zis­kus den indi­ge­nen Völ­kern wid­met.

(S. 52)

Alle For­men von Pro­se­ly­tis­mus sind gefähr­lich.

(S. 64)

Die­se für einen Papst bis­lang außer­ge­wöhn­li­che Schlicht­heit sorg­te zumin­dest am Anfang auch für man­che Ver­le­gen­heit. Fran­zis­kus hat sie mit sei­nem Humor unter­lau­fen. Von dem jun­gen Kar­di­nal Luis Tag­le ist über­lie­fert, dass er Fran­zis­kus ganz förm­lich gefragt habe: „Hei­li­ger Vater, darf ich mich zu Ihnen set­zen?“ Der Papst soll geant­wor­tet haben „Aber bit­te doch, hei­li­ger Sohn“.

(S. 80)

Das habe ich auch bei der Audi­enz gespürt, die er mir am 4. April 2014 in Rom gewährt hat. Bei mei­nen Ad-Limi­na-Besu­chen in den ver­gan­ge­nen 35 Jah­ren habe ich meh­re­re Papst­au­di­en­zen erlebt, pri­vat und zusam­men mit ande­ren Bischö­fen. Da war vom Ablauf her alles streng gere­gelt. Ganz anders war das am Tag mei­ner ersten und bis­her ein­zi­gen außer­or­dent­li­chen Pri­vat­au­di­enz bei einem Papst. Es war mein Anlie­gen, Fran­zis­kus unse­re Situa­ti­on in Ama­zo­ni­en dar­zu­le­gen und ihn zu ersu­chen, die­se in sei­ne da.

(S. 89)

Nach der Begrü­ßung sag­te der Papst schlicht: Set­zen wir uns. Ich konn­te unver­mit­telt erklä­ren, wer ich bin und war­um ich da bin. Ich habe ihm einen in Spa­nisch ver­fass­ten Text über die Situa­ti­on der indi­ge­nen Völ­ker in Ama­zo­ni­en über­ge­ben. Dann sind wir auf die weit ver­zweig­ten Gemein­den in die­sem rie­si­gen Gebiet zu spre­chen gekom­men und dar­auf, dass zu vie­len nur ein, zwei Mal im Jahr ein Prie­ster kommt, der mit ihnen die Eucha­ri­stie fei­ern kann. 90 Pro­zent aller Gemein­den in Ama­zo­ni­en haben kei­nen regu­lä­ren Sonn­tags­got­tes­dienst, 70 Pro­zent nur drei bis vier Mal im Jahr. Fran­zis­kus zeig­te sich inter­es­siert. Er erwähn­te eine Diö­ze­se in Mexi­ko, wo der Bischof den Prie­ster­man­gel teil­wei­se dadurch ent­schärft habe, dass er 300 ver­hei­ra­te­te Gemein­de­lei­ter zu Dia­ko­nen geweiht habe. Der Papst erin­ner­te auch an den Vor­schlag eines Bischofs in Süd­afri­ka – es han­delt sich um Bischof Fritz Lobin­ger –, dem­zu­fol­ge Gemein­den ohne Prie­ster durch „Teams of Elders“ gelei­tet wer­den könn­ten. Bischof Lobin­ger emp­fiehlt, die­se dann auch zu ordi­nie­ren, damit sie mit ihren Gemein­den auch die Eucha­ri­stie fei­ern kön­nen. Der eng­li­sche Aus­druck hat dabei den Vor­teil, dass die „Älte­ren“ nicht unbe­dingt die an Jah­ren Alten sein müs­sen. Mit „Elders“ sind viel­mehr die in der Gemein­de­lei­tung „Erfah­re­nen“ gemeint. In die­sem Zusam­men­hang fiel das berühm­te Wort des Pap­stes, das nach mei­ner Pri­vat­au­di­enz inter­na­tio­nal Schlag­zei­len gemacht hat: Die Bischofs­kon­fe­ren­zen soll­ten ihm „muti­ge Vor­schlä­ge“ machen. Er ver­wen­de­te den Begriff cor­a­ju­dos, einen Dia­lekt­aus­druck aus Bue­nos Aires. Die­ser umgangs­sprach­li­che Aus­druck meint eine Zivil­cou­ra­ge im Sin­ne des grie­chi­schen Wor­tes par­r­he­sia, das vor allem in der Apo­stel­ge­schich­te vor­kommt und Frei­mut, Furcht­lo­sig­keit, Stand­haf­tig­keit, Kühn­heit, ja sogar Ver­we­gen­heit bedeu­tet. In den zwan­zig Minu­ten die­ser per­sön­li­chen Begeg­nung spür­te ich, dass Papst Fran­zis­kus zuerst ein­mal Bru­der ist. Sei­ne Art hin­zu­hö­ren ist lie­be­voll. Man sagt etwas zu ihm oder schnei­det ein The­ma an und das Erste, was er sagt, ist: Wie denkst du dar­über, hast du eine Idee? Er sagt dann natür­lich auch sei­ne Mei­nung, aber nicht in dem Sin­ne, dass jetzt der Papst gleich ein­mal „ex cathe­dra“ spricht. Er sagt das, was er denkt, freund­schaft­lich, mit­brü­der­lich, auch väter­lich.

(S. 90f)

Papst Fran­zis­kus will die Kir­che sehr ent­schie­den in die­ser Wei­se dezen­tra­li­sie­ren und öff­nen. Bei mei­ner Pri­vat­au­di­enz am 4. April 2014 hat er die Bischö­fe und die Bischofs­kon­fe­ren­zen aus­drück­lich auf­ge­for­dert „Macht mir muti­ge Vor­schlä­ge!“ An sol­chen Vor­schlä­gen arbei­ten wir in Bra­si­li­en auf zwei Ebe­nen: in der Bischöf­li­chen Kom­mis­si­on für Ama­zo­ni­en und in einem Dia­log­fo­rum der Bischofs­kon­fe­renz. Es geht dabei um neue For­men der christ­li­chen Gemein­den und ihrer Lei­tung – ein­schließ­lich der Eucha­ri­stie am Sonn­tag. Dazu wer­den kon­kre­te Vor­schlä­ge an den Papst aus­ge­ar­bei­tet. Wie die­se aus­se­hen wer­den, weiß ich nicht. Eine bewähr­te kirch­li­che Mög­lich­keit wäre, dass man in Ama­zo­ni­en „ad expe­ri­men­tum“ ver­hei­ra­te­te Män­ner und Frau­en als Gemein­de­lei­ter zulässt und dass die­se auch der Eucha­ri­stie vor­ste­hen. Es ist für mich aber kei­ne Lösung, dass das nur die viel dis­ku­tier­ten „Viri pro­ba­ti“ („bewähr­te Män­ner“) wären. Denn das wür­de hei­ßen, dass nur ver­hei­ra­te­te Män­ner die­sen vol­len Dienst der Gemein­de­lei­tung über­neh­men könn­ten. Aber zwei Drit­tel der Gemein­den am Xin­gu wer­den heu­te von Frau­en gelei­tet.

(S. 110)

Rich­tig ist, dass er von sei­nem Hin­ter­grund in Argen­ti­ni­en her­kommt. Trotz­dem glau­be ich nicht, dass er zur Wei­he von Frau­en ein strik­tes Nein, ein quod non, sagen wür­de. Ich glau­be nicht, dass er in die­ser Ent­we­der-oder-Logik denkt. Frei­lich wür­de er nicht her­ge­hen und sagen, alles, was die Päp­ste vor mir gesagt haben, ist abge­hakt. Aber er weiß ganz genau, dass sich ver­schie­de­ne Fra­gen in der Kir­che oft über Jahr­hun­der­te zuge­spitzt haben und am Ende eine Ent­schei­dung gefor­dert war, die sich eini­ge Jahr­zehn­te vor­her nie­mand hät­te vor­stel­len kön­nen. Man muss nur dar­an den­ken, was im 19. Jahr­hun­dert kirch­li­cher­seits alles gegen die Tren­nung von Kir­che und Staat und gegen die Demo­kra­tie ein­ge­wen­det wur­de. Oder an den Syl­labus von Pius IX., der unter sei­nen 80 Punk­ten als Irr­tum ver­dammt, dass es jedem Men­schen frei­ste­he, eine Reli­gi­on anzu­neh­men und zu beken­nen. Mit die­ser Aus­sa­ge hat das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil in sei­ner Erklä­rung über die Reli­gi­ons­frei­heit „Digni­ta­tis huma­nae“ ein für alle Mal auf­ge­räumt. Oder den­ken wir an die längst über­hol­ten Aus­sa­gen über das wort­wört­li­che Ver­ständ­nis der Bibel unter Pius X. Bestimm­te Über­zeu­gun­gen und Aus­le­gun­gen, die einst mit Nach­druck ver­tre­ten, ja sogar als unab­än­der­lich ver­tei­digt wur­den, haben sich den­noch im Lau­fe der Geschich­te oft völ­lig geän­dert. Das hat aber kei­nes­wegs den Lebens­nerv der Kir­che getrof­fen. Ich bin über­zeugt, dass Fran­zis­kus in die­ser Tra­di­ti­on steht, die letzt­lich offen ist für den Dia­log und für Ver­än­de­run­gen. Aller­dings ist die Sach­la­ge bei der Wei­he von Frau­en beson­ders schwie­rig. Denn Papst Johan­nes Paul II. hat in sei­nem Apo­sto­li­schen Schrei­ben „Ordi­na­tio sacer­do­ta­lis“ vom 22. Mai 1994 erklärt, „dass die Kir­che kei­ner­lei Voll­macht hat, Frau­en die Prie­ster­wei­he zu spen­den, und dass sich alle Gläu­bi­gen der Kir­che end­gül­tig an die­se Ent­schei­dung zu hal­ten haben“. Das ist zwar kein Glau­bens­satz „de fide defi­ni­ta“, aber doch eine sehr ent­schie­de­ne Aus­sa­ge eines Pap­stes. Daher wird Papst Fran­zis­kus in der Fra­ge von Prie­ster­amt, Zöli­bat und Frau­en­wei­he nichts allein unter­neh­men, son­dern wenn, dann nur gemein­sam mit den Bischö­fen. Er wird in die­sem Zusam­men­hang auch sicher kei­ne Ent­schei­dun­gen tref­fen, die sofort welt­wei­te Anwen­dung fin­den sol­len. Damit etwas mög­lich wird, müss­te eine nam­haf­te Zahl von Bischofs­kon­fe­ren­zen in Latein­ame­ri­ka, in Asi­en, in Afri­ka eine Ände­rung her­bei­füh­ren wol­len. Es müss­te also bei­spiels­wei­se auf kon­ti­nen­ta­ler Ebe­ne oder sogar in der Welt­kir­che einen gro­ßen Kon­sens geben. Denn nur dann hät­te das aus­rei­chend Gewicht, um die frü­he­re Erklä­rung eines Pap­stes zu revi­die­ren. Aber in eige­ner Regie macht Fran­zis­kus es sicher nicht.

(S. 111f)

Es ist aber jen­seits der Rea­li­tät der aller­mei­sten von der Eucha­ri­stie prak­tisch aus­ge­schlos­se­nen Gemein­den in Ama­zo­ni­en. Ja, es ist eine schrei­en­de Unge­rech­tig­keit, dass wir die­sen Gemein­den die Eucha­ri­stie vor­ent­hal­ten. Die Bra­si­la­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz hat inzwi­schen eine Kom­mis­si­on beauf­tragt, Vor­schlä­ge zu erar­bei­ten – ent­spre­chend der Auf­for­de­rung, die der Papst bei mei­ner Audi­enz for­mu­liert hat: Die Bischö­fe sol­len ihm muti­ge, cou­ra­gier­te Vor­schlä­ge machen. Mei­ne Vor­stel­lung ist, dass wir zunächst ein­mal zu regio­na­len Lösun­gen kom­men. Im Süden Bra­si­li­ens gibt es noch genü­gend Prie­ster. Dort wird man wenig ändern wol­len oder müs­sen. Bei uns in Ama­zo­ni­en dage­gen ist die Situa­ti­on höchst pre­kär. Wir haben am Xin­gu 800 Gemein­den und 31 Prie­ster, davon sind meh­re­re schon über 70 Jah­re alt. Daher könn­te ich mir den­ken, dass man in der Bra­si­lia­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz zunächst auf Ama­zo­ni­en schaut und für die­se Regi­on eine Lösung „ad expe­ri­men­tum“ vor­schlägt. Die­se müss­te nicht ein­mal für alle Diö­ze­sen in Ama­zo­ni­en gel­ten. Ganz klar muss dabei sein: Es geht nicht um ein Ja oder Nein zum Zöli­bat. Manch­mal sto­ße ich auf Kri­tik und es wird mir vor­ge­wor­fen, ich wol­le den Zöli­bat auf­he­ben. Nein, das will ich auf kei­nen Fall und das will auch der Papst nicht. Aber ich kann die Fra­ge, ob eine Gemein­de jeden Sonn­tag Eucha­ri­stie fei­ern kann oder nicht, nicht davon abhän­gig machen, ob ein zöli­ba­tä­rer Mann zur Ver­fü­gung steht oder nicht

(S. 115f)

Es gibt vie­le Frau­en, die den sonn­täg­li­chen Wort­got­tes­dienst vor­be­rei­ten und lei­ten, es gibt jun­ge und älte­re Män­ner, die sich für ihre Gemein­de ehren­amt­lich ein­set­zen. Die­se Leu­te könn­te man mit einer ent­spre­chen­den Vor­be­rei­tung auch dafür her­an­bil­den, dass sie in ihrer Gemein­de der Eucha­ri­stie vor­ste­hen. In ihrer Gemein­de! Die­se Ein­schrän­kung erscheint mir wich­tig, weil nur dadurch eine selb­stän­di­ge Form ent­ste­hen könn­te: Kei­ne Prie­ster zwei­ter Klas­se, son­dern Frau­en und Män­ner, die für ihre Gemein­de ordi­niert wer­den, um dem Myste­ri­um Fidei (Geheim­nis des Glau­bens), der Eucha­ri­stie­fei­er, vor­zu­ste­hen. Im Ide­al­fall könn­ten das pro Gemein­de sogar zwei bis drei sein, etwa im Sin­ne der Teams of Elders, wie sie Bischof Lobin­ger vor­ge­schla­gen hat. Das wür­de ihre Ver­an­ke­rung in der Gemein­de und ihren Bezug zu die­ser Gemein­de noch stär­ken. Ich kann es aber mit mei­nem Glau­ben nicht ver­ein­ba­ren, dass jemand kur­zer­hand den Ent­schluss fasst, der Eucha­ri­stie­fei­er vor­zu­ste­hen oder anders­her­um eine Gemein­de in eige­ner Regie jeman­dem den Vor­sitz der Eucha­ri­stie­fei­er über­trägt. Das ist ein Bruch mit unse­rer Kir­che, die seit den Tagen der Apo­stel­ge­schich­te für beson­de­re Dien­ste immer die Beauf­tra­gung, die Ordi­na­ti­on, die Hand­auf­le­gung kennt, ver­bun­den mit dem Wei­he­ge­bet und der Anru­fung des Hei­li­gen Gei­stes. Als Katho­li­ken glau­ben wir an das Wei­he­prie­ster­tum. Wei­he ist mehr als eine Dele­ga­ti­on durch die Gemein­schaft.

(S.117)

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Zita­te: Mai­ke Hick­son
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4 Kommentare

  1. Wie im welt­li­chen Raum sug­ge­rie­ren auch in der Kir­che inter­es­sier­te Kräf­te, es bedür­fe des Mutes, um kräf­tig mit den Herr­schen­den ins Horn zu sto­ßen und deren Zie­le zu pro­kla­mie­ren. Tat­säch­lich sind die 68er „Anti-Establishment“-Strömungen längst selbst zum Estab­lish­ment gewor­den, dass not­falls mit fana­ti­schem Haß sei­ne Herr­schaft sta­bi­li­siert. Mit dem vor­geb­li­chen „Rebel­len-Habi­tus“, der geschickt mit Paro­len wie „Mut haben“ und „Hal­tung zei­gen“ medi­al insze­niert wird, instru­men­ta­li­siert man denk­fau­le Men­schen, indem man ihnen einen bil­li­gen Pseu­do-Mär­ty­rer-Sta­tus ein­räumt. Sowohl die Gesell­schaft als auch die Kir­che wer­den „ver­än­dert“, aber gewiß nicht durch die­se Mario­net­ten. Die Zie­le wur­den seit lan­ger Zeit von ande­ren fest­ge­legt und schritt­wei­se rea­li­siert.

    Ob nun „Zeit­bom­ben“ in den unüber­seh­bar lan­gen Kon­zils­do­ku­men­ten ver­steckt wur­den, wie etwa in „Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um“ (wür­de in die­sem Kom­men­tar zu lan­ge wer­den, hier­zu näher: https://kirchfahrter.wordpress.com/2016/04/26/traditionalistisch-konservativ-oder-nur-einfach-katholisch-von-der-muehe-des-begriffes‑5/) oder man in einer abge­le­ge­nen Welt­ge­gend — von der Öffent­lich­keit weit­ge­hend ver­bor­gen — Pilot­pro­jek­te durch­führt: die Metho­de ist offen­kun­dig die­sel­be. Wur­de sie doch nach „dem Kon­zil“ erfolg­reich bei der Instal­lie­rung der prie­ster­lo­sen Wort-Got­tes-Fei­er samt Schaf­fung der Berufs­bil­der der Gemein­de­re­fe­ren­tin (https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeindereferent) bzw. Pasto­ral­re­fe­ren­tin ange­wandt. Schlei­chend über­neh­men Lai­en vor­ma­li­ge Pfar­rer-Auf­ga­ben (https://de.wikipedia.org/wiki/Pastoralreferent#Typische_Aufgaben), um die­sen „zu ent­la­sten“ und wer­den in den Augen der gut­gläu­bi­gen bzw. schlicht des­in­ter­es­sier­ten Pfarr­ge­mein­de „so etwas wie Pfar­rer“. „Wort-Got­tes-Fei­er“ und (nicht umsonst meist von Frau­en aus­ge­üb­te) „Referenten“-Funktion erge­ben dann unmerk­lich die „Frau Pasto­rin“, die Got­tes­dien­ste hält und Beer­di­gun­gen durch­führt.
    Gewöhnt man „via Ama­zo­nas“ die Men­schen an ver­hei­ra­te­te Pfar­rer, hat man mit der erstreb­ten Inter­kom­mu­ni­on, dem inter­kon­fes­sio­nel­len Reli­gi­ons­un­ter­richt (in NRW) und der lai­en­ge­lei­te­ten Pfar­rei die per­fek­te pro­te­stan­ti­sche Kir­chen­struk­tur bei­ein­an­der.
    Die pro­te­stan­ti­sche Lit­ur­gie hat man ja bereits…

  2. @Kirchfahrter Arch­an­ge­lus sehr gut, dan­ke.
    Lang­sam den­ke ich wirk­lich, dass das Böse und der Böse in der Welt aus dem deut­schen Sprach­raum mas­siv geför­dert wird, poli­tisch und kirch­lich.

  3. Vie­len Dank für das viel­sa­gen­de Foto zum Bei­trag. Um wel­che Reli­gi­on han­delt es sich dabei?
    Ich neh­me an, es han­delt sich um eine soge­nann­te „frei­kirch­li­che“ Gemein­schaft?
    Es soll hun­der­te davon auf der Welt geben.
    Quid est veri­tas, oder bes­ser gesagt, quae est veri­tas?
    (Was ist Wahr­heit? Was soll das für eine Wahr­heit sein?)

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