Papst zu Fronleichnam an einem „sozialen Brennpunkt“

Papst Franziskus feiert in diesem Jahr Fronleichnam nicht in Rom, sondern in Ostia. Der Grund dürfte der Mann im Bild mit Megaphon sein, Don Franco De Donno, "Straßenpriester", im Bild vor der Aufschrift "Antifaschisten".
Papst Franziskus feiert in diesem Jahr Fronleichnam nicht in Rom, sondern in Ostia. Der Grund dürfte der Mann im Bild mit Megaphon sein, Don Franco De Donno, "Straßenpriester", im Bild vor der Aufschrift "Antifaschisten".

(Rom) Gerüch­te kur­sier­ten bereits seit eini­ger Zeit. Am Sams­tag wur­de vom Vati­kan offi­zi­ell bestä­tigt, daß Fran­zis­kus das Fron­leich­nams­fest in die­sem Jahr nicht vor der Patri­ar­chal­ba­si­li­ka San Gio­van­ni in Latera­no, der Bischofs­kir­che von Rom, zele­brie­ren wird.

Wie das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt mit­teil­te, wird Papst Fran­zis­kus das Fest des hei­lig­sten Lei­bes und Blu­tes Chri­sti am 3. Juni 2018 auf dem Platz vor der Pfarr­kir­che San­ta Moni­ca in Ost­ia zele­brie­ren.

„Am Ende der eucha­ri­sti­schen Zele­bra­ti­on wird eine Pro­zes­si­on mit dem Aller­hei­lig­sten Sakra­ment statt­fin­den, die in der Pfar­rei von Unse­rer Lie­ben Frau von Bona­ria mit dem vom Hei­li­gen Vater gespen­de­ten eucha­ri­sti­schen Segen enden wird.“

Franziskus zieht es an den Rand

Eini­ge ita­lie­ni­sche Medi­en hoben her­vor, daß Papst Paul VI. vor 50 Jah­ren genau das­sel­be getan hat­te. Am 13. Juni 1968 zele­brier­te er das Fest Cor­pus Domi­ni im Lido von Ost­ia.

Protest von CasaPound vor der Pfarrkirche Santa Monica.
Pro­test von Casa­Po­und vor der Pfarr­kir­che San­ta Moni­ca.

Der Grund für den Orts­wech­sel hat nichts mit dem Patro­zi­ni­um Unse­rer Lie­ben Frau von Bona­ria zu tun, die auch Namens­pa­tro­nin von Bue­nos Aires ist.

Der Grund dafür ist pro­fa­ner und hat mit gro­ßer Unru­he in und um die Pfar­rei San­ta Moni­ca zu tun. Die Unru­hen sind mit dem Namen von Don Fran­co De Don­no, einem „Stra­ßen­prie­ster“ und „Prie­ster vom Rand“, ver­bun­den.

Ost­ia gehört zum Muni­ci­pio X von Rom. Die Stadt Rom unter­teilt sich in fünf­zehn Muni­zi­pi­en (Stadt­be­zir­ke), die in ins­ge­samt 155 Stadt­vier­tel zer­fal­len. Für jedes Muni­zi­pi­um wer­den ein Prä­si­dent (ver­gleich­bar einem Bezirks­bür­ger­mei­ster in Ber­lin oder einem Bezirks­vor­ste­her in Wien) und ein Bezirks­par­la­ment gewählt (in Ber­lin Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung, in Wien Bezirks­rat genannt).

Ostia, der vernachlässigte Teil Roms

Ost­ia ist ein sozia­ler Brenn­punkt mit gro­ßer Arbeits­lo­sig­keit und Kri­mi­na­li­tät und sehr hohem Aus­län­der­an­teil. Eine deut­li­che Spra­che spricht die Wahl­be­tei­li­gung von nur 36 Pro­zent bei den Muni­ci­pio-Wah­len im ver­gan­ge­nen Novem­ber.

Sozialer Brennpunkt Nuova Ostia
Sozia­ler Brenn­punkt Nuo­va Ost­ia

Don Fran­co De Don­no war vie­le Jah­re Pfarr­vi­kar von San­ta Moni­ca. Im August 2017 gab der 71-Jäh­ri­ge bekannt, sich von der Aus­übung sei­nes Prie­ster­tum zu „beur­lau­ben“ und mit einer eige­nen Liste für das Amt des Bezirks­bür­ger­mei­sters zu kan­di­die­ren. Das kam nicht bei allen gut an. Die Kom­mu­nal­wahl fand sogar inter­na­tio­na­le Beach­tung, was aller­dings weni­ger mit Don De Don­no zu tun hat­te.

Für Auf­se­hen sorg­ten Medi­en­be­rich­te, auch im deut­schen Sprach­raum, über eine „Gefahr von rechts“. Kon­kret war damit das Abschnei­den der rechts­ra­di­ka­len Bewe­gung Casa­Po­und gemeint, benannt nach dem US-ame­ri­ka­ni­schen Dich­ter Ezra Pound, die 9,1 Pro­zent der Stim­men erziel­te. Was sel­ten berich­tet wur­de: Ost­ia war bis in die 90er Jah­re eine tief­ro­te Hoch­burg. Der Weg vie­ler Men­schen in Ost­ia, die sich von der Poli­tik über­gan­gen und ver­nach­läs­sigt füh­len, führt direkt von den Kom­mu­ni­sten (heu­te Links­de­mo­kra­ten) zu Casa­Po­und.

Für die Mehr­heits­fin­dung spiel­te Casa­Po­und aller­dings kei­ne Rol­le, ließ aber Don De Don­no hin­ter sich, des­sen Liste auf 8,6 Pro­zent kam. In die Stich­wahl schaff­ten es die Kan­di­da­tin des Mit­te-rechts-Bünd­nis­ses und die Kan­di­da­tin der Fünf-Ster­ne-Bewe­gung. Mit nur 17 Pro­zent muß­ten sich die bis dahin regie­ren­den Links­de­mo­kra­ten zufrie­den­ge­ben. Der Bezirks­bür­ger­mei­ster aus ihren Rei­hen war 2015 unter Mafia-Ver­dacht ver­haf­tet und die dama­li­ge Muni­ci­pio-Ver­tre­tung ihres Amtes ent­ho­ben wor­den. Neue Bezirks­bür­ger­mei­ste­rin wur­de am 20. Novem­ber 2017 die Kan­di­da­tin der Fünf-Ster­ne-Bewe­gung.

Konflikt zwischen CasaPound und Don De Donno

Gegenkandidaten
Gegen­kan­di­da­ten

Casa­Po­und hat­te im Wahl­kampf gegen Pfarr­vi­kar De Don­no demon­striert. Der Casa­Po­und-Spit­zen­kan­di­dat Luca Mar­sel­la mein­te, daß es „dis­ku­ta­bel“ sei, daß ein Prie­ster für ein poli­ti­sches Amt kan­di­diert, aber „indis­ku­ta­bel“ sei es, die Pfarr­kir­che für Wahl­ver­samm­lun­gen zu miß­brau­chen. Zum Vor­wurf gemacht wur­de De Don­no, daß für ihn die „Ein­wan­de­rer zuerst“ kom­men, wäh­rend die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung Not lei­de.

Auch von ande­rer Sei­te wur­de der „Bar­ri­ca­de­ro-Prie­ster“ kri­ti­siert, dem inner­kirch­lich vor­ge­wor­fen wur­de, sein Prie­ster­amt für „lin­ke Poli­tik“ zu miß­brau­chen und die Pfar­rei „zu spal­ten“. De Don­no selbst, der eine Erlaub­nis für sei­nen Schritt durch die Diö­ze­se Rom erst gar nicht abwar­te­te, erklär­te sich selbst zum „Pilot­pfar­rer“, der als Vor­bild für ande­re vor­an­ge­he. Für die einen ist De Don­no ein „Sozi­al­ak­ti­vist an vor­der­ster Front“, für die ande­ren ein „Agit­prop mit Kol­lar“.

Seit den Wah­len sit­zen Mar­sel­la und De Don­no als Ver­tre­ter ihrer Listen im 24köpfigen Bezirks­par­la­ment und betrei­ben Kom­mu­nal­po­li­tik. Vor weni­gen Tagen wur­den De Don­no auf Antrag Mar­sel­las finan­zi­el­le Unter­stüt­zun­gen gestri­chen. De Don­no erhielt jah­re­lang aus dem römi­schen Stadt­haus­halt monat­lich 30.000 Euro „für sozia­le Zwecke“. Der Geld­fluß sei „ohne jede Kon­trol­le“ erfolgt. Casa­Po­und und Mar­sel­la war­fen De Don­no vor, das Geld zur Unter­stüt­zung ille­ga­ler Zigeu­ner­la­ger ver­wen­det zu haben, die seit Jah­ren die römi­schen Stadt­re­gie­run­gen und die Poli­zei pla­gen. Es kön­ne nicht sein, daß die Stadt offi­zi­ell die­se ille­ga­len Zigeu­ner­la­ger bekämpft und gleich­zei­tig öffent­li­che Gel­der zu deren För­de­rung flie­ßen. Nun, da Rom und der Muni­ci­pio X von Ver­tre­tern der Fünf-Ster­ne-Bewe­gung regiert wer­den, fand der Antrag von Casa­Po­und Gehör.

Auf der Inter­net­sei­te der Pfar­rei ist hin­ge­gen von „bei­spiel­lo­sen Ver­un­glimp­fun­gen“ die Rede.

Die vernachlässigte Fronleichnamsprozession

Letzte Fronleichnamsprozession mit Benedikt XVI.
Letz­te Fron­leich­nams­pro­zes­si­on mit Bene­dikt XVI.

Papst Fran­zis­kus ver­zich­tet auf die Teil­nah­me am Fron­leich­nams­fest an sei­ner Bischofs­kir­che (an der Pro­zes­si­on nahm er ohne­hin nicht teil), um das Fest in der Pfar­rei des „Ein­wan­de­rer­prie­sters“ (Casa­Po­und) Fran­co De Don­no zu fei­ern. Will der Papst durch sei­ne Anwe­sen­heit die zer­strit­te­ne Pfar­rei wie­der einen oder dem „Stra­ßen­prie­ster“ De Don­no sei­ne Soli­da­ri­tät signa­li­sie­ren?

Cor­pus Domi­ni, das römi­sche Fron­leich­nams­fest mit sei­ner eucha­ri­sti­schen Pro­zes­si­on, wur­de 1264 ein­ge­führt. Zu kei­nem ande­ren Fest außer dem Grün­don­ners­tag nahm Papst Fran­zis­kus wei­ter­ge­hen­de­re Ein­grif­fe vor als zu die­sem Fest. Die Ver­le­gung in die Pfar­rei De Don­nos in Ost­ia bil­det ledig­lich das jüng­ste Kapi­tel. Sie­he dazu:

Papst Fran­zis­kus und die römi­sche Fron­leich­nams­pro­zes­si­on — Ein schwie­ri­ges Ver­hält­nis.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Internazionale/Wikicommons/MiL (Screen­shots)